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Zeitgenossen

, Jens Brambusch

Der Uhrenhersteller Nomos hat eine Nische gefunden. Handwerkskunst aus Sachsen trifft auf Design aus Berlin

Gruß von Berlin nach Glashütte © Gene Glover
Gruß von Berlin nach Glashütte

"Die in Glashütte halten uns mitunter für bekloppt", sagt Judith Borowski und lächelt. Sie stört das nicht. Nein, im Gegenteil. Sie sieht das als Auszeichnung. Nur 228 Kilometer trennen Berlin und das kleine Uhrmacherdorf Glashütte im tiefsten Sachsen. Und doch scheint es, als ob Zeitzonen zwischen den Orten lägen, ganze Welten.

Borowski ist Mitgesellschafterin der Uhrenmanufaktur Nomos in Glashütte. Sie leitet das kreative Herz. Und das schlägt in einem Loft auf 550 Quadratmetern im dritten Hinterhof eines Backsteinhauses in Berlin-Kreuzberg. Die Wände hoch und weiß, Fenster mit Sprossen, die Raumteiler aus Stoff. Lauschige Sitzgruppen für die kleine Konferenz unterbrechen die Arbeitsplätze für Produkt- und Grafikdesigner, für Planer, Texter und Onliner.

Mittendrin ein langer Esstisch vor einer kleinen Küchenzeile. Irgendwo in einer Ecke steht altargleich ein alter Mac, bunte Leuchtreklame schimmert bläulich an der Wand, der Kaffeevollautomat röchelt pausenlos Milch in die Cappuccinotassen. Berlinerblau, so der Name der Nomos-Tochter, ist ein bisschen das Klischee einer Berliner Brutstätte für Kreativität.

Die Uhrmacher schütteln den Kopf

"Denken, planen, schreiben, layouten, Dinge entwerfen", so umschreibt Borowski die tägliche Arbeit. Konkret heißt das: Die etwa 30 Mitarbeiter tüfteln an Farben und Typografien für die Uhren, basteln an Zahlen und Buchstaben, rackern sich an Abständen ab, der Dicke von Zeigern und Formen. Es kann mehrere Jahre dauern, bis bei einem Modell alles sitzt. Zudem entwerfen sie die Werbung, texten die Produktbeschreibungen, planen Messeauftritte.

"Was in Glashütte gefertigt wird, versuchen wir, hübsch zu verpacken", sagt Borowski lapidar. Nichts gibt sie aus der Hand. Über manche Idee der Großstädter schütteln die Uhrmacher aus dem Erzgebirge nur den Kopf. Doch die Spannung zwischen den Standorten Glashütte und Berlin, zwischen Provinz und Metropole, zwischen traditionellem Handwerk und kreativem Hipstertum gehört zu Nomos. Sie ist ein Alleinstellungsmerkmal. Und sie hat das junge Unternehmen groß gemacht.

Mittlerweile hat Nomos 200 Mitarbeiter und einen festen Platz in den Vitrinen der Juweliere. Ständig musste die Manufaktur in der Vergangenheit an- und umbauen. Allein in den letzten drei Jahren hat sich die Größe des Unternehmens mehr als verdoppelt. Wie viele Chronometer Nomos verlassen, bleibt ein Geheimnis, denn Uhrenhersteller geben nicht gern Zahlen preis. Nomos sagt: Die Nachfrage sei größer als die Kapazität. 

Denken, planen, schreiben, layouten, Dinge entwerfen - Alltag bei Berlinerblau © Gene Glover
Denken, planen, schreiben, layouten, Dinge entwerfen - Alltag bei Berlinerblau

Heimlich das Schweizer Monopol geknackt

Die Großen der Branche beobachten den kleinen Emporkömmling aus Glashütte genau, der es geschafft hat, eine Nische in dem hart umkämpften Markt zu besetzen. Zwischen 1 000 und 4 000 Euro kosten die meisten Uhren von Nomos. Zu exklusiv, um die breite Masse anzusprechen. Zu günstig, um den Edelmanufakturen Konkurrenz zu machen. Und für diese Nische hat Nomos einen sehr eigenen Stil gefunden: Sieht nach Berlin aus. Ist aber Glashütte drin. 

Spätestens seit vergangenem Jahr hat Nomos einen festen Platz in der Welt der Manufakturen. Im Handstreich gelang es, das Monopol der Swatch-Tochter ETA zu brechen. 95 Prozent aller mechanischen Uhren schlugen bislang im Schweizer Takt. Das soll sich bald ändern.

Zusammen mit der TU Dresden hatten die Glashütter sieben Jahre lang still und verschwiegen an einem eigenen „Assortiment“ (oder auch „Reglage“ genannt), gearbeitet, das in Großserie gefertigt werden kann. Dem Herz der Uhr, das den Takt vorgibt. Die Entwicklung kostete über 11 Mio. Euro – und sie war erfolgreich. Nomos nennt sie schlicht „Swing-System“.

Dabei ist die Entwicklung ein Meilenstein. „Es fühlt sich für uns an wie die Landung auf dem Mond“, sagte Firmenchef Uwe Ahrendt. Selbst bei A. Lange & Söhne, der ortsansässigen Konkurrenz, äußert man sich bewundernd. „Die haben mal eben das Monopol von Swatch gebrochen“, sagt einer. „Eine Sensation.“

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In der Chronometrie werden die Uhren zusammengesetzt © Gene Glover
In der Chronometrie werden die Uhren zusammengesetzt

Glashütte - das gegen Gegenteil von Kreuzberg

Die kleine sächsische Gemeinde ist ein besonderer Ort. Und vielleicht das Gegenteil von Kreuzberg. "Hier lebt die Zeit" ist überall in Glashütte zu lesen. Ein Slogan, den sich die Stadtväter zum 500. Stadtjubiläum haben ausdenken lassen. Dabei erweckt der 2 500-Seelen-Fleck den Eindruck, als ob die Zeit hier stehen geblieben wäre. In Kreuzberg tummeln sich junge Menschen aus aller Welt, die über fünf Minuten alte Trends bereits gähnen.

Die Einwohner von Glashütte sind erzkonservativ. Bei der letzten Kommunalwahl holte die CDU die absolute Mehrheit, SPD und Grüne scheiterten an der Fünfprozenthürde.

Tief im Tal der Müglitz eingegraben, döst der Ort vor sich hin. Eine Kleinststadtidylle, 30 Kilometer von Dresden entfernt, kurz vor der tschechischen Grenze, im Erzgebirge. Die Ruhe stört nur das Brummen der Busse, die vor dem Uhrmachermuseum Scharen an Touristen ausspucken. Nach der Besichtigung einer Uhrenmanufaktur suchen die schleunigst wieder das Weite. Ein Hotel gibt es hier nicht.

Doch es ist gerade diese Ruhe, diese Abgeschiedenheit, die Glashütte auszeichnet. Keine Ablenkung, keine Hektik. Stattdessen: akribische Präzision, deutsche Uhrmacherkunst und Tradition. Das Erkennungsmerkmal aller in Glashütte produzierten Uhren sind die blauen Schrauben im Uhrwerk. Der Stahl der Schrauben wird dafür einer speziellen Hitzebehandlung unterzogen.

Tante Else, Onkel Heini und das Motorrad

1845 ließ sich hier Ferdinand Adolph Lange als erster Uhrmacher nieder, vom König mit 7 000 Talern gefördert, um in Glashütte eine Uhrenindustrie aufzubauen. Heute sind hier zehn Uhrenunternehmen ansässig, wohlklingende Namen wie A. Lange & Söhne, Glashütte Original, Wempe - und eben Nomos.

Deren Geschichte beginnt ein wenig anders. Mit Tante Else. Und mit Onkel Heini auf seinem knatternden Motorrad. Das war noch lange vor der Wende, hinter dem Eisernen Vorhang. Roland Schwertner, der Unternehmensgründer, war noch ein Kind, ein Düsseldorfer Jung, der in den Sommerferien seine Tante und seinen Onkel im tiefen Osten besuchte. Höhepunkt eines jeden Urlaubs war die Ausfahrt zur Eisdiele in Glashütte. Onkel Heini am Lenker, der kleine Roland als Sozius. 2 000 Menschen arbeiteten damals beim VEB Glashütter Uhrenbetriebe. Und so kam Roland Schwertner nicht daran vorbei, sich für Uhren zu interessieren.

Als die Mauer fiel, arbeitete Schwertner als Unternehmensberater am Rhein und Fotograf auf Mallorca - und wollte doch irgendwie etwas anderes machen. Also fuhr er zurück an den Ort seiner Kindheitserinnerungen, verhandelte mit der Treuhand und gründete mit drei Angestellten in einer Dreiraumwohnung einen kleinen Uhrmacherbetrieb. Glashütte lag damals in Scherben, von den einst 2 000 Beschäftigten in der Uhrenindustrie hatten gerade noch 70 einen Job. Jede Neugründung war willkommen.

Das Model Lambda ist eines der teuersten der Manufaktur © Gene Glover
Das Model Lambda ist eines der teuersten der Manufaktur

Uhren für Freunde

Die Uhren sollten qualitativ hochwertig sein, dabei schlicht, bauhausgleich und damit zeitlos. Und für Schwertner sollten die Chronometer vor allem eines: ihm gefallen. Ihm und seinen Freunden. Daraus entstand der Slogan, der bis heute Gültigkeit hat: Uhren für Freunde.

Heute führen drei Stufen hinab in das stillgelegte Stellwerk von Glashütte, direkt neben den Bahngleisen. Seit 2005 sitzt die Nomos-Manufaktur in dem alten Bahnhofsgebäude von Glashütte. Ein stolzer Bau, modern um- und ausgebaut. Viel Holz und noch mehr Licht. Nomos ist gewachsen. Immer schneller. Drei Mitarbeiter waren es 1990. Zur Jahrtausendwende 31, fünf Jahre später schon 60 und heute eben 200.

Unten in der Werkstatt hält Alexandra Kluge die Luft an, schluckt die Anspannung runter, damit die es nicht bis in ihre Fingerspitzen schafft. Sie hört Musik über Kopfhörer, und wie sie da so steht, mit weißem Kittel und einem Okular ins Auge geklemmt, die Pinzette in der Hand, wirkt die junge Frau wie entrückt. Dabei ist sie hoch konzentriert.

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Uhrmacherin Alexandra Kluge © Gene Glover
Uhrmacherin Alexandra Kluge

Wie ein Dentallabor

Alexandra Kluge ist Uhrmacherin. Nicht irgendeine, sondern eine der besten, die bei Nomos arbeiten. Die 26-Jährige ist familiär vorbelastet. Auch ihr Vater arbeitet bei der Manufaktur, von ihrem Opa erbte sie das handwerkliche Geschick. Gelernt hat sie bei der Konkurrenz, bei Glashütte Original. Mit zwei Kolleginnen teilt sie sich einen kleinen Raum mit drei Arbeitsplätzen, der irgendwie an ein Dentallabor erinnert. Die kontemplative Stille in dem ehemaligen Stellwerk wird nur zweimal in der Stunde unterbrochen. Dann, wenn die Züge halten in Glashütte, direkt neben ihrem Labor.

Anfang Oktober 2013 stellte Nomos die Modelle "Lux" und "Lambda" vor. Es sind die teuersten Uhren, die Nomos bislang produziert hat, sie kosten bis zu 13 800 Euro. Und Alexandra Kluge fertigt sie. Anfangs, sagt sie, habe sie ein bisschen Angst gehabt. Sie musste sich erst daran gewöhnen, mit Weiß- und Roségold zu arbeiten. Solche teuren Materialien setzt Nomos nicht so oft ein. Normalerweise nehmen sie lieber etwas Originelles.

Wie das Armband des Modells "Ahoi": sportlich, wasserfest bis 200 Meter Tiefe, schlicht, aber dennoch exklusiv. Kostet 3 000 Euro, nicht wenig für eine Uhr. Dass sie nicht mit einem edlen Lederarmband, sondern einem schlichten Textilband angeboten wird, wie man es von den Spindschlüsseln in öffentlichen Schwimmbädern kennt, ist eine der Ideen, die in Glashütte erst mal sacken mussten. Von "Lebensgefühl" sprechen die Berliner dann, von "geweckten Emotionen".

Nach Glashütte? So selten wie möglich!

Wenn in Kreuzberg die besten Ideen entstehen, sind die Uhrmacher in Glashütte längst zu Hause. Wenn die um 6.30 Uhr zur Arbeit erscheinen, ist das Loft noch lange dunkel. Und so früh morgens wirkt manche Idee der Berliner ein wenig skurril.

In Berlin macht man keinen Hehl daraus, dass nicht einer der kreativen Mitarbeiter bereit wäre, in Glashütte zu leben. Sie sind Großstadtmenschen, brauchen Hektik, immer neue Einflüsse, den Puls der Zeit, der auch den Takt ihrer Kunden vorgibt. Liebevoll sprechen sie von den kleinen Kämpfen mit den kauzigen Konstrukteuren. Und auf die Frage, wie oft die Kreativen nach Sachsen fahren, lautet die Antwort: so selten wie möglich.

Und in Glashütte?

Da ist es genauso. Als einmal die gemeinsame Weihnachtsfeier in Berlin stattfinden sollte, war die Belegschaft aus Sachsen wenig begeistert. Die große Stadt, die lange Autofahrt. Muss das sein? Das Angebot, nach der Feier das Wochenende noch an der Spree zu verbringen, nahm kaum einer an. Warum auch? In Glashütte ist es doch viel schöner. Da hat man seine Ruhe. Um zu basteln.

Aus bis zu 280 Teilen besteht eine Uhr © Gene Glover
Aus bis zu 280 Teilen besteht eine Uhr

Wachstum ist anstrengend

Anfangs wurden die Uhrwerke eingekauft, modifiziert, Stück um Stück veredelt. Mittlerweile ist Nomos eine hundertprozentige Manufaktur. Die Fertigung steht in der Bahnhofshalle. Hochmoderne Apparate fräsen, bohren und schneiden - mit der Präzision von vier µ, dünner, als ein Haar breit ist. Aus 100 bis 280 Einzelteilen besteht ein Uhrwerk, hat 63 Ebenen. Mit bloßem Auge ist das nicht zu erkennen.

Zehn Minuten dauert der Fußweg vom Bahnhof hoch zur Chronometrie. Ein Haus am Hang, einst wurden hier Chronometer für die DDR-Marine gefertigt. Seit 2000 ist es im Besitz von Nomos, war die Firmenzentrale, bevor der Bahnhof wegen des schnellen Wachstums dazugekauft werden musste. Und schon wieder muss angebaut werden. Die Chronometrie, in der die Uhren zusammengesetzt werden, platzt aus allen Nähten. Dicht an dicht sitzen die 60 Uhrmacher an den schulterhohen Tischen, setzen mit ihrem Feinmechanikerwerkzeug die Uhren in Handarbeit zusammen, prüfen, polieren, alles peinlich genau.

60 Prozent der Uhren verkauft Nomos in Deutschland. Aber der Markt wächst. In den USA und in Großbritannien steigt die Nachfrage, auch in Fernost. Nomos baut den Vertrieb aus, und doch will man in Glashütte nichts überstürzen. "Wir sind ein inhabergeführtes Unternehmen", sagt Uwe Ahrendt, der Geschäftsführende Gesellschafter. "Wir müssen nicht wachsen um jeden Preis. Jetzt wollen wir erst mal konsolidieren." Denn Wachstum, sagt der gebürtige Glashütter, "ist ganz schön anstrengend".

Und noch eine Gefahr birgt das rasante Wachstum. Wegen der enormen Popularität sind erste Plagiate aufgetaucht. Judith Borowski sieht das pragmatisch: "Das ist doch eine Auszeichnung", sagt sie. "Scheint, als hätten wir es geschafft."

Der Artikel ist zuerst in Capital 12/2013 erschienen. Für die Online-Version wurde er aktualisiert.


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