26.02.2010
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Das Internetportal Mint.com stellt alle Ausgaben auf den Prüfstand und verordnet dem User Sparpläne.
Das Internetportal Mint.com stellt alle Ausgaben auf den Prüfstand und verordnet dem User Sparpläne.
Foto: Getty
Investor-Artikel

Ausgabenkontrolle

Die Amerikaner lernen das Sparen

von Helene Laube

Lange haben die US-Bürger über ihre Verhältnisse gelebt. Jetzt bringt ihnen endlich einer das Sparen bei: Mit seinem Finanzportal Mint.com verändert Aaron Patzer die Art, wie man in den USA mit Geld umgeht. Sich selbst machte er zum Millionär.

Je schlechter die Zeiten, desto besser für Aaron Patzer. Manchmal, erzählt der Gründer des Internetportals Mint.com, manchmal gehe er auf Partys, wo dann Freunde über Entlassungen in ihren Unternehmen klagen. Und dann erwidere er: "Ähm - wir wachsen diesen Monat um 100 Prozent, und unser Umsatz schießt in die Höhe!" Ein bisschen muss er grinsen dabei, aber es ist kein Lächeln der verlegenen Art. Peinlich sind ihm solche Geschichten nicht, im Gegenteil: Er ist ja da, um zu helfen.

Seine Website Mint.com soll Verbrauchern zeigen, wie sie ihre Finanzen in den Griff bekommen. Und ihnen das beibringen, was die meisten Amerikaner schon vor Jahrzehnten verlernt haben: Sparen. Mit den Empfehlungen von Mint.com soll nicht nur jeder Nutzer jährlich 1000 Dollar an Bank- und Kreditkartengebühren einsparen. Patzer will die Sparquote seines Landes, bis vor Kurzem unter null und aktuell bei knapp fünf Prozent, auf zehn erhöhen.

Zugegeben, das klingt etwas forsch für einen 29-Jährigen aus dem mittleren Westen, der vor zehn Jahren ins Silicon Valley kam und in einem schmucklosen Flachbau in Mountain View anfing. Aber die Zeiten haben sich geändert: Aus den Amerikanern, die jahrelang über ihre Verhältnisse lebten, hat die Krise ökonomischere Menschen gemacht. Geiz ist vielleicht immer noch nicht geil, aber Sparen und Konsumverweigerung sind neuerdings cool. Vor allem wenn man sich dabei von einem Software- und Mathegenie in Jeans und mintgrünem Hemd helfen lässt. Patzers Website hat 2,3 Millionen Nutzer, wöchentlich kommen mehr als 40.000 dazu. Mint hat seinen Umsatz im vergangenen Jahr verachtfacht, mehr Auskunft dazu gibt Patzer nicht, auch nicht ob sein Unternehmen profitabel ist. Aber: Auf dem Portal werden Transaktionen im Wert von fast 200 Milliarden Dollar und Vermögen im Wert von beinahe 50 Milliarden Dollar gemanagt. Überall entstehen jetzt Nachahmerprojekte, Mint hat die Bankenlandschaft in den USA aufgescheucht und nicht zuletzt seinen Erfinder reich gemacht: Für 170 Millionen Dollar verkaufte Patzer sein Projekt im vergangenen November. Verantwortlich für Mint.com ist er trotzdem noch immer.

Zielgruppe: Kommerzlegastheniker

Was die Finanzbranche aufhorchen lässt, ist im Prinzip eine Komplettlösung für Kommerzlegastheniker. Mit Mint haben die Nutzer im Blick, wie viel Geld auf welchem Konto liegt, wie viel sie wofür ausgeben, wem sie wie viel schulden, welchen Wert ihre Immobilie hat und wie viel sie sparen. Mint zeigt, wie man ein Budget erstellt, außerdem empfiehlt das Portal Kreditkarten mit niedrigeren und Sparkonten mit höheren Zinsen. All das gibt es umsonst. Aber Mint verdient natürlich mit: Patzers Portal empfiehlt Produkte von Finanzdienstleistern oder Autoversicherungen, die auf die Bedürfnisse des Nutzers zugeschnitten und für ihn (mutmaßlich) vorteilhafter sind. Für jeden Kunden, der ein Konto eröffnet oder eine Police kauft, bekommt Mint eine Provision. Dass die Unternehmen auch Angebote sponsern können, hat dem Portal Kritik eingebracht - Mint ordne Empfehlungen aber nach Nutzwert für den Kunden und behalte so seine Unabhängigkeit, sagt Patzer.

Wer dem Mann mit den gletscherblauen Augen so beim Erzählen zuhört, bekommt den Eindruck, dass er gar nichts anderes schaffen konnte als einen Dienst für die finanzielle Selbstverbesserung. Er gibt nicht gern unnötig Geld aus. Er hat kein Kabelfernsehen, weil es zu viel kostet. Er lernte kochen, weil es günstiger und gesünder ist als auszugehen (und weil es die Mädels beeindruckt). Er kauft nur Gebrauchtwagen, weil sich neue Autos nicht rechnen. Patzer mietet eine kleine Wohnung in Palo Alto, auch wenn er sich ein Haus und noch viel mehr leisten könnte. "Mieten ist sinnvoller, vor allem wenn man jung ist und in den nächsten fünf Jahren umziehen will", doziert er.

Schon als Teenager ließ sich Patzer von seinem Vater beim Abendessen Phänomene wie den Zinseszins erklären; später benutzte er die Quicken-Buchhaltungssoftware von Intuit und Microsoft Money. "Ich startete meine erste Webdesignfirma und brauchte Software, um geschäftliche und private Buchhaltung zu trennen", erzählt er, als wären solche Belange völlig normal für einen damals 16-Jährigen aus Indiana. Die Software des Marktführers Intuit fand er schon als Teenager unzureichend. "Quicken kategorisierte meine Transaktionen nicht automatisch und gab mir wenig Einblick in meine Ausgaben", sagt Patzer. "Ich dachte mir, dass es einen besseren Weg geben muss." Nachdem er selbst zwei Firmen gegründet und eine Weile für IBM gearbeitet hatte, kündigte er schließlich im März 2006 seinen Job und bastelte sechs Monate an einer Anfangsversion von Mint. Mit diesem Projekt ging er auf Kapitalsuche - und hatte Mitte 2009 fast 32 Millionen Dollar eingesammelt.

Für den Anwender ist der Einstieg in Patzers neue Welt des Sparens überraschend simpel. Man tippt auf der in freundlichem Grün gehaltenen Website die Nutzernamen und Passwörter seiner Onlinekonten ein, und der Dienst bündelt sämtliche Bankdaten mit Kredit- und Debit-Karten, Hypotheken, Studien- und Autokrediten, Rentenkonto und vielem mehr. Man legt ein Budget an, und ab diesem Moment kann man auf einen Blick sehen, wie viel man für Klamotten, Barbesuche, Benzin, Lebensmittel und alles andere ausgegeben hat. Mit einem von Patzer entwickelten Verfahren werden Kontenbewegungen automatisch kategorisiert. Zu viel auswärts gegessen? "Diesen Monat hast du 533,37 Dollar für Restaurants ausgegeben. Das übersteigt dein Budget von 300 Dollar um 233,37 Dollar", schilt Mint.


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