Herr Toldo, die Börsenbarometer Südamerikas verzeichnen Rekordzuwächse. Einige notieren auf zuvor noch nie erreichtem Niveau. Geht die Rally weiter?
Die Luft für weitere Zuwächse wird dünner. Wir sind zwar gegenüber den Volkswirtschaften wie Brasilien, Peru, Chile oder Kolumbien optimistisch gestimmt. Doch wir erwarten grundsätzlich eine Seitwärtsbewegung der Aktienmärkte mit nur leicht positiven Tendenzen. Die Notierungen zeichnen bereits viel von dem Konjunkturaufschwung nach. So starke Kursgewinne wie im vergangenen Jahr werden wir daher kaum noch mal erleben.
Was beflügelt die Wirtschaft der Region?
Da wäre zunächst die Rohstoffnachfrage: Die steigenden Preise für Metalle wie Eisenerz oder Kupfer haben den Förderländern einen Schub gegeben. China spielt hier eine erhebliche Rolle. Das chinesische Stimulusprogramm kurbelt etwa die Bauwirtschaft an. Die Arbeiter verbauen Tonnen an Stahl, den zu einem guten Teil Südamerika liefert. Der Boom geht vorrangig auf die chinesische Nachfrage zurück und weniger auf die der klassischen Industrienationen.
China hat seine Rohstofflager nun weitgehend aufgefüllt. Ebbt mit der Nachfrage auch die Hausse an den Aktienmärkten in Südamerika ab?
Der Bedarf lässt zwar nach, und die straffere chinesische Geldpolitik beunruhigt auch die Rohstoffmärkte. Doch ist eine Konjunkturerholung in den USA und etwas verhaltener in Europa spürbar, wenn auch keine sehr starke. Die Nachfrage nach Rohstoffen dürfte daher wieder anziehen und einen Rückgang der Exporte nach China teilweise ausgleichen.
Alles steigt und fällt mit den Grundgütern. Hängen die Südamerikaner zu sehr an den Rohstoffen?
Die Rohstoffabhängigkeit war schon immer ein Problem dieser Volkswirtschaften. Die Kopplung an die Entwicklung Chinas und die der westlichen Industrienationen birgt natürlich Risiken. Doch ich denke, dass die Metallpreise und die Kosten für Energieträger weiter steigen werden. Damit bilden sie eine Basis für die Entwicklung der südamerikanischen Wirtschaft, die sich sicher noch diversifizieren muss. Immerhin nimmt bereits die Integration innerhalb der Region deutlich zu – ein bislang nur wenig beachteter Punkt.
Welche Auswirkungen hat das?
Die Direktinvestitionen zwischen den südamerikanischen Staaten und aus anderen Schwellenländern steigen deutlich, während die Kapitalflüsse aus den Industrienationen eher stagnieren. Ein Beispiel: Brasilien baut Straßen durch Peru. Das verbessert einerseits die Infrastruktur in dem Andenland, verschafft den Brasilianern aber auch den Zugang zu Pazifikhäfen und damit zu den Märkten rund um den Ozean.
In Venezuela und Bolivien greift der Staat allerdings tief in die Privatwirtschaft ein und enteignet Firmen. Können sich Investoren noch sicher fühlen?
Die Verstaatlichungen von Unternehmen, wie sie die Präsidenten Hugo Chávez in Venezuela oder Evo Morales in Bolivien eingeleitet haben, erschüttern natürlich das Vertrauen von Investoren. Doch die politische Lage der meisten Nationen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich stabilisiert. Die Regierungen haben verstanden, dass sie ein verlässliches Umfeld für die Wirtschaft schaffen müssen. Gerade Länder wie Brasilien, Chile, Kolumbien oder auch Peru heben sich da deutlich von Venezuela ab.
Wie stehen die Staaten des Kontinents im Vergleich zu anderen Schwellenländern da?
Das Wachstum in Lateinamerika war in den vergangenen Jahren nicht so stark kreditgetrieben wie in Mittel- und Osteuropa. Gleichzeitig haben die Regierungen dieser Region zunehmend auf solide Staatsfinanzen und moderate Ausgaben geachtet. Sie konnten die öffentliche Verschuldung zurückfahren. Zudem erwies sich der Bankensektor in der Krise als recht solide. Doch im Vergleich zum Entwicklungspotenzial Asiens bleibt die Region zurück. Besonders bei der Ausbildung und im Bereich der Hochtechnologien kämpfen die Länder noch mit Defiziten.
Mauro Toldo |
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studierte an der Universität Bonn Volkswirtschaft und leitet bei der Dekabank den Bereich der Schwellenländeranalyse. Zuvor arbeitete der Experte für Lateinamerika als Analyst für fest verzinste Wertpapiere bei der genossenschaftlichen DZ Bank. |
Das Interview führte Sebastian Ertinger
Quelle: boerseonline
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