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Wenn der Kollege nervt

, Anne Weitzdörfer

Wenn Kollegen uns wahnsinnig machen, liegt das nicht unbedingt an ihren Marotten – sondern manchmal auch an unseren. Von Anne Weitzdörfer

Ein Mann fasst sich mit der Hand an die Stirn © Getty Images
Manchmal nerven Kollegen schon, wenn sie nur am gleichen Tisch sitzen

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Jens ist Anfang 40 und seit fast 20 Jahren in einem mittelständischen Unternehmen, seit fünf Jahren leitet er den Finanzbereich. Er ist ein korrekter und gleichzeitig sportlicher, kompetitiver Typ. Alles war gut, bis der Firmeninhaber ohne sein Einverständnis einen neuen Exportleiter holte. Der ist Ende 30, unkompliziert und redet gerne. Jens war er sofort extrem unsympathisch – er nennt ihn nur „den Gockel“.

Die ersten Wochen hat Jens ihn in Ruhe gelassen und kritisch beäugt. Danach war es seiner Meinung nach offensichtlich, dass der Kollege „nix kann“. Der Inhaber allerdings war angetan, sodass er jede bissige Bemerkung über den neuen Kollegen geflissentlich überhörte. So gingen die Monate ins Land. Monate, in denen Jens innerlich so hochdrehte, dass er ein Magengeschwür bekam.

Sein Problem: eine extrem hohe Identifikation mit dem Unternehmen. Gefühlt: sein Laden. Der Wunsch, in absehbarer Zeit in die Geschäftsführung aufzusteigen, war längst offen ausgesprochen. Zu gehen war für Jens keine Option. Umso schlimmer war für ihn das Gefühl, in dieser Situation gefangen zu sein.

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Spätestens mit dem Magengeschwür wurde es Zeit, die Lage mal aus anderer Perspektive zu betrachten. Das Ziel: herauszufinden, woraus das rote Tuch besteht, mit dem „der Gockel“ ihn täglich provoziert.

Dazu hat Jens angefangen, sich selbst zu beobachten. Was passiert genau, wenn der Typ den Raum betritt? Was muss er sagen, damit es sofort im Magen zieht? Das hat Jens aufgeschrieben. Jeden Abend. Und festgestellt, dass der Gockel so ziemlich alles anders macht als er: kommt scheinbar unvorbereitet in Meetings und redet drauflos – trotzdem sind nachher alle zufrieden. Oder er denkt laut über Neuerungen nach, die Jens sofort abblockt – die bei genauer Betrachtung aber gar nicht so schlecht sind. Dazu ist der Gockel provozierend entspannt und scheint in aller Ruhe seinen Weg zu gehen.

Irgendwann ist Jens klar geworden, dass er sich vielleicht ein paar Dinge von ihm abschauen könnte: Vielleicht etwas weniger angestrengt zu sein. Vielleicht auch mal fünf gerade sein zu lassen und nicht jeden Tag verbissen Zahlen zu jagen.

Wie lange das gedauert hat? Ein halbes Jahr. Der Gockel lässt Jens heute kalt. Er ist ein bisschen cooler geworden, entspannter, auch seinen Mitarbeitern gegenüber. Das Magengeschwür ist ebenfalls weg.

Was wir daraus lernen können? Dass es vielleicht doch mit uns selbst zu tun hat, wenn andere Menschen so direkt auf unsere Emotionen durchschlagen, wie der Gockel es bei Jens getan hat. Die Erkenntnis ist nützlich, weil sie uns im Fall der Fälle helfen kann, uns selbst aus diesem emotionalen Knast zu befreien. Bis dahin können Sie sich ganz entspannt zurücklehnen. Vielleicht rufen Sie Ihren lieben Kollegen derweil mal zu, dass Sie sie eigentlich ganz dufte finden.

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