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31.10.2007
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Foto: photocase.de

Justizskandal

Zum Nichtstun verurteilt

Justizskandal. Der Fall eines mittelständischen Unternehmers aus Jever zeigt, wie es sich anfühlt, wenn sich der Staat als Gegner aufbaut - und dann nicht bereit ist, Fehler einzugestehen.

Für jeweils zehn Fahnder einen Finger: Rudolf Fessels Hände zählen mit, wenn er vom 10. Januar 2001 berichtet. "Sie waren überall: zehn Steuerfahnder in unse­rem Privathaus, zehn im Haus meines Sohnes, zehn in unserem Büro in Süddeutschland, zehn bei der Oldenburgischen Landesbank, zehn bei der Commerzbank, zehn beim Logistiker UPS", sagt er, "und natürlich 50 Fahnder hier im Unternehmen." Fessel stockt. Insgesamt kommt er auf rund 200 Beamte, die bei der Razzia im Einsatz waren.

Der Vorwurf der Steuerfahndung: Fessels Unternehmen Source Computer betrei­be Umsatzsteuerbetrug mit sogenannten Karussellgeschäften. "Die dachten wohl, dass sie einen ganz großen Fisch an der Angel hatten", sagt Fessel. Akten wurden beschlagnahmt, Konten gepfändet, Vorsteuerauszahlungen eingefroren und Immobilien mit Zwangs­hypotheken versehen. Damals hielt er das Ganze noch für eine Verwechselung. Inzwischen ist das Unternehmen, das knapp 245 Millionen Euro Umsatz pro Jahr machte und 85 Mitarbeiter hatte, insolvent. Bis heute hat die amtliche Heimsuchung keine belastenden Erkenntnisse zutage gefördert, von Beweisen ganz zu schweigen. Seit Jahren kämpft der Unternehmer um Rehabilitation. Doch die Finanzverwaltung mauert. Das Gericht kommt nicht vom Fleck. Die Bundesrepublik Deutschland spielt auf Zeit.

Rudolf Fessel ist ein großer, kräftiger Mann. Doch wenn er von dem Tag spricht, der sein Leben veränderte, wird seine Stimme leise, brüchig: "Das war mein D-Day", sagt er. Zusammen mit seiner Frau Gudrun sitzt der 65-Jährige in den Räumen der Source IT Distribution. Sohn Jörg versucht, aus den Trümmern der Insolvenz eine neue Firma aufzubauen.

Mit dem Besuch der Steuerfahnder begann der Abstieg

Fessel hat sein Schicksal immer selbst in die Hand genommen: 1984, nachdem er erkannt hatte, dass sein alter Job beim Schreibmaschinenhersteller Olympia in Gefahr war, gründete er mit seiner Frau einen Vertrieb für Computerteile. Das Unternehmen wuchs, die Öffnung der Grenzen inner­halb der EU wurde zum Glücksfall für die kleine Firma aus Jever. Die Fessels nutzten ihre Chancen.

Seit über sieben Jahren führt Fessel nun einen Kampf gegen die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch die Finanzverwaltung Niedersachsen. Formell handelt es sich weiterhin um ein einfaches Steuerverfahren, doch die Frage, um die es eigentlich geht, ist eine andere: Wieso lässt der Staat einen Bürger über sechs Jahre hängen? Einer der Beamten soll es im Zuge der Verhandlungen so formuliert haben: Das Land Niedersachsen wird es in 100 Jahren noch geben, die Eheleute Fessel aber nicht mehr.

Es ist ohnehin schwer, mit den zuständigen Behörden über den Fall Fessel zu sprechen. Bei der Oberfinanzdirektion Hannover, dem Bindeglied zwischen Steuerfahndung Oldenburg, Finanzamt Wilhelmshaven sowie dem niedersächsischen Finanzministerium, verschanzt sich Sprecher Karsten Pilz hinter dem Steuergeheimnis: "Wir möch­ten zu diesem Fall keine Stellungnahme abgeben." Auch bei Entbindung vom Steuergeheimnis kann die Verwaltung nicht garantieren, eine Stellungnahme binnen drei Wochen zu leisten. Grund: Personalprobleme. Gleicher Tenor bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg, die das Strafverfahren in der Angelegenheit Fessel führt. Das Verfahren laufe, heißt es dort. Und: "Wie lange die Ermittlungen noch dauern werden, ist derzeit nicht abzusehen."

Immer wieder steht Fessel auf und läuft die drei, vier Schritte zu der gegen­überliegenden Schrankwand. Er öffnet eine der Türen, die die gesamte Raumseite einnehmen und holt einen Ordner hervor. Dann kehrt Fessel zum Tisch zurück und breitet den Inhalt aus: Vorladungen, Klageschriften, Notizen, Zeitungsartikel. "Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich bereits in diesen Vorgang gesteckt habe", sagt er.

Umsatzsteuerbetrug ist ein kompliziertes Geschäft – mit einem simplen Prinzip. Da in Deutschland nur der Endverbraucher die Mehrwertsteuer zahlen soll, läuft zwischen Finanzverwaltung und Firmen ein gigantischer Verrechnungsverkehr – den Betrüger ausnutzen: Eine Strohfirma schreibt fleißig Rechnungen, die andere holt damit die Vorsteuer beim Finanzamt ab. Ehe die Beamten realisieren, dass die Strohfirma die Zahlungen schuldig bleibt, hat die sich bereits aufgelöst.

In diesem System schieben sich zahlreiche Firmen Gelder und Güter so schnell hin und her, dass den zuständigen Finanzbeamten schwindelig wird. Schätzungen zufolge kostet diese Masche den Staat jährlich mehrere Milliarden Euro. Durch die föderalen Strukturen in Deutschland sowie die offenen Grenzen der EU ist es für viele Steuerfahnder unglaublich kompliziert, Warenwege und Geldverkehr zu verfolgen. Es ist ohnehin schwer, mit den zuständigen Behörden über den Fall Fessel zu sprechen. Bei der Oberfinanzdirektion Hannover, dem Bindeglied zwischen Steuerfahndung Oldenburg, Finanzamt Wilhelmshaven sowie dem niedersächsischen Finanzministerium, verschanzt sich Sprecher Karsten Pilz hinter dem Steuergeheimnis: "Wir möch­ten zu diesem Fall keine Stellungnahme abgeben." Auch bei Entbindung vom Steuergeheimnis kann die Verwaltung nicht garantieren, eine Stellungnahme binnen drei Wochen zu leisten. Grund: Personalprobleme. Gleicher Tenor bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg, die das Strafverfahren in der Angelegenheit Fessel führt. Das Verfahren laufe, heißt es dort. Und: "Wie lange die Ermittlungen noch dauern werden, ist derzeit nicht abzusehen."

Immer wieder steht Fessel auf und läuft die drei, vier Schritte zu der gegen­überliegenden Schrankwand. Er öffnet eine der Türen, die die gesamte Raumseite einnehmen und holt einen Ordner hervor. Dann kehrt Fessel zum Tisch zurück und breitet den Inhalt aus: Vorladungen, Klageschriften, Notizen, Zeitungsartikel. "Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich bereits in diesen Vorgang gesteckt habe", sagt er.

Umsatzsteuerbetrug ist ein kompliziertes Geschäft – mit einem simplen Prinzip. Da in Deutschland nur der Endverbraucher die Mehrwertsteuer zahlen soll, läuft zwischen Finanzverwaltung und Firmen ein gigantischer Verrechnungsverkehr – den Betrüger ausnutzen: Eine Strohfirma schreibt fleißig Rechnungen, die andere holt damit die Vorsteuer beim Finanzamt ab. Ehe die Beamten realisieren, dass die Strohfirma die Zahlungen schuldig bleibt, hat die sich bereits aufgelöst.

In diesem System schieben sich zahlreiche Firmen Gelder und Güter so schnell hin und her, dass den zuständigen Finanzbeamten schwindelig wird. Schätzungen zufolge kostet diese Masche den Staat jährlich mehrere Milliarden Euro. Durch die föderalen Strukturen in Deutschland sowie die offenen Grenzen der EU ist es für viele Steuerfahnder unglaublich kompliziert, Warenwege und Geldverkehr zu verfolgen.

Fortsetzung auf Seite 2

Doch für die Beamten im Fall Fessel schien der Fall klar, nahm Source doch "die Position eines Distributors ein, also der letzten Firma in der inländischen Lieferkette", wie es in einem internen Papier der Steuerfahndung heißt. Darin werden zwar zahlreiche Unternehmen aufgelistet, zu denen Source Computer Geschäftsbeziehungen unterhielt. Von "ersten Erkenntnissen" ist die Rede. Und weiter: "Die Aufklärung des Sachverhalts und der Beweis des Verdachts kann nur über Durchsuchungs- und ggf. Beschlagnahmemaßnahmen bei den Beschuldigten sowie bei den Lieferanten und Kunden bzw. bei deren Vorlieferanten zur Sicherstellung von Unterlagen gewährleistet werden." Doch rechtfertigt dieser Verdacht eine solche Aktion? Das Papier ist der Auslöser der Durch­suchung im Januar 2001. Seit über sechs Jahren wird der Kampf nun auf gerichtlicher Ebene ausgefochten - wohl auch, weil die Fahnder nicht wie erhofft fündig wurden. Fessel: "Bis heute bekamen wir trotz vielfacher Versuche keinerlei Beweise vorgelegt."

Die Konsequenzen haben die Fessels zu spüren bekommen. 2001 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Seitdem finanzieren Banken den Rechtsstreit - aus Überzeugung. "Wir haben den Eindruck, dass hier ein Unternehmen ohne ausreichende Verdachtsmomente mit Sanktionen überzogen wurde, die schließlich sogar die Insolvenz der Firma bewirkten", sagt Britta Silchmüller, Sprecherin der Oldenburgischen Landesbank.

Seit Jahren haben die Fessels von den ermittelnden Behörden nichts mehr gehört. 2004 starteten Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung den Versuch, die Akten außergerichtlich zu schließen. Ausgangssituation: Fessels Anwalt forderte 6,9 Millionen Euro, das Finanzamt wollte 30 Millionen Euro. Im Zuge der Verhandlungen übergaben die Steuerfahnder den Anwälten 120 Aktenordner, in denen sich das inkriminierende Material befinden sollte. Nachdem sie keinerlei belastende Unterlagen finden konnten, konfrontierten Fessels Anwälte die Behörden mit dem Ergebnis. Antwort der Fahnder: Stimmt, der Kollege habe die falschen Ordner übergeben. Aber man habe eine CD-Rom, anhand der sich die Karussellgeschäfte nachweisen ließen. Doch darauf befanden sich nur akribisch aufgestellte Tabellen, anhand derer Lieferanten und Kunden abgeglichen wurden. Belastendes Material? Wieder Fehlanzeige. Anfang 2005 kam ein neues Angebot des Finanzamts Wilhelmshaven: Ob man das Verfahren nicht "Null/Null" abschließen und wechselseitig auf alle Forderungen verzichten könne. Für die Fessels eine nachgerade absurde Vorstellung.

Doch wieso waren die Behörden plötzlich bereit, das Verfahren still und leise einzustellen? Rudolf Fessel hat eine Vermutung: "Die Gegenseite wollte Zeit gewinnen, auf unserer Seite Kosten verursachen und austesten, wie weit sie gehen kann." Nach dem Scheitern der Verhandlungen reichten die Anwälte der Fessels im Juli 2005 eine Untätigkeitsklage beim Finanzgericht Hannover ein. Dieses Instrument hat der Gesetzgeber geschaffen, falls eine Behörde sechs Monate untätig bleibt. "Das Problem ist aber, dass ein Gericht nicht zur Eile angetrieben werden kann", sagt Josef Dierkes, Anwalt der Fessels. Zwar gibt es noch den Weg einer Verfassungsbeschwerde, doch wer will es sich schon mit dem Richter verscherzen, der nachher über ihn urteilen soll?

Untätigkeitsklage ruht seit über zwei Jahren

Seit über zwei Jahren liegt die "Eilklage" vor Gericht, sind die Fessels ohne Verhandlung zum Nichtstun verurteilt. Grund: Die Richterin war - seitdem der Antrag gestellt wurde - zweimal im Mutterschutzurlaub. Um die Kontinuität des Verfahrens zu wahren, habe man von einem Richter-wechsel abgesehen, heißt es bei Gericht. "Es gibt auch Klagen, die deutlich älter sind", rechtfertigt Jörg Grune, Pressesprecher des Finanzgerichts Hannover, die Wartezeit. Kürzlich sei jedoch ein neuer Richter eingesetzt worden, Grune rechnet jetzt mit einem Gerichtstermin im ersten Halbjahr 2008.

Für Carl-Ludwig Thiele ist das schlichtweg ein Skandal: "Es ist unglaublich, dass ein Bürger nach über sechs Jahren keinen abschließenden Bescheid der ermittelnden Behörden hat und einfach hingehalten wird", sagt der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Landesvorsitzende der nieder­sächsischen FDP. Bereits 2001 schrieb Thiele einen Brief an den damaligen niedersächsischen Finanzminister Heinrich Aller sowie dessen Kollegen auf Bundesebene, Hans Eichel. Die Antwort aus Niedersachsen: "Die Maßnahmen haben sich nicht in einem rechtsfreien Raum bewegt." Was immer das bedeuten soll.

In einem neuen Schreiben an den niedersächsischen Finanzminister Hartmut Möllring und Justizministerin Elisabeth Heister-Neumann bat er erneut um Aufklärung - die jedoch bis zum Redaktionsschluss dieser Capital-Ausgabe nicht vorlag.Rudolf Fessel hat eh jegliche Hoffnung auf ein gutes Ende aufgegeben. Seit drei Monaten ist er Rentner. Ab und an hilft er in dem Betrieb seines Sohnes aus, in dem auch seine Frau arbeitet. "Es ist wohl so, dass man gegen diesen Staat nicht ankommt", sagt Fessel, "spätestens mit unserem Tod hat sich das Verfahren wohl erledigt." Einzig seine Kinder könnten den Rechtsstreit gegen den Staat dann noch fortsetzen. Doch wegen der Risi­ken und drohender Schulden in Höhe von mehr als 50 Millionen Euro könne er ihnen nicht raten, das Erbe anzutreten: "Mein Vertrauen in den Rechtsstaat ist zerstört."


 
 
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Quelle: FMH-Finanzberatung
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