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  • Editorial

Wir sind keine naiven Gutmenschen

, Horst von Buttlar

…und auch keine Rechten! Wir nähern uns dem Flüchtingsthema nur mit kühlem Kopf und offenen Augen. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Wenn wir unsere Leser zu Capital befragen, fallen stets die gleichen Begriffe: Seriosität, Vertrauen, Kompetenz. Das ehrt und freut uns. Nur bei einem Thema, so mein Eindruck, scheinen wir einige Leser nicht mehr zu erreichen: der Flüchtlingskrise. Wir erhalten wütende Briefe und Anrufe von Lesern, die fragen, ob Capital auch „auf Regierungslinie“ gebracht wurde. Ob wir auch in der „Gutmenschen-Karawane“ mitziehen.

So etwas ärgert uns, hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Glauben Sie mir, ich kann noch nicht mal unsere 20 Redakteure „auf Linie bringen“ – was sehr beruhigend ist.

Die Flüchtlingskrise beschäftigt die Redaktion wie alle Menschen in Deutschland, auch uns alarmiert die aufgewühlte Stimmung. Seien Sie aber gewiss: Wir nähern uns dem Thema so, wie Sie es von uns gewohnt sind – mit kühlem Kopf und offenen Augen. Mussten auch wir lernen, Meinungen zu korrigieren? Natürlich! Was aber nicht heißt, dass wir uns von Emotionen überwältigen lassen, weder von der Euphorie des Sommers noch von Angst und Zorn, die seit Silvester das Land beherrschen.

Gefühl eines Kontrollverlusts

Die Übermacht der Gefühle ist ein Teil des Problems. Ich kann diese Stimmung in Deutschland auch nur teilweise nachvollziehen, bisweilen finde ich sie sogar etwas hysterisch. Ja, das Land kämpft, ja, wir sind überfordert – aber deshalb sind wir noch lange keine Bananenrepublik. Manchmal scheint es nur noch zwei Extreme zu geben – wer kritisch über das Flüchtlingsthema spricht, gilt viel zu schnell als „rechts“, wer Chancen beschreibt, als „naiver Gutmensch“. Wer differenziert argumentiert, wird dazwischen zermalmt.

Capital 03/2016
Die neue Capital

Die AfD ist dabei nur ein Symptom. Ursache für die Verunsicherung ist das Gefühl eines Kontrollverlusts, der Eindruck, dass unser Staat Recht und Gesetz nicht mehr durchsetzen kann. Hier muss die Regierung als Erstes ansetzen: Der ewige Streit über Obergrenzen ist ein Signal, dass dem Krisenmanagement nach wie vor der klare Rahmen fehlt, was unser Land genau stemmen soll.

Wir brauchen diesen Rahmen. Wenn parallel dazu die Maßnahmen greifen – neue Asylgesetze, konsequentere Abschiebung, besserer Schutz der EU-Außengrenzen, aber eben auch: ernsthafte Bemühung um Integration –, verschwindet das diffuse Gefühl der Handlungsohnmacht. All das allerdings wird Zeit benötigen, es gibt keine Knopfdrucklösung.

Verantwortungsvoll ist aber nicht der, der sich am lautesten Sorgen macht. Wenn in einem Haus Feuer ausbricht, gibt es einige, die löschen, andere retten Bewohner – und manche stehen weiter im Hausflur und schreien: „Feuer, Feuer!“

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