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09.12.2011
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Thomas Fricke, Chefökonom der Capital-Schwesterzeitung Financial Times Deutschland.
Thomas Fricke, Chefökonom der Capital-Schwesterzeitung Financial Times Deutschland.
Foto: ftd.de

Thomas Fricke

Welches Trauma hätten's denn gern?

Im Streit um die beste Strategie gegen die Eurokrise wird bei uns der Nationalschock der Hyperinflation 1923 zitiert. Die Amerikaner verweisen dagegen auf die Deflationskrise der 30er-Jahre - und ziehen daraus die besseren Lehren.

Geschichte hat einen enormen Vorteil: Man weiß, wie es ausgegangen ist. Das ist bei EU-Gipfeln, die gerade angefangen haben, anders. Dabei könnten auch EU-Gipfel viel aus der Geschichte lernen. Wenn auch etwas anderes, als sie bisher dachten.

Das Problem ist, dass nicht alle die gleichen historischen Lehren mitbringen. Die Deutschen reagieren allergisch, wenn die Notenbank etwas mit dem Staat macht - weil so was zur Hyperinflation 1923 beitrug. Wohingegen Amerikaner und andere eher das Trauma der 30er-Jahre pflegen, als eine Depression ausbrach, gerade weil die Notenbank nicht eingreifen wollte - und es bei dramatischer Arbeitslosigkeit Deflation statt Inflation gab. Da fragt man sich doch, welches Trauma eher hilft, die Euro-Krise heute zu stoppen. Zumal die Antworten je nach Trauma extrem anders ausfallen.

Wenn Bundesbankchef Jens Weidmann 2011 kategorisch ablehnt, dass die Euro-Zentralbank Anleihen angeschlagener Staaten kauft, hat das im Ursprung mit den deutschen Inflationserlebnissen zu tun. Vor dem Währungsschnitt half die Zentralbank der Regierung brav, Schulden zu finanzieren, indem sie Titel kaufte. Die Frage ist nur, ob jeder Anleihekauf deshalb Inflation auslöst. Und ob man daher selbst in Sonderfällen jede Intervention ablehnen muss.

Kanzler als Notenbankchef

Beim Geschichtsstudium fällt auf, dass sich da ein deutsches Trauma leicht verselbständigt hat. Nach Diagnose von Historikern wie Carl-Ludwig Holtfrerich fing die Hyperinflation bereits 1916 an, als es der Regierung nicht mehr gelang, die enormen Kriegskosten als Anleihen bei Privaten zu platzieren. Die Zentralbank musste helfen. Von Ende 1913 bis 1918 versechsfachte sich so die Zentralbankgeldmenge - bei kriegsbedingt um 60 Prozent einbrechenden Industriekapazitäten, so Holtfrerich. Viel mehr Geld bei abrupter Angebotsverknappung ergibt eine lehrbuchgemäße Inflation.

Nach dem Krieg wurden auch die Reparationen von der Notenbank mitbeglichen, die dem Reichskanzler unterstellt war. Ende 1921 lag die Geldmenge 21-mal so hoch - die Industrie brauchte aber bis 1928, um wieder so viel zu produzieren wie vor dem Krieg. Da muss man sich nicht wundern, wenn Hyperinflation rauskommt, die das Ersparte ganzer Bevölkerungsschichten vernichtet.

Nur: Was kann man daraus für heute lernen? Man muss ja einräumen, dass wir trotz aller Dramatik gerade weder einen Weltkrieg hatten noch einen kollabierten Industrieapparat. Gegen die Reichsbankintervention wirkt selbst die Geldflut der US-Notenbank wie ein Rinnsal. Und die Euro-Notenbank ist ja auch noch keine Zweigstelle von Merkozy.

Wenn man aus der Hyperinflation Lehren ziehen will, dann vielleicht die, dass es wichtig ist, nicht in Weltkriege zu ziehen, die man erstens nicht gewinnt und zweitens nicht mehr stabilitätspolitisch unbedenklich finanziert kriegt. Das wäre auch eine politisch sehr korrekte Lehre.

Ökonomisch zieht heute eher der Vergleich mit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Damals wie heute war eine Finanzblase geplatzt, geriet ein zuvor völlig aufblähter Bankensektor ins Trudeln und gab es daher viele Schulden. Damals kursierte die Lehre, dass man all das Aufgeblähte platzen lassen müsse, weil man ja Schulden nicht mit Schulden begleichen darf. Weshalb die Notenbanken nicht intervenierten, reihenweise Banken pleitegingen (anders als heute) und Reichskanzler Heinrich Brüning Löhne und Staatsgehälter um 20 Prozent kürzen ließ, was (kein Scherz) seitdem eigentlich nur die Griechen 2010 wieder probiert haben - auf deutschen Vorschlag hin.


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