• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Reportage

Kubas nächste Revolution

, Jan Christoph Wiechmann

Wenn Che Guevara das wüsste: Kuba nimmt diplomatische Beziehungen mit den USA auf – und entdeckt den Kapitalismus. Ärtze gründen Firmen, Beamte machen sich selbstständig.

Eine Installation zu Ehren von Che Guevara am Platz der Revolution in Havanna © Getty Images
Eine Installation zu Ehren von Che Guevara am Platz der Revolution in Havanna

Irgendwo dort drüben stehen sie bereit, die Autofirmen, Fluglinien, Fährschiffe, die Investoren und Touristen. Die Retter Kubas, glaubt Enrique Nuñez. Oder aber die Zerstörer.

Der Unternehmer blickt sehnsüchtig hinaus aufs Meer. Ein stürmischer Tag geht zu Ende, hohe Wellen brechen am Malecón. Nuñez will nicht „rübermachen“ nach Florida wie so viele andere. Er will die Amerikaner eher hier. Er hofft auf die Investitionen, von 5 Mrd. Dollar ist die Rede. Und er hofft auf Touristen, fünf Millionen im Jahr sollen es werden.

Dann, so glaubt er, ist auch der politische Wandel nicht mehr aufzuhalten. Der Boom wird über alles hinwegrollen, auch das Politbüro.

"Das neue Kuba"

Enrique Nuñez steht an der Bar seiner Dachterrasse hoch über Havanna. Hier oben in der Abenddämmerung hat er einen magischen Blick über die Stadt: links das baufällige Zentrum, rechts die renovierte Altstadt, hier das Grau des Sozialismus, dort die Pastellfarben des Wandels. „Wir sind gerade irgendwo dazwischen“, sagt er. „Mitten auf dem Weg.“

Es ist 19 Uhr an einem Freitag, die Sonne ergibt sich der Nacht, Rumbatöne auf der Straße lösen den Baulärm ab. Die ersten Bargäste treffen ein, Touristen aus Kanada, Spanien und zunehmend aus den USA, dazu neureiche Kubaner, vor allem Künstler und Jungunternehmer. Nuñez nennt sie: „Das neue Kuba.“

Er ist selber einer dieser Erfolgreichen, die sich ihre Nische im tropischen Sozialismus geschaffen haben. Sein Privatrestaurant La Guarida ist immer voll, eines jener paladares, die die Regierung in den 90er-Jahren ­zuließ. Seines trägt die sehr unsozialistische Auszeichnung: „Loved by Luxury Travel Intelligence“.

Fachsprache des Kapitalismus

Nuñez wünscht sich Amerikas Massen und Milliarden nicht etwa für sich, ihm geht es gut. Er wünscht sie sich fürs Land. Mit jedem Touristen kämen neue Impulse, mit jedem Unternehmen neue Ideen, mit jeder Investition steige der Druck aufs Regime, endlich Internet zuzulassen, neue Hotels, mehr Privatinitiative. Wenn die Staatsführung sich nicht von selber reformiere, werde der neue Input das eben erledigen.

Nuñez sagt „Input“. Er spricht von „Incentives“ und „Multitasking“. Er hat keine Angst mehr, die Fachsprache des Kapitalismus zu benutzen. Nuñez gehört zu jenen unerschrockenen Unternehmern, die die Ideen des Sozialismus „gut“, die Umsetzung aber „miserabel“ nennen. Seit 20 Jahren ist er nun im Geschäft und hat alle Stufen der kubanischen Privatisierung erlebt: zunächst die Schikanen durch den Staat, dann den zaghaften Aufbruch, erste Konzessionen, Experimente mit der Perestroi­ka, endlich wirtschaftlichen Erfolg, auch Wohlstand, und heute: Stress.

[Seitenwechsel]

Alt trifft neu: Männer waschen in Havanna ihre Karossen. Rechts eine der typischen alten Kisten, links bereits der neue Importschick © Sven Creutzmann
Alt trifft neu: Männer waschen in Havanna ihre Karossen. Rechts eine der typischen alten Kisten, links bereits der neue Importschick

Er muss das Gespräch unterbrechen. Ein japanisches TV-Team hat sich angekündigt. Und eine Handelsdelegation aus den USA. Es beginnt die Zeit der Goldgräber. Sie wedeln jetzt mit Dollarbündeln. Er weiß: Es wird darum gehen, den ersten Verlockungen zu widerstehen.

Nuñez’ koloniale Mehrfamilienvilla ist eine der schönsten der ganzen Stadt. Wenn man so will, steht sie für ganz Kuba, für 59 Jahre Sozialismus. Fidel Castro soll hier einst gewohnt haben.

Im ersten Stock wohnen die Bewohner noch eng an eng, in ärmlichen Wohnungen, in jenem morbiden Zerfall, den Touristen so charmant und Bewohner so beschwerlich finden. An der blätternden Wand stehen die Parolen der Revolution, die für die Jugend inzwischen so uninspirierend sind wie Fahrstuhlmusik: „Ohne Gerechtigkeit wollen wir kein Leben“ – Fidel Castro.

Amerikas Party- und Urlaubsinsel

Auf der mittleren Etage befindet sich Nuñez’ Restaurant. Eine Hommage an das brummende Havanna der 20er-Jahre. Überall res­taurierter Stuck, große Wandgemälde und Mosaikkacheln, die die Besucher – unter ihnen Jack Nicholson und Steven Spielberg – zurückführen in eine präsozialistische Zeit. Der preisgekrönte Film „Erdbeer und Schokolade“ wurde hier gedreht.

Und ganz oben: das neue Kuba, eine schicke Rooftop-Bar mit LED-Lampen und weißen Designermöbeln, wie sie auch in Brooklyn oder Barcelona stehen könnten. Ein Vorgeschmack darauf, wie es hier aussehen könnte, wenn Werbeagenturen einzögen und Kuba wieder zu Amerikas Party- und Urlaubsinsel würde.

Überall Aufbruchsstimmung

Im Jahr 26 nach Ende des ­Kalten Krieges ist die Aufbruchsstimmung überall zu spüren. Nicht in offiziellen Interviews oder am Stammtisch – zu groß ist noch immer die Angst vor den allgegenwärtigen Informanten. Dafür aber in Dutzenden Einzelgesprächen mit Kubanern, in den Zehntausenden Bewerbungen für Unternehmenslizenzen, im Eifer einer neuen Unternehmergeneration. Es geht ihnen nicht in erster Linie um regime change, es geht ihnen um wirtschaftliche Chancen, um bessere Gehälter, eine Perspektive.

Derzeit vergeht keine Woche, ohne dass die USA das Embargo weiter lockern. Fast täglich landen Handelsdelegationen aus den USA. Gerade erst hat Washington den Fährverkehr erlaubt. Fluggesellschaften arbeiten längst an festen Routen, aus Südflorida und New York gehen schon jetzt täglich Charterflüge auf die Insel. Noch müssen Amerikaner ihren Trip als Kulturreise deklarieren, aber eine schriftliche Erlaubnis brauchen sie nicht mehr. Der Tourismus ist Kubas Haupteinnahmequelle, knapp drei Millionen Touristen bringen jedes Jahr mehr als 2 Mrd. Dollar in die leeren Staatskassen.

[Seitenwechsel]

Kuba ist berühmt für seine Zigarren. Immer noch müssen die Tabakpflücker die Ernte an den Staat abgeben © Sven Creutzmann
Kuba ist berühmt für seine Zigarren. Immer noch müssen die Tabakpflücker die Ernte an den Staat abgeben

Auch die großen US-Unternehmen stehen bereit. Nach Berechnungen der US-Handelskammer sind ihnen durch das Embargo pro Jahr 1,2 Mrd. Dollar entgangen. Nicht nur Exilkubaner warten auf die Öffnung, sondern auch Caterpillar und General Motors, Agrarkonzerne und Hersteller von Klimaanlagen wie Watsco, die Nummer eins in der Welt. Allein die republikanische Mehrheit im Kongress blockt noch eine vollständige Aufhebung des Embargos.

Die Amerikaner stehen jedoch vor einer großen Herausforderung, unter der schon die Europäer gelitten haben. Das Telekommunikationsnetz ist eine Katastrophe. Das Hotelangebot zu gering (nur 60 000 Betten). Mastercard und American Express erlauben jetzt Zahlungen, aber kubanische Geschäfte sind darauf nur schlecht vorbereitet. Nicht wenige Investoren sind an der Bürokratie gescheitert. Deswegen schaffen sie jetzt im Hafen Mariel, 30 Kilometer westlich von Havanna, eine „Free Port Zone“, unter Leitung Singapurs und mit finanzieller Hilfe Brasiliens. 

Aus Häusern werden Spekulationsobjekte

Seit Raúl Castro seinen Bruder Fidel 2008 an der Staatsspitze ablöste, hat er eine Reform nach der anderen durchgesetzt. Viel zu zaghaft, sagen Kritiker. Ziemlich rasant für ein Land wie Kuba, sagen andere, wo Fidels Wirtschaftspolitik oft eher utopistische als sozialistische Züge trug. Aus Staatsbetrieben werden nun Kooperativen. Aus Beamten Kleinunternehmer. Aus Wohnungen Pensionen. Aus Hauseingängen Nagelstudios. Aus Häusern Spekulationsobjekte.

Wie der Wandel funktioniert, lässt sich gut bei Coppelia beobachten, einem der bekanntesten Staatsbetriebe Kubas. Berühmt wurde der Eishersteller ebenfalls durch „Erdbeer und Schokolade“. Im Film geht es darum, dass Kubaner bei Coppelia immer nur die Wahl zwischen zwei Sorten haben. 

Der Sozialismus hat verloren

Das ist heute kaum anders: Es gibt Vanille und Erdbeer im Angebot. Dennoch stehen Kubaner schon morgens um 9 Uhr Hunderte Meter an, um einen Platz zu ergattern.

Touristen dagegen werden an der Schlange vorbeigeleitet und bekommen sofort einen Platz im Café. Sie haben zudem die Wahl zwischen Haselnuss und Ananas-Apfelsine. Die Verkäuferin Maria arbeitet seit 19 Jahren bei Coppelia. Ihren vollständigen Namen will sie – wie die meisten – nicht nennen. Sie sagt: „Für Touristen gibt es immer mehr Sorten und bessere Qualität. Aber selbst die ist schlechter geworden. Wir verringern ständig den Milchanteil. Es gibt so gut wie keine Milch mehr.“ Es sei wie überall: „Geld regiert. Das ist auch in Kuba nicht anders.“

Auf der angeblich klassenlosen Insel herrscht allerorts ein Zweiklassensystem. Hotels sind jetzt zwar auch für Einheimische zugänglich, leisten aber können sie sich nur Touristen und Exilkubaner. Die besten Restaurants stehen theoretisch allen offen, aber wie soll sich ein Lehrer einen Besuch leisten, dessen Monatsgehalt von 20 Dollar nicht mal für eine Vorspeise reicht? Überall sind Kubaner umgeben von den neuen Oasen des Wohlstands, die ihnen aufzeigen, was sie im Leben so alles verpassen. Und deren Botschaft lautet: Der Sozialismus hat verloren.

[Seitenwechsel]

Hoffen auf einen US-Investor

Noch hängen bei Coppelia am schwarzen Brett die Artikel aus der Parteizeitung „Granma“ über den Máximo Líder, Überschriften wie „Fidel ist einzigartig“. Daneben das Planziel für 2015: 21 518 747,00 Pesos. Doch in diesem Jahr soll die Umwandlung in eine Kooperative abgeschlossen werden, erzählt Maria. „Wir sind voller Hoffnung, aber auch Sorge. Hoffnung, dass die Gehälter endlich steigen, bisher sind es 18 Dollar im Monat. Und Sorge, weil wir jetzt auf eigenen Füßen stehen müssen. Wir haben das nie gelernt. Wo sollen wir etwa Milch herbekommen, wenn der Staat sie uns nicht mehr gibt?“

Sie hofft da wie andere auf einen Investor aus Amerika. Einen, der seine eigene Milch mitbringt.

1968 wurde auf Kuba jeder Job verstaatlicht. Jetzt drehen sie das Rad zurück. Das Staatsmonopol bröckelt, die Revolution wird Stück für Stück eingeholt, jede Reform ein Schuldeingeständnis, dass der Socialismo Tropical so nicht funktioniert. 

Typische Straßenszene aus Havanna. Schon bald könnten die morbiden Gebäude das Interesse von Immobilienspekulanten wecken © Sven Creutzmann
Typische Straßenszene aus Havanna. Schon bald könnten die morbiden Gebäude das Interesse von Immobilienspekulanten wecken

An seine Stelle tritt ein Kapitalismus der eigenen Art. Am stärksten fällt dies in Havannas Altstadt auf. Seit der Staat eine halbe Million Lizenzen im Privatsektor vergeben hat, bilden sich an allen Ecken Nagelstudios, Werkstätten für Handys, Pensionen, Cafés, improvisierte Antikstände, oft ermöglicht durch den Cashflow der Familienmitglieder in den USA. Bis zu 8 000 Dollar pro Jahr wird jeder US-Bürger bald schicken dürfen (bisher 2 000). Schon jetzt fließen auf diese Weise 2,5 Mrd. Dollar ins Land.

Hier in der Altstadt arbeitet der wohlhabende Friseur Luis, der einst Internist war und heute sein Geld durch Schwarzarbeit verdient. Mit dem Profit wiederum kauft er Häuser. Hier lebt die promovierte Historikerin Sonia, die Taxi fährt und damit das Zehnfache verdient. Und der ehemalige Geologe Martín, der heute, ein Jahr nach Freigabe des Immobilienmarkts, Wohnungen verscherbelt – vor allem an Spanier, Italiener und Amerikaner, die in Havanna den großen Boom wittern. 

Keiner arbeitet sich zu Tode

Es ist ein Braindrain der besonderen Art, ein Braindrain Cubano. Die Regierungspolitik hat aus Akademikern in kurzer Zeit fuchsige Unternehmer gemacht, die in erster Linie ans eigene Überleben denken. Kinder des Kommunismus, die Fidel Castro, 88, verabscheuen würde.

Spricht man mit den Anhängern des Systems, so haben die meisten nichts gegen ausländische Investoren. Sie haben auch nichts gegen die USA, einst ihr Feind Nummer eins. Aber sie wehren sich gegen eine „feindliche Übernahme“, gegen den Ausverkauf der Insel inklusive ihrer Werte. Keiner hier hungert wie nebenan in Haiti, argumentieren sie. Keiner mordet wie drüben in Mexiko. Keiner arbeitet sich zu Tode wie in den USA. Es sterben weniger Säuglinge als in Amerika, und auch die Zahl der Analphabeten ist geringer. „Diese Kernstücke“, sagen sie, „müssen wir retten.“

[Seitenwechsel]

Es fehlt an allem - selbst an tropischen Früchten

Eine Fahrt raus aufs Land, auf einer leeren Autobahn, wo sich die alten Chevrolets der 50er-Jahre am Tempolimit versuchen, vorbei an Zuckerrohrfeldern und alten Fabriken, aus denen dichter Qualm steigt. Höher noch als in Havanna sind die Erwartungen auf dem Land. Aber die Menschen wissen nicht, was sie erwarten sollen. Zu oft sind sie enttäuscht worden. Ihre alten Maschinen geben den Geist auf, oft sind sie noch mit Ochs und Esel unterwegs. Von der Ernte dürfen Bauern nur eine Kleinigkeit behalten, das meiste müssen sie zu Schleuderpreisen an den Staat abgeben. 80 Prozent der kubanischen Nahrungsmittel werden importiert.

Nirgends wird es so deutlich wie hier: Kuba ist ein Land, in dem es an allem fehlt – Ersatzteilen, Maschinen, Milch, Mut. Selbst an tropischen Früchten. Sie wandern in die Hotels.

Hintergarten reicher Amerikaner

Den größten Optimismus findet man tief im Westen, in der Provinz Pinar del Río, wo Kubas wichtigste Markenartikel, Cohibas und Montecristos, herkommen. Seit Januar dürfen US-Touristen endlich Zigarren in die Staaten mitnehmen, im Wert von 100 Dollar. Wenn das Embargo fällt, so träumen sie hier, wird diese blühende Landschaft, zwischen sanften Hügeln gelegen, der Hintergarten für reiche Amerikaner. „Aber abgeben werden wir die Führung nicht“, sagt der Tabakbauer Alfredo. „Der Besitz bleibt bei uns.“

Alfredo, ein kräftiger Mann mit buschigem Schnurrbart, schneidet und rollt seit mehr als 40 Jahren Tabak, er arbeitet in einer kleinen Kooperative. Fast die gesamte Ernte müssen sie an den Staat abgeben – „eine große Ungerechtigkeit“, findet er. „Aber für die Zukunft stehen wir bestens da. Was weiß die Welt schon über Kuba? Rum und Zigarren und vielleicht noch Rumba.“ Alfredo setzt auf den großen Aufschwung, wenn der Staat die ersten Kooperativen endlich in Privathände übergibt. Er rechnet vor: Wenn er erst sein eigenes Stück Land hat und das Embargo fällt, kann er in einem Monat so viel verdienen wie in 40 Jahren zuvor.

Kuba braucht eine Landreform

Dafür bräuchte es eine Landreform, und von dieser ist Kuba derzeit noch genauso weit entfernt wie von einem Mehrparteiensystem oder der liberalen Marktwirtschaft. Alfredo muss durchhalten. Aber Raúl Castro und Obama müssten sich schon etwas beeilen, sagt er. Er ist schon 64.

Was er dann machen würde?

„Einen Ausflug“, sagt er. Er lebt zwar auf einer Insel, aber er war noch nie am Strand.

Die Reportage „Wenn Che das wüsste" ist zuerst in Capital 06/2015 erschienen.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.