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Ravensburger - Spiel des Lebens

, von Monika Dunkel

17 Jahre lang wurde der Spielehersteller Ravensburger von einem externen Manager geführt. MIttlerweile hat ein Urenkel des Gründers wieder übernommen. Ein Lehrstück über geräuschlose Nachfolge

Clemens Maier © Sima Deghani

Die rote Metallkugel flitzt im Affenzahn die steile Bahn herunter, „jetzt gleich kommt’s drauf an“, Ralph Münzer atmet durch. Die Kugel schießt in den Looping rein und – „Ja!“ – schafft es wieder raus und hoch. „Endlich“, Münzer ist erleichtert. Zigmal war sie zuvor stecken geblieben. Mit Engelsgeduld baut er die Schleife immer wieder neu, erst mit Knete, dann mit Plastikteilen aus dem 3D-Drucker. Seit Wochen testen er und seine Mitspieler hier im Ravensburger Campus die neue Kugelbahn. Magnete, Hindernisse, Rollverhalten, Stabilität – mit vergnüglichem Spiel hat das nichts zu tun. Es muss lange getestet werden, bis ein neues Ravensburger-Spiel läuft, wie es laufen soll – und ins Kinderzimmer darf.

Clemens Maier schaut seinen Mitarbeitern aufmerksam beim Flippern zu. Münzer ist Leiter Innovation beim Spielehersteller Ravensburger, Maier der Vorstandsvorsitzende. Als die Kugel nach oben fliegt, lächelt er still. Er ist ein zurückhaltender Mensch. Sooft er kann, geht er hinüber in das Experimentierlabor gleich neben der Produktionshalle am Ravensburger Stammsitz des Unternehmens. Der Campus ist seine Idee. Früher war hier die Betriebskantine, nun liegen bunte Sitzkissen herum, es gibt Holzpaletten und Wände voller Klebezettel. Im Campus testen sie nicht nur neue Spiele, sondern auch andere Arbeitsstrukturen. Maier erzählt, dass hier Teams mit Mitarbeitern aller Abteilungen neue Ideen entwickeln.

Seit Anfang April ist Maier Chef von Deutschlands größtem Spielehersteller. 45 Jahre, ein jungenhafter Typ mit Sommersprossen im Gesicht. Er ist der Urenkel von Otto Maier, der den Verlag 1883 in Ravensburg gründete. Mit Maiers Aufstieg kehrt die Familie zurück an die Spitze. 15 Jahre hatten sie Karsten Schmidt, einem Manager von Philip Morris, die Geschäfte anvertraut. Nun übernimmt wieder ein Nachkomme das Spiele-Reich.

2000 Puzzles, Brettspiele und Bücher hat die Firma im Portfolio. Hunderte kommen jedes Jahr neu dazu, viele davon digital. 475 Mio. Euro Umsatz wurden erzielt, 33,5 Mio. Euro Gewinn. Die Zahlen sind gut, Ravensburger wächst schneller als der Markt und ist profitabler als viele Familienunternehmen.

1884: Reise um die Welt ist das erste Gesellschaftsspiel, das Otto Maier herausbringt, ein Jahr, nachdem er seinen Verlag gegründet hat. Das Spiel hat 76 Felder, eng beschrieben mit kleinen Versen. Jedes ein Abenteuer à la Jules Verne.

1927: Fang den Hut ist das langlebigste Spiel der Ravensburger, über 26 Millionen Mal verkauft. Es spiegelt den Bauhaus-Stil der Epoche wider. Kürzlich hat es sich ein wenig liften lassen. Brettspiele sind wieder in.

1959: Memory erscheint und wird bis heute wohl rund 80 Millionen Mal verkauft in über 80 Ländern. William Hurter, ein Schweizer Diplomat, hatte die Idee zum Spiel und pitchte dafür beim Verlag. 2010 erscheint das erste digitale „Memory“ als App.

2010: Ravensburger bringt den Tiptoi-Stift auf den Markt und landet auf Anhieb einen Bestseller. Das elektronische Lernspiel ist heute in jedem zweiten deutschen Haushalt mit Kindern dabei.

Die größte Besonderheit aber ist: Im Gegensatz zu vielen anderen legt Ravensburger eine fast geräuschlose Unternehmensnachfolge hin. Friedlich, skandalfrei. Und dann kommt auch noch ein Mitglied der Familie zum Zug. Ein Kunststück, das die meisten Mittelständler gerne hinbekommen würden.

Rund 135.000 Familienunternehmen in Deutschland werden zwischen 2014 und 2018 an Nachfolger übergeben, hat das Bonner Institut für Mittelstandsforschung geschätzt. Doch viele Familienunternehmer werden von ihrem Nachwuchs hängen gelassen. Die Frage, wer es machen soll, wenn der Patriarch abtritt, stürzt manche Clans in wahre Tragödien. Da werden aus engen Verwandten Erzfeinde, die nur noch über Anwälte oder vor Gericht miteinander reden. Nur drei Prozent aller Familienunternehmen weltweit schaffen es wie Ravensburger in die vierte Generation.

Was alles schiefgehen kann, ist oft erzählt. Wie es gelingt, das zeigt das Beispiel Ravensburger.

Es ist Mittagszeit, und Clemens Maier sitzt auf einem Barhocker in der Betriebskantine, eine halbe Portion Maultaschen vor sich, in denen er herumstochert. Er trägt Jeans, gestreiftes Hemd, Lederschuhe. Krawatten überlässt er älteren Kollegen, Turnschuhe den jüngeren. Die Kantine haben sie frisch gebaut, sie ist hell und offen und gut besucht. Es gibt eine Kaffeebar und eine Lounge. Gut vorzeigbar, aber nicht protzig. So halten sie es hier am liebsten.

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Ein Kodex für die Familie

Ralph Münzer, Leiter Innovation, mit den Plänen  der Kugelbahn. Bis ein Spiel ins Kinderzimmer kann, vergehen Monate © Sima Deghani
Ralph Münzer, Leiter Innovation, mit den Plänen der Kugelbahn. Bis ein Spiel ins Kinderzimmer kann, vergehen Monate

Ravensburger, das ist Maier wichtig, das ist „Familie mal drei“, die höchste Dosis. „Familiengeführt, im Familienbesitz, und auch bei unseren Spielen dreht sich alles um Familie, Eltern und ihre Kinder.“ Neun Familienangehörige halten die Anteile, wem wie viel gehört, wird nicht verraten. Maiers Schwester und ein Cousin sind im Aufsichtsrat. „Bei uns läuft das alles sehr harmonisch“, beteuert Maier. „Wir reden und denken nicht in Stämmen, sonst hätten Sie gleich eine Division in der Familie. Das ist der Anfang von Problemen.“

Dass es bei Ravensburger so friedlich funktioniert, ist ein bisschen Glück, aber vor allem eine Frage der Haltung. So ist der Clan auch in der vierten Generation noch recht überschaubar. Und jeder sei auf den „Familienkodex“ eingeschworen, sagt Maier. Dort hat die Familie die wichtigsten Werte und Grundsätze festgelegt. Vor zwei Jahren haben sie sich zuletzt in Workshops zusammengesetzt und den Kodex überarbeitet. Eherne Regel seit jeher: Die Firma geht vor der Familie. Und: Ein Familienmitglied soll die Firma führen, aber nur wenn die Person fähig ist. Darüber, ob das so ist, entscheidet der Aufsichtsrat. Dort aber haben die Manager von außen die Mehrheit und damit das Sagen. „Das ist unser Modell, der Weg, für den wir uns entschieden haben“, sagt Maier. Gemeinsam mit seinem Cousin hat er eine Liste gemacht und überlegt, wen sie im Aufsichtsrat brauchen. Nun gibt es Vertreter aus alter und neuer Industrie, aus Familienunternehmen und Aktiengesellschaften. Jüngste Neuzugänge sind Thomas Vollmoeller, Chef des Karrierenetzwerks Xing, und Maiers Cousin. Die Schwester ist schon länger dabei.

Dass er etwas kann, musste Urenkel Maier also gleich doppelt beweisen, der Familie und den Managern: „Die haben mir keinen roten Teppich ausgerollt.“ Zehn Jahre habe er außerhalb der Firma „solide Lernerfahrungen“ gemacht, erst beim Kinderfernsehsender „Nickelodeon“ in Großbritannien, später bei der Bertelsmann-Verlagstochter Random House in New York. 2005 kam die erste Station in der Firma, drei Jahre war er Geschäftsführer einer kleinen Gesellschaft in Spanien und musste dort den Vertrieb aufbauen. „Das war Firma, aber es war 1000 Kilometer weg. Ein guter Einstieg“, erinnert er sich.

Als Innovationsmanager stieg Maier dann tief ins Geschäft ein. Bei ihm liefen die Ideen zusammen. Er trieb die Entwicklung des „Tiptoi“-Stifts voran, einer Kombination aus Sensor, Chip und eingebautem Lautsprecher, mit der sich Brettspiele digital anreichern lassen. Dass Maier im Unternehmen als Mastermind des elektronischen Lernspiels gilt, scheint ihm fast unangenehm. „Die Technik haben wir nicht erfunden“, sagt er. „Aber wir haben sie in unsere Spielewelt übertragen.“ „Tiptoi“ trägt heute wesentlich zum Umsatz bei, das Spielzeug liefert die beste Wachstumsstory überhaupt. Spätestens damit hat Maier Familie und Aufsichtsrat von sich überzeugt. 2011 rückte er in den Vorstand auf, wurde verantwortlich für das Marketing des Spielelands, für Akquisitionen und schließlich auch für die Strategie. Ravensburger kaufte die US-Firma Wonder Forge und 2014 den schwedischen Spielzeughersteller Brio. Zug um Zug übernahm Maier mehr Verantwortung.

Nie habe ihn der Vater ins Geschäft gedrängt, „ich habe immer eine Freiheit gespürt, dass ich es nicht machen muss, auch wenn ich immer darauf hingearbeitet habe“, erzählt er in seinem geräumigen Büro am Ravensburger Stammsitz. Spielzeug fliegt hier nicht rum, auch keine Puzzles. Nur ein Holzspielzeug, glatt, glänzend, bunt, steht auf dem Beistelltisch. Es ist die Ameise von Brio. Zieht man an der Schnur, dreht sich ein gelbes Ei auf ihrem Rücken, und das Tier wackelt mit Kopf und Schwanz. „Die mag ich sehr“, sagt Maier.

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Der Vater hält sich raus

Peter Pan und das Dschungelbuch als Riesenpuzzles im Ravensburger Stammwerk © Sima Deghani
Peter Pan und das Dschungelbuch als Riesenpuzzles im Ravensburger Stammwerk

War für Maier immer klar, dass er den Laden übernimmt? „Es hat sich so ergeben“, sagt er. Der Satz ist typisch für ihn und das Selbstverständnis dieser oberschwäbischen Familie. Lieber im Hintergrund schaffen und den Wohlstand nicht zur Schau stellen. „Unsere Unternehmenskultur ist bestimmt durch Stetigkeit und selbstbewußte Bescheidenheit“, heißt es in den Unternehmensgrundsätzen von 1973, die wie eine Gesetzestafel in der Firmenzentrale hängen.

Konkurrenz aus der Familie gab es für Maier kaum. Die Schwester lebt in Island und forscht als Biochemikerin an der Uni. Permanent in der Firma zu arbeiten ist nicht ihr Ding. Die beiden Halbbrüder wären nie infrage gekommen. Sie stammen aus der ersten Ehe der Mutter und halten keine Anteile.

Dass der Stabwechsel bei den Maiers so erfolgreich funktioniert, liegt wohl auch an einer stillen Vereinbarung zwischen Vater und Sohn. So hat Otto Julius Maier, 86, noch ein Büro am alten Stammsitz in der Altstadt, hält sich aber raus aus den Geschäften. Auch die Tante, 80, lange mit an der Spitze des Unternehmens, regiere nicht rein, sagt Clemens Maier. Beide reisen gern und viel und machen bei ihren Museumsbesuchen weltweit „store checks“. Wenn sie da mal wieder kein Ravensburger-Spiel entdecken, stehen sie enttäuscht bei ihm im Büro. Und Maier erklärt ihnen dann, dass Museumsshops nicht zum Vertriebskonzept passen.

Für Sabine Rau, die seit Langem über Familienunternehmen forscht, sind die Ravensburger ein Glücksfall. „Ein Patentrezept dafür, wie so eine Übergabe auf jeden Fall gelingt, gibt es aber nicht.“ Jede Familie müsse das auf ihre Weise lösen. Dreh- und Angelpunkt sei die Kommunikation in der Familie. „Wenn dieser weiche Teil, das Miteinanderreden, ernst genommen wird, dann steigen die Chancen für eine erfolgreiche Nachfolge.“ Extrem hilfreich sei zudem „eine Heldengeschichte, die vom Erfindergeist und der Strebsamkeit der Gründer erzählt“.

Die Ravensburger haben dafür ein ganzes Museum, es ist das Elternhaus Maiers mitten in der Altstadt. Ein prächtiges Patrizierhaus, gefüllt bis oben hin mit Spielen und Puzzles aus 135 Jahren Unternehmensgeschichte. Überall hängen Bilder der Ahnen. Ausgestellt sind auch der Sekretär des Urgroßvaters und ein lange verschollener Schrank, in dem er Skizzen zu neuen Spielen aufbewahrte. Dass Ravensburger heute so blendend dasteht, verdankt sich auch einer frühen Einsicht: Familie allein reicht manchmal nicht. So kam 1989 erstmals ein familienfremder Manager mit in den Vorstand. Damals beschloss die Familie auch, aus der GmbH eine Aktiengesellschaft mit Aufsichtsräten auch von außen zu machen.

Als Ravensburger im Jahr 2000 fast 15 Mio. Euro Verlust machte, fackelte die Familie nicht lange und holte einen Sanierer von außen rein. Clemens Maier war da Anfang 30, weit weg in London und viel zu unerfahren, um das Familienunternehmen zu sanieren. Karsten Schmidt aber, der 2002 kam und zuvor Produktmanager beim Zigarettenkonzern Philip Morris gewesen war, kannte sich aus mit bedrohten Geschäftsmodellen.

Die Ravensburger hatten sich mit ein paar Zukäufen verkalkuliert und mit Videospielen („Moorhuhn“) allzu weit vom Markenkern entfernt. Das Fernsehgeschäft, RTV Family Entertainment, erlitt an der Börse (Neuer Markt) eine Bruchlandung. Schmidt verkaufte das TV-Geschäft, baute Stellen ab, reduzierte das Geschäft mit Computerspielen und kam auf den Kern zurück: Puzzles, Gesellschaftsspiele und Kinderbücher. Spiele mit pädagogischem Anspruch.

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Die Ravensburger-Dynastie

Die Ravensburger-Dynastie

Eklat mit Büstenhalter

Mit dieser Idee war schon Urgroßvater Otto Maier, ein gelernter Buchhändler, 1883 an den Start gegangen. Spielen war im damaligen Bürgertum eine ernste Sache. Es ging darum, Regeln zu lernen, ums Stillsitzen. In Vorbereitung auf Schule, Beruf und Liebesleben sollten sich die Kinder schon mal an Niederlagen gewöhnen. Wie ernst die Maiers den pädagogischen Auftrag nahmen, zeigt eine Episode aus der Nachkriegszeit: Damals wurde dem Chef die Deutschland-Lizenz für das neue Spiel „Monopoly“ angeboten. Er lehnte ab. Weil er nicht wollte, dass eines seiner Spiele den Kindern Raffgier beibringt.

Der Spielspaß kam erst später dazu. 1960 löste das Ravensburger-Spiel „Malefiz“ („schlechte Tat“) auf der Nürnberger Spielwarenmesse einen Eklat aus. Auf Spielbrett und Pappkarton posierte eine Dame leicht bekleidet mit einem schwarzen Etwas, dass sowohl Büstenhalter als auch Cocktailkleid sein konnte, daneben ein finster dreinblickender Mann mit gezogenem Revolver. Zu frivol für ein Familienspiel, befanden die Kritiker. Den Kunden war es egal, „Malefiz“ verkaufte sich bis heute fünf Millionen mal.

Vom Brett zur App zur virtuellen Realität. Es wird der Job von Clemens Maier sein, alte und neue Spielwelten weiter miteinander zu verbinden. „Gravitrax“, die Kugelbahn, die gerade getestet wird, ist so ein Versuch. Maier holt ein iPad und zeigt die App zum Spiel, die ein wenig an „Minecraft“ erinnert. Dann reicht er die 3D-Brille rüber und wartet mit stillem Lächeln. Der Besucherin dreht sich da schon der Magen. Sie sitzt plötzlich selbst auf einer virtuellen Kugelbahn und saust hoch und runter wie auf der Kirmes.

Gedacht ist das „Spiel mit der Schwerkraft“ für technikbegeisterte Jungs und Mädchen. „Damit wollen wir neue Spielwelten erobern“, sagt Maier. Im September soll das Spiel herauskommen. Im Dezember ist Weihnachten. Es hat sich halt so ergeben.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 05/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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