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Was wir aus den Crashs lernen können

, Christian Schütte

Der Finanzmarktforscher und Wirtschaftshistoriker Benjamin Friedman über die Lehren aus den großen Crashs der Geschichte

Börsencrash © Picture Alliance/AP
1929: Am schwarzen Donnerstag versammeln sich viele besorgte Bürger an der New Yorker Börse

Benjamin Friedman ist Professor für Politische Ökonomie in Harvard. In Frankfurt hat er im Oktober eine Gastprofessur für Financial History angetreten, die von den Privatbanken Metzler und Edmond de Rothschild gestiftet worden ist.Benjamin Friedman ist Professor für Politische Ökonomie in Harvard. In Frankfurt hat er im Oktober eine Gastprofessur für Financial History angetreten, die von den Privatbanken Metzler und Edmond de Rothschild gestiftet worden ist.


„Kaum etwas hat die Menschheit, hat Fortschritt, Wohlstand und Verderben so geprägt wie die großen Krisen, Crashs und Paniken. Und wer sich genauer damit beschäftigt, wird Muster erkennen. Dass etwa Spekulationsblasen unvermeidlich sind. Dass Banken pleitegehen können. Staaten sowieso. Dass die Erholung nach großen Krisen wie der Lehman-Pleite langsam und schmerzhaft ist.“ (Auszug aus dem Editorial von Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar zum Capital-Sonderheft History über die großen Krisen der Weltwirtschaft)

Capital: Professor Friedman, nach der jüngsten Finanzkrise wurde oft gesagt, nichts sei für Anleger teurer als der Satz: „Dieses Mal ist alles anders.“ Warum lernen wir offenbar so wenig aus der Geschichte?

Friedman: Die Lehre aus der Geschichte ist ja nicht, dass es niemals Neues unter der Sonne gibt. Schauen Sie sich um: Die ganze Welt ist voller Dinge, die es vor 100 Jahren nicht gegeben hat. Ökonomisch gesprochen war vieles davon extrem profitabel. Die Idee, dass man mit Neuem sehr viel Geld machen kann, ist also nicht von vornherein absurd. Aber natürlich klappt das nicht immer. In den USA scheitern etwa vier von fünf neu gegründeten Firmen innerhalb des ersten Jahres. Trotzdem gibt es zu allen Zeiten den Ehrgeiz der Menschen, etwas Neues und Gewinnträchtiges zu finden.

Und warum wird daraus manchmal eine Art Massenwahn?

Vieles, was wir heute „Blase“ nennen, hat mit Wahn gar nichts zu tun. Nehmen Sie den vergangenen Immobilienboom in den USA. Der durchschnittliche Hauspreis stieg bis zur Finanzkrise um etwa 50 Prozent, von 200 000 auf 300 000 Dollar. Im Rückblick erweist sich, dass das nicht haltbar war. Aber es gehört viel Selbstbewusstsein dazu, vorher sicher zu sein, dass ein Preisanstieg um 50 Prozent falsch ist. Es ist einfach schwer, Vermögensgegenstände richtig zu bewerten.

Capital-History
Capital-History: Die großen Krisen der Weltwirtschaft

Es gibt doch zumindest ein paar grobe Anhaltspunkte.

Wenn Sie nicht wüssten, was die Häuser in Ihrer Nachbarschaft kosten, würden Sie sich sehr schwertun, den Wert Ihres eigenen Hauses genauer als plus/minus 50 Prozent einzuschätzen. Also schauen Sie auf die anderen Preise, aber das verlagert das Problem natürlich nur. Denn der Markt besteht ja auch nur aus Leuten, die so viel wissen wie Sie. Bewertungen sind wirklich sehr schwer. Nur im Rückblick sind wir alle schlauer. Wer die Zeitung vom Freitag schon am Montag davor haben könnte, der wäre reich.

Also mildernde Umstände für Fehlspekulationen?

Wir sollten unterscheiden zwischen denen, die ihr eigenes Geld anlegen, und denen, die mit fremdem Geld arbeiten. Oder die bestimmte Papiere erfunden oder verkauft haben. Dort gab es auch falsche Anreize.

Sind die Anreizstrukturen wichtiger als die Massenpsychologie?

Beides ist wichtig. Aber die menschliche Psychologie ist, wie sie ist, es stellt sich die Frage, was wir da eigentlich tun können. Wenn die Anreize falsch sind, kann man sie durch Regulierung verbessern.

Warum ist es so gefährlich, wenn geliehenes Geld angelegt wird?

Vergleichen Sie nur einmal die Finanzkrise 2008 mit dem Platzen der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende. Der Dotcom-Crash löste keine größere Krise aus, denn die Aktien waren meist von Privatleuten mit eigenem Geld gekauft worden. Und von Pensions- und Investmentfonds, die nicht mit Kredithebeln arbeiten dürfen. 2008 lagen die Papiere, die abgestürzt sind, bei stark gehebelten Finanzinstitutionen.

Sie reden von den Banken.

Die typische amerikanische Bank hatte einen Hebel von zwölf zu eins. Wenn Sie so ein Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital haben und Ihre Vermögenswerte sinken um zehn Prozent, dann sind Sie insolvent.

Wie lässt sich das Finanzsystem sicherer machen?

Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder man sagt: Institutionen, die im Wert stark schwankende Aktiva halten, müssen auch sehr viel Eigenkapital haben. Sie dürfen also nicht so stark gehebelt sein. Oder man sagt: Wer stark gehebelt ist, darf nur bestimmte Vermögenswerte halten, damit die Schwankungen begrenzt bleiben. Das Problem ist die Beziehung zwischen dem Hebel und der Volatilität der Anlagen.

Haben die Gesetzgeber nach dem Crash 2008/09 genug getan?

Nein. Das meiste, was wir in den USA gemacht haben, geht in die richtige Richtung. Aber ausreichend ist es nicht. 

Das Interview finden Sie im Capital-Sonderheft History, das es am Kiosk gibt, aber auch als E-Magazin bei iTunes oder als E-Book bei Amazon; Bücher.de; Buch.de; Beam; Barnes & Noble; Ciando; Ebook.de; Epubbuy; Hugendubel; Kobobooks; Thalia; Txtr; Weltbild


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