29.01.2010
 CAPITAL-SERIE Interview der Woche

Die Macher der Finanzszene stellen sich den Fragen der capital.de-Redaktion


Anselm Grün ist Pater und Cellar der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.
Anselm Grün ist Pater und Cellar der Benediktinerabtei Münsterschwarzach.
Foto: ddp
Investor-Artikel

Interview mit Anselm Grün

"Der Finanzkapitalismus ist lernfähig"

Der Mönch und Bestsellerautor Anselm Grün spricht über Geld, Investments und Gier. Zudem verrät er, nach welchen Kriterien er seine Anlagen auswählt und was Kirche und Wirtschaft voneinander lernen können.



Was kann die Kirche von der Wirtschaft lernen und was die Wirtschaft von der Kirche?

Die Kirche kann von der Wirtschaft lernen, dass sie effektiv ihre Kräfte einsetzt, dass sie mit den kleinsten Mitteln die größte Wirkung erzeugt. Die Wirtschaft kann von der Kirche lernen, dass sie das Geld und den Erfolg relativiert und die Werte in den Mittelpunkt stellt. Werte machen eine Firma auf Dauer wertvoll.



Soll man als Christ überhaupt Zinsen und Zinseszins verlangen?

Ich sehe keine religiöse Begründung für ein Verbot der Zinsen und Zinseszinsen. Jesus selbst spricht im Gleichnis von den Talenten sehr nüchtern vom Geld-zur Bank-Bringen, dann könne man es mit Zinsen und Zinseszinsen abheben.

Passen Glaube und Börse zusammen?

Ich sehe keinen Gegensatz zwischen Glaube und Börse. Entscheidend ist, dass ich an der Börse nicht meinen Glauben verliere oder hintanstelle. Als gläubiger Mensch lasse ich mich nicht vom Geld und Gewinnstreben leiten, sondern von anderen Gründen. Ich lege an der Börse an, um den Menschen zu dienen. Letztlich geht es darum - wie es Jesus im Lukasevangelium verkündet hat -, einen spirituellen Umgang mit den Gütern dieser Welt und also auch mit dem Geld einzuüben.

Was unterscheidet einen kirchlichen Betrieb von einem weltlichen?

Der kirchliche Betrieb arbeitet nicht nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung, sondern er fragt sich, wie er mit seinem Wirtschaften die Arbeitsplätze sichern und den Menschen dienen kann. Das Ziel ist der Dienst am Menschen und nicht der Gewinn. Aber damit ein kirchlicher Betrieb den Menschen dienen kann, muss er auch rentabel arbeiten.

Anselm Grün

verwaltet die Finanzen der Abtei Münsterschwarzach und ist ein begeisterter Anleger. Der 65-jährige Benediktinerpater hat zahlreiche ­Bücher, unter anderem zum ethischen Inves­tieren, veröffentlicht. Mit der Gesamtauflage übertrifft er die des Papstes bei Weitem.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre ­Anlagen aus?

Ich wähle meine Anlagen einmal nach der Rendite, zum anderen nach ethischen Gesichtspunkten aus. Ich meide also Rüstungsaktien und Aktien von Firmen, die unmenschlich mit ihren Mitarbeitern umgehen. Nachhaltigkeit bezieht sich für mich nicht nur auf den Umgang mit der Schöpfung, sondern auch mit den Mit­arbeitern und ihren Kräften. Zum anderen überlege ich, ob die Anlagen einigermaßen sicher sind. Und ich mische zwischen Aktien, Anleihen und Rohstoffen.

Zu wie viel Prozent legen Sie in Staatsan­leihen an?

Staatsanleihen habe ich nur etwa zehn Prozent, dazu 30 Prozent Industriean­leihen und 30 Prozent Aktien, der Rest liegt in Fonds und Zertifikaten.

Haben Sie schon einmal gezockt?

Die Frage ist, was man unter zocken versteht. Ich lege Geld in Anleihen und ­Aktien an. Das ist für mich kein Zocken, sondern ein solides Wirtschaften mit dem vorhandenen Geld.

Wie kann man Vermögen wirklich nachhaltig sichern?

Es gibt viele Strategien, Vermögen nachhaltig zu sichern. Da ist einmal der gute Mix aus Aktien, Anleihen, Immobilien und Rohstoffen. Zum anderen gibt es Vermögensverwaltungen, die auf die Sicherung des Vermögens spezialisiert sind.

Ist der Finanzkapitalismus noch lernfähig, oder gehorcht er purem Profitstreben?

Der Finanzkapitalismus ist lernfähig. Aber es braucht immer wieder die Gewissenserforschung, dass man sich nicht dem reinen Profitstreben unterwirft.


Quelle: boerseonline
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Quelle: FMH-Finanzberatung
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