Wie so oft in Beziehungskisten will sich nach langem Zwist keine echte Zuneigung mehr einstellen. So demonstrierten die Lebensversicherer jüngst zwar Offenheit in Sachen Kosten. Von Kundenorientierung war die Rede und von mehr Klarheit. Tatsächlich ist das Verhältnis der Bran- che zum Thema Transparenz seit Jahren schwer belastet. Wie ein Stalking-Opfer sieht sich die Assekuranz von der Forderung nach mehr Offenheit verfolgt – durch Kunden, Gerichte, den Gesetzgeber.
Jetzt soll das Thema ein für allemal vom Tisch. Ab dem 1. Juli müssen Gesellschaften ihre kalkulierten Kosten im Angebot ausweisen, und zwar präzise in Euro und Cent. Dazu verdonnert sie die Informationspflichten-Verordnung. Und die Assekuranz, die dagegen zunächst verbissen kämpfte, gibt sich geläutert. Sie will den Kostenvergleich sogar zusätzlich erleichtern und plant, eine neue Kennzahl auszuweisen.
Die soll zeigen, um wie viele Prozentpunkte – also etwa 0,5 oder 0,7 – laufende Gebühren die Kundenrendite drücken. Das empfiehlt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) den Unternehmen in einem internen Rundschreiben. Es scheint, als setze sich die Assekuranz nun an die Spitze der Bewegung. Mit Hilfe des neuen Renditeeffekts könnten Kunden, so posaunt die Versicherungslobby, die laufenden Gebühren von Policen vergleichen – und diese auch mit den Offerten der ungeliebten Fondskonkurrenz. Nur: Ausgerechnet die für das Neugeschäft wichtigen Fondspolicen werden nach dem Plan schöngerechnet, im Vergleich zu klassischen Lebensversicherungen und zu Fondssparplänen. Was die neue Kennzahl taugt, ist noch umstritten. Klar ist: Die Versicherer wollen ein bißchen Transparenz wagen, aber nicht allzu viel.
Längst sind Fondspolicen kein Nischenprodukt mehr. Der Markt wächst rasant und ist, so sehen es viele Vorstände, zukunftsträchtig. Fondspolicen seien der "Blockbuster unter den Altersvorsorgeprodukten", urteilt etwa Lüder Mehren, Vertriebsvorstand von HDI-Gerling Leben. Im vergangenen Jahr waren 37 Prozent der neu verkauften Kapital bildenden Policen an Fonds gekoppelt. Vor zehn Jahre waren es nur zehn Prozent. Die Fonds im Versicherungsmantel gibt es inzwischen in vielen Varianten – als Riester-Rente, Kapitalpolice oder Privatrente.
Was lockt, ist die Rendite. Für Fondspolicen können die Versicherer höhere Erträge in Aussicht stellen als für ihre klassischen Produkte. Dort wird konservativ angelegt, also überwiegend festverzinslich. Bei Fondspolicen hingegen sind gewinnträchtigere Anlagen möglich. Doch bei den Gebühren hakt es oft mächtig. „Viele Fondspolicen produzieren hohe Kosten von 15 Prozent des Beitrags und mehr“, beobachtet Axel Kleinlein, Versicherungsmathematiker in Berlin. Immerhin stellen gleich zwei Unternehmen ihre Dienste in Rechnung: der Versicherer und die Fondsgesellschaft.
Genau diese Doppelbelastung blendet die Assekuranz bei ihrer Transparenzoffensive jedoch geflissentlich aus. Die geplante Kennzahl soll bei Fondspolicen nur einen Teil der Kosten ausweisen: die des Versicherungsmantels. Und der Rest? Die Kosten für das Fonds-investment seien nicht Sache der Versicherer, erwidert Ulrich Remmert, Vorstand der Huk-Coburg bei der Vorstellung des Konzepts. Die finde der Kunde im Fondsprospekt. Sprich: Den Posten soll er sich selbst zusammenklauben. Mehr sei nicht möglich, sagt auch GDV-Sprecher Peter Schwark. Man wisse ja nicht, welche Fonds der Kunde wähle.
Doch die Assekuranz verkauft ihre Fondspolicen als einheitliches Produkt. "Wenn die Versicherer die Fondsgebühren nicht auswiesen, wäre das grob missverständlich. Da spielt nämlich die Musik", urteilt Oskar Goecke, Direktor des Instituts für Versicherungswesen in Köln. Ein großer Kostenblock bliebe außen vor, die Managementgebühr. Sie beträgt jährlich oft ein bis zwei Prozent vom Vermögen. "Wird sie nicht berücksichtigt, dürfte der Kunde beim Angebotsvergleich oft den Eindruck gewinnen, er käme mit einer Fondspolice kostengünstiger weg", sagt Goecke. Das verzerre das Bild gegenüber klassischen Policen und auch Fondssparplänen. "Die Kunden vergleichen dann Äpfel mit Birnen", bekräftigt Kleinlein.
Seine Gesamtbelastung könnte der Kunde oft nicht mal kalkulieren, wenn er die Versicherungskosten kennen und die Fondsspesen selbst ermitteln würde. "Die beiden Größen lassen sich nicht einfach addieren", sagt Mathematiker Kleinlein. Ein Grund: Viele fondsgebundene Versicherungen, etwa Riester-Produkte, sichern Sparern den Erhalt der eingezahlten Beiträge zu. Um diese Garantie zu erfüllen, investiert der Versicherer konventionell und steckt nur einen Teil des Geldes in renditestarke Anlagen. Der Kunde weiß aber nicht wie viel – und daher auch nicht, wie stark die Gebühren für den Fonds auf seine Rendite durchschlagen.
Auf Klarheit bei sämtlichen Kosten, die vom Vertrag abgezogen werden, hofft der Kunde ohnehin vergebens. Auf eine solche Quote für alle Spesen verzichten Versicherer wie Fondsgesellschaften einmütig: Ihre Prozentangaben geben nur laufende Kosten wieder. Einmalige Abschlusskosten und Ausgabeaufschläge sind nicht eingerechnet, sondern extra aufgeführt. "Für Kunden wäre es transparenter, sie wüssten, wie die Gesamtkosten ihre Vertragsrendite mindern", sagt Kleinlein. Selbst wenn die meisten der rund 110 deutschen Lebensversicherer ab Sommer die angekündigte Renditekennzahl ausweisen, hilft das Kunden zumindest bei Fondspolicen wenig. Offensivstrategien seien angesagt und keine bloßen Verteidigungskonzepte, hatte GDV-Präsident Bernhard Schareck zum Thema Kundenorientierung jüngst bekräftigt. Danach sieht es noch nicht aus.
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