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  • Reportage

Was sich Dyson vom Brexit verspricht

, von Ines Zöttl

Im Alleingang hat der britische Erfinder James Dyson sein Staubsaugerimperium gebaut. So stellt er sich auch die Zukunft seines Landes vor – außerhalb der EU

Sir James Dyson © Jon Tonks

Manchmal ist der Abstand zwischen Erfolg und Scheitern sehr klein. An diesem Tag sind es zwei Zentimeter. Abendelang hatten die Ingenieure von Dyson getüftelt, gebastelt und verworfen. Jetzt wollen sie ihre Konstruktion – ein Miniatur-Hovercraft – vorführen. Aber ein elektrisches Kabel hat sich gelöst. Und keiner der Anfang 20-Jährigen, die aufgeregt um das Wasserfahrzeug herumhampeln, hat Tesa dabei. Also war’s das.

„Warte“, sagt einer und knibbelt mit dem Daumen ein Stück des klebrigen schwarzen Deckbelags vom Boot ab. „So geht’s.“ Kurz darauf gleitet das Schwebefahrzeug röhrend durch das dekorative Wasserbecken vor dem Eingang der Firmenzen­trale im britischen Malmesbury. Ein Stück Pappe sinkt wirbelnd auf den Grund des Pools. Ein paar Kollegen auf dem Weg in die Kantine bleiben stehen und gucken amüsiert zu.

Gestern zählt nicht

Der Chef sitzt eine Etage darüber und stört sich nicht im Geringsten an den vergnügten Aktivitäten seiner Angestellten unter seinem Fenster. Sir James Dyson, Alleineigentümer des nach ihm benannten Staubsaugerherstellers, mehrfacher Milliardär und Ritter Ihrer Majestät, sitzt selbst ungern am Schreibtisch. Am glücklichsten ist der 69-Jährige an der Werkbank mit seinen im Schnitt 26 Jahre alten Entwicklern. Dyson stellt fast nur Leute frisch von der Uni ein. „Nicht weil ich Erfahrung ablehne. Aber wir brauchen sie nicht“, sagt der weißhaarige Mann, der drei Kinder und sechs Enkel hat. „Wir wollen nicht wissen, was früher Erfolg hatte. Wir wollen etwas Neues und anderes voranbringen.“

Vorwärts ohne zurückzuschauen? Es ist eine Debatte, die überall im Land tobt, seit die Briten für den Brexit gestimmt haben. Die letzten Monate waren turbulent. Eine neue Regierung, das Pfund im Abwärtssog, erste ausländische Investoren sagen bye-bye. Viele Briten fürchten, dass sie zu viel aufs Spiel gesetzt haben: den Zugang zum europäischen Markt, die Führungsrolle der Londoner City, die Zukunft als Investitionsstandort. Dyson kennt das alles. Aber er teilt die Sorgen nicht. Die Entscheidung für den Ausstieg sei richtig gewesen, „selbstverständlich“, sagt er mit einem kurzen Auflachen. „Meine Gründe sind sehr einfach: Ich glaube an Souveränität.“

Der Grandseigneur der Industrie trägt Strickjacke, gepunktetes Hemd, weiße Sneaker. Mit Krawatte wurde er zuletzt gesichtet, als ihn die Queen 2007 zum Ritter schlug. Spätestens seitdem ist er für die Briten eine Ikone, quasi der Chefingenieur Ihrer Majestät. Einmal im Jahr stellt Dyson seinen Mitarbeitern verrückte Aufgaben. Autos aus Pappe zu bauen zum Beispiel, die einen Parcours durch Feuer und Wasser überstehen. Oder Flugobjekte aus Staubsauger-Ersatzteilen zu konstruieren. Im Grunde aber ist die Aufgabe immer die gleiche: Halte dich nie damit auf, was unmöglich ist. Tu es.

Wenn Dyson vom „Ingenieurwesen“ spricht, dann strahlen seine blauen Augen hinter der Eulenbrille noch heller. Auch diesen sonnigen Herbst-Vormittag hat er im „RDD“ verbracht, der Abteilung, die in anderen Firmen „R&D“ (Research & Development“) heißt, und bei ihm das „Design“ als Kernkompetenz dazubekommen hat. Dyson ist reich damit geworden, Alltagsgeräte wie den Staubsauger, Ventilator und neuerdings auch den Haarföhn neu zu erfinden. Hinter dem überdimensionierten Schreibtisch des Unternehmers stehen seine Sauger Spalier: Plastikgeschöpfe in Pink oder Gelb, die mehr an moderne Mondfahrzeuge als an Haushaltsgeräte denken lassen.

Dyson-Staubsauger werden in China gefertigt © Philippe Psaila / Dyson
Dyson-Staubsauger werden in China gefertigt

Es war 1978, als dem damals noch jungen Designer beim Staubsaugen zu Hause auffiel, dass die Leistung der Geräte rasch nachließ, weil die Beutelporen verstopften. Er biss sich fest an dem Problem – und fünf Jahre und 5 127 Prototypen später hatte er den beutellosen Staubsauger erfunden. Doch auch dann nahm ihn niemand ernst. Wenn es eine bessere Art des Saugens gäbe, dann „hätten Hoover oder Electrolux die doch erfunden“, bekam er zu hören. Und er wolle allen Ernstes den Hausfrauen den Blick in einen transparenten Schmutzbehälter zumuten? Igitt! Es dauerte lange, bis Dyson in Japan einen Partner für die Produktion des Saugers fand.

Heute hält sein Unternehmen 3000 Patente, setzt über 2 Mrd. Euro jährlich um, beschäftigt 7 000 Mitarbeiter – und der einstige Platzhirsch Hoover hat seine damalige Arroganz öffentlich bereut. In Europa haben Dysons Zyklone die Marktführerschaft übernommen und in Deutschland Miele beim Umsatz vom Siegerpodest gestoßen. Dyson fertigt in Singapur und Malaysia und verkauft in 65 Ländern der Welt. 90 Prozent des Umsatzes erzielt er außerhalb der Heimat. Das Herz seines Unternehmens aber schlägt dort, wo er mit seiner Frau Deirdre seit Jahrzehnten lebt: tief in der Provinz, in Malmesbury, dem ältesten Städtchen Großbritanniens mit 4600 Einwohnern. „Ich hab RDD gerne unter meiner Nase, und meine Nase ist hier“, begründet er das schlicht.

Für 250 Mio. Pfund hat Dyson zwischen den grünen Hügeln der Gegend gerade einen neuen „Campus“ hochgezogen – einen rundum verspiegelten Quader, dessen Inhalt so geheim ist, dass nicht einmal die eigenen Mitarbeiter das Gebäude ohne guten Grund betreten dürfen. Hier wird an den Produkten der Zukunft geforscht. Bis 2020 will er die Zahl der Ingenieure auf 3000 verdoppeln.

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Bloß kein Teil von Etwas sein

Man könnte die Geschichte von Dyson als eine Erfolgsstory der Globalisierung lesen, als Plädoyer für Internationalisierung, Offenheit, Freizügigkeit. Kurz: als Argument gegen den Brexit. Dysons Lesart ist das Gegenteil. „Ich will nicht Teil eines Konglomerats sein“, sagt er, „und so empfinden das auch die Briten.“

Er ist es, der den Briten ein Stück weit ihren industriellen Stolz zurückgegeben hat. Die Nation, die einst die Dampflok und die indus­trielle Spinnmaschine erfunden hat, dürstet danach, wieder „Dinge zu machen“, statt von der virtuellen Welt der Finanzindustrie ernährt zu werden. Der Autoindustrie mag das Comeback gelungen sein, doch große Namen wie Range Rover oder Mini gehören ausländischen Konzernen. „Dyson’s“, wie sie im Ort sagen, dagegen ist „very british“. Ex-Premier David Cameron berief Dyson zum „Wirtschaftszar“. Für ihn verfasste der Unternehmer 2010 den Leitfaden „Erfinderisches Großbritannien: Wie das Königreich zum führenden Hightech-Exporteur Europas wird.“

Manches davon hat die Regierung umgesetzt, so die „Patentbox“ mit Steuererleichterungen für Innovationen. Doch Dysons Erfolgsrezept hat andere Parameter. Selbstständigkeit bis hin zum Starrsinn gehört dazu. Und Innovation gepaart mit dem Streben nach ­Perfektion und Unverwechselbarkeit. Er hat gezeigt, wie man einen Markt umkrempelt und wie ein westlicher Hersteller gegen die Billigkonkurrenz bestehen kann. Und er hat etwas, was die Briten nun dringend brauchen können: Mut

Sir James Dyson in seinem Büro © Jon Tonks
James Dyson wird als „britischer Daniel Düsentrieb“ bezeichnet

Dyson freut sich darauf, dass Großbritannien außerhalb der EU Handelsabkommen mit den USA oder Kanada schließen könne, ohne von einer belgischen Provinz oder dem Streit um Feta-Käse ausgebremst zu werden. Und wenn der Kontinent künftig Einfuhrzölle erheben würde, nur zu. Er ist überzeugt, dass die Rest-EU am Handel mit den Briten mehr Interesse haben muss als umgekehrt. Schließlich verkauft sie mehr nach Großbritannien, als sie von dort importiert.

Nicht einmal das Argument, dass die heimischen Universitäten ihm nicht genügend Ingenieure und Wissenschaftler liefern können, schreckt ihn. Der Zuzug aus der EU habe dazu geführt, dass sich die Tür für Einwanderer aus dem Commonwealth, aus Australien, Indien und der Karibik, geschlossen habe. „Immigration ist gut. Immigration aus nur einer Region ist nicht gut.“

Insgeheim mag der EU-Brass des Industrieveteranen, der früher einmal selbst einen Beitritt seines Landes zum Euro gefordert hatte, auch etwas mit seinem bislang erfolglosen Kampf gegen die EU-Energiekennzeichnung zu tun haben. Die Effizienz der Staubsauger nimmt ab, wenn der Beutel sich füllt. Gemessen aber wird nach EU-Recht leer. Dyson, der Erfinder des beutellosen Saugers, fühlt sich dadurch gegenüber der Konkurrenz benachteiligt.

Nicht alle im Unternehmen teilen die Brexit-Haltung des Chefs, viele der jungen Leute, die sich in der Kantine Pizza aus dem dysonblauen Ofen und Tomate-Mozzarella-Salat aufs Tablett häufen, dürften im Referendum pro EU gestimmt haben. Aber man respektiert den Chef. Auch CEO Max Conze hält sich bei diesem Thema bedeckt. Der Deutsche hat die operative Führung 2011 übernommen, während sich Sir James formal auf die Rolle des „Chefingenieurs“ zurückgezogen hat. Trotz Brexit hält Conze an den Wachstumszielen fest. In seiner Geschichte habe das Unternehmen den Umsatz alle drei bis fünf Jahre verdoppelt – und dabei solle es bleiben. 2015 ist der Umsatz um 26 Prozent, der Gewinn um 19 Prozent gestiegen. „Das ist der Kurs, den ich auch für die nächsten Jahre sehe“, sagt Conze. Um 2020 peilt er die 5-Mrd.-Pfund-Umsatzmarke an.

Das geht nur mit vollem Risiko – das Dyson eingehen kann, weil am Ende seine 100 Prozent Anteile entscheiden. Nicht einmal seinen Sohn Jake, der ihm nachfolgen soll, hat er bislang beteiligt. Die vom Sohn entwickelten Leuchten stehen seit einiger Zeit auf dem Schreibtisch des Vaters und aller anderen Mitarbeiter in Malmesbury. Dyson hat das Start-up seines Sohnes letztes Jahr gekauft und den Wunschnachfolger damit ins Familienunternehmen geholt. Wann will er denn aufhören? „Man erlaubt mir nicht, das zu tun“, sagt er mit seinem typisch kurzen Lachen.

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Motiv Alltagsärger

Als „britischer Daniel Düsentrieb“ wird Dyson bezeichnet, aber das trifft es nicht. Er erfindet nichts Neues. Sondern Altes neu. Am liebsten dort, wo er oder seine Ingenieure auf ein Alltagsärgernis stoßen. So fiel seinem Head of New Product Innovation, Stephen Courtney, auf, dass Haarföhne schwer und laut sind. „Ich will einen Föhn machen“, schlug Courtney Dyson vor. „Yeah“, antwortete der. Das Problem: Sie verstanden zwar viel von Motoren. Aber nichts von Haaren. „Wir haben dann erst mal 2000 Meilen Haare gekauft“, erzählt Courtney lachend. Fünf Jahre lang wurde unter strengster Geheimhaltung geforscht, gelernt, geföhnt, perfektioniert. Im September kam der Supersonic in Deutschland auf dem Markt. Verkaufspreis: 400 Euro. Ein ziemlicher Preis.

Ein paarmal schon hat das funktioniert: Innovation mit Exzellenz zu verbinden – und dafür einen Premiumpreis zu bekommen. Kopiert wird in Malmesbury nur das eigene Erfolgsmodell. „Wir gehen dahin, wohin die Technologie uns trägt“, sagt James Dyson.

Der original English-Electric-Lightning-Kampfjet in der Kantine soll die Ingenieure inspirieren © Jon Tonks
Der original English-Electric-Lightning-Kampfjet in der Kantine soll die Ingenieure inspirieren

Was wie Hybris klingt, ist nach eigenem Bekunden eigentlich Angst. Angst vor dem Scheitern. Als Schüler rannte er kreuz und quer über Land, um sich zu beweisen. Und auch heute vergeht kaum ein Tag, an dem der knapp 70-Jährige nicht 20 Minuten läuft. Genauso wenig ist die Sorge vor der Zukunft verschwunden. „Es spielt keine Rolle, ob du vorne liegst oder halbwegs durch bist. Die Angst geht nicht weg“, sagt er und fügt hinzu: „Wir leben auf Messers Schneide. Weil wir immer nur so gut sind wie das Produkt von morgen. Oder das in fünf oder zehn Jahren.“

Was dieses Produkt von morgen sein könnte, das behandelt jeder in Malmesbury so, dass 007 seine Lust daran hätte. Er habe eine Präferenz für Produkte, „die ich selbst benutze“, sagt Dyson – ausschließen will er nichts. Das Unternehmen hat angekündigt, 1 Mrd. Pfund in die Akkutechnologie zu investieren und in den USA das Start-up Sakti3 übernommen, das an Feststoffbatterien arbeitet. Der britische „Guardian“ versuchte daraufhin, anhand eingereichter Patente nachzuweisen, dass Dyson ein Elektroauto bauen wolle.

Tugend des Maulesels

Das Attribut „Visionär“ lasse sich auch als „Starrköpfigkeit“ lesen, findet Dyson. Seinen Erfolg verdanke er den „Tugenden eines Maulesels“, schrieb er in seiner Autobiografie. Einmal hat er trotzdem aufgegeben: Die Produktion der Dyson-Waschmaschine wurde eingestellt, weil die Kostenkalkulation nicht aufging. Er hätte die Preise erhöhen können, aber alle rieten ihm ab. Heute bedauert der Chefingenieur ein wenig, dass er „dieses eine Mal“ auf andere gehört hat. Eines der nicht mehr benötigten Trommellager hat er aufbewahrt. Beinahe zärtlich dreht er es in der Hand. „Das gleiche wird im McLaren-F1-Rennauto verbaut.“

Sein Büro ist geräumig oder, besser gesagt, es wäre geräumig, wenn er dort nicht all das sammeln würde, was er als ikonografisches Design bewundert. Einen alten gelben Sony-Walkman. Das Modell eines Citroën. Einen kleinen Schaufelbagger. Ein aufklappbares Handy mit Tastatur. („Viel besser als swipen, das die Hälfte der Zeit nicht klappt. Wenn die Ingenieure es nicht absolut korrekt machen, funktioniert es nicht zu 100 Prozent. Ein Ärgernis.“)

Was einfach zu groß ist, hat er anderswo untergebracht. An der Decke der Kantine hängt ein original English-Electric-Lightning-Kampfjet. Vor dem Eingang steht der Harrier Jump Jet, mit dem ein Pilot der Royal Air Force 1997 ins Mittelmeer stürzte. Der Flugkapitän überlebte.

Er erwarte keine derartigen Heldentaten von seinen Ingenieuren, sagt Dyson. Aber dass sie der Anblick dazu bringt, ein paar „unmögliche Ideen“ zu erträumen, hofft er schon. Man kann seine Mission in diesen Wochen kaum groß genug interpretieren.

Der Beitrag ist zuerst in Capital 12/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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