Lieber Herr Aigner,
der Artikel ist genial geschrieben,selbst Andre hätte es nicht besser schreiben können.
Einen Börsenstammtisch im Himmel zu gründen, daran dachte André Kostolany vor seinem Tod. "Ich würde neue Jünger um mich sammeln und über die Börse dozieren", schrieb er 1996 in Capital. Vor seinem zehnten Todestag hat die Redaktion den Wunsch erfüllt und ein Gespräch im Jenseits aufgezeichnet, in dem der Altmeister ein paar Freunden und Ex- Anlegern das wilde Treiben an den Börsen von heute erklärt - amüsant und streitbar wie eh und je. Kostolanys Antworten über bankrotte Banken, zittrige Finanzmärkte und waghalsige Zocker stammen aus Publikationen, die er von 1979 bis 1999 verfasst hat. Sie haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Lieber Herr Kostolany, wenn Sie heute auf die Erde blicken - macht Sie dann das Treiben an den Finanzmärkten traurig?
Schon in den 90er-Jahren schrieb ich, man hätte aus der Börse ein Spielkasino gemacht. Diese Behauptung ist aus heutiger Sicht falsch. Die Börse ist zu einem wahren Irrenhaus geworden. Dort handeln nicht Investoren, sondern Zocker, die von einer Stunde auf die andere spielen. Nehmen Sie den Devisenhandel. Mehr als drei Billionen Dollar werden da täglich hin- und hergeschoben. Maximal fünf Prozent davon entfallen auf Transaktionen, die für den Welthandel nötig sind. Alles andere ist pures Spiel um Zehntelpfennige in Zehntelsekunden. Broker und Banker sind vulgäre Croupiers geworden. Sie zerbrechen sich den Kopf, welche neuen Artikel sie in den Terminhandel einführen können. Am liebsten würden sie auch in Briefmarken, chinesischen Töpfen und Orientteppichen notieren, um noch mehr Kunden ins Kasino zu locken.
Man sollte diese ganze Zockerei einfach verbieten.
Vorzeigespekulant André Kostolany
Für Generationen war er die Ikone der Börse. In Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen setzte sich André Kostolany für die Interessen der Anleger ein, in 34 Jahren schrieb er 414 Kolumnen für Capital. Der gebürtige Ungar begann seine Karriere mit 18 als Lehrling bei einem Pariser Börsenmakler. 1940 floh er vor den Nazis in die USA. 1971 gründete er mit seinem Partner Gottfried Heller die Depotverwaltung Fiduka in München. Kostolany starb am 14. September 1999 im Alter von 93 Jahren in Paris.
Nein! Trotz all ihrer Sünden sind Tagesspieler wichtig. Hunderttausende sorgen am Markt für Liquidität. Nur mit ihrer Hilfe können Anleger das Geld, das sie in den Finanzmärkten eingefroren haben, jederzeit wieder auftauen. Wenn die Zocker nicht existieren würden, müsste man sie erfinden. Eine Börse ohne Parasiten ist keine Börse.
Aber diese Parasiten haben die ganze Weltwirtschaft erschüttert und obendrein noch Boni in Millionenhöhe kassiert.
Abenteurer, die schnelles Geld machen wollten, gab es schon immer. Denken Sie an das 17. und 18. Jahrhundert, an die Tulpenmanie in Holland, den Mississippi-Schwindel in Frankreich oder die englische Südseeblase. Mir fällt dazu Heinrich Heine ein: "Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu; und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei."
Am schlimmsten sind die Hedge-Fonds. Hedge heißt übersetzt Hecke, die rahmt ja heute noch oft Tulpenbeete ein. Sind Hedge- Fonds am Ende die Wiedergeburt der holländischen Blumenhändler?
Hedge-Fonds ähneln einem Spielersyndikat. Die Manager, die Golden Boys, jonglieren in Dutzenden von Medien herum: von Währungen, Indizes und Optionen bis zu Rohstoffen und Schweinebäuchen. Wie die Roulettespieler jagen sie von Spieltisch zu Spieltisch den schnellen Gewinnen hinterher. Dabei nehmen sie auch noch Kredite auf, die ein Vielfaches des Fondskapitals ausmachen. Es ist ein absolutes Hasardspiel.
Was die Leser sagen
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