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Der Niedergang der asiatischen Handelshäuser

, Bernd Ziesemer

Erst machten die großen Handelshäuser Asien reich, jetzt kämpfen sie ums Überleben. Ein Lehrstück in Sachen Digitalisierung. Von Bernd Ziesemer

Schiffe im Hafen von Hongkong © Getty Images
Schiffe im Hafen von Hongkong

Das Hongkonger Unternehmen Li & Fung kennt in Deutschland so gut wie niemand. Wenn wir uns bei Karstadt ein Hemd ansehen oder uns im Kaufhof nach neuen Küchengeräten umschauen, kommen wir alle mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Waren in Kontakt, die durch die Hände von Li & Fung gegangen sind.

Das große chinesische Handelshaus kauft für die bekannten Marken in aller Welt in ganz Asien ein, organisiert die Lieferketten und bringt die Bestellungen just in time in den USA und Europa in die Regale.

Als ich den damaligen Chef des Handelshauses, Victor Fung, 1996 in seinem Büro im 32. Stock des Alexandra House in Hongkong besuchte, liefen seine Geschäfte fantastisch. Seine Firma liege in der Globalisierung „ganz vorn“, sagte mir der frühere Harvard-Professor. Die „Business Week“ zählte ihn damals zu den „25 besten Managern der Welt“.

Gewinne sinken und sinken

Heute führt sein Sohn Spencer die altehrwürdige „Hong“, wie die Chinesen ein Handelshaus nennen. 1906 hatte sich sein Urgroßvater in Guangzhou selbstständig gemacht. Die Globalisierung machte Asien groß und die Fungs reich. Seit drei Jahren aber kämpft Spencer Fung gegen den Niedergang seines Geschäfts. Li & Fung macht immer noch knapp 16 Mrd. Euro Umsatz. Doch die Gewinne sinken und sinken. Die „Financial Times“ empfahl der Sippe gerade, die Firma zu verkaufen, „solange es überhaupt noch etwas zu verkaufen gibt“.

Capital 05/2017
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Der Niedergang der Hongs ist ein Lehrstück in Sachen Digitalisierung. Die Stärke der Handelshäuser war über Jahrzehnte ihr Netz von kleinen, billigen Lieferanten in der Region. Victor Fung sprach vor 20 Jahren stolz von 5000 Fabriken, die für ihn produzierten. Für westliche Konzerne war es damals unmöglich, selbst Lieferbeziehungen zu kleinen Betrieben in Asien aufzubauen. Heute sorgen digitale Plattformen für den direkten Austausch zwischen Produzenten in China oder Vietnam und Einzelhandelsketten in Europa.

Oder die Fabriken in Asien machen gleich einen Deal mit Amazon und setzen ihre Waren weltweit über den Onlineriesen ab. Den Zwischenhändler braucht niemand mehr. Deshalb leidet Li & Fung.

Die Lehre für deutsche Unternehmen liegt auf der Hand: Geschäftsmodelle, die von Intransparenz und fragmentierten Märkten leben, verschwinden über kurz oder lang. Über Jahrzehnte gehörte beispielsweise ein Schraubenhändler wie Würth zu den erfolgreichsten deutschen Mittelständlern. Auf Dauer aber muss auch Würth sich als Digitalunternehmen neu erfinden.

Noch gibt es in einigen Branchen hohe Eintrittsbarrieren für digitale Wettbewerber. Das gilt zum Beispiel für den Handel mit hochgiftigen Chemikalien. Davon profitiert der weltweite Marktführer, die deutsche Brenntag aus Mülheim. Doch mittlerweile brechen erste Start-ups selbst in diese Bereiche ein.

Li & Fung gibt nach drei desaströsen Jahren jetzt 150 Mio. Euro für die völlige Digitalisierung der Geschäftsoperationen aus. Das Programm frisst fast zwei Drittel des Jahresgewinns – und ist möglicherweise trotzdem viel zu wenig. Viele Beispiele zeigen: Erodieren die alten Geschäftsmodelle durch neue, digitale Konkurrenten, ist es fast immer zu spät für einen Neuanfang.


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit. Die vorliegende Kolumne ist in der aktuellen Capital erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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