Die Pleite von Lehman Brothers hat das Vertrauen der Anleger erschüttert. Spüren Sie das beim Absatz von Zertifikaten?
Die Pleite schadet natürlich dem Ruf von Zertifikaten als Anlageklasse insgesamt. Als ausländische Bank ohne eigenes Vertriebsnetz müssen wir mit guten Produkten überzeugen. Anleger, die unsere Papiere kaufen, sind sehr aufgeklärt. Wir haben nach wie vor Zuflüsse. Und außerdem gibt es derzeit attraktive Chancen: Wegen der hohen Volatilität sind vor allem Discountzertifikate interessant.
Aber der Imageschaden ist doch enorm?
Ich habe bereits vor drei Jahren die Missstände in der Branche kritisiert. Viele Zertifikate sind zu kompliziert und viele Strukturen verstehen selbst Fachleute nicht. Dafür bin ich als Nestbeschmutzer tituliert worden. In einem Bullenmarkt, wenn alles scheinbar perfekt funktioniert, beschäftigt man sich ungern mit Kritik. Aber meine Thesen von damals sind heute aktueller denn je. Wir brauchen Transparenz bei den Produkten. Das heißt: Einfache Basiswerte und verständliche Strukturen, die jeder nachvollziehen kann. Die aktuelle Krise ist eine große Chance. Die müssen jetzt alle gemeinsam nutzen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.
In welchem Bereich gab es die stärksten Auswüchse?
Ganz eindeutig gab es bei Garantieprodukten so viel Schrott wie in keiner anderen Gattung. Bei unseren Garantiepapieren partizipieren Anleger nach klaren Regeln an einem Index. Viele Zertifikate auf dem Markt koppeln aber die Performance an die Entwicklung eines Korbs von zum Beispiel 50 Aktien und bauen weitere Nebenbedingungen ein. Das versteht kein Mensch. Solche Konstruktionen wird es in Zukunft definitiv nicht mehr geben.
Aber gerade diese Zertifikate zählten doch zu den Bestsellern?
Der Grund ist einfach: Sie wurden nicht aktiv gekauft, sondern von Beratern verkauft. Das war rein vertriebsgesteuert. In vielen komplizierten Titeln lassen sich hohe Vertriebsprovisionen sehr gut verstecken. Das haben die Berater ihren Kunden vor Einführung der EU-Finanzrichtlinie Mifid im November 2007 natürlich verschwiegen.
Denken die Berater jetzt um?
Ja. Vor allem vor dem Hintergrund der Diskussion über eine neue Beraterhaftung werden sie sich zurückhalten. Denn oft verkauften sie Produkte, die sie selbst überhaupt nicht verstanden haben. Zudem emanzipieren sich Kunden und hinterfragen die Angebote kritischer. Viele sinnlose Zertifikate mit komplizierten Ansätzen werden vom Markt verschwinden.
Welche Produkte überleben die Krise?
Manche Zertifikate machen einfach Sinn. Das sind vor allem vier Kategorien: Endloszertifikate auf Indizes, Discounter, Bonuszertifikate und einfache Garantiestrukturen. Darin liegt die Zukunft. Alles andere brauchen Anleger nicht.
Die Zahl der Papiere wird also deutlich kleiner werden. Auch die Zahl der Emittenten?
Schon jetzt konzentriert sich ein Großteil des Marktes auf die fünf großen Emittenten. Wir werden eine Bereinigung des Marktes erleben. Viele kleine Anbieter, die noch nicht lange am Markt tätig sind, werden sich zurückziehen.
Ihr Gesicht steht für die Zertifikate von ABN Amro. Die Übernahme durch die RBS erfolgt zum Ende des Jahres. Schon jetzt firmieren die Zertifikate unter dem neuen Namen. Ist das den Kunden nicht schwer zu vermitteln?
Die vollständige Übernahme erfolgt erst später durch die Genehmigung der Aufsichtsbehörden. Man muss den Kunden aber bereits jetzt reinen Wein einschenken. Und dazu gehört, dass diese Papiere in Zukunft von der RBS geführt werden.
Welches Rating ist bei der Einschätzung der Bonität denn relevant: Das von ABN Amro oder von der Royal Bank of Scotland?
Im Moment noch das Rating von ABN Amro, die die Papiere ausgegeben hat. Nach der endgültigen Übernahme ist dann das Rating der Royal Bank of Scotland Group maßgebend. Beide Bewertungen sind identisch. Für Anleger ändert sich also nichts.
Önder Ciftci leitet das Derivategeschäft bei der Royal Bank of Scotland. Zuvor firmierten Zertifikate des Hauses unter ABN Amro. Der 37-Jährige zählt als kritischer Beobachter der Zertifikate-Landschaft.
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