Vielleicht liegt es an seiner sonoren Stimme und dem eloquenten Auftreten, vielleicht aber nur an der Brille, die er ab und an trägt. Moritz Kraemer, Europa-Chef der US-Ragingagentur Standard & Poor's (S&P) erinnert an diesem Nachmittag während einer Konferenz in Berlin ein wenig an Günther Jauch: Wie der nimmt er den Zuschauer an der Hand und führt ihn durch die Katastrophen des Jahres 2011. Das beruhigt, denn Kraemers Arbeitgeber kann eine politische Katastrophe auslösen, wenn S&P mit dem Verlust der höchsten Bonitätsnote "AAA" droht. Sie ermöglicht den Ländern nicht nur eine günstige Finanzierung am Kapitalmarkt, sondern ist auch auf emotionaler Ebene eine Sache des nationalen Prestiges. Dies gilt für den bisherigen Stabilitätsmusterknaben Deutschland ebenso wie für Frankreich, das in dieser Hinsicht etwas nachsichtiger ist.
Kein Wunder, dass S&P sowie die Konkurrenten Moody's und Fitch Politik und Bürger in Europa schnell gegen sich aufbringen. Den großen dreien, die teilweise ihre Wurzeln in der Bewertung von US-Eisenbahngesellschaften im 19. Jahrhundert haben, wird vorgehalten, die Krise in Europa verschärft zu haben, indem sie Länder herabstufen. Dabei ist es allerdings nicht Kraemer, der allein den Daumen über einem Land senkt. Sein Urteil hat im zuständigen Komitee zwar durchaus Gewicht, gerade wenn - was vorkommen soll - konstruktiv gestritten wird. Am Ende aber hat er als Sprecher auch nur eine Stimme.
Mit dem Vorwurf, die Krise noch zu verschärfen, wird Kraemer auch bei der Berliner Konferenz konfrontiert. Er ist ein Profi. Seit zehn Jahren arbeitet er für S&P. Zuvor war er für die Interamerikanische Entwicklungsbank in Washington tätig. So lehnt sich der Ökonom - er promovierte in Göttingen über die politische Ökonomie von Wirtschaftsreformen in Mexiko - zurück, stützt die rechte Hand aufs Bein, schaut kurz an die Decke, macht sich ein paar Notizen. Dann antwortet er. Die Stimme ruhig, ein Tick Arroganz schwingt mit: Es gebe einen klaren Zusammenhang zwischen einem Rating und der Ausfallwahrscheinlichkeit eines Landes. Punkt. Kraemer tritt bestimmt und freundlich auf, wirkt aber in der Sache und im Urteil hart.
Und selbstbewusst ohnehin. Der gebürtige Deutsche ist es, der den Ratingagenturen ein Gesicht gibt. Er scheut sich nicht, vor die Fernsehkameras zu treten. Er geht mit dem komplexen Thema Länderrating in abendliche Talkshows, in denen für gewöhnlich leichte Kost und einfache Wahrheiten gesendet werden. Und auch nach der Drohung gegen die Bonitätseinstufung Deutschlands und 14 anderer Euro-Länder hält Kraemer seinen Kopf für die Verkündung der schlechten Nachrichten hin. Am Dienstag trat er im Frühstücksfernsehen der ARD vor die Kamera und verteidigte die S&P-Entscheidung gegen Kritik. Die Krise in Europa sei zu einer "systemischen Vertrauenskrise" ausgeufert, es drohe eine Rezession, machte er klar. Damit den Zuschauern aber nicht das Marmeladenbrötchen im Halse stecken bleibt, schiebt er beruhigend nach: "Eine Herabstufung ist auf keinen Fall sicher." Entscheidend sei, dass das Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU "glaubwürdige und solide Lösungen" bringe.
So überbringt Kraemer der Öffentlichkeit die schlechten Nachrichten von der Staatsschuldenfront. Dabei betont er, dass es sich niemals um seine persönliche Meinung handele - es sei S&P, für die er spreche. Anfeindungen und Kritik kann er so mit cooler Miene begegnen. Ob sie ihn persönlich berühren, zeigt er nicht. Doch dann, in Berlin, lässt er einen kurzen Moment einen Blick hinter die Fassade zu. "Ein dickes Fell hilft", sagt er. "Es wächst einem im Laufe der Zeit, insbesondere in diesen Zeiten."
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