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06.01.2012

Foto: reuters

Börsengänge

IPO-Kandidaten zieht es nach China

von Frank Lassak

In Schanghai und Schenzen fanden im vergangenen Jahr die meisten Börsengänge statt. Die chinesischen Handelsplätze verwiesen erstmals die Wall Street auf Rang 3. Im kommenden Jahr dürfte die Popularität der asiatischen Börsen weiter steigen.

In Europa blasen Investmentbanker Trübsal, denn sie erwarten 2012 nur wenige Börsengänge. Zwar stapeln sich die Prospekte der Kandidaten auf ihren Tischen. Kaum ein Unternehmen traut sich derzeit aber den Sprung auf das Handelsparkett zu. "Unsere Kristallkugel ist immer ziemlich trüb, aber zurzeit ist sie regelrecht in schwarze Farbe getaucht", sagt Oliver Holbourn, Chef des Emissions-Geschäfts von Merrill Lynch in London.

Seine Kollegen in China und den USA haben derlei Sorgen nicht. In Schanghai und New York wird das Geschäft mit Börsengängen (IPO) nach Einschätzung von Experten so turbulent bleiben wie 2011. Asien wird einer Studie zufolge weiterhin wie ein Magnet IPO-Kandidaten anziehen.

Schon im vergangenen Jahr führten die beiden chinesischen Märkte Schanghai und Schenzen mit einem Emissionsvolumen von 45,5 Mrd. Dollar die Weltrangliste an. 282 Unternehmen gingen dort an die Börse - in Frankfurt waren es 15.

Für 2012 prognostizieren Berater ein ähnliches Emissionsvolumen in China und rechnen mit Anwärtern aus Industrie, Einzelhandel, Dienstleistungs- und Finanzbranche. Dem Datendienst Dealogic zufolge landete Hongkong 2011 mit einem Volumen von 36 Mrd. Dollar auf Platz zwei. Die Börse ist dank ihres weitgehend eigenständigen Status gegenüber China attraktiv für ausländische Emittenten, denen Schanghai noch versperrt ist, die in Asien aber auf höhere Erlöse und Bewertungen hoffen dürfen. Der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore etwa sammelte vergangenes Jahr mit einem Doppel-Listing in Hongkong und London 10 Mrd. Dollar ein. Allein deswegen blieb der New Yorker Börse mit 31,4 Mrd. Dollar nur der Bronze-Rang.

Der größte Hoffnungsträger für den Markt kommt auch in diesem Jahr aus den USA: Bereits im Frühjahr könnte der Social-Media-Marktführer Facebook in den Aktienhandel gehen - und den bis dahin größten Börsengang eines IT-Unternehmens hinlegen. Die Rede ist von einem Volumen von 10 Mrd. Dollar - womit der Unternehmenswert auf 100 Mrd. Dollar taxiert würde. Facebook wäre auf einen Schlag mehr wert als etwa Siemens, derzeit mit 90 Mrd. Dollar Börsenwert der teuerste deutsche Konzern.

Facebook will mit seinen weltweit mehr als 800 Millionen Nutzern den jüngsten Run auf Aktien von Internet-Unternehmen nutzen. Wie mindestens weitere 15 Online-Firmen, die Berichten zufolge für 2012 eine Erstnotiz in den USA ins Auge fassen. An das Rekord-Jahr 1999, in dem Anbieter aus dem weltweiten Netz 18,5 Mrd. Dollar einsammelten, werde das kommende Jahr dennoch nicht heranreichen, glauben Analysten. Einige Experten warnen sogar vor einer neuen Internet-Blase, die bald platzen könnte. Unter den Börsenneulingen des vergangenen Jahres konnte nur der Facebook-Konkurrent Linkedin deutlich zulegen. Die Aktien des Schnäppchenportals Groupon, des Online-Spieleanbieters Zynga und der russischen Suchmaschine Yandex notieren dagegen klar unter ihrem Ausgabepreis.

Im Jahr 2025 werden chinesische Firmen das IPO-Geschäft dominieren

Wie in Europa setzen die Banker und Anwälte ihre Hoffnungen auch in den USA vor allem auf Beteiligungsgesellschaften, die ihre Unternehmen an die Börse bringen wollen. Trotz der nach der Finanzkrise nochmals verschärften Vorschriften üben Wall Street und Nasdaq weiterhin große Anziehungskraft auf Firmen aus China, Brasilien und Indien aus. Dagegen haben sich die meisten deutschen Unternehmen zuletzt wegen der hohen Kosten und der strengen Aufsicht aus New York zurückgezogen. "Wir denken, dass chinesische Firmen zumindest kurzfristig wegen des guten Rufs weiterhin an die US-Börsen streben", sagt Colin Diamond von der Rechtskanzlei White & Case.

Langfristig aber, so die Meinung von Beobachtern, werden die Börsen in Asien am meisten vom dynamischen Wirtschaftswachstum der Volksrepublik profitieren. "Chinas Börsen werden hoch gehandelt, man erwartet aus Asien und den BRIC-Staaten starke Konkurrenz für die etablierten Börsenplätze", sagt Nadja Picard, Partnerin im Kapitalmarkt-Beratungsgeschäft von PWC Deutschland. Einer PWC-Studie zufolge werde das IPO-Geschäft spätestens im Jahr 2025 von Emittenten aus China dominiert.

mit Agenturen


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