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"Zeit für einen Neuen Markt 2.0"

, Nils Kreimeier

Er war der erste Star des E-Commerce. Und will jetzt einen neuen Hightech-Boom in Deutschland fördern. Intershop-Gründer Stephan Schambach erklärt, warum dafür genau die richtige Zeit ist.

© Daniel Hofer

Stephan Schambach war einst einer der Helden des Neuen Marktes. Der in Thüringen geborene Gründer des Ecommerce-Unternehmens Intershop wurde Ende der 90er-Jahre als Star aus dem Osten gefeiert, seine Firma erreichte binnen kurzer Zeit einen Wert von 11 Mrd. Euro. Nach dem Ende des Börsenhypes und dem Absturz von Intershop machte Schambach einfach weiter – und ist mittlerweile mit dem Ecommerce-Anbieter Demandware erfolgreich. Capital sprach mit Schambach über die Zukunft des Online-Handels und die Aussichten auf einen Technologie-Boom in Deutschland.

Capital: Herrr Schambach, woran ist Intershop gescheitert?
Stephan Schambach: Es gab drei wesentliche Faktoren. Zum einen hatten 2001 die großen Unternehmen, an die wir bis dato Software verkauft hatten, keinen Respekt mehr vor den Dotcoms. Die großen Handelshäuser haben gesagt: Wir müssen jetzt nicht mehr auf Biegen und Brechen in Ecommerce investieren. Zum zweiten gab es einen Standortfaktor. Als es wieder besser ging, hatten wir keine Finanzierungsquellen mehr. Der Neue Markt wurde abgewickelt. Wir hätten es schaffen können, denn wir hatten eine gute Technologie. Als amerikanische Firma wäre uns das wahrscheinlich gelungen, als deutsche Firma ging das nicht. Der vielleicht wichtigste Punkt aber war, dass die Zeit der großen Softwarelizenz-Unternehmen vorbei ist. Die Abnehmer waren nicht mehr bereit, für viel Geld eine CD zu kaufen und dann selbst mit den Problemen dazustehen.

Und jetzt machen Sie mit Demandware alles besser?
Das wichtigste war, dass ich die Firma von Anfang an so designen konnte wie ich das wollte. Der Start war nicht zufällig in einer Stadt in Ostdeutschland, sondern ich konnte mir überlegen, wo ich hinwollte. Und ich bin ganz bewusst in die USA gegangen wegen der dortigen Standortvorteile: Zugang zu Venture Capital, ein großer, homogener Markt, experimentierfreudiger mit neuen Technologien. Wir brauchten einen Markt, auf dem man sich etwas trauen kann.

"In Berlin sind alle sehr ausdauernd"

Ist denn Deutschland wirklich so ein schlechter Standort?
Es ist tatsächlich so: wenn jemand ein gutes Team und ein super Projekt hat, müsste man dem Unternehmer heute raten: Sieh zu, dass Du in die USA kommst. Man kann die Software-Entwicklung in Deutschland lassen, aber das Headquarter und die weitere Finanzierung müssten in den USA angesiedelt werden. Hier bekommt man keine zehn oder zwanzig Millionen an Venture Capital. Das ist einfach unmöglich. Ich bin aber optimistisch, dass das geändert werden kann. Es gibt Verständnis dafür in der Politik. Die Themen sind bekannt. Das VC-Gesetz oder der Neue Markt 2.0 stehen sogar im Koalitionsvertrag.

Also könnte uns ein neuer Tech-Boom noch bevorstehen?
Es ist durchaus möglich, dass sich die Ausgangsbedingungen in den nächsten ein oder zwei Jahren verbessern. Aber die großen Venture Capital-Investoren können nur dort investieren, wo sie ihr Geld auch wiederbekommen. Und dazu fehlt in Deutschland eine Börse. Sobald es eine Exit-Möglichkeit in Deutschland gibt, durch die die VCs ihre Investitionen in einem annehmbaren Zeitraum wiedersehen können, haben wir hier auch wieder institutionelles Venture-Kapital. Die Zeit, das wieder anzustoßen, ist jetzt.

Hat die vielgerühmte Berliner Startup-Szene genug Substanz? Es gibt ja den Vorwurf, sie bringe vorwiegend Nachahmer von Bewährtem hervor.
Die größten Berliner Startups waren natürlich Copycats. Aber heute ist das nicht mehr so. Es gibt hier sehr viel Originelles. Die Ideen sind da in Berlin. Sie sind dort, wo das Talent ist. Berlin ist sexy für junge Leute aus aller Welt. Die Stadt zieht massiv Talent an, nicht nur im IT-Bereich, auch in anderen Kreativbereichen. Das ist die Ursache dafür, dass hier so viel geht. Die Grundvoraussetzungen sind da. Und meiner Ansicht nach ist Berlin die einzige Region außerhalb der USA, die so etwas geschafft hat. In der Breite und Tiefe. Es ist erstaunlich, alle sind hier sehr ausdauernd.

"Drohnen werden kommen"

 

Sie haben die Entwicklung von E-Commerce praktisch von Anfang an begleitet. Wie wird sich das Geschäft in den kommenden Jahren entwickeln?
Apple Pay wird das auf jeden Fall sehr beschleunigen. Momentan muss man beim mobilen Shoppen eine Rechnungsadresse, eine Lieferadresse und eine Kreditkartennummer auf einem kleinen Display eintippen. Dafür braucht man eine gefühlte halbe Stunde, das geht gar nicht. Aber wenn man überhaupt nichts mehr tippen muss, wenn alles im Gerät gespeichert ist und mit einem Fingerprint bezahlt werden kann, dann sieht das anders aus.

 

Und wie kommen die Waren zum Kunden?
Same-day-shipping, also Lieferung am gleichen Tag, wird in den Städten Standard werden. Die großen Logistiker bieten es bereits an, im Großraum London gehört das schon zum guten Ton. Drohnen oder Oktokopter werden auf jeden Fall kommen. Noch in unserer Lebenszeit, vielleicht innerhalb von zehn Jahren. Ich habe selbst mal vor zwei Jahren einen Businessplan zu diesem Thema angefangen. Aber die Zulassungsbedingungen dafür sind auch in den USA eher was für ein großes Unternehmen.

Capital-Cover

Die Geschichte von Stephan Schambach und anderer Unternehmer aus der früheren DDR lesen Sie in der aktuellen Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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