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Weinbau Ost

, Jens Brambusch

Osteuropa steht für vieles, aber nicht für Spitzenweine. Doch mutige Investoren und renommierte Winzer haben das Potenzial des Terroirs erkannt. Und bauen Wein an, der mit den großen Tropfen mithalten kann

Das Bessa Valley in Bulgarien. In Thrakien wurde schon vor 3500 Jahren Wein angebaut © Stephanie Füssenich
Das Bessa Valley in Bulgarien. In Thrakien wurde schon vor 3500 Jahren Wein angebaut

Die wenigen Gäste tuscheln, schauen immer wieder zu dem merkwürdigen Deutschen, der hinter einer Mauer aus Weinflaschen fast verschwindet. Acht Flaschen hat Karl Heinz Hauptmann mit ins Restaurant gebracht, sie vom Kellner öffnen lassen, zum Atmen.

Dazu noch die besten Flaschen aus dem Sortiment des Hauses geordert – und etliche Gläser. Vier davon stehen gefüllt vor ihm. Er begutachtet die Korken, dann schwenkt er den Wein im Glas, riecht, nippt, spuckt ihn in einen Napf aus. Vergleicht. Glas für Glas. Kreuz und quer. Immer wieder. Keine Miene verzieht er.

Das Kalbsfilet im Salzmantel ist längst erkaltet. Ein, zwei Bissen hat Hauptmann nur genommen und sich wieder dem Wein gewidmet. „Das ist kein Kalb, das Tier war zwei Jahre alt“, hatte er emotionslos gesagt und den Teller beiseitegeschoben. Er mäkelte nicht, er stellte nur fest. Wie er von allem feste Vorstellungen hat. Daran lässt er keinen Zweifel. Sein Tag ist durchgetaktet, in kurzen Intervallen. Abwechselnd schaut er auf sein altes Nokia-Handy und sein Smartphone. Tippt Botschaften um den Globus.

Ein Projekt mit Graf von Neipperg

Keine 24 Stunden ist Hauptmann in Bulgarien. Am Mittag kam er aus Wien, am frühen Morgen geht es weiter nach Prag. Legeres Hemd zu Jeans, darüber Daunenjacke gegen die eisige Kälte. Plötzlich schnippt er im Stakkato mit seinem Fingernagel gegen das Glas ganz rechts. „Du hast recht. Verdammt noch mal, du hast recht. Das ist der Beste. Beautiful!“ Der kräftige Mann neben ihm lächelt zufrieden. Hauptmann lehnt sich zurück, verschränkt kurz die Arme vor der Brust, schüttelt kaum merklich den Kopf, als könne er es nicht fassen, um sofort wieder zum Stift zu greifen.

Auf einem winzigen Zettel kritzelt er „Syrah 2013“ zwischen andere Zeilen, dahinter eine Eins, umkreist sie. „Noch mal: ‚Syrah 13‘ vor ‚Grande Cuvée 11‘ vor ‚Enira 13‘. Richtig?“ Ivaylo Antonov, der Mann neben ihm, nickt. Er ist der Manager des Weinguts Bessa Valley, das Hauptmann zusammen mit dem Winzer Stephan Graf von Neipperg in Bulgarien betreibt.

„Wie viele Flaschen haben wir vom Syrah, wie viele vom Enira? Zu welchem Preis verkaufen wir die?“, hakt Hauptmann nach. Man kann sehen, wie es hinter seiner hohen Stirn rattert, er kalkuliert. Dann lächelt er kurz. In diesem Moment erinnert er ein wenig an Phil Collins.

Querdenker im Weinberg

Hauptmann hat einen guten Riecher für Investments. Sein Partner, Graf von Neipperg, die Nase für Spitzenwein. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs waren sie die Ersten, die nach Bulgarien kamen, um dort Wein zu kultivieren. Als sie Erfolg hatten, kamen andere nach. Winzer von Weltruf, wie der Franzose Michel Rolland vom Weingut Château Le Bon Pasteur im Pomerol.

Hauptmann brauchte nicht viele Argumente, um seinen Freund Graf von Neipperg für Bulgarien zu begeistern. Der aus Württemberg stammende Adelige besitzt sieben Châteaus im Bordelais.

Er gilt als einer der besten und kreativsten Köpfe der Szene. Als Querdenker im Weinberg. Einige der teuersten Weine stammen von ihm – wie der 2000er La Mondotte. 400 Euro kostet die Flasche. Und er kennt sich aus mit der Historie des Weins.

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Karl Heinz Hauptmann im Weinkeller © Stephanie Füssenich
Karl Heinz Hauptmann im Weinkeller

Thrakien - Wiege des Weinbaus

Thrakien, eine Landschaft im Osten Bulgariens, kurz vor der Grenze zur Türkei und Griechenland, gilt als die Wiege des Weinbaus. Schon vor 3 500 Jahren wurden hier Trauben angebaut. An diese Tradition will von Neipperg anknüpfen, sie revitalisieren. Unter kommunistischer Herrschaft verkümmerte das Winzertum. Dabei war Bulgarien noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der viertgrößte Weinproduzent der Welt. 1986 ließ die Regierung die meisten Weinstöcke sogar roden. Viele wurden schwarz bewirtschaftet. Für die neuen Winzer ein Glücksfall. Die Böden konnten sich erholen, und mit der Rodung wurden die Schädlinge gleich mit vernichtet.

Hauptmann ist ein Mann der Zahlen. Die Liebe zu gutem Wein entdeckte der gebürtige Hesse aus dem Spessart erst spät. Mit Bier und Äppelwoi sei er aufgewachsen, sagt der 55-Jährige. Anfang der 90er-Jahre, da war er Investmentbanker bei Merrill Lynch in London, begeisterten ihn bei einem Dinner japanische Partner für gute Tropfen.

Mittlerweile hat Hauptmann einen privaten Weinkeller mit 16 000 Flaschen. Jedes Jahr kauft er 1 000 dazu. Meist Zweitweine erstklassiger Châteaus. Oder Weine unbekannter Winzer, deren Reben neben den großen Weingütern liegen. „Gleiche Lage, gleicher Boden, aber günstiger“, sagt Hauptmann. Alle unter 100 Euro.

Viel Fläche für wenig Geld

Hauptmann lebt in Wien. Oder Prag. So genau kann er das gar nicht sagen. Zudem hat er Häuser in Israel und Argentinien, die er mit Frau und seinen vier Kindern bewohnt. Mitte der 90er-Jahre erkannte er das Potenzial des Balkans. „Viel Fläche für wenig Geld. Günstige Arbeitskräfte. Optimal für die Massenproduktion. Die Assets stimmten“, sagt der Investor. Er kaufte zunächst 18 000 Hektar und baute Weizen an, beteiligte sich an Fabriken und auch an einem Weingut. „Aber mein bulgarischer Partner hat mich beschissen, in die eigene Tasche abgefüllt. Da bin ich gleich wieder raus.“

Hauptmanns Sätze peitschen wie Gewehrkugeln. Kurz, knapp, geradeaus. Viel Info mit wenig Worten. Überall auf der Welt investiert er. In Prag besitzt er den größten Biergarten der Stadt, Tausende Rinder in Argentinien, er hat Anteile an einer Pharmafirma in den Niederlanden, die sich auf Cannabis-Produkte spezialisiert hat. Und mit zwei Partnern hauchte er dem Hotel Zoo am Berliner Kurfürstendamm neuen Glanz ein. 2015 wurde das Haus zur Hotel­immobilie des Jahres gekürt.

Und dann ist da natürlich noch der Wein. Trotz der anfangs schlechten Erfahrungen.

Spurensuche in Bulgarien

1999 reiste Hauptmann mit Graf von Neipperg durch Bulgarien, auf der Suche nach dem optimalen Standort. Etwa 130 Kilometer südöstlich von Sofia wurden sie fündig. Das Tal Bessa schien wie geschaffen. Leichte Hanglage, unweit eines Flusses, ausreichend Regen und umgeben von Bergen, auf deren Anhöhen aufgeschüttete Hügelgräber früherer Fürsten von der Geschichte Thrakiens erzählen. Das Klima erlaubt es den Trauben, zwei bis drei Wochen länger zu reifen als im Bordelais.

Graf von Neipperg war begeistert. Er nahm Bodenproben, ließ sie analysieren. Sandiger und steiniger Lehm, vermischt mit Kalksteinen. Ein perfektes Terroir, ähnlich dem im Bordelais. Perfekt. Sie hatten ihren Weinberg gefunden.

300 Hektar kauften sie von über 1 000 Grundbesitzern zusammen. 134 Hektar bepflanzten sie mit einjährigen Weinstöcken, die sie aus Frankreich importierten. 700 000 Pflanzen, 5 000 auf jeden Hektar. Etwas weniger als im Bordelais, da die Temperaturen in Bulgarien im Sommer bis auf 40 Grad klettern. Die Hälfte Merlot, ein Viertel Syrah, der Rest Petit Verdot und Cabernet Sauvignon. Das war 2001. Knapp 16 Mio. Euro investierten sie in den Weinberg. Weitere 2 Mio. Euro kamen von der EU, weil über 40 Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Konkurrenz für große Franzosen

Drei Jahre ließen sie die Rebstöcke wachsen. Als sie prächtig gediehen, bauten sie das Weingut. Ein weitläufiger Komplex aus hellen Steinen vom Schwarzen Meer, der über dem Weinberg thront. Sie gaben ihm den Namen Bessa Valley. Der Keller fasst 105 Tanks mit jeweils zehn Kubikmetern. In knapp 1 000 Fässern aus französischer Eiche reifen die Weine.

650 000 Flaschen produziert Bessa Valley pro Jahr. Schon bald sollen es mehr werden. „Wir sind schwarz“, sagt Hauptmann. „Jetzt können wir wachsen.“ Sie wollen es mit Weißwein versuchen.

Mehrmals im Jahr reist Graf von Neipperg nach Bulgarien, fast täglich steht er im Kontakt mit Kellermeister Svetlozar Dzhurov, lässt sich Proben der einzelnen Fässer schicken, gibt Tipps zum Ausbau.

Die Weine aus Thrakien können auch gegen die großen Franzosen bestehen, das zeigen die Bewertungen des renommierten Weinkritikers Robert Parker. Regelmäßig erreichen Weine aus Bessa Valley über 90 von 100 möglichen Parker-Punkten – und gelten somit als „hervorragend“. In Blindverkostungen, sagt Hauptmann, hätte er mehrmals erlebt, dass Weinkenner sicher seien, sie hätten einen Pomerol im Glas.

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Zusammen mit Graf von Neipperg betreibt Hauptmann das Weingut © Stephanie Füssenich
Zusammen mit Graf von Neipperg betreibt Hauptmann das Weingut

88 000 Flaschen für die Lufthansa

Den Großteil der Flaschen verkauft Bessa Valley in Bulgarien. Und das, obwohl die Weine für bulgarische Verhältnisse sehr teuer sind. Den Standardwein Enira gibt es für knapp 10 Euro im Handel, den Reserva für 20 Euro, und der Grande Cuvée, den Graf von Neipperg jedes Jahr kreiert, kostet um die 30 Euro.

Japan ist der größte Abnehmer auf dem Weltmarkt. Über 100 000 Flaschen werden dort im Jahr verkauft. Gefolgt von China und Hongkong. Hauptmann hat dafür eine einfache Erklärung. „In Japan kaufen die Frauen ein“, sagt er. Und die kauften nicht nach Labels, sondern nach Geschmack. In Japan sei es üblich, einen Wein vor dem Kauf zu verkosten.

Ähnliche Erfahrungen hätte auch die Lufthansa gemacht. 88 000 Flaschen hatte die Gesellschaft für ihre Businessclass geordert. Nur zögerlich hätten die Passagiere über den Wolken zu dem Bulgaren gegriffen, seien dann aber bei ihm geblieben. „Zu 70 Prozent“, sagt Hauptmann stolz. Deutlich mehr als bei den anderen angebotenen Weinen. Nach neun Monaten war die letzte Flasche getrunken.

Schwieriger deutscher Markt

Auf dem deutschen Markt sind die Weine aus dem Bessa Valley noch weitgehend unbekannt. Nur etwa 20 000 Flaschen verkauft das Weingut über den Händler Hawesko, zu dem auch Jacques’ Wein-Depot gehört. „Deutschland ist ein schwieriger Markt“, sagt Hauptmann. Die meisten Kunden wollen nicht mehr als 5 Euro pro Flasche ausgeben. Und bei teureren Weinen gebe es immer noch eine Hemmschwelle – gerade bei Marken aus Osteuropa.

Das gelte für Bulgarien, aber noch viel mehr für rumänische Weine, sagt Hauptmann. „Das Image ist eine Katastrophe.“ Und das trotz guter Bewertungen und eines vergleichbar günstigen Preises.

Nach den Erfahrungen, die er mit Bessa Valley gewonnen hatte, baute Hauptmann nach dem gleichen Prinzip das Weingut Alira in Rumänien auf. Allerdings ohne seinen Partner Graf von Neipperg. In der Region Aliman südlich der Donau bebaut er seit 2006 weitere 80 Hektar – ebenfalls mit Reben aus Frankreich. 2009 brachte er den ersten Jahrgang, einen Merlot, auf den Markt. Mittlerweile produziert er 400 000 Flaschen im Jahr.

Koscher gegen die Krise

Um den Absatz zu sichern, hat Hauptmann im vergangenen Jahr einen Rabbi engagiert und einen Großteil der Produktion auf koscher umgestellt. Nur orthodoxe Juden dürfen jetzt mit den Trauben in Berührung kommen, an Feiertagen darf nicht geerntet, auf Gelatine zur Filterung muss verzichtet werden und die Pressung der Trauben muss langsamer laufen. Regeln, damit der Wein als koscher gelten darf. Abnehmer findet der Wein nicht nur in Israel, vor allem liefert Alira nach Polen, Frankreich und Großbritannien.

Mit den Erfahrungen aus Osteuropa zog es Hauptmann zuletzt noch weiter gen Osten. Nach China. Auch dort baute er ein Weingut auf. Er pachtete für 83 Jahre 80 Hektar Land in der Provinz Shandong, errichtete das Chateau Nine Peaks nach französischem Vorbild. 320 000 Flaschen produziert er derzeit. Namhafte Nachbarn hat Hauptmann. Die Familie Rothschild und Winzer aus dem Napa Valley. Und einen ehemaligen Kollegen. Den schottischen Investmentbanker Chris Ruffle, der auf seinem Weinberg gleich ein ganzes schottisches Schloss bauen ließ.

Der nüchterne Zahlenmann gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem Wein erzählt. „Aber Wein ist nicht mein Hobby“, sagt Hauptmann, „sondern meine Altersversorgung.“

20 Mio. Euro hat er investiert. Ein langfristiges Investment, das sich jetzt bereits auszahle. „Die Preise für osteuropäische Weine werden in den nächsten Jahren steigen“, sagt er. Bis dahin gebe es eben Genuss zu kleinen Preisen.

Die Reportage ist zuerst in Capital 2/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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