• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Business as Usual

Wenn das Firmen-Ökosystem umkippt

, Anne Weitzdörfer

Unternehmen sind Ökosysteme, die viel aushalten. Aber urplötzlich können sie kippen. Von Anne Weitzdörfer

Mann mit Stress
Genug ist genug: Irgendwann sind die Mitarbeiter nur noch gestresst

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Markus ist sportlich, ehrgeizig und Mitte 30. Er wusste früh, was er wollte: surfen – und Häuser bauen. Nach dem Studium lernte er den Job in einem Architekturbüro von der Pike auf und war ansonsten auf dem Wasser. Als er nach ein paar Jahren gefragt wurde, ob er nicht zu einem renommierten Projektentwickler wechseln wolle, wollte er.

Dort übertrug man ihm direkt die Verantwortung für ein großes, bereits laufendes Projekt, in das er sich schnell einarbeitete. Deshalb war es auch nicht überraschend, dass bald ein weiteres, sehr prestigeträchtiges Objekt dazukam – das wollte Markus nicht ablehnen. Als das Ende der Probezeit verstrich, arbeitete er wie alle seine Kollegen bereits rund um die Uhr. Gesagt hat er dazu nichts, erst mal Leistung zeigen.

Alle hatten Angst

Als ich in das Unternehmen kam, um bei der Optimierung von Arbeitsabläufen zu helfen, machte alles einen extrem professionellen und doch irgendwie merkwürdigen Eindruck. Trotz eines überschaubaren Teams wurde immer alles schriftlich aufbereitet. Vor dem Termin verschickt. Im Termin abgestimmt. Im Protokoll festgehalten. Irgendwie überdimensioniert und beklemmend. Es hat eine Weile gedauert herauszufinden, warum das so war: Alle hatten Angst. Die Mitarbeiter vor dem wenig fehlertoleranten Geschäftsführer, und der wiederum vor dem ausländischen Investor.

Capital 06/2016
Die aktuelle Capital

Da wundert es nicht, dass das Nichterreichen der vorgegebenen Ziele generell keine Option darstellte. Genauso wenig wie das offene Ansprechen, dass sowohl die physische als auch die psychische Belastungsgrenze nahezu aller Mitarbeiter seit geraumer Zeit überschritten war. Am Ende war es Markus, der mit einem akuten Erschöpfungszustand auf der Baustelle zusammenbrach. Offenbar augenöffnend, denn binnen sechs Wochen kündigte ein Drittel der Mannschaft.

Was hier passiert ist? Ich glaube, die Organisation ist schlicht gekippt. Wie ein Badesee bei zu viel Sonnencreme. Denn bei aller wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist jedes Unternehmen auch ein empfindliches Ökosystem, in dem einige Faktoren stimmen müssen, damit es im Gleichgewicht bleibt. Und auch wenn rückblickend natürlich jeder gemerkt hat, wie es aus dem Gleichgewicht geraten ist, und der Geschäftsführer sich Vorwürfe macht: Gesagt hat keiner etwas.

Klar wissen Sie, dass jetzt die Frage nach Ihrem Ökosystem kommt: Drehen Sie doch mal eine Runde, messen den pH-Wert beim Pförtner, den Azubis und in der Kantine. Und nehmen das ungefiltert mit in die nächste Leitungsrunde. Kann nachher zumindest keiner sagen, er habe es nicht gewusst.

Markus hat gekündigt und war ein paar Monate surfen auf Hawaii. Und ist danach zu seinem alten Arbeitgeber zurückgegangen. Sein Job ist ihm nach wie vor wichtig. Alles andere aber eben auch.

Die Kolumne Business as Usual erscheint jeden Monat in Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.

Weitere Kolumnen von Anne Weitzdörfer: Wertschätzung bei der Personalsuche, Wenn Kollegen verrückt spielenBitte nicht zu viel Abstand halten, Gebrauchsanweisung für die Kollegen, Verteidigen Sie Ihren Terminkalender, Crash der Generationen, Mit kleinen Schritten zum Ziel

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen:


Artikel zum Thema
Autor
  • Business as Usual
Die Tücken der Selbstständigkeit

Nicht nur Selbstständige müssen lernen, ihr schlechtes Gewissen zu ignorieren – und sich selbst besser zu managen. Von Anne WeitzdörferMEHR

  • Business as Usual
Warum Manager Vorurteile ablegen sollten

Es macht das Arbeitsleben deutlich leichter, wenn man anderen nicht immer das Schlechteste unterstellt. Von Anne WeitzdörferMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.