Geld anlegen mit gutem Gewissen? Kein Problem, meint Klaus Tischhauser. "Das ist ähnlich wie im Supermarkt. Sie können eine normale Banane kaufen oder eben eine Fair-Trade-Banane." Tischhauser ist Geschäftsführer des Finanzdienstleisters Responsability aus Zürich, der an der Schnittstelle zwischen Finanzmarkt und Entwicklungshilfe arbeitet. Zu den Gründern gehören die Großbank Credit Suisse, der Rückversicherer Swiss Re und die Privatbank Vontobel. Sein Fonds vergibt direkt und indirekt Darlehen an Mikrofinanzinstitute, die Kleinstkredite an Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern vergeben.
Mit dem kleinen Geld lässt sich ein gutes Geschäft machen: Der vom Schweizer Finanzdienstleister Symbiotics veröffentlichte Mikrofinanzindex SMX ist seit Auflage Ende 2003 in Euro gerechnet um 25,4 Prozent gestiegen. Seit Jahresbeginn liegt der Index immerhin 1,2 Prozent im Plus. Zwar war der Markt zeitweise überhitzt und bekam die Folgen der Lehman-Pleite zu spüren, insgesamt erwies er sich aber als stabil. Die Branche hat Lehren aus der Krise gezogen und strukturiert sich um.
Die Bilder von stolzen Unternehmerinnen und strahlenden Kindern in den Fondsprospekten sollen die Herzen der Anleger erwärmen: Mikrokredite werden an Menschen vorgegeben, die vom Finanzgeschäft ausgeschlossen sind, da sie über keinerlei Sicherheiten verfügen. Oft sind es Frauen, die in Selbsthilfegruppen einen ersten Kredit aufnehmen und füreinander bürgen. Haben die Kleinstunternehmer ihre Kreditwürdigkeit bewiesen, können sie größere und Einzelkredite aufnehmen.
Auf diese Weise kommen immer mehr Kunden zu kleinen, zunehmend aber auch mittleren Krediten. Ende 2008 gab es nach Angaben des Informationsportals MIX weltweit rund 1400 Mikrofinanzinstitute mit etwa 86 Millionen Kreditnehmern. Tendenz: rasant steigend. "Seit 2007 haben sich viele Nichtregierungsorganisationen in diesem Bereich in gewinnorientierte Unternehmen umgewandelt, um ihr Angebot ausweiten zu können", sagt Jean-Pierre Klumpp vom Genfer Finanzdienstleister Blue Orchard Finance, der den Micro-Credit Fund von Dexia verwaltet. Bestes Beispiel: der indische Marktführer SKS Microfinance, der Anfang August an die Börse gehen will. Beteiligt an der Firma sind unter anderem die Allianz aus München und der US-Investor George Soros.
Bis 2007 boomte der Markt mächtig. In einigen Ländern, etwa Bosnien-Herzegowina oder Nicaragua, führte die rasante Ausbreitung von Mikrokreditanbietern zu einer regelrechten Überhitzung. "Die Länder haben keine Kreditauskunftei wie die Schufa, wie wir sie kennen", sagt Edda Schröder, Initiatorin des Global Microfinance Fund von Wallberg. Da die Kontrolle fehlte, haben viele Kunden Kredite bei verschiedenen Anbietern aufgenommen, eifrig konsumiert und ihre Schulden nicht zurückbezahlt.
Nachfrage nach Mikrokrediten steigt wieder
Dazu kamen die Auswirkungen der globalen Finanzkrise. "Länder mit offenen Volkswirtschaften waren am stärksten betroffen", sagt Hans-Martin Hagen, Mikrofinanzexperte der Förderbank KfW. Weil die Investoren ihr Geld zusammenhielten, stagnierte die Kreditvergabe. "Dann haben sich eine sinkende Konsumnachfrage, fallende Rücküberweisungen von Migranten sowie eine steigende Arbeitslosigkeit ausgewirkt", sagt Hagen. Viele Kleinstunternehmer verloren ihre Kunden und gerieten in Zahlungsschwierigkeiten.
Aus der Krise haben die Mikrofinanzinstitute gelernt, dass es sich lohnt, sich zu professionalisieren und selbst Kundeneinlagen einzuwerben, sagt Hagen. Viele Institute haben zudem ihre Kosten gesenkt. Das drückt auch die zum Teil sehr hohen Zinsen für die Endkunden. "Außerdem hat die Branche eingesehen, dass Kredite in Lokalwährungen ausgereicht werden müssen", sagt Blue-Orchard-Experte Klumpp. Wird der Kredit nämlich in Dollar ausgegeben, können die Kleinstunternehmer ihre Raten bei einer Abwertung der Landeswährung kaum noch begleichen.
"Im Vergleich zu den Banken in den Entwicklungsländern hat sich die Mikrofinanz als Fels in der Brandung der Krise gezeigt", sagt Hagen. Wallberg-Expertin Schröder zufolge sind die Rückzahlungsquoten nur von 98 Prozent auf rund 95 Prozent gefallen. Die Nachfrage nach Krediten steigt seit Ende 2009 wieder. Die Rendite der Investoren liegt zwar unter der aus den Boomjahren, bleibt aber weiterhin positiv.
Noch ist die Mikrofinanz zwar eine kleine Nische, aber das könnte sich ändern. Die Deutsche Bank prognostizierte Anfang 2008, dass private und institutionelle Investoren im Jahr 2015 rund 20 Milliarden Dollar in den Markt pumpen werden - nach nur 2 Milliarden Dollar 2006. An dieser Zahl hält die Bank nach Aussagen eines Sprechers fest. Vor allem Afrika, aber auch Südamerika würde großes Expansionspotenzial bergen. Gut möglich, dass sich die Geschichte der Fair-Trade-Banane wiederholt: Vor einigen Jahren war sie noch ein ausgefallener Artikel im Bioladen, heute ist sie in jedem Supermarkt zu haben.
Quelle: ftd
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