• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Thema

Was Google mit uns vorhat

, Helene Laube

Jetzt auch noch Drohnen. Gibt es einen Masterplan hinter Googles Zukäufen? Der Konzern arbeitet an einem Betriebssystem unseres Lebens.

Titan Aerospace Solara
Googles Neuerwerbung: Die Firma Titan Aerospace stellt solarbetriebene Drohnen her

Google hat wieder zugeschlagen: Der Internetkonzern hat den Drohnenhersteller Titan Aerospace übernommen. Deren unbemannte Flugzeuge sollen das Internet in die entlegensten Winkel der Erde bringen. Mit dem Projekt Loon verfolgt Google bereits ähnliche Pläne – allerdings geht es dort um Ballons, über die Internetverbindungen hergestellt werden sollen. Die solarangetriebenen Titan-Aerospace-Drohnen haben die Größe eines Mittelstreckenjets und sollen in 19 Kilometer Höhe fünf Jahre in der Luft bleiben können. Das klingt nach Science Fiction, doch angeblich sind die ersten Flugapparate schon im kommenden Jahr einsatzbereit.

Der Kauf erfüllt aber noch einen anderen Zweck, denn auch Konkurrent Facebook war an dem Unternehmen interessiert. Das soziale Netzwerk und der Suchmaschinengigant liefern sich seit Monaten einen Bieterwettstreit bei Übernahmen. Nicht alle Experten sind daher auch von Googles Zukäufen überzeugt. Sie sehen in der Einkaufstour, die von Robotertechnik über künstliche Intelligenz bis hin zu Thermostaten und Rauchmeldern reicht, nur spekulative Investments.

Larry Page und Sergey Brin © Inter Topics
Google-Gründer Larry Page

Oder gibt es doch einen Masterplan? Wer sich mit der Geschichte der IT-Ikone beschäftigt, wird bald feststellen, dass diese Frage nach dem großen Plan Google nicht das erste Mal gestellt wird. „Mir ist lieber, die Leute sind verwirrt, als dass wir unseren Konkurrenten zeigen, was wir vorhaben“, hat Google-Gründer Larry Page schon vor acht Jahren gesagt.

Die Verrücktheit ist „im Grunde eine Art Wahnsinn mit Methode“, schreibt Steven Levy in seinem Buch „Google Inside“. Schon 2005 hätten Experten bemängelt, dass Google „außer Kontrolle sei und nur noch auf Glück Versuchsballons starte“ und „Projekte wie mit einem Schrotgewehr“ angehe.

Oft aber sind diese Kritiker später verstummt. Weil Google seiner Zeit voraus war. Weil Larry Page, sein Mitgründer Sergey Brin und viele Dutzend andere geniale Köpfe mit ihrem Wahnsinn Erfolg hatten.

Google steht glänzend da

Nicht immer, es gab viele Fehlschläge, Missmut, Streit mit Wettbewerbsbehörden und Angst von Nutzern. Aber nach 16 Jahren hat Google in vielen Bereichen eine schier uneinholbare Herrschaft erlangt: 70 Prozent aller Suchanfragen laufen weltweit über Google, in Deutschland­ beträgt der Marktanteil über 90 Prozent. Wie nur wenige Unternehmen hat Google unser Leben geprägt, durchdrungen und verändert. Für viele Menschen ist Google­ das Internet. Und wenn die Server ausfallen, ist man wie gelähmt: Irgendwie ist das Internet dann kaputt.

Auch finanziell ist die Rechnung mehr als aufgegangen: Google glänzt auch mit einem Jahresgewinn in Höhe von 12,9 Mrd. Dollar. Rund 85 Prozent des Umsatzes von fast 60 Mrd. Dollar erlöst das Unternehmen durch Werbung.

Seit geraumer Zeit nun stößt Google in neues Terrain vor. Im Kern geht es noch immer um das alte Geschäft: Daten. Und mit diesen ­Daten soll Geld verdient werden. Doch Google baut an einer neuen Dimension der Vernetzung immer neuer Geräte und Applikationen – an einer Art Betriebssystem unseres Lebens.

[Seitenwechsel]

Erweiterung des eigenen Gehirns

Page sah bereits früh voraus, dass Google mehr sein würde als eine Suchmaschine, die Pioniere wie Altavista hinweggefegt hatte, weil ihr Suchalgorithmus einfach besser und die Seite nicht mit blinkenden Bannern zugemüllt war.

Sergey Brin © Getty Images
Google-Gründer Sergey Brin

Wie groß der Anspruch der beiden Gründer seit jeher war, wird vielleicht am besten in einem Schreiben der US-Börsenaufsicht deutlich. Als sie zum Börsengang 2004 eine Art Handbuch verfassten, konnte die SEC wenig damit anfangen. „Bitte überarbeiten oder entfernen Sie Aussagen wie ,ein hervorragender Dienst für die Welt‘, ,bedeutende Dinge tun‘, ,große positive Auswirkungen auf die Welt‘, ,Sei nicht böse‘ und ‚die Welt zu einem besseren Ort machen‘“, schrieben die Aufseher, die offenbar in einer anderen Welt lebten. Die Gründer waren im Kopf schon viel weiter. Die Suche „wird in das Gehirn der Menschen integriert werden“, prophezeite Page noch 2004. „Wenn man an etwas denkt und wirklich nicht viel darüber weiß, wird man automatisch Informationen dazu erhalten.“

Und Brin ergänzte: „Ich sehe Google als eine Möglichkeit zur Erweiterung des eigenen Gehirns mit dem Wissen der Welt.“ Irgendwann werde es Implantate geben, „die einem bereits die Antworten liefern, wenn man nur an etwas denkt“. Noch sind nicht alle Visionen, die beide vor zehn Jahren äußerten, Alltag, aber die Technik ist auf dem Weg dahin.

Google bekommt mit all den neuen Unternehmen Zugriff auf neue Geräte, Apparate und Sensoren, die den eigenen Datenozean speisen, aus dem es schöpfen wird.

„Googles Währung ist Zeit“

Was der Konzern über die Welt erfährt – über und durch uns –, wird zu neuen Produkten verpackt. „Goo­gle will allgegenwärtig sein und muss dafür so viele Berührungspunkte oder Produkte wie nur möglich schaffen, damit Google für Nutzer immer unentbehrlicher wird“, sagt Steve Faktor, Gründer der New Yorker Innovationsberatung IdeaFaktory. „So kann der Konzern seinen Markt vergrößern und den Geldmotor mit Informationen aus immer mehr Produkten, Diensten und Geräten füttern.“ Googles ständig wachsendes Wissen über Menschen ermögliche Google-Werbekunden wiederum, ihre Produkte besser zu vermarkten.

Mit Robotern oder selbst fahrenden Autos versuche der IT-Konzern die Automatisierung unserer Welt voranzutreiben, was dazu führen würde, dass die Menschen mehr Zeit für anderen Dinge hätten, glaubt Faktor. „Googles Währung ist Zeit – je mehr Zeit Google für die Nutzer freispielen kann, desto mehr Zeit können sie mit Google-Produkten verbringen und sind für Werbung empfänglich.“

Das Gleiche gilt für die Automatisierung zu Hause, die mit Produkten wie denen von Nest fortschreitet. Der Mensch überlässt den lästigen Alltagskram zunehmend Geräten, und wenn Google es richtig anstellt, kommt die freigespielte Zeit dem Konzern zugute.

Kein normaler Konzern

Genau darauf spielte Patrick Pichette Ende Januar in einer Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten an. „Unser Ziel ist, mit den Nutzern zu leben – den ganzen Tag mit ihnen zu verbringen, sei es auf einem Fernseher, Mobiltelefon oder Desktop-Rechner, mit Google Glass oder womit auch immer“, sagte Goo­gles Finanzchef.

Google steht nun vor einer gewaltigen Aufgabe: Es muss das Sammelsurium an Start-ups und neuen Produkten integrieren – und dann damit Geld verdienen. Bei jedem normalen Konzern würde man wohl sagen, dass sich da jemand heillos verzettelt. Aber Goo­gle ist kein normaler Konzern. Das liegt an der Geschichte des Unternehmens, seiner Kultur und Experimentierfreude – vor allem aber liegt es an den beiden Gründern.

„Google kann man nicht verstehen, wenn man nicht weiß, dass Larry und Sergey Montessori-Kinder sind.“ Diesen Satz hat Marissa Mayer, Google-Mitarbeiterin Nr. 20 und heute Yahoo-Chefin, einmal in einem Interview gesagt. Die Erziehung, die auf die Philosophin Maria Montessori zurückgeht, habe beide stark geprägt: eigene Fragen stellen, eigene Wege gehen, Autoritäten in Zweifel ziehen. „Mach etwas, weil es sinnvoll ist, und nicht weil es dir jemand gesagt hat“, erklärte Mayer. Mit dieser Haltung sind Page und Brin seit jeher an Probleme herangegangen, und im Grunde haben die beiden 40-Jährigen mit diesem Geist das Unternehmen geführt.

[Seitenwechsel]

Die Gründer haben noch Macht

Haben das mittlere Management wieder abgeschafft, als Goo­gle schon 400 Mitarbeiter hatte. Haben Produkte eingeführt, die alle für Wahnsinn hielten: 150 Millionen Bücher wollen sie scannen. Alle Straßen der Welt filmen. Sie haben auch die Videoplattform Youtube und den E-Mail-Dienst Gmail zum Erfolg geführt, obwohl viele das nicht für möglich hielten. Einer der größten Erfolge der Kalifornier begann fast unbemerkt. 2005 kaufte Google ein kleines Software-Start-up namens Android. Selbst Eric Schmidt, der damals CEO war und heute als Google-Cheferklärer durch die Welt reist, will nichts mitbekommen haben. „Eines Tages kauften Larry und Sergey Android, und ich hab’s nicht mal gemerkt“, ­kokettierte er im Herbst 2009 auf einer Pressekonferenz.

Andy Rubin © Corbis
Android-Gründer Andy Rubin

Selbst wenn es ein Scherz war: ­Hinter Schmidts Aussage verbirgt sich ein weiterer Schlüssel für Goo­gles Durchmarsch: Die Gründer haben noch Macht. Sie kontrollieren 56 Prozent der Stimmrechte, obwohl sie weniger als 15 Prozent der ausgegebenen Aktien besitzen. Möglich machen das B-Aktien, die zehn statt einer Stimme haben. Mit einer dritten Klasse ohne Stimmrecht zementieren beide gerade ihre Macht. Sie nehmen sich sogar heraus, Investoren der Wall Street im Dunkeln zu lassen.

Android ist längst zum dominanten Betriebssystem für mobile Geräte aufgestiegen. 2013 waren knapp 80 Prozent der 998 Millionen vertriebenen Smartphones Android-Geräte. Dieses Jahr werden 1,1 Milliarden Handys und Tablets mit dem System ausgeliefert, prognostiziert der US-Marktforscher Gartner. Zahlreiche Hersteller, darunter Samsung und HTC, bauen Geräte mit Android.

„Wir verdienen Geld mit den Usern“

Auch hier wandte Google jenes Prinzip an, mit dem es die Welt erobert hat: Das Produkt selbst gibt es kostenlos. „Wir verdienen kein Geld mit Produkten, die wir entwickeln“, erklärt Andy Rubin, der Erfinder von Android, die Strategie. „Wir verdienen Geld mit den Usern. Je mehr User, desto mehr Geld für Werbung.“

Google macht auch vieles falsch. Doch vor allem hat der Konzern, der inzwischen fast 48.000 Mitarbeiter zählt, gelernt, kleine und große Fehlschläge wegzustecken. Es wird korrigiert, wie etwa beim sozialen Netzwerk Buzz (jetzt Google+), oder eingestampft, wie im Fall der zahlreichen gescheiterten TV-Projekte oder des Nexus-Q-Mediaplayers.

Aber auch Fehlschläge passen in das Muster des ständigen Experimentierens. „Das Unternehmen ist eine lernende Organisation“, sagt Horace Dediu von der Beratungsfirma Asymco. Auch ­Michael Mace sieht Google als riesiges Forschungslabor. „In der Regel hat ein Unternehmen eine Strategie, mit der es ein bestimmtes Ziel erreichen will, beispielsweise die Eroberung eines neuen Marktes“, sagt der Gründer des Start-ups Cera Technologies, der schon bei Apple und Palm gearbeitet hat. Bei Google sei der Prozess das Ziel. „Google verfügt über enorme Technologieexpertise und viele kluge Köpfe und wendet diese in zahllosen Experimenten auf verschiedene Branchen an.“

Dazu gehört, dass man sich oft einfach nur vorwärtstastet. Page macht kein Hehl daraus. In einem seiner seltenen Interviews sagte er dem US-Magazin „Fortune“, dass er selbst nicht genau definieren könne, wie er sich für eine nächste große Wette entscheide. „Wir denken viel darüber nach, aber es ist keine perfekte Wissenschaft“, sagte Page. „Google befindet sich in unerforschtem Terrain, es gibt kein Vorbild in der Geschichte, das wir übernehmen könnten – wir machen viele unterschiedliche Dinge, und wir wollen nicht wie andere Unternehmen sein.“

Der Text ist ein Auszug aus der Capital-Titelgeschichte 03/2014 über den Internetkonzern. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.  


Artikel zum Thema
Autor
  • Reportage
Sie müssen Microsoft neu starten

Mit der Übernahme von Linkedin treibt Microsoft seinen Umbau voran. Vor einiger Zeit warf Capital einen Blick hinter die Kulissen des Konzerns.MEHR

  • Reportage
Silicon Wahnsinn

Das Silicon Valley steckt im Bewertungsrausch: Start-ups sollen plötzlich Milliarden wert sein. Platzt bald eine neue Tech-Blase?MEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.