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Was sind wir für Willkommenskulturbanausen!

, Horst von Buttlar

In der Flüchtlingskrise ist mein sieben Jahre alter Sohn mein Vorbild. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

In diesem Winter, in dem unaufhörlich auf uns zurollte, was wir nur noch die Welle, die Lawine oder den Ansturm nennen, wurde mein sieben Jahre alter Sohn zu meinem Vorbild. „Ich finde es nicht schlimm, dass ich jetzt draußen Sport machen muss“, sagte er. „Es ist wichtiger, dass die Flüchtlinge einen Platz zum Schlafen haben.“

Es war ein Tag Ende November, Temperaturen um den Gefrierpunkt, ein kleiner Junge auf seinem Fahrrad sagte das. Ich war fasziniert, gerührt, und gleichzeitig schämte ich mich etwas, waren doch die Zweifel und Sorgen in mir über das, was seit Wochen in unserem Land passierte, seit einiger Zeit immer größer geworden. Ein kindliches „Wir schaffen das“ gegen das große Unbehagen.

Was sind wir nur für Willkommenskulturbanausen, dachte ich. Sind unsere erwachsenen Zweifel unberechtigt? Sind wir, die Politiker, die warnen, die vielen Konzernchefs, die jetzt schon sagen: „Wir schaffen es nie“, zu früh verzagt und entmutigt?

"Ich schaffe das"

Capital 01/2016
Die neue Capital erscheint am 17. Dezember

Ich sah die Probleme ja nicht nur im Fernsehen, sondern direkt vor meiner Haustür in Berlin-Zehlendorf, in den täglichen Entscheidungen einer in Panik geratenen Bürokratie. In einer Grundschule wurde nicht nur die Turnhalle belegt, sondern der Schulhof mit einem Zaun geteilt, ein 24-Stunden-Wachdienst marschierte auf. Die Lehrer sollten den Kindern sagen, dass sie nur noch zu zweit aufs Klo gehen dürfen – und nicht während des Unterrichts, denn da sollten die Flüchtlinge die Klos nutzen. Die Lehrer waren verunsichert, die Kinder verängstigt, Eltern liefen Sturm, darunter die gleichen Mütter, die nebenher ehrenamtlich für Flüchtlinge arbeiteten. (Zumindest die Kloregel wurde kassiert.)

Das moralische Urteil ist in diesem Fall glasklar: Schulen sind der erste Ort, an dem sich unsere Kinder entfalten, und da müssen sie sich sicher fühlen. Wenn wir Flüchtlingen helfen und dabei unseren Kindern Schaden zufügen, tut eine Gesellschaft das Falsche. Und nun also kam mein Sohn: Ich schaffe das.

Führung beginnt mit klaren Botschaften: Insofern führt Angela Merkel. Das inzwischen viel zu oft zitierte, sezierte „Wir schaffen das“ hat die Kürze und Klarheit, die eine Krise verlangt. Was hätte sie sonst sagen sollen? Wir schaffen das vielleicht/nicht/irgendwie? Nach der Botschaft aber beginnt immer die Ausführung.

Botschaften brauchen einen Rahmen

Das Problem ist nicht nur, dass Politiker wieder einmal Getriebene sind, sondern dass sie ihre Getriebenheit verstärken, durch Schattenstreitereien und Ersatzhandlungen.

Botschaften brauchen immer einen Rahmen, jeder Krisenmanager weiß das: So viele werden entlassen; hier werden wir dichtmachen; dort investieren; diese Sparte verkaufen. Der Rahmen ermöglicht alles: Motivation, Sicherheit, Zukunftsglauben. Und diesen Rahmen ist die Regierung bisher schuldig geblieben. Was sie 2016 dringend korrigieren sollte.

Ich gehe trotzdem optimistisch ins neue Jahr. Und ich wünsche Ihnen für 2016 alles Gute – weniger E-Mails, weniger Meetings, weniger Wichtigkeit und mehr Gelassenheit, weniger Businesskasperei, aber mehr Spaß und mehr Ernst. Ich wünsche Ihnen, dass Sie lieben, was Sie tun.

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