• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Unternehmen

Dieser Mann soll VW retten

, von Nils Kreimeier

Der ehemalige Apple-Manager Johann Jungwirth hat in dem skandalgebeutelten Konzern die vielleicht schwierigste Aufgabe. Er muss den Weg in die digitale, abgasfreie Zukunft weisen

Johann Jungwirth © Christoph Mack
Johann Jungwirth vor dem Potsdamer Future Center von VW. Im Gebäude probt der Konzern für die Welt von morgen

Johann Jungwirth steht vor einer Maschine, die aussieht wie einer dieser Autosimulatoren in deutschen Spielhöllen: breiter Sitz, Lenkrad, großer Bildschirm. Besonders viel machen kann man damit nicht – eigentlich nur virtuell geradeaus fahren. Trotzdem beobachtet Jungwirth gespannt jede Bewegung des Mannes, der im Cockpit sitzt. Das Pseudoauto hat eine Eigenschaft, die es wohl in keiner Spielothek gibt: Es hat ein Radio, das nur mit Gesten gesteuert werden kann, und Jungwirth will genau wissen, wie sich das für den Fahrer anfühlt.

Der Mann, der bei Volkswagen den Titel Chief Digital Officer führt, ist zu Besuch beim konzerneigenen Future Center in Potsdam. Hinter ihm eine braune Werkbank, von der ein paar Lötkolben herunterhängen. Um ihn herum in T-Shirts und Baseballmützen einige der jungen Industriedesigner, die in den vergangenen Monaten angeheuert wurden. Das weiße Gebäude am Tiefen See ist einer der Orte, an denen aus einem alten, langsamen, affärengebeutelten Konzern eine Zukunftsmaschine gemacht werden soll. Und Jungwirth ist der Mann, der diese Maschine anwerfen muss.

Paukenschlag in der Branche

Oktober 2015. Der Volkswagen-Konzern durchlebt die schlimmste Krise seiner Geschichte. US-Umweltbehörden haben aufgedeckt, dass das Unternehmen mit einer Betrugssoftware systematisch die Abgasauflagen für Dieselfahrzeuge umgangen hat. Es drohen Milliardenstrafen. Mitten in diesem Wahnsinn trifft sich der neue Konzernchef Matthias Müller in der VIP-Lounge des Stuttgarter Flughafens mit einem Mann, den er als neuen Mitarbeiter gewinnen will: Johann Jungwirth ist damals 42 und Angestellter bei Apple im Silicon Valley, ein freundlicher Mensch mit Mittelscheitel und einer randlosen Brille. Der VW-Chef kann ihn überzeugen – und Jungwirths Abwerbung bei Apple sorgt in der Branche für einen Paukenschlag. „Müller und ich waren uns nach einer halben Stunde einig, dass das genau die richtige Stelle für mich ist“, sagt Jungwirth ein Jahr später. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich könnte in diesem Konzern den größten Impact haben.“

Impact, Wirkung. Das ist es, was man sich bei Volkswagen sehnlichst von Jungwirth erhofft. Denn im Grunde ist das Problem, das der Konzern hat, viel größer als der Dieselskandal. Das Getrickse um die Abgase hat gezeigt, dass die Innovation in dem Unternehmen eine völlig falsche Richtung eingeschlagen hatte. Die Ingenieure überboten sich darin, Verbrennungsmotoren zu optimieren, notfalls mit Betrug. Dabei ging es längst darum, das Autofahren zu verändern. Und dabei waren andere ziemlich weit davongezogen. BMW baute Elektroautos, die als Vorzeigemodelle galten – während über den E-Golf kaum jemand sprach. Daimler zog den weltgrößten Anbieter von nicht stationärem Carsharing hoch – Volkswagen experimentierte in Hannover ein bisschen herum. Tesla programmierte eine elegante Benutzeroberfläche, die die Branche nervös machte – bei VW galten Bildschirme im Auto als etwas, was halt auch dabei sein musste.

Nun aber soll alles anders werden. Im Herbst 2016 verkündet die Konzernleitung einen Zukunftspakt, der im Grunde ein anderes Unternehmen zum Ziel hat: Fokus auf Elektroautos, digitale Vernetzung, sogar in die Fertigung von Batteriezellen will VW einsteigen. Und das alles mit bald 30 000 Arbeitsplätzen weniger. All das betrifft nur die Kernmarke, aber schon bei der Verkündung des Plans ist vom „größten Umbauprogramm in der Geschichte des Unternehmens“ die Rede.

[Seitenwechsel]

Eine Software wie von Apple

Volkswagen-Chef Matthias  Müller (l.) und seine Neuanwerbung Johann Jungwirth auf der Automesse in Detroit © dpa
Volkswagen-Chef Matthias Müller (l.) und seine Neuanwerbung Johann Jungwirth auf der Automesse in Detroit – in einem Wagen der Konkurrenz: einem Volvo XC90

Jungwirth soll ein Kopf hinter diesem Umbau sein. „JJ“ wird er von allen genannt, ob von Vorstandsmitgliedern, Mitarbeitern oder Konkurrenten. Gesprochen: „dschej-dschej.“ Zwei Silben, die man jetzt ziemlich oft hört in Wolfsburg, manchmal mit leicht spöttischem Unterton. Es klingt nach Leichtigkeit, Tempo und Yes we can – und genau so soll es auch klingen.

Der Neue bei VW baut digitale Labs auf, in Berlin, Peking und Kalifornien. Dort wird die Benutzeroberfläche entwickelt, die die Kunden in Zukunft an Volkswagen binden soll – so wie es früher die Motoren taten. Eine einheitliche Software also, die genauso bedienerfreundlich und ikonisch ist wie die Handybetriebssysteme von Apple oder Google. Endlich soll außerdem eine neue Vorstellung von einem Autokonzern in Wolfsburg einziehen: nicht nur Fahrzeugbauer, sondern Mobilitätsanbieter. In Jungwirths Amtszeit fällt der Einstieg des Konzerns bei dem Uber-Angreifer Gett. 300 Mio. Dollar kostet die Investition. Es ist noch nicht klar, ob das Geld gut angelegt ist, aber zumindest ist eine Idee erkennbar.

Jungwirth will, das sagt er oft, an der „User Experience“ arbeiten, an dem Gefühl, das die Leute haben, wenn sie ins Auto einsteigen und damit fahren. Die Dinge sollen einfach werden, intuitiv, elegant. Im Future Center in Potsdam testen die Mitarbeiter Gestensteuerung, sie spielen mit Virtual-Reality-Brillen und probieren in „Sitzkisten“ aus, wie der Innenraum eines voll autonomen Fahrzeugs eingerichtet sein könnte. An ihren Werktischen haben sie eigene Lötkolben, damit sie eine Idee ganz schnell testen können, ohne sie erst durch zehn Abteilungen schicken zu müssen. Es ist der Blickwinkel, mit dem man im Silicon Valley an neue Produkte herangeht. Für Volkswagen ist das neu. „Er kommt ein bisschen von einem anderen Planeten“, sagt einer, der eng mit ihm zusammenarbeitet, über Jungwirth. „Und das ist genau das, was jetzt nötig ist.“

Die Krawatten verschwinden

September 2016, Paris. Volkswagen hat vor dem Pariser Autosalon zu einem Konzernabend in die Louis-Vuitton-Stiftung eingeladen. Es gibt Fingerfood und Mojitos, die Konzernführung versucht, etwas Glanz und gute Laune zu verbreiten. Nach einer Stunde sind die Vorstände dann weg, das muss reichen. Jungwirth, der Einzige im Saal, der kein Sakko trägt, ist noch da. Er sitzt mit einem Glas Wein an der Bar und unterhält sich. Lange. Eine der Besonderheiten, die der Mann mitbringt: Er kann zuhören. Wenn Jungwirth die neuen Entwicklungslabore besucht, spricht er mit den jungen Techies, die jetzt in den Konzern geholt werden. Er doziert nicht, er fragt, er will wissen, was los ist. Er steht dann da als Gleicher unter Gleichen. Und man spürt, dass die neuen Mitarbeiter damit etwas anfangen können.

Trotzdem fremdelt der Konzern durchaus mit dem frischen Wind, den Jungwirth mitbringt. VW-Chef Müller nennt ihn im Oktober auf einer Veranstaltung in Berlin den „großen Versprecher“ der modernen Mobilität. Es klingt distanziert, man merkt, dass sie sich bei Volkswagen daran gewöhnen müssen, dass jetzt irgendwie neue Regeln gelten sollen in der Autoindustrie. Man duzt sich nun bei öffentlichen Anlässen, die Krawatten verschwinden. Mitte November meldet die „Wolfsburger Allgemeine“, der erste VW-Vorstand sei nun „bei Twitter unterwegs“.

Doch ein neues Denken entsteht nicht durchs Duzen und auch nicht in ein paar Monaten. Der Mann, der von Apple kam, soll den Konzern aber so rasch wie möglich mit diesem neuen Denken infizieren. Er reist von Lab zu Lab und dann wieder nach Wolfsburg, schiebt die Entwicklung an, es gibt eigentlich keinen Bereich, für den sich Jungwirth nicht zuständig fühlt. Das schafft Neider im Konzern. Außerhalb von Volkswagen wird über den Mann aus dem Valley oft freundlicher gesprochen als im Unternehmen selbst. Es gibt wohl niemanden bei VW, der so frei arbeiten kann – und auf dem trotzdem ein solcher Druck lastet.

[Seitenwechsel]

Von Daimler zu Apple, von Apple zu VW

VW-Chef Müller beim Besuch des Digital Labs in Berlin © Getty Images
Neuland: VW-Chef Müller beim Besuch des Digital Labs in Berlin

Jungwirths vielleicht größter Vorteil ist es, dass er es gewohnt ist, irgendwo neu anzufangen. Er wurde in Siebenbürgen in Rumänien geboren, als Kind einer jener deutschsprachigen Familien, die dort vor Jahrhunderten eingewandert waren. Bis heute spricht er mit leicht rollendem R. Als der Ostblock zusammenbrach, machten die Jungwirths sich nach Westen auf. Der 17-jährige Johann kam zu Verwandten ins hessische Haiger, „direkt an der A 45“, wie er sagt. Es war die Zeit, in der deutsche Autos Symbole des Wohlstands und der technischen Perfektion waren. Jungwirth schmiss sich in die Elektrotechnik, verschickte schon während des Abiturs Bewerbungen für Berufsakademien und landete in Stuttgart. Daimler, Porsche, das Mekka der Motoren. „Ich war immer ein Car Guy, schon als Kind“, sagt er.

Sein erster Arbeitgeber, Mercedes-Benz, schickte ihn nach der Jahrtausendwende in die USA. Der Junge aus Siebenbürgen kam bald dort an, wo sie nacheinander jede Branche auseinandernahmen und wieder neu zusammensetzten: im Silicon Valley. Jungwirth leitete die Forschungsabteilung von Mercedes für Nordamerika, bis Apple ihn 2014 holte. Schon damals galt der Wechsel als Fanal: Ein führender Mitarbeiter eines großen Autokonzerns geht in die IT-Welt. Das konnte nur heißen, dass Apple es jetzt wirklich ernst meinte mit den Plänen für ein eigenes Auto. Doch bis heute ist nicht ganz klar, ob Apple wirklich jemals ein Fahrzeug bauen wird – und nicht vielleicht einfach nur ein Betriebssystem für ein Auto. Und der Car Guy Jungwirth war ja bald wieder weg.

Was fehlt Ihnen, was es in Kalifornien gab, Herr Jungwirth?

„Diese Vibrance, diese Intensität im Networking, diese Fähigkeit, wirklich groß zu denken. Die extreme Arbeitsweise. Da gibt es nur ganz wenige Orte auf der Welt, wo das so intensiv ist.“

Und was gibt es in Deutschland, das Ihnen im Valley gefehlt hat?

„Gutes Brot, Milchprodukte. Aber auch die Infrastruktur. Die Qualität der Verwaltung.“

Der Chief Digital Officer berichtet direkt an Müller

Zwei Welten. Was aber bewegt einen wie ihn, die eine gegen die andere auszutauschen? Man kann davon ausgehen, dass Volkswagen einiges auf den Tisch gelegt hat, um Jungwirth zum Wechsel zu bewegen. Zugleich spielte eine Rolle, dass Jungwirths Frau wieder nach Deutschland wollte, zu ihrer Familie. 25 Wochen lang flog Jungwirth jeden Freitagabend von San Francisco nach Stuttgart und am Montagabend wieder zurück. Irgendwann reichte ihm das, und er begann, sich nach angemessenen Jobs in Deutschland umzusehen. Aber VW-Chef Müller gab Jungwirth auch eine Rolle, die man bei einem der größten Autohersteller der Welt wohl nur in Ausnahmesituationen angeboten bekommt: Der Chief Digital Officer berichtet direkt an Müller, das heißt, er hat große Freiheiten und muss sich nicht durch unzählige Instanzen durchwühlen, wenn er etwas umsetzen will. „Das war ein kluger Schachzug, diese Position so hoch aufzuhängen“, sagt ein hochrangiger Mitarbeiter eines Konkurrenzunternehmens.

Im Future Center in Potsdam schaut Jungwirth nun auf den Tiefen See vor der Tür, es ist ein sonniger Tag mit klarem Himmel. Er erzählt von seiner ältesten Tochter, die einmal keinen Führerschein mehr brauchen soll – weil in der Welt von morgen autonom fahrende Autos herumsausen werden. „Die Vision ist Mobilität für alle, eine Demokratisierung der Fortbewegung. Für Blinde, für Alte, für Kranke, für Kinder“, sagt Jungwirth. Es klingt sehr nach kalifornischen Heilsversprechen.

Warum sind Sie eigentlich nur so kurz bei Apple geblieben, Herr Jungwirth? „Es waren 13 Monate“, sagt er. „13 Monate sind im Silicon Valley eine lange Zeit.“

Es ist die Zeit, die Jungwirth nun auch bei VW hinter sich hat.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 1/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


Artikel zum Thema