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  • Editorial

Ein Skandal im Kern des Könnens

, Horst von Buttlar

Was macht den VW Skandal so besonders? Er trifft ins Mark eines Landes, das sich als großes Ingenieurbüro versteht. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Ich stelle mir, und das meine ich ganz ohne Pathos, den normalen VW-Arbeiter vor. Seine Welt war heil, sicher und voller Stolz. Sein Unternehmen war das größte und baute gute Autos, und wenn er zum Haustarif angestellt war, hat er zuletzt eine Prämie von 5 900 Euro erhalten. Das war der Mallorca-Urlaub, vielleicht die Geschenke zu Weihnachten. Diese heile Welt ist für ihn ins Wanken geraten, so sehr, dass auch Beobachter den Skandal nur in Superlativen verarbeiten können: Das Unfassbare soll greifbar gemacht werden durch Übertreibung, das Ende von VW, der Autoindustrie, von „Made in Germany“. Vorsicht. Mindestens 599 000 VW-Mitarbeiter haben nichts Falsches getan.

Warum also sind alle erschüttert, was macht den Fall so besonders? Es gibt Skandale, bei denen der Schaden viel größer war: Keiner ist gestorben wie bei den defekten Zündschlössern von General Motors. Keine Landstriche wurden verpestet wie bei BP und Deepwater Horizon. Es wurden (noch) nicht Tausende Jobs vernichtet wie bei Enron oder Heerscharen von Anlegern ruiniert wie bei S&K oder Bernie Madoff.

Volkswagens Schaden ist seltsam unsichtbar. Er ist dennoch so besonders, weil er ins Mark geht, in das innerste Selbstverständnis eines Landes, das sich noch immer als ein großes Ingenieurbüro versteht. Wir stehen für technologische Exzellenz und Zuverlässigkeit, und bei beidem hat VW sich und uns betrogen: Sie waren nicht führend, sie haben es nicht hinbekommen, und deshalb haben sie beschissen.

Bilanzskandale, Schmiergeld, Korruption, all das ist schlimm, aber es sind Verbrechen an der Peripherie des Könnens. Der Dieselskandal berührt den Kern, das Innerste. Hinzu kommt der Vorsatz, der den Fall auch noch mal von den großen Pharmaskandalen wie Bayers Cholesterinsenker Lipobay unterscheidet.

Und dennoch finde ich es übertrieben, mit welcher fast marxistischen Dialektik nun an manchen Stellen analysiert und rekonstruiert wird, dass dieser Skandal unausweichlich war. Dass es im unbändigen Streben nach Größe, im Nest mit den Gewerkschaften, im diktatorischen „System VW“ so kommen musste. Wenn Systeme zwingend in eine Richtung laufen würden, gäbe es keinen Turnaround, kein Comeback.

Sie müssen sich das wie bei „Star Wars“ vorstellen, es gibt die Jedi-Ritter und die dunkle Seite der Macht. Beide Seiten der Macht stammen aus dem gleichen Quell. Und das ist das Tragische an dieser Affäre: dass mit die Besten ihrer Zunft in einem falschen Eifer ihre Fähigkeiten für eine so schlechte Sache eingesetzt haben.

Einen großen Themenschwerpunkt zum VW Skandal finden Sie in der neuen Ausgabe der Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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