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Zeitenwende bei Lebensversicherungen

, Britta Langenberg

Viele Lebensversicherer vertreiben statt der Sparklassiker risikoreichere Policen. Capital zeigt, was Käufer erwartet und was Versicherten bleibt.

Ein Hammer saust auf einen Wecker nieder
Am 1. Januar 2016 um Mitternacht schlägt für die Lebensversicherer die Stunde null - Foto: Antonios Mitsopoulos

Ihr Stammsitz in Stuttgart ist der Allianz Lebensversicherung am 5. Oktober nicht gut genug, auch die Deutschland-Zentrale in München kommt diesmal nicht infrage. Alles viel zu weit ab vom Schuss. Über die „Zukunft der Lebensversicherung“ reden die Vorstände des Branchenriesen lieber in ihrer Frankfurter Repräsentanz am Mainufer, im Herzen des deutschen Finanzzentrums – mit Blick auf die Hochhäuser der Großbanken.

Der Versicherungskonzern will in der Finanzcommunity und bei den Kunden ein Zeichen setzen: Wir spielen an den Märkten mit! Die Botschaft darf durchaus als Trend für die ganze Branche verstanden werden. Wo der Marktführer auftritt, folgen für gewöhnlich viele andere der 90 Assekuranzfirmen.

Zahlreiche Versicherungsmanager setzen neuerdings auf kapitalmarktnahe Produkte mit einem neuen Renditemotor. Aktienfonds, Optionen – all das wollen sie jetzt häufiger vertreiben. Die Branche benötigt eine neue Verkaufsstory, dringend. Die Nullzinsära hat das alte Geschäftsmodell über den Haufen geworfen: Die klassische Lebens- und Rentenversicherung ist so gut wie am Ende. Vom kommenden Jahr an werden Verträge mit einheitlichen Garantien immer seltener. Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber rät Kunden sogar vom einstigen Bestseller ab: Ein Kauf sei „nicht mehr sinnvoll“. Vor zwei Jahren wäre das unvorstellbar gewesen.

Die Lebensversicherung, das Lieblingsprodukt der Deutschen, wenn es um Vermögensaufbau geht, wird gerade einem Radikalumbau unterzogen – dem gravierendsten seit Jahrzehnten. Überstehen werden die Sparklassiker diesen Prozess nur bei Gesellschaften, die hohe Überschüsse erzielen, über komfortable Kapitalpolster verfügen und die Kosten im Griff haben. Wer daran scheitert, wird das Geschäft über kurz oder lang aufgeben müssen. Eine Schonfrist? Gibt es nicht.

„Die alten Garantien werden einfach zu teuer“

Die Stunde Null der Branche schlägt am 1. Januar 2016 um Mitternacht. Von da an müssen die Anbieter alle klassischen Policen, die sie verkaufen, stärker mit Kapital unterlegen. Das neue Regelwerk, genannt Solvency II, macht den garantierten Maximalzins von zurzeit 1,25 Prozent überflüssig. Die Bundesregierung will diese Einheitsgröße denn auch zum Januar abschaffen.

Aus der Klemme zwischen hohen Kapitalkosten und niedrigen Zinserträgen können sich viele Konzernlenker allerdings nur befreien, wenn sie ihren Kunden deutlich mehr Risiko als bisher zumuten – vor allem durch niedrigere Zusagen. „Die alten Garantien werden einfach zu teuer“, sagt Roland Weber, Vorstand der Debeka.

Die Absetzbewegung der Versicherer wächst sich zu einem Exodus aus. Konzerne wie Ergo, Generali oder Talanx (mit den Töchtern HDI, Targo, PB Leben und Neue Leben) wollen den Verkauf von klassischen Privatpolicen einstellen. Zurich hat schon aufgegeben, die Gothaer prüft den Exit noch. Axa und Debeka steuern im Vertrieb diskret, aber nicht weniger radikal um: Sie bieten die Sparklassiker bald womöglich nur noch auf ausdrückliche Anfrage an.

Schon jetzt steht fest: Für Kunden wird es künftig noch unübersichtlicher. Versprechen die Gesellschaften bei den klassischen Rentenversicherungen bislang allesamt eine maximale Verzinsung von 1,25 Prozent auf den Sparbeitrag, wird künftig jede unterschiedliche Zusagen machen – je nachdem, wie viel Risikokapital sie dafür aufbringen kann.

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Neue Regeln, Neue Produkte

Noch bunter wird das Bild bei jenen Produkten, die künftig in den Vordergrund drängen, weil die Versicherer damit das Risiko dauerhaft niedriger Zinsen aus den eigenen Büchern in die Depots der Kunden verlagern können. Garantien geben die Gesellschaften zwar auch für diese Policen ab – etwas anderes kommt angesichts der sicherheitsbewussten Kundschaft nicht infrage. Doch die gelten lediglich noch zum Rententermin und in Höhe der eingezahlten Beiträge. Für alles, was darüber hinaus über Fonds oder Optionsgeschäfte am Kapitalmarkt erwirtschaftet wird, übernimmt der Kunde das volle Risiko.

Mit der guten alten Lebensversicherung haben die Policen trotz der Namensgleichheit herzlich wenig zu tun. Die Kunden müssen sich auf eine völlig neue Produktwelt einstellen. In schneller Taktung werden derzeit neue Angebote mit wohlklingenden Etiketten („modern“) und verheißungsvollen Namen („Relax“) auf den Markt geworfen. Die Vielfalt an Varianten und Konditionen ist schier unüberschaubar, Chancen und Risiken sind kaum mehr zu bewerten.

Selbst Vermittler könnten derzeit bei der Beratung kaum Klarheit bieten, weil die Neuheiten auch für sie nicht mehr verständlich seien, so Axel Kleinlein: „Ich kenne kein einziges neues Produkt, das sauber verkauft wird“, sagt der Vorstandschef des Bundes der Versicherten (BdV).

„Viele der neuen Produkte wie etwa Indexpolicen sind hochkomplex und selbst für Experten nur schwer einzuschätzen“, urteilt Peter Schneider vom Analysehaus Morgen & Morgen (M&M). Sein Team kann nur mithilfe höherer Finanzmathematik Aussagen über die Rentabiliät treffen. Die erste Erkenntnis: Traumrenditen sind trotz erhöhten Risikos nicht zu erwarten. Knapp drei bis fünf Prozent – so viel können sich Kunden im Mittel erhoffen, wie eine Stichprobe ergab. Zum Vergleich: Versicherte, deren Policen jetzt nach Jahrzehnten ablaufen, kommen durchschnittlich auf vier bis 4,5 Prozent Rendite, wie der Branchendienst „Map-Report“ jüngst ermittelt hat. Und das, obwohl die Überschüsse seit Jahren sinken.

Solche vergleichsweise üppigen Renditen können die Unternehmen heute am Kapitalmarkt nicht mehr erwirtschaften. An den schwierigen Rahmenbedingungen wird sich in absehbarer Zeit wohl kaum etwas ändern. „Wir glauben nicht daran, dass die Zinsen sich schnell erholen“, sagt Debeka-Vorstand Weber. Die Folgen für die Kunden: weiter sinkende Überschüsse.

Das Extra für Policeninhaber fällt umso schmaler aus, als die Unternehmen seit 2011 immer höhere Rücklagen bilden müssen, um Zahlungsverpflichtungen abzusichern, die sie etwa Ende der 90er-Jahre eingegangen sind. Diese zusätzlichen Sicherheitspolster fordert die Aufsichtsbehörde Bafin. Die Einbuße ist beträchtlich: 21 Mrd. Euro haben die Versicherer bereits in den Topf eingezahlt. Nach Schätzungen der Kölner Ratingagentur Assekurata könnten es Ende dieses Jahres bereits bis zu 35 Mrd. Euro sein.

Angespannte Finanzlage

Zuletzt lenkte die Branche schon nahezu ein Viertel ihrer Erträge in die Reserve um, bei manchen Versicherern beträgt der Abfluss sogar ein Drittel. Den Kunden schafft dieses Finanzpolster mehr Sicherheit, das Geld fehlt jedoch auf ihren Konten.

„Die Zinszusatzreserve ist ein Riesenproblem“, schimpft denn auch BdV-Chef Kleinlein. Sie schade Kunden und schwachen Unternehmen. Er plädiert – wie auch die Assekuranz – für einen langsameren Aufbau der Sicherheiten. Die Bundesregierung will an den Punkt jedoch bisher nicht ran.

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Ein Wecker in Trümmern
Neue Zeitrechnung: Das alten Geschäftsmodell der Branche funktioniert nicht mehr - Foto: Antonios Mitsopoulos

Die zögerliche Haltung in der Politik verwundert nicht. Schließlich weisen Internationaler Währungsfonds, europäische Stabilitätswächter und Bundesbank immer wieder auf die angespannte Lage der Unternehmen hin, die sich mit jedem Jahr weiter verschlechtert.

Akut ist die Gefahr laut Felix Hufeld nicht: „Die Reserven reichen noch eine ganze Weile“, verkündete der Bafin-Chef jüngst in Berlin. Um zu ergänzen, die Sicherheit der deutschen Lebensversicherer sei „ein Spiel mit der Zeit“.

Dass es für schwache Gesellschaften auf mittlere Sicht schwer wird, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, bestreitet kein ernst zu nehmender Experte. Immerhin sind die Kunden in einem Pleitefall geschützt: Für aktuelle Guthaben und künftige Garantien springt der staatliche Sicherheitspool Protektor ein. Das Verlustrisiko der Versicherten ist allen Crash-Propheten zum Trotz also überschaubar, eine Kündigung von Verträgen selten sinnvoll.

Dennoch sollten die mehr als 70 Millionen Versicherten mit laufenden Lebens- und Rentenversicherungen ihre Anbieter genauer als bisher im Blick behalten. Wie sich die Gesellschaften in der Krise schlagen, zeigt das Lebensversicherungsrating von Morgen & Morgen, das Capital regelmäßig exklusiv präsentiert. Die Fachleute bewerteten anhand von Bilanzdaten die finanzielle Standfestigkeit von 68 Anbietern. Erstmals schätzt Capital in diesem Jahr auch die künftige Belastung der Unternehmen durch Altgarantien ein.

Im Marktvergleich zeigen sich die Anbieter bislang beruhigend widerstandsfähig – obwohl das Niveau bei den Überschüssen und Reserven sinkt. Als besonders stabil erweist sich die Spitzengruppe von sieben Unternehmen: Allianz, Alte Leipziger, Debeka, Europa, Hannoversche Leben, Stuttgarter und die kleine R+V a. G. brillieren in der Bilanzprüfung. Dafür erhielten sie die Top-Bewertung von fünf Sternen. Auch bei Stress am Kapitalmarkt bestehen alle. Die Alte Leipziger geizte in diesem Punkt mit Daten, sodass eine fundierte Einschätzung nicht möglich war.

Aufsteiger und Absteiger

Einen bemerkenswerten Aufstieg haben in diesem Jahr gleich zwei Unternehmen geschafft: Der Branchenriese Axa mit Sitz in Köln meldet sich nach einem Jahrzehnt mit schwachen Leistungen im Mittelfeld zurück mit drei Sternen.

Als Aufsteiger des Jahres kann die Hannoversche Leben gelten. Der Direktversicherer hat sich nach Problemen bei der Kapitalanlage nach der Jahrtausendwende zurück in die Liga der Besten vorgearbeitet. Der Aufsteiger glänzt mit überdurchschnittlichen Überschüssen für Kunden, einer guten Reservelage und großer Sparsamkeit.

Die sieben Lebensversicherer mit Top-Rating

Rating Lebensversicherungen
Zum Vergrößern bitte auf die Tabelle klicken

Geringe Kosten allein reichen allerdings nicht für eine Top-Platzierung, wie Absteiger Cosmosdirekt beweist: Die Saarbrücker stecken seit 2010 im Abwärtstrend und errangen in diesem Jahr lediglich zwei Sterne. Das Unternehmen patzt in zu vielen Disziplinen: Das Neugeschäft brach zuletzt ein, die Zuflüsse zu den Kundenüberschüssen lagen weit unter dem Durchschnitt, und die Leistung bei der Kapitalanlage gehört zu den schwächsten im Markt.

Das Manko der meisten Ratings ist, dass sie nur die Vergangenheit spiegeln. Daher blickt Capital bei der aktuellen Erhebung erstmals auch ein bis zwei Jahre in die Zukunft. Im Marktvergleich werden die Garantielasten der einzelnen Gesellschaften ausgewiesen, die Auswirkungen auf die künftigen Überschüsse und die Sicherheit der Kundengelder haben können.

Der Ausblick dürfte nicht zuletzt jene interessieren, die den Abschluss einer Sofortrente erwägen. In dieser Variante zahlt der Kunde einmalig einen Betrag in die Versicherung ein und erhält bis zum Lebensende eine monatliche Zahlung.

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Der Preis der Garantie

Wer Sicherheit über alles schätzt und ins Kalkül zieht, dass am Markt keine anderen Geldanlagen mit einer fest zugesagten lebenslangen Anzahlung existieren, kann mit einer Sofortrente durchaus glücklich werden – wenn er damit rechnet, ein hohes Alter zu erreichen.

Auch diese Angebote leiden unter den Problemen der Branche – Stichwort niedrige Garantien und sinkende Überschüsse. Starke Anbieter wie Allianz oder Stuttgarter zahlen einem Versicherten, der mit 65 Jahren einmalig 100.000 Euro einzahlt, monatlich ab der ersten Auszahlung immerhin sichere 425 Euro. Zum Vergleich: Mit klassischen Sparprodukten der Bank müssten Anleger dafür jährlich zwei Prozent Rendite erwirtschaften.

Der Schwerpunkt des Geschäfts wird künftig jedoch bei neuen Produkten liegen – allen voran Indexpolicen. 2007 brachte die Allianz die neuen Produkte auf den Markt, viele Wettbewerber sind seither auf den Zug aufgesprungen. Bei Indexverträgen entscheidet der Kunde jährlich neu, ob er mit einem Teil seiner Beiträge lieber eine Wette auf die positive Entwicklung von Indizes wie dem Dax eingehen will oder sein Geld sicher und geringverzinst beim Ver­sicherer anlegt.

Im schlimmsten Fall sind die Verluste zwar begrenzt. Die Beiträge bekommt der Versicherte in jedem Fall wieder heraus. Die Verdienstchancen werden jedoch ebenfalls beschnitten: Der Versicherer beteiligt den Kunden am Wettgewinn meist nur bis zu einer Obergrenze, etwa von vier Prozent. „Das ist quasi der Preis für die Nullgarantie in dem Jahr“, erklärt Monika Tautorus, Leiterin Produktservices bei der Axa.

Wie hoch dieser Preis ausfällt, bleibt dem Kunden jedoch verborgen. Indexpolicen seien „hinsichtlich der Kosten für die Garantien kaum transparent“, kritisiert Reiner Will, Chef der Ratingagentur Assekurata. Da hilft es den Kunden herzlich wenig, wenn der Präsident der Versicherungswirtschaft, Alexander Erdland, in Sachen Kostentransparenz immer wieder Besserung beteuert.

Die Kosten sind der wunde Punkt der Branche. Allein 7,6 Mrd. Euro zahlte sie zuletzt für neue Abschlüsse. „Die Vertriebskosten müssen runter“, mahnt auch Hufeld. Bei den Gesamtaufwendungen dürften die neuen Fonds- und Indexpolicen das Gegenteil bewirken – schließlich wollen neben den Versicherern auch die beteiligten Fondsanbieter und Banken etwas daran verdienen.

Nach den Effektivkosten müssen die Kunden jährlich rund zwei Prozent Rendite einfahren, bevor die Verträge ins Verdienen kommen – in guten wie in schlechten Jahren. Die neue Welt, so viel steht fest, wird für die Branche nicht einfacher.

Das ganze Rating mit einer umfangreichen Tabelle finden Sie in Capital 11/2015. Die Ausgabe können Sie in unserem Abo-Shop bestellen


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