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  • Editorial

Ein Sommer voller Entsetzen

, Horst von Buttlar

Ein Sommer voller Eilmeldungen und Entsetzen. Wichtig ist, dass wir uns Zeit nehmen, nachzudenken - sonst folgt auf die Atemlosigkeit die Hilflosigkeit. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Altes Entsetzen und neues Entsetzen schienen sich manchmal einzuholen wie zwei Autos auf der Autobahn, Terror-Entsetzen überholte Brexit-Entsetzen, wurde überholt von Putsch-Entsetzen, wurde überholt von neuem Terror-Entsetzen.

Nur dass es keine Spazierfahrt war, sondern ein Stau der Gefühle: Ich kam da nicht mehr mit. Ein paar Tage Ruhe, ohne dass jemand mit einer Axt oder Machete auf andere Menschen losgeht, in Orten, in denen man früher Heimatfilme gedreht hätte, hieß nur: Atem holen. Verstehen, einordnen, dazu war viel zu wenig Zeit. „Die Welt ist halt aus den Fugen“, wurde oft geseufzt, so wie in ebenjenen Heimatfilmen alte Frauen „Allmächtiger!“ stoßseufzen.

Welche Gewissheit löst sich gerade auf?

Weil heute von der Eilmeldung bis zur Einordnung oft nur Minuten vergehen dürfen, suchen wir Sinn, wo es keinen gibt; suchen wir auf Krampf Zusammenhänge, was oft zu dem unbefriedigenden Fazit führt, dass die Welt eben aus den Fugen ist – oder anders gesagt: der Menschheit das Leben auf der Erde gerade über den Kopf wächst.

Wir müssen uns wieder zwingen zu trennen, Kausalitäten zu verneinen, je mehr sich Entsetzen überlagert und vermischt: Der Brexit fällt in einen Sommer voller Terror, fällt zusammen mit einem Putsch in der Türkei. Furchtbare Koinzidenz.

Lösungen aber finden wir nur, wenn wir konkret klären, welche Gewissheit sich gerade auflöst.

Capital 09/2016
Die aktuelle Capital

Beim Brexit und dem ganzen anderen Unmut über Europa etwa ist der Kern schnell identifiziert. Über Jahrzehnte galt eine einfache Formel: Wer drin ist, dem geht es besser. Diese Formel zog Länder magisch an, die sich „aus freien Stücken“ zusammenschlossen. Nun scheint der Euro sie auf Gedeih und Verderb aneinanderzuketten; vielen geht es schlechter statt besser, was aber immer noch besser ist, als draußen zu sein. (Der Brexit gaukelt eine neue Formel vor: Wer draußen ist, dem geht es wieder besser.)

Der Kitt, der all das zusammenhält, ist keine Präambel mehr, sondern eine Drohung. Die neue Formel für Wohlstand fehlt, und das ist zuerst eine Krise an Führung – hier findet sich eine Parallele zu Trump; aber nicht zu Türkei und Terror.

Je atemloser wir auf die Atemlosigkeit reagieren, desto hilfloser werden wir – das ist wie eine Kapitulation im Kopf. Es ist gut, sich Zeit zu nehmen und nachzudenken, auch wenn die Ereignisse aus den Schlagzeilen verschwunden sind.

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