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Vorabmeldung 07/2007

Mehr als drei Viertel der Führungskräfte befürchten stark wachsende Unterschicht

Deutschland droht nach Einschätzung einer großen Mehrheit der Führungskräfte die Rückkehr zur Klassengesellschaft. Das zeigt das Capital-Elite-Panel zur gesellschaftlichen und politischen Lage in Deutschland.

Wie die aktuelle Umfrage unter 646 repräsentativ ausgewählten Führungsspitzen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung zeigt, die das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) für das Wirtschaftsmagazin Capital regelmäßig durchführt, fürchten 78 Prozent der Elite, dass sich zunehmend eine Unterschicht herausbildet, die sich sozial und wirtschaftlich vom Rest der Gesellschaft abkoppelt.



Knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent) erwartet außerdem eine wachsende Zahl von Verlierern der Globalisierung. Die Politik machen aber nur 35 Prozent der Elite für die Verschärfung der sozialen Gegensätze verantwortlich.

Trotz allem vertreten vier Fünftel der Top-Entscheider die Überzeugung, dass unsere Marktwirtschaft sozial genug sei. 84 Prozent der Befragten sind nicht der Meinung, dass in unserer Marktwirtschaft „die sozialen Aspekte zu stark betont werden“. Damit stehen die Führungskräfte im absoluten Widerspruch zur Bevölkerung, die zu fast zwei Dritteln die Marktwirtschaft in Deutschland nicht für wirklich sozial halten. Allerdings ist es auch für 96 Prozent der Führungsspitzen wichtig, dass die Bevölkerung das Wirtschaftssystem als sozial gerecht empfindet. Die konträre Einschätzung der gesellschaftlichen Entwicklung zieht sich durch weitere Bereiche. So erachten 77 Prozent der Führungskräfte die deutsche Gesellschaft als durchlässig und mit ausreichend Aufstiegschancen. Dazu passt, dass sechs von zehn Entscheidern die Wohlstandsunterschiede als nicht zu groß ansehen.

Sehr gut schneidet im Urteil der Führungs-Elite die Bewertung des deutschen Sozialstaats ab. Und immerhin 72 Prozent des „Capital-Elite-Panels“ sagen, dass der Sozialstaat dem Land über die Jahrzehnte mehr Nutzen als Schaden gebracht hat. Für fast jeden Fünften (18 Prozent) überwiegt allerdings der Schaden. Die größten gesellschaftlichen Konfliktpotenziale stecken nach Einschätzung der Elite in den Spannungen zwischen Deutschen und Migranten (35 Prozent) und zwischen der jungen und alten Generation (34 Prozent). „Anwälte des sozialen Ausgleichs“ sind für die Führungskräfte vor allem Kurt Beck, Angela Merkel und Franz Müntefering mit fast gleich großer Bedeutung (22, 21 bzw. 20 Prozent). Von Oskar Lafontaine sagen dies nur fünf Prozent.

Bundeskanzlerin Merkel ist für 59 Prozent wieder eine starke Kanzlerin

Nach dem dramatischen Ansehensverlust im Oktober letzten Jahres, als nur noch rund 38 Prozent der Elite Angela Merkel für eine starke Kanzlerin hielten, helfen ihr jetzt die guten Konjunkturdaten aus dem Tal. Sechs von zehn Führungsspitzen halten Merkel aktuell für stark. „Nun profitiert sie zunehmend vom Aufschwung, der auch die Reformdiskussion zurücktreten lässt“, interpretiert Allensbach-Chefin Prof. Dr. Renate Köcher. Das Ansehen der Großen Koalition kann davon allerdings nicht profitieren. So sind trotz der guten Wirtschaftsdaten zwei Drittel der Entscheider von der Bundesregierung enttäuscht und mit 63 Prozent schätzen so viele wie nie zuvor die Große Koalition in wesentlichen Fragen als uneinig ein. Fast genau so viele bezweifeln, dass die Regierung noch wichtige Reformen durchführen wird. „Kaum jemand liebt Große Koalitionen, da sie zu permanenter Kompromisssuche zwingen“, erläutert Demoskopin Köcher.

Konjunktur-Optimismus mit neuem Spitzenwert

Die deutsche Wirtschaft glaubt entgegen aller Befürchtungen durch die höhere Mehrwertsteuer wieder an sich selbst und rechnet in lange nicht dagewesener Form mit einem „kräftigen, dauerhaften Aufschwung“. Diese Einschätzung eint 56 Prozent der vom „Capital-Elite-Panel“ repräsentierten Führungsschicht. Noch vor einem halben Jahr teilten mit 29 Prozent nicht einmal ein Drittel diesen Konjunktur-Optimismus. Entsprechend ist auch die Zufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik wieder gestiegen. Waren im Oktober letzten Jahres lediglich 29 Prozent mit der Wirtschaftspolitik der Regierung zufrieden, sind es im März dieses Jahres 47 Prozent. Damit nähert sich dieser Wert wieder der Einschätzung aus dem März letzten Jahres an, als 53 Prozent Zufriedenheit mit der Wirtschaftspolitik äußerten. „Der Aufschwung nährt sich selbst und hält die Stimmung hoch. Wichtig ist, dass die Wirtschaft diese Phase zum Ausbau ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit nutzt“, mahnt Capital-Chefredakteur Dr. Klaus Schweinsberg.

Weibliche und männliche Führungskräfte mit nahezu gleicher Einschätzung

Die Ausweitung der Stichprobe des „Capital-Elite-Panels“ macht nun auch die regelmäßige Ausweisung repräsentativer Ergebnisse von über 190 Top-Entscheiderinnen möglich. Auch bei der zweiten Befragungsrunde mit der größeren Befragtenzahl zeigt sich, dass weibliche und männliche Führungsspitzen bei Sachfragen meist ähnliche Meinungen vertreten, bei der Beurteilung von Personen und gesellschaftlichen Entwicklungen aber zu teilweise deutlich anderen Einschätzungen kommen. So urteilen mit 56 Prozent weitaus mehr weibliche Führungskräfte, die sozialen Unterschiede in Deutschland seien zu groß. Dagegen sehen dies nur 35 Prozent ihrer männlichen Kollegen so. Außerdem halten 79 Prozent der Männer unsere Gesellschaft für sozial durchlässig, dagegen nur 57 Prozent der Top-Entscheiderinnen.


13.03.2007

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