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Volkssport Versicherungsbetrug

, Jens Brambusch und Britta Langenberg

Die Deutschen betrügen ihre Versicherungen jährlich um fast 4 Mrd. Euro. Was im Einzelfall als Bagatelle erscheint, stellt das Geschäftsprinzip einer ganzen Branche infrage

Im Allianz Zentrum für Technik werden auch mutmaßlichen Versicherungsschäden analysiert © Markus Burke
Im Allianz Zentrum für Technik werden auch mutmaßlichen Versicherungsschäden analysiert

Die Geschichte mit den Eiern kam dem Mann von der Allianz irgendwie komisch vor: Seine Kinder, so hatte ihm der Kunde erzählt, hätten das Familienauto des Nachbarn mit Eiern beworfen – und dabei die Metalliclackierung ruiniert. Die Haftpflicht sollte es nun richten. Der Schaden ging in die Tausende, aber stammten die merkwürdigen Kratzer wirklich von Eiern? Der Sachverständige witterte Betrug.

Es wäre der Klassiker gewesen: Nach einem selbst verschuldeten Malheur bieten sich Freunde oder Bekannte an, den Schaden über ihre Haftpflicht zu regeln. „Wozu hat man denn eine Versicherung?“, heißt es dann oft. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Bei jedem zehnten von insgesamt rund 24 Millionen Versicherungsfällen im Jahr wird mutmaßlich getrickst oder manipuliert. Auf 4 Mrd. Euro schätzt die Branche den jährlichen Schaden durch Betrug. Leidtragende sind die Versicherten selbst, denn sie müssen die Mehrkosten über höhere Prämien mitbezahlen.

Zurück im Büro wählte der Sachverständige die Nummer von Melanie Kreutner im Allianz Zen­trum für Technik (AZT). Das AZT in Ismaning bei München gleicht einer großen Werkstatt, im Keller befindet sich sogar eine Crashtestbahn. Kreutner ist Versuchsingenieurin und Unfallanalytikerin. Die 31-Jährige leitet die Abteilung und prüft mögliche Versicherungsfälle auf Plausibilität. Sie muss heute noch lachen, wenn sie an den Anruf denkt. „Kennen Sie sich mit Eierschäden aus?“, fragte der Kollege. Nein, das tat sie nicht. Noch nicht.

Betrug oder Schummelei?

Kreutner besorgte eine identische Autotür. Und zehn Eier. Dann verschwand sie in der Küche, setzte Wasser auf und kochte einige der Eier. Die einen weich, die anderen hart. Drei ließ sie roh. Sie installierte Hochgeschwindigkeitskameras rund um die Autotür, griff zum ersten Ei, holte weit aus und schmetterte es gegen den Lack. So tat sie es mit allen zehn Eiern. Anschließend wertete sie die Aufnahmen in Zeitlupe aus, analysierte die Kratzspuren und verglich sie mit einem Foto, das der Kollege ihr geschickt hatte.

Der Aufwand ist immens, aus Sicht der Branche aber nötig. Sie will gegenhalten. Versicherungsbetrug gilt in den Köpfen vieler immer noch als kleine Schummelei. Meist geht es lediglich um geringe Summen, in der Regel um nicht mal 250 Euro.

Landen die Fälle vor Gericht, sieht die Sache schon anders aus: In der aktuellen Kriminalstatistik liegen die erfassten Schäden bei durchschnittlich 18 600 Euro. In besonders schweren Fällen drohen den Tätern bis zu zehn Jahre Gefängnis.

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Melanie Kreutner ist Versuchsingenieurin und Unfallanalytikerin. Sie prüft mögliche Versicherungsfälle auf Plausibilität © Markus Burke
Melanie Kreutner ist Versuchsingenieurin und Unfallanalytikerin. Sie prüft mögliche Versicherungsfälle auf Plausibilität

Warum unbescholtene Bürger Versicherungsbetrug für ein Kavaliersdelikt halten, beschäftigt Horst Müller-Peters seit Langem. „Im Kern geht es den Kunden um eine Gerechtigkeitslücke“, sagt der Professor an der Technischen Hochschule Köln, Co-Autor eines aktuellen Buches zu dem Thema. Im Schadenfall erwarteten sie einen Ausgleich aller Kosten – gleich ob die Klauseln das decken oder nicht. Der Antrieb sei nicht Habgier, sondern der Wunsch, Verluste zu vermeiden. Es werde gefühlt nicht betrogen, sondern lediglich getrickst.

Für die Branche ist Versicherungsbetrug ein heikles Thema. Zwar möchte man Täter abschrecken. Doch kein Unternehmen will im Schadenfall zahlungsunwillig erscheinen oder durch konsequente Betrugsbekämpfung den Eindruck erwecken, der Kunde stehe unter Generalverdacht. Das ist schädlich fürs Neugeschäft. Zudem lohnt sich eine knallharte Verfolgung von zigtausend Kleinschäden nicht. Je genauer geprüft wird, desto kostspieliger und langwieriger wird die Schadenregulierung – auch für redliche Kunden.

Gegen die Wand

Im Ismaninger AZT kracht es regelmäßig. Bis zu 70 Autos lässt Melanie Kreutner hier jedes Jahr gegen die Wand fahren. Meist Neuwagen. Crashtest-Dummys fliegen durch die Scheiben, Stoffhunde, gespickt mit Sensoren, durch den Fond. Unfälle im Stadtverkehr werden simuliert, das Deformationsverhalten der Karosserien analysiert. Anhand der Ergebnisse werden neue Modelle in Schadenklassen eingestuft.

Manchmal schlüpft Kreutner jedoch in die Rolle der Kriminalistin und versucht, Betrüger zu entlarven. Wie sehen typische Einparkschäden aus? Wie die Folgen eines Auffahrunfalls? Die Ingenieurin hat gelernt, Beulen und Kratzer zu lesen. Alle erzählen eine Geschichte. Wer mutwillig in ein anderes Auto hineinfährt, hält das Lenkrad fest. Die Spuren im Lack sind dann wie mit dem Lineal gezogen. Bei einem echten Unfall wird das Steuer meist schreckhaft losgelassen. Das Auto prallt ab – und hinterlässt andere Spuren.

Für den Versicherer ist es wichtig, den Betrug haarklein nachweisen zu können. Denn vor Gericht gilt: im Zweifel für den Angeklagten. Der Konzern beschäftigt allein 80 Betrugsabwehrspezialisten, darunter Juristen und Kriminalisten. Kreutner füttert sie mit den neuesten Analysen. Ebenso wie 400 Sachverständige, die in der ganzen Repu­blik Schäden begutachten. Regelmäßig werden sie in Ismaning geschult.

Oft reicht schon ein Blick

Im Hof steht ein malträtierter Saab 9-5. Das schwarze Auto ist mit Kratzern überzogen, die Scheiben sind eingeschlagen, die Türen aufgebrochen, die Scheinwerfer mit einem Einkaufswagen demoliert. 30 Sachverständige haben an drei Tagen aus dem Auto ein Wrack gemacht. Es beworfen, gerammt, mit Schraubenziehern und Schlüsseln traktiert. Nur um zu sehen, was welche Spuren hinterlässt. Die Mitarbeiter sollen ein Gefühl entwickeln für fingierte Schäden.

Kann diese Geschichte eines Kunden stimmen? In einer Schubkarre habe er ein schweres Brett transportiert. Als er an dem Wagen des Nachbarn vorbeiging, habe das Holz einen langen Kratzer im Lack hinterlassen. Ist das plausibel? Um das herauszufinden, stellen die Mitarbeiter den Fall nach. Sie ermitteln den Neigungswinkel der Schubkarre anhand der Körpergröße des Kunden, analysieren die Tiefe des Kratzers, die auf die Wucht der Berührung schließen lässt. Und sie prüfen die Anstoßrichtung der Dellen. Stimmt das alles mit den Angaben des Kunden überein? Schnell steht fest: Der Schaden muss durch einen starren Gegenstand entstanden sein – etwa ein Gartentor. „Mit etwas Erfahrung reicht oft schon ein Blick“, sagt Kreutner.

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Im Keller des AZT befindet sich eine komplette Crashtestbahn, inklusive Dummys © Markus Burke
Im Keller des AZT befindet sich eine komplette Crashtestbahn, inklusive Dummys

Manch ein Versicherter sieht sich im Recht, wenn er Vorfälle zu seinen Gunsten umdeutet. Fast die Hälfte der Kunden ist der Meinung, die Branche sei gierig beim Kassieren und knauserig beim Bezahlen. Versicherungsbetrug wird so zu einer Art Notwehr. „In dem Versuch, für sich persönlich Gerechtigkeit herzustellen, dehnen die Leute die Wahrheit so weit, wie sie es eben noch mit ihrem Selbstbild vereinbaren können“, resümiert der Kölner Forscher Müller-Peters.

Und so wird nach einem Einbruch neben der gestohlenen Technik eben auch noch der erfundene Familienschmuck aufgelistet. Oder der Kfz-Kaskoversicherung die alte Beule vom missglückten Ausparkversuch mitgemeldet.

Bei der Schadengestaltung sind oft Dritte behilflich: Der Installateur rechnet nach einem Wasserschaden beim Versicherer halt ein paar Meter Rohr mehr ab, um an anderer Stelle ein längst marodes Stück zu flicken. Auch Versicherungsvertreter erklären teils bereitwillig, um welche Uhrzeit ein Fahrradklau noch abgedeckt ist. Dem einzelnen Kunden zuliebe, zulasten der Versichertengemeinschaft.

Betrugsquoten von 20 Prozent und mehr

Selbst die Eigenbeteiligung – eigentlich ein Anreiz, mit dem versicherten Gut sorgsam umzugehen, um die persönliche Prämie niedrig zu halten – erweise sich psychologisch gesehen als Bumerang, so Müller-Peters: „Die Menschen wollen sich schadenfrei stellen und schlagen womöglich den Eigenanteil auf den eigentlichen Schaden drauf.“

Der eigene Vorteil erscheint den Betroffenen in diesem Moment sehr konkret, der Schaden für die Allgemeinheit hingegen sehr abstrakt. Hinzu komme ein falsches Produktverständnis, berichtet Thomas Leicht, Vorstand der Gothaer und beim Versichererverband GDV zuständig für die Betrugsabwehr. Jahrelang, so das Gefühl mancher Kunden, habe man Prämien bezahlt und wolle jetzt endlich etwas zurückbekommen. „Warum dieser Gedanke falsch ist, haben wir bisher nicht richtig rüberbekommen“, räumt Leicht ein.

Und so häufen sich die vielen kleinen Delikte. Ein paar Euro hier, ein paar Hundert dort. Besonders in der Hausrat-, der privaten Haftpflicht- und der Gebäudeversicherung vermuten die Versicherer Betrugsquoten von 20 Prozent und mehr.

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Ein Foto aus einer Allianz-Schulung. Das Bild zeigt, wie ein Kratzer entstanden ist. Zuvor mussten die Mitarbeiter den angeblichen Tathergang überprüfen © Markus Burke
Ein Foto aus einer Allianz-Schulung. Das Bild zeigt, wie ein Kratzer entstanden ist. Zuvor mussten die Mitarbeiter den angeblichen Tathergang überprüfen

Als besonders anfällig für Betrügereien gelten Laptops und aktuell Tablets: Von 100 Schadenfällen werden branchenweit nur knapp 60 reguliert. Die übrigen verlaufen im Sande – weil die Kunden die Meldung zurückziehen, wenn der Versicherer zusätzliche Informationen verlangt oder die Forderung offensichtlich unberechtigt ist.

Der Klassiker schlechthin ist die zerbrochene Brille. Die Schadensummen sind im Einzelfall überschaubar, die Gothaer hakt inzwischen dennoch bei fast jedem Kunden nach. Das ist zwar kostspielig, soll den Versicherten jedoch deutlich machen, dass jeder Fall genau geprüft wird: „Wir müssen das Gefühl wegbekommen, dass es sich hier um ein Kavaliersdelikt handle“, sagt Leicht. „Was wir klar beweisen können, zeigen wir als Betrug an.“

Viele in der Branche rüsten mit spezieller Software auf, um auffällige Schadenmeldungen maschinell zu identifizieren. Mit dem Hinweis- und Informationssystem der Versicherer – kurz HIS – lassen sich zudem bundesweit Schadenfälle abgleichen. In der Datenbank werden etwa Fahrzeuge mit Totalschaden gemeldet. Taucht das Auto mit einem neuen Schaden nach ein paar Monaten wieder auf, werden die Betrüger dingfest gemacht.

Zu komplizierte Klauseln

Auch doppelten Abrechnungen kommen die Versicherer dank HIS heute leichter auf die Spur. So erkennt das Programm, wenn ein bereits regulierter Hagelschaden an demselben Wohnwagen später nochmals bezahlt werden soll.

Trotz Software und Spezialisten bleibt die Beweisführung schwierig. Wie bei der Sache mit der Alcantara-Jacke. Die habe er sich durch den Sonneneinfall verbrannt, als er im Bad vor dem Spiegel stand, meldete ein Versicherungsnehmer. Technisch sei das möglich, urteilte der Sachverständige. Der Einfallswinkel stimmte, an dem Tag schien laut Wetterbericht die Sonne. Der Versicherer zahlte, geglaubt hat die Geschichte niemand.

Oft sind die Schadenregulierer frustriert. „Sie merken ja, wenn einer Bedingungswerke lesen kann – und Sie über den Tisch ziehen will“, sagt Vorstand Leicht. In Teilen seien die Versicherer jedoch für das Verhalten ihrer Kunden mitverantwortlich, konstatiert Wissenschaftler Müller-Peters. Immer wieder stoßen Versicherte im Kleingedruckten auf überraschende Ausschlussklauseln. Manche Regelungen seien Normalverbrauchern kaum zu vermitteln. Wem ist schon beim Abschluss einer Hausratversicherung der Unterschied zwischen Sengschäden (nicht versichert) und Schäden durch einen Brand mit Flamme (versichert) bewusst?„Den Unterschied versteht kein Mensch“, so Müller-Peters. Das Brandloch sei aus Kundensicht das gleiche.

„Das Geschäft lädt zur Unehrlichkeit ein“

Gäbe es weniger Einschränkungen oder klarere Optionen für Zusatzversicherungen, wäre das Misstrauen geringer und das Gefühl, durch Tricksereien Waffengleichheit herzustellen, weniger stark ausgeprägt. Auf das einträgliche Geschäft mit Bagatellverträgen wie Garantiepolicen würde der Wissenschaftler ganz verzichten. „Das Geschäft lädt zur Unehrlichkeit ein“, urteilt er.

Am Ende hätten alle etwas von sinkenden Betrugszahlen: Der Aufwand der Versicherungsgesellschaften sänke, die Kunden müssten weniger Prämie zahlen. Melanie Kreutner und ihre Kollegen könnten sich auf die komplizierten Fälle mit hohen Schadensummen konzentrieren – wie den mit den Eiern.

Nach ausgiebiger Analyse kam die Allianz-Expertin zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Geschichte stimmte, der Schaden wurde beglichen. Tatsächlich verursachen Eier auf Autolack merkwürdig symmetrische Kratzer. Also viel Mühe für nichts? Kreutner wiegelt ab: „Wir wissen jetzt, welchen Schaden Eier anrichten können. Bei einem ähnlichen Fall müssen wir jetzt nur in die Datenbank schauen.“

Die Reportage ist zuerst in Capital 2/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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