27.01.2010
Analysten schätzen, dass bis zu 60 Prozent des Aktienhandels über Computerprogramme laufen.
Analysten schätzen, dass bis zu 60 Prozent des Aktienhandels über Computerprogramme laufen.
Foto: Getty

Boomende Programme

Computer-Handel weckt Ängste um Börsenkollaps

von Jeremy Grant

Algorithmen spielen beim Kaufen und Verkaufen von Aktien und Derivaten eine immer größere Rolle. Doch wehe, wenn sie sich verselbständigen: Dann droht Handelsplattformen der Zusammenbruch, warnen Experten.

Das enorme Wachstum des computergetriebenen Handels nährt Sorgen, außer Kontrolle geratene Systeme könnten ganze Handelsplattformen zusammenbrechen lassen. "Es ist absolut möglich, eine Börse an die Belastbarkeitsgrenze zu bringen, wenn ein Algorithmus in einen Kreislauf kommt und Orders in einer solchen Frequenz sendet, dass die Börse damit nicht fertig wird", sagte Frederic Ponzo von der Beratungsfirma GreySpark Partners.

Anlass für die Bedenken ist ein Fall, in den der Börsenbetreiber NYSE Euronext verwickelt ist. Die Börse belegte die Schweizer Bank Credit Suisse kürzlich mit einer Geldstrafe, weil sie die Kontrolle über ihre Handels-Algorithmen verloren hatte. Das Computersystem hatte 2007 die Plattform der Börse mit Hundertausenden fehlerhaften Meldungen bombardiert. Kauf und Verkauf von 975 Aktien wurden in der Folge verlangsamt.

Der Handel mit Aktien und Derivaten wird zunehmend von mathematischen Algorithmen bestimmt, die in Computerprogrammen eingesetzt werden. Sie ermöglichen eine automatische Reaktion auf Marktdaten und neue Informationen. Ähnlich wie ein Autopilot im Flugzeug entscheiden sie, wann und wie viel sie handeln.

Analysten schätzen, dass bis zu 60 Prozent des Aktienhandels auf diese Art und Weise ablaufen. Die Aufsicht hält damit aber nicht mit: Laut Regulierern ist nicht klar, wer die Aktivitäten kontrolliert und sicherstellt, dass mit ihren Algorithmen keine übermäßigen Risiken eingegangen werden.

Die US-Börsenaufsicht SEC hat Regeln vorgeschlagen, die Broker zur Einführung von Mechanismen zwingen würden, die fehlerhafte Aufträge verhindern. Wie andere Aufseher geht die SEC derzeit gegen einige Praktiken vor, die bislang kaum reguliert sind, zunehmend aber als Risiken angesehen werden, darunter der sogenannte Hochfrequenzhandel.

Laut Händlern sind die Vorkommnisse um Credit Suisse kein Einzelfall. Die US-Terminbörse CME untersucht einen Fall, in dem ein Händler "unbeabsichtigt rund 200.000 Kontrakte als Käufer und Verkäufer handelte". Im vergangenen Jahr erlitt die London Stock Exchange einen dreistündigen Ausfall, nachdem ihr Handelssystem unter einer enormen Last von Orders zusammengebrochen war. Einige Akteure sehen die Ursache in Algorithmen.

"Wenn eine Position auseinanderfliegt, und weder die Börse, noch der Abwickler reagieren oder Positionen umkehren kann, kann auch das Unternehmen selbst in Gefahr geraten", sagte Mark van Vugt, Leiter der Handelsabteilung bei RTS Realtime Systems, einem Anbieter von Handelstechnologien.


Quelle: ftd.de
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