Seit mehr als zehn Jahren bringt Capital die führenden Vermögensverwalter und Investmentstrategen der Republik zum Gespräch an einen Tisch. Sie reden Klartext, unabhängig von den Interessen großer Banken. Die Herren sind äußerst erfolgreich: Die 17 Aktien, die sie beim Roundtable im vergangenen Jahr empfahlen, legten im Schnitt 83 Prozent zu. Ein Papier machte sogar 400 Prozent Plus. Diesmal lud Starcapital-Chef Peter Huber die Runde zu sich nach Hause in die Römerburg am Bodensee. Der Blick auf das Wasser trübte nicht die Sicht auf die Fakten: Einen neuen Wirtschaftsboom sehen die Anlageexperten noch lange nicht.
Nach dem Crash von 2009 ziehen jetzt die Wachstumsraten weltweit wieder spürbar an. Ist die Krise überstanden, oder geht sie erst noch richtig los?
Michael Reuss: Die Krise wird uns noch lange beschäftigen. In den USA gibt es ein neues Phänomen: Angstsparen. Früher sind die Amerikaner zum Einkaufen gerannt, weil der Wert ihres Hauses permanent gestiegen ist. Jetzt haben sie Schulden und legen ihr Geld lieber auf die hohe Kante. Außerdem haben zwei Drittel der US-Bürger keine Altersvorsorge. Die Leute müssen umdenken. Das bremst die Wirtschaft enorm.
Hendrik Leber: Richtig. Innerhalb von 30 Jahren ist die Sparquote in den USA von zehn auf null Prozent gesunken, zum Teil war sie sogar negativ. Um diese Sparlücke zu schließen, müssen die Amerikaner mindestens zehn Jahre lang zehn Prozent ihres Einkommens beiseitelegen. Hinzu kommt, dass die Subprime-Kredite in den Bankbilanzen zwar abgeschrieben sind. Aber es wird noch ein ähnlich großes Volumen an Prime-Krediten platzen, also Kredite von Schuldnern mit höherer Bonität.
Im Klartext: Das Risiko sind weiter die USA?
Leber: Kann schon sein. Die Statistiken zeigen, dass die Ausfälle wieder anziehen. Wir befinden uns genau in der Mitte zwischen zwei gewaltigen Stürmen. Die Gefahr eines Rückfalls in die Rezession ist noch sehr hoch.
Peter E. Huber
Der Entdecker
Der Chef von Starcapital agiert gezielt gegen den Mainstream. Derzeit setzt er vor allem auf wenig beachtete Märkte.
Kontraindikatoren, so etwas liebt Peter Huber. Wohl auch, weil er selbst einer ist. "Die beste Absicherung ist, sich anders zu verhalten als die Masse." Mit dieser Anlagestrategie liegt er natürlich nicht immer richtig – aber oft. Dies belegt seine exzellente Langfristperformance. Kein Wunder, dass sich auf seiner Empfehlungsliste oft Aktien und Märkte finden, die für andere Investoren blinde Flecken sind. "Ich kaufe, was attraktiv ist, und am liebsten antizyklisch", beschreibt der 59-Jährige seine Strategie. Klingt simpel, dahinter steht aber viel Research. Zu den aktuellen Favoriten zählen die Börsen in Kanada, Polen, Ungarn, Holland, Finnland, Thailand oder Indonesien. Unter den großen Industrieländern setzt er auf Japan, in Deutschland nur auf wenige Titel wie RWE, Munich Re oder Siemens. Bei Spanien, Italien und Frankreich ist er skeptisch: "Europa kommt ins Hintertreffen. Die Deutschen müssen sich darauf einstellen, dass ihr Wohlstand den Höhepunkt überschritten hat."
Und die Notenbanken sind machtlos? Immerhin hat eine weltweit konzertierte Geldpolitik das Schlimmste verhindert.
Peter Huber: Die Notenbanken verlieren ihre Handlungsfähigkeit. Trotz niedriger Zinsen fahren die Banken ihre Kreditvergabe drastisch zurück. Sehen Sie sich doch mal die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre an. Vor dem Platzen der Blase erreichte die Gesamtverschuldung in den USA einen Höhepunkt. Dann gab es einen Schuldenabbau bis in die 50er-Jahre hinein. Heute ist der Schuldenberg noch höher. Es wird zehn bis 20 Jahre dauern, den abzubauen. So lange kann die Wirtschaft gar nicht ordentlich wachsen, das ist eine schmerzhafte Schrumpfkur.
Gottfried Heller: Der Vergleich mit 1929 hinkt. Egal ob US-Finanzminister Geithner oder Fed-Chef Bernanke: Jeder Wirtschaftsexperte in den USA hat die Krise der 30er-Jahre genau studiert. Präsident Roosevelt hat damals fast alles richtig gemacht. Allerdings hat er 1937 die Steuern erhöht, und die Fed hat die Zinsen angehoben. Dadurch ist die Wirtschaft in die Rezession zurückgefallen. Diese Fehler werden die USA kein zweites Mal machen.
Den USA könnte aber ein ähnliches Schicksal blühen wie Japan: 20 Jahre Nullwachstum und Deflation.
Heller: Japan hat einen bösen Fehler gemacht: Politik und Notenbank haben zu spät und zu schwach gegengesteuert und die maroden Banken dahinsiechen lassen. In den USA haben sie früh und entschlossen gehandelt. Die Amerikaner werden aus der Krise herauswachsen.
Leber: Sie übersehen eines: Schulden kann man nicht mit ein bisschen guter Stimmung abbauen. Das braucht Zeit. Außerdem sieht es heute in der ganzen Welt aus wie in Japan: Die Bevölkerung spart, die Unternehmen bauen ihre Schulden ab, die Notenbank stellt extrem billiges Geld zur Verfügung, und der Staat unterstützt auf Pump die Banken und Konjunktur. Die Folge ist eine Liquiditätsschwemme, die jedoch nicht in der Wirtschaft ankommt.
Dafür profitieren die Banken von den niedrigen Zinsen. Sie leihen sich für maximal ein Prozent Milliardenbeträge bei der Notenbank und stecken das Geld in Staatsanleihen mit drei bis vier Prozent Rendite. Müssen die Zentralbanken das unterbinden?
Leber: Sie können und wollen gar nicht. Die Fed zum Beispiel weiß: Amerikas Bankensystem braucht 1,4 Billionen Dollar frisches Kapital. Durch die Finanzkrise hat sich die Hälfte des Eigenkapitals in Luft aufgelöst. Dieses Loch muss aufgefüllt werden, sonst funktioniert das System nicht. Länder wie Abu Dhabi haben dabei geholfen. Sie haben voller Vertrauen Geld in das US-Bankensystem gepumpt und die großen Häuser gestützt. Aber diese Spendierfreudigkeit sinkt inzwischen deutlich. Deshalb müssen die Banken das verlorene Eigenkapital über Gewinne zurückverdienen. Dazu gibt ihnen die Notenbank mit der Niedrigzinspolitik überhaupt erst die Möglichkeit.
Reuss: Auch die deutschen Banken sind in der Zwickmühle. Sie müssen zu ihren Kunden sagen: "Bitte zapft den Kapitalmarkt an. Wir müssen eure Kreditlinie runterfahren." Aber hier gibt es fast neun Millionen Mittel- und Kleinbetriebe, die kaum Zugang zum Finanzmarkt haben und sich nur noch schwer refinanzieren können. Die Kreditklemme ist keine Erfindung der Presse, sie ist Realität.






























