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  • Reportage

Unicefs Bilderschwindel

, Matthias Thieme

Unicef Deutschland versteigert eine der wertvollsten Kunstsammlungen der Welt – dabei sind auch Gemälde,  deren Verkauf dem Kinderhilfswerk bis 2026 untersagt ist. 

Joachim Fuchsberger (l.) und Gustav Rau © ddp images
Im Jahr 2001 feierte Unicef die Schenkung von Gustav Rau. Links neben ihm: Unicef-Botschafter Joachim Fuchsbergerm

Das deutsche Kinderhilfswerk Unicef versteigert aus der berühmten Kunstsammlung Rau Gemälde mit Millionenwerten, deren Verkauf dem Kinderhilfswerk bis zum Jahr 2026 eigentlich untersagt ist. Laut Verträgen, die Capital vorliegen, hat Unicef sich dazu verpflichtet, die Kernsammlung Rau bis zum Jahr 2026 nicht zu veräußern, sondern 152 Gemälde und Skulpturen im Arp Museum in Remagen zu zeigen. Vereinbart wurde dies in einem Leihvertrag mit dem Träger des Museums, dem Land Rheinland Pfalz sowie in einem Schenkungsvertrag des Sammlers Gustav Rau mit Unicef.

Nun wird bekannt, dass etwa das wertvolle Gemälde „Die Algerierin“ von Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875)  verkauft wurde – freihändig, außerhalb der Auktionen. Zusammen mit dem Kunstwerk „Ansicht der Hermitage, Pontoise“ von Camille Pissarro (1830–1903) soll ein anonymer Käufer rund 16 Millionen Euro an Unicef gezahlt haben. Doch das Corot-Bild „Die Algeriern“ gehört eindeutig zur Kernsammlung und dürfte laut den Verträgen eigentlich nicht verkauft werden. Im Vertrag heißt es: Bis zum Ablauf der Frist „ist Unicef jede Verfügung über die Kunstwerke der Kernsammlung, insbesondere eine Veräußerung, Verpfändung und eine Auflösung dieser Kernsammlung untersagt“.

Eine Sonderklausel im Vertrag mache die Verkäufe dennoch möglich, rechtfertigt sich Unicef. Darin sei vorgesehen, dass vom Verkaufsverbot bis 2026 abgewichen werden dürfe, wenn „konkrete Umstände“ dies als steuerlich nachteilig erwiesen. Doch renommierte Experten für Kunstrecht widersprechen der Darstellung des Kinderhilfswerks: „Das ist ein klarer Vertragsbruch seitens Unicef “, sagt der Leipziger Kunstrechts-Anwalt Christoph von Berg, und das widerspricht eindeutig dem Willen des Stifters“. Die von Unicef genannte Sonderklausel könne nur dann benutzt werden, wenn dem Stifter ein Steuerschaden entstehe. Doch dafür fehlten jegliche Anhaltspunkte. Rau ist seit mehr als einem Jahrzehnt verstorben. Zudem setzte die Klausel laut dem Vertrag das Einverständnis beider Vertragsparteien voraus und sei überhaupt keine Rechtfertigung für einseitig von Unicef in Gang gebrachte Verkäufe, betont Anwalt von Berg.  Unglaublich, findet der Experte den Vorgang und rät: „Diese Verkäufe müssen juristisch geprüft werden.“

Es gibt konkrete Hinweise darauf, dass Unicef noch weitere Gemälde verkaufen will, die eigentlich der Kernsammlung zugerechnet werden müssten. Capital liegt eine Liste von acht Gemälden mit Millionenwerten vor. Hat Unicef etwa auch den Leihvertrag mit dem Land Rheinland Pfalz verletzt, welches sich sogar zur Staatshaftung für die Bilder verpflichtet hat? Teil dieses Vertrags ist ebenfalls die Liste der Bilder, die zur Kernsammlung gehören und bis 2026 gezeigt werden sollen. Diese Liste  wurde 2008 sogar im Internet veröffentlicht – aber heute ist sie dort plötzlich nicht mehr auffindbar. Auf mehrfache Fragen von Capital wollen weder Unicef noch das Arp Museum noch das zuständige Bildungs-Ministerium diese Liste heute herausgeben – ein bemerkenswerter Vorgang.

Gemälde auf Roadshow

Matthias Thieme © Trevor Good
Capital-Redakteur Matthias Thieme

Derweil gehen die spektakulären Verkäufe weiter: Am 5. Dezember steht mit Jean-Honoré Fragonards Porträt des Herzogs von Harcourt im Londoner Auktionshaus Bonhams eines der wertvollsten Rau-Exponate zum Verkauf. Schätzwert: 7 bis 15 Millionen Euro. Bis dahin gehen einige Gemälde weiter auf Roadshow, werden Investoren auf verschiedenen Kontinenten schmackhaft gemacht – es ist der vorläufige Höhepunkt einer an Merkwürdigkeiten kaum zu überbietenden Geschichte, in der Unicef eine Hauptrolle spielt. Eine Capital-Recherche über das bizarre Gebaren des Kinderhilfswerks und die Geschichte der Sammlung Rau:

Ein sonniger Tag in Köln, im Herbst 2013. Bei den Gemälden werden heute Champagner und gekühlte Wachteleier gereicht. In der Kölner Filiale des Auktionshauses Bonhams hat soeben der Empfang begonnen. Etwa 20 Kunstkenner stehen zwischen teuren Bildern an weißen Wänden; Anzug und Sommerkleid, eine Besucherin trägt ihren kleinen Hund im weißen Handtäschchen.

Kurze Ansprache von Maria Freifrau von Welser, der Vize-Vorsitzenden von Unicef Deutschland. Sie sagt, dass man „stolz und glücklich“ sei, die Kunstsammlung von Gustav Rau präsentieren zu können, von der ein winzig kleiner Teil hier an den Wänden hängt. Das Auktionshaus zeigt in Köln neun Bilder von fast 800 Gemälden, Skulpturen und anderen Arbeiten, die zusammen eine der kostbarsten Sammlungen der Welt bilden. Ihr Schätzwert: 500 Mio. Euro. Große Teile davon werden bald versteigert, und der gesamte Erlös soll dem Kinderhilfswerk zugutekommen. Maria von Welser wünscht allen Gästen „gute Begegnungen mit den Bildern“. „Ich hätte nichts dagegen, wenn die Auktion schon heute wäre“, raunt ein Gast.

Von dem erbitterten Streit, der um die Kunstsammlung tobte, ist an diesem Abend keine Rede. Dabei wirft die Geschichte der Sammlung Gustav Rau bis heute viele Fragen auf: moralische, juristische und finanzielle. Gustav Rau war Arzt, Multimillionär und ein so sparsamer Mann, dass er Briefumschläge mehrmals verwendete. Nur für Kunst gab er Abermillionen aus. Schon lange vor seinem Tod hatte er seinen Nachlass geregelt. Unicef wurde damals nicht bedacht.

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Das Gemälde „Der heilige Dominikus im Gebet“ von El Greco aus der Sammlung Gustav Rau hat ein Rekord­ergebnis erzielt: 9,15 Mio. Pfund (rund 10,8 Mio. Euro) bekam Unicef Deutschland allein für dieses Bild © Sothebys
Das Gemälde „Der heilige Dominikus im Gebet“ von El Greco aus der Sammlung Gustav Rau hat ein Rekord­ergebnis erzielt: 9,15 Mio. Pfund (rund 10,8 Mio. Euro) bekam Unicef Deutschland allein für dieses Bild

Rau starb mit 79 Jahren als kranker Mann, umstellt von seinen Vertrauten. Ein Greis, der in seinen letzten Lebensjahren durch Dutzende Pflegeheime gezerrt wurde – während um seine Bilder längst der Kampf entbrannt war, den er zeitlebens vermeiden wollte. Es war ein Gefecht mit teuren Anwälten und in vielen Ländern, es ging um die letzten und allerletzten Willenserklärungen von Gustav Rau. Unicef entschied es schließlich für sich. Zu Recht?

Capital hat mit vielen Zeugen gesprochen und Hunderte Dokumente
ausgewertet: Gutachten, Urteile, Ermittlungsakten, Protokolle, Arztbriefe und Notizen. Akten, die viel erzählen
über eine Hilfsorganisation, die alle Hebel in Bewegung setzte, um ein Erbe anzutreten – und über einen reichen Mann, dem sein Vermögen zum Verhängnis wurde.

Als Gustav Rau 1922 in Stuttgart geboren wird, hat der Aufstieg seiner Familie gerade erst begonnen. Sein Vater wird im Laufe seines Lebens eine Fabrik für Autoteile groß machen und dabei ein Vermögen verdienen. Gustav selbst kämpft im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht. Nach dem Krieg studiert er Wirtschaftswissenschaften und übernimmt dann die Fabrik der Eltern in Bietigheim – obwohl er immer von etwas anderem träumt.

Erst als er 40 wird, beginnt das zweite, das richtige Leben des Gustav Rau. Er absolviert noch ein Medizinstudium und verkauft seinen Betrieb 1970 für rund 400 Mio. D-Mark. Danach arbeitet er jahrelang als Tropen- und Kinderarzt in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Er lässt eine Krankenstation bauen, bleibt dort und praktiziert fast zwei Jahrzehnte lang. Wenn er nach Europa fliegt, dann, um in abgewetzter Kleidung große Auktionshäuser zu ­besuchen.

Gewaschene Schnürsenkel

Dem Multimillionär ist es egal, ob er in gestopften Socken und ausgelatschten Wanderstiefeln bei Sotheby’s in London auftaucht. Er ist sparsam bis zur Absurdität. Rau besitzt nur wenige Kleidungsstücke, lässt Schnürsenkel waschen, und wenn er riesige Summen in den größten Auktionshäusern lässt, nimmt er zu den Versteigerungen ­Vesperbrot und Apfel mit, um nicht essen gehen zu müssen. Aber er ist Stammkunde. Er kennt sich aus. Mit der Kunst genau wie mit den Tricks der Auktionen. Droht der Wetterbericht mit Nebel, reist er schon mal mit dem Schiff von Frankreich nach London, um der Konkurrenz voraus zu sein, die bei schlechtem Wetter am Flug­hafen festsitzt.

Die Auswahl der Werke trifft er immer selbst, und seine Schätze lässt Rau in ein Zollfreilager nach Embrach in der Schweiz bringen. Niemand soll von seinem Besitz wissen. Gustav Rau fürchtet nichts mehr, als nur wegen seines Vermögens gemocht zu werden. Manchmal steht er in seinem klimatisierten Tresor in Embrach und schaut sich alleine seine Bilder an. Sie liegen dort weggeschlossen, zu Hunderten, über viele Jahre, während Rau weiter im Kongo arbeitet.

Rau heiratet nie, es gibt keine Kinder. Nur zwei enge Vertraute: die Psychologin Sigrid T., die Rau zunächst bei der Einstellung von Mitarbeitern hilft, indem sie deren Handschriften analysiert. Und Raus Privatsekretär Robert C., ein Kunst- und Frankreich-Kenner mit großem taktischen Gespür. Sigrid T. wird später Raus Generalbevollmächtigte. ­Robert C. wird enorm von Raus allerletzten Unterschriften profitieren.

Eigentlich kümmert sich Rau früh da­rum, was posthum mit seinem Reichtum geschehen soll. Bis zum 65. Lebensjahr gründet er mehrere Stiftungen in der Schweiz und in Liechtenstein, die sein Vermögen und seine Sammlung für die Dritte Welt und sein Krankenhaus im Kongo einsetzen sollen. Sein Nachlass ist damit klar geregelt, sein Reichtum gegen alle Ansprüche gesichert. Zumindest sieht es so aus.

Dann aber kehrt der 71-Jährige 1993 wegen gesundheitlicher Probleme aus dem Kongo nach Europa zurück. Schon länger plagen ihn Krämpfe, er verhält sich sonderbar. In der Hoffnung auf Genesung lässt Rau sich in Monaco nieder, doch sein Zustand verschlechtert sich. Oft irrt er allein und verwahrlost durch die Stadt, schläft im Pyjama auf Parkbänken, betrinkt sich schon mittags mit Chablis, läuft ziellos umher und stürzt auf der Straße.

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Klinik Schillerhöhe in Gerlingen © Sabine Höroldt
In der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen liegt Rau vom 5. Dezember 2001 bis zu seinem Tod am 3. Januar 2002. Er stirbt vor einem wichtigen Gerichts­termin – laut Gutachten wahrscheinlich an einem Medikament, das er sich nicht selbst verabreicht haben kann

Ärzte des Universitätsklinikums Nizza stellen bei Rau eine „subkortikale Demenz“, Lähmungen und Wahrnehmungsstörungen fest. Nichts, was sich einfach so heilen ließe. „Dieser Kranke erscheint mir schutzbedürftig hinsichtlich der Teilnahme am Rechtsverkehr“, notiert ein Neurologe in Monaco und empfiehlt, Rau unter staatliche Aufsicht zu stellen. So bestellt ein monegassisches Gericht für Rau 1998 einen unabhängigen Vormund und Vermögensverwalter. Aber Rau wird diesen Vormund nur ein einziges Mal sehen – denn das Gezerre um seine ­Bilder beginnt.

 Nach einem kurzen Klinikaufenthalt in Israel bringen Sigrid T. und Robert C. den kranken Gustav Rau Ende Juni 1998 nach Deutschland. Hier hat noch kein Gericht seine Geschäftsfähigkeit überprüft. Einen Vormund hat er hier nicht. Nur die Psychologin Sigrid T., die in Raus Namen schalten und walten kann. In schnellem Wechsel wird Rau durch ein Dutzend Kliniken in unterschiedlichen Orten geschleust. Ob Baden-Baden, Straßburg, Freiburg, Heidelberg, Stuttgart oder Konstanz – oft geht es hastig von Einrichtung zu Einrichtung, ohne einen ersichtlichen medizinischen Grund. Der Patient sei ­gegen ihren ärztlichen Rat Hals über Kopf abgeholt und verlegt worden, ­beschweren sich Ärzte in Briefen.

Einer Neurologin in Konstanz erzählt Rau, dass er sich Sorgen um sein Vermögen mache, dass es „Erbschleicher“ und „Lumpengesindel“ gebe, die ihm seinen Besitz nehmen wollten. Gegen den heftigen Widerstand der behandelnden Ärzte sei Rau auf Veranlassung von Sigrid T. dann abrupt in eine andere Stadt verlegt worden, erklärt die Neurologin später dem Landeskriminalamt. Bekannte des Mäzens berichten heute, Telefonate für Rau seien nicht mehr durchgestellt, Briefe nicht weitergeleitet, Besuche abgewehrt worden.

„Rau ist vollumfänglich von seinen angeblich Vertrauten abhängig gewesen“, sagt Stephan Eschmann, der damals als staatlicher Beistand in einer von Raus Schweizer Stiftungen eingesetzt war. „Alle Entscheidungen stammen in Tat und Wahrheit von ­Sigrid T. und ihren Anwälten.“

Manche lassen damals nicht locker, fahren hin, dringen trotz Kontaktverbot zu ihm durch – und erblicken ein erbärmliches Bild: ein kranker Greis, ohne eigene Kleidung, Waschzeug oder Schuhe, der gefüttert werden muss, weil seine Hände den Dienst versagen. Ein Mann, der kein Telefon, keinen Pass und kein Geld zur Verfügung hat. Aber eine General­bevollmächtigte, die alles kontrolliert.

Dynamit in falschen Händen

© Unicef
Der Kinder- und Tropenarzt Rau in jüngeren Jahren in Afrika. Von dort flog er immer wieder zu Auktionen nach Europa

Ausgerechnet ein Fremder aber darf Rau nun immer näher kommen. Es ist der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Dietrich Garlichs. Ein Mann mit feinem Gespür für Spendenquellen, ein ausgebuffter Manager der Hilfsindustrie mit guten Kontakten in die Politik. Er wird 2008 seinen Posten bei Unicef verlieren, wegen falscher Angaben und zu hoher Provisionen beim Einwerben von Spendengeld. Unicef Deutschland wird mit ihm in einen Finanzskandal schlittern, der Aufsehen erregt, doch jetzt, 1998, tritt Rau einfach nur ein freundlicher Wohltäter einer untadeligen Organisation entgegen. Für Unicef hatte Rau bis zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht viel übrig. Der sparsame Eigenbrötler misstraute den großen Hilfswerken. Auch deshalb hatte er als Arzt im Kongo auf eigene Faust geholfen. Doch Garlichs und Rau treffen sich nun öfter. Dieser Kontakt wird von Sigrid T. nicht unterbunden, im Gegenteil. Sie schätzt das Kennenlernen. Hinter Raus Rücken wird nun eifrig kommuniziert – auch mit Unicef.

 Eigentlich ist Rau zu diesem Zeitpunkt kaum noch entscheidungsfähig – so hatte es das Gericht in Monaco entschieden und ihm einen Vormund zur Seite gestellt. Raus Umfeld aber will nun das Gegenteil erreichen: Geschäftsfähigkeit. Es geht um eine Neuverteilung des Erbes. Raus Betreuer notierten schon vorher in einem Strategiepapier: „Schenkungsvertrag Herrn Dr. G. Rau unterschreiben lassen“ und „lichter Moment kommt“. Die Zeit drängt offenbar, Störungen sind nicht willkommen. 

In Dokumenten heißt es, Sig­rid T. solle dafür sorgen, dass Raus Vormund aus Monaco nicht gestattet wird, Rau in der Klinik zu besuchen. Hektisch sucht man nach einer Lösung für die Frage der Geschäftsfähigkeit. Ärztliche Gutachter werden bestellt – auch solche, die mit Sigrid T. und ihrem Ehemann befreundet sind. Kommen die Ärzte nicht zu dem gewünschten Ergebnis, wird der Ton etwas rauer. Es gibt Briefe, in denen sich Ärzte bei T. beschweren, sie seien gedrängt worden, Raus Zustand „so weit wieder herzustellen, dass er einen klaren und überzeugenden Eindruck bei den Notaren hinterlassen würde“. Ein anderer Arzt wehrt sich gegen Sigrid T.s ständige „Verbesserungsvorschläge“ für die Gutachten und warnt, so etwas sei „Dynamit, würde es in falsche Hände gelangen!“.

Raus lichter Moment kommt im Oktober 1999. Obwohl Rau in ­Monaco unter Vormundschaft steht und ihn sogar das höchste Gericht der Schweiz im Oktober 1999 für geschäftsun­fähig erklärt, erscheint am 26. Oktober 1999 eine illustre Gruppe bei einem Stuttgarter Notar: Sigrid T., der Privatsekretär Robert C., der Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs – und der schwer kranke Gustav Rau. Mit einer zittrigen Unterschrift vermacht Gustav Rau sein Vermögen Unicef Deutschland. Entgegen allen früheren Testamenten. Außerdem verhilft er Robert C. zu einer beachtlichen Leibrente von jährlich 331 500 Mark brutto.

Allerdings: Im Erbvertrag wird Raus Vermögen auf nur 3 Mio. Mark beziffert. Wo ist der Rest?

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Das von Rau gegründete Krankenhaus in Ciriri im Osten der Demokratischen Republik Kongo © Unicef
Das von Rau gegründete Krankenhaus in Ciriri im Osten der Demokratischen Republik Kongo

Gustav Rau hatte schon in den 70er-Jahren damit begonnen, seinen Nachlass zu regeln. Hatte mehrere auf Ewigkeit angelegte Stiftungen gegründet und ihnen einen Großteil seines Reichtums überschrieben. Juristisch gehört ihm die wertvolle Kunstsammlung längst nicht mehr selbst, sondern – laut einem Schenkungsvertrag – einer liechtensteinischen Stiftung, die er gegründet hat. Ihr Name: Crelona. Ihrer Satzung nach soll die Crelona-Stiftung Raus Lebensunterhalt bis zu seinem Tod sichern und ihr Vermögen danach einer weiteren Stiftung übertragen, der „Dritte Welt Stiftung“ in der Schweiz. Rau wollte sichergehen, dass seine Kunstsammlung nach seinem Tod verwendet werden würde, um sein Lebenswerk zu finanzieren: das Krankenhaus im Kongo. Rau wählte mit Bedacht ein Konstrukt, in dem seine Stiftung die Sammlung besaß – und nicht mehr er selbst. So wollte er sein Vermögen unangreifbar machen.

Trotz des neuen Erbvertrags zu Unicefs Gunsten, unter den Rau seine Unterschrift setzt, ist dieses ­Nachlasskonzept weiter intakt, gehört die wertvolle Kunstsammlung weiter der liechtensteinischen Stiftung. Das weiß auch das Kinderhilfswerk. Ein Problem. Doch Abhilfe naht. Unicef engagiert Anton Maurer, Anwalt der Stuttgarter Großkanzlei CMS Hasche ­Sigle. Ein äußerst dynamischer Mann. Beruflicher Schwerpunkt: internationales Handelsrecht. Im Fall Rau wird er im Laufe der Zeit zum juristischen Multitalent. Er vertritt Gustav Rau. Er vertritt Robert C. Er vertritt Sigrid T. Nach dem Tod von Gustav Rau vertritt er sogar Unicef. Außerdem übernimmt er eine wichtige Funktion in Raus Stiftung Crelona in Liechtenstein, der bis dahin die Bilder gehören – und die er bald darauf eliminieren wird.

Von seinem Vater erbt Gustav Rau eine florierende Autozulieferfabrik in Bietigheim. Mit 40 Jahren verkauft der Sohn das Unternehmen – und wird Arzt in Afrika © privat
Von seinem Vater erbt Gustav Rau eine florierende Autozulieferfabrik in Bietigheim. Mit 40 Jahren verkauft der Sohn das Unternehmen – und wird Arzt in Afrika

Für Außenstehende ist nur noch schwer nachzuvollziehen, wer in dieser Zeit wen mit was beauftragt hat – und was Raus tatsächlicher Wille ist. Manche werden den Unicef-Anwalt Maurer für seine erstaunliche Vielseitigkeit bewundern, andere kritisieren, er begebe sich in einen Interessenkonflikt. Die Anwaltskammer Zürich etwa rügt die dortige Niederlassung der Großkanzlei CMS wegen der „gleichzeitigen Vertretung mehrerer Parteien mit kollidierenden Standpunkten“. Diese Interessenverquickung sei nicht zulässig. CMS verweist auf die Unabhängigkeit ihrer jeweiligen Standorte – und darauf, dass sie stets mit dem Mandat Raus gehandelt habe. Unstrittig ist, dass sie über Jahre von fast jeder Bewegung im Fall Rau profitierte. Das CMS-Büro Zürich etwa berechnet rund 1,2 Mio. Euro für die Jahre 2001 und 2002. Unicef selbst hat nach eigenen Angaben 1,7 Mio. Euro in den Streit und in die Verwaltung der Bildersammlung investiert. Ein bemerkenswerter Aufwand – der Bewegung in die Sache bringt.

Während Gustav Rau beim Stuttgarter Notar das Testament unterzeichnet, läuft in mehreren Ländern und mit vielen Anwälten der Großkanzlei CMS bereits eine juristische Großaktion. Klares Ziel: der Zugriff auf Raus Kunstsammlung, die sich ja immer noch im Eigentum der Crelona befindet. Bei vielen Manövern dabei: Unicef-Geschäftsführer Garlichs. Hand in Hand mit der Kanzlei CMS geht die Sache voran. In der Schweiz, wo das Innenministerium Raus Bilder freigeben soll, obwohl Gerichte noch nicht entschieden haben; in Liechtenstein, wo Raus Stiftung aufgelöst wird, obwohl sie auf Dauer eingerichtet war; in Monaco, wo Raus Vormund abgesetzt werden soll.

Ob Gustav Rau noch überblickt, mit welchen juristischen Schachzügen in mehreren Ländern um seinen Besitz gefochten wird? Ja, Rau wusste, was er tat, er wollte es so, behauptet Unicef bis heute. Schweizer Behörden bezweifeln dies bis heute. Es gibt zwar ein Urteil des Landgerichts Konstanz, das Rau Geschäftsfähigkeit attestierte, als er Unicef sein Erbe vermachte – aber dabei geht es nur um den Zeitraum der Unterschrift im Oktober 1999, nicht um die Jahre des Gezerres danach.

Der Millionär begehrt auf

Aber darf eine Hilfsorganisation überhaupt so verbissen um ein Testament kämpfen? Beim Einwerben von Testamenten sei man so seriös wie andere Organisationen auch, sagt Unicef. Doch die Branche der gemeinnützigen Organisationen betrachtete Unicefs Gezerre um die Erbschaft mit Erstaunen. „Prozesse um Erbschaften erleben wir glücklicherweise sehr selten“, sagt Uli Busch, zuständig für Testamente bei Greenpeace. „Ein jahrelanger Rechtsstreit kann ein vererbtes Vermögen erheblich schmälern.“ Die Rechtsanwältin und Fundraiserin Viva Volkmann hat einen Leitfaden für die Branche erarbeitet und sagt: „Oberstes Ziel ist die Freiwilligkeit des Spenders.“ Juristische Auseinandersetzungen um Testamente seien unüblich, so Volkmann. „Man darf dem Geld nicht nachlaufen, sonst wird man als Erbschleicher wahrgenommen.“

Im März 2001 nimmt die Geschichte eine Wende, mit der niemand aus Raus Umfeld gerechnet hat: Der Millionär ist gerade in der Klinik Bühlerhöhe bei Stuttgart untergebracht worden – und begehrt auf. Über Pflegepersonal kontaktiert Rau Michael Z.,
einen Anwalt. Der besucht Rau mehrmals am Krankenbett und trifft einen Mann, der keine Kontrolle mehr über sein Leben hat: Rau wird finanziell knappgehalten, sein Ausweis ist beiseitegeschafft, das Klinikpersonal angewiesen, Kontakte zu unterbinden. 

Er sei von „Aasgeiern“ umgeben, erzählt Rau dem Anwalt. Er sei nicht mehr in der Lage, seine Geschäfte zu führen, und fühle sich von seiner Bevollmächtigten T. und seinen Anwälten verraten. Rau will sich wehren: Er erteilt dem Anwalt Michael Z. den Auftrag, seine langjährige Vertraute Sigrid T. als Generalbevollmächtigte abzusetzen. Am 12. März 2001 schickt Anwalt Z. per Gerichtsvollzieher das Schreiben an Sigrid T. ab. Doch der Anwalt Anton Maurer und zwei Schweizer Kollegen der Kanzlei CMS eilen noch am selben Tag ans Krankenbett des Millionärs. Sie berufen sich ebenfalls auf ihr Mandat von Rau, beenden das Mandat des Anwalts Michael Z. und bestätigen Sigrid T. als Generalbevollmächtigte. 

Rau äußert immer wieder vehement, dass er zurück in die Schweiz wolle, zu seinen Stiftungen, seinen Bildern. Aber dort, malt ihm etwa der Ehemann von Sigrid T. aus, sei er „völlig allein“, „völlig rechtlos“ und müsse in „größter Armut und Abhängigkeit“ leben. Dann verlangt Rau eine Übersicht über sein Bankvermögen – von einem unabhängigen Fachmann. Auch den bekommt er nicht. Gustav Rau wird die Umzingelung seiner Betreuer und Wohltäter nicht noch einmal durchbrechen können.

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Schwer krank lässt Rau sich nach zwei Jahrzehnten in Afrika schließlich in zwei Luxusapartments direkt am Jachthafen von Monaco nieder © ear
Schwer krank lässt Rau sich nach zwei Jahrzehnten in Afrika schließlich in zwei Luxusapartments direkt am Jachthafen von Monaco nieder

Der Privatsekretär Robert C. beteuert später, Rau sei in den letzten Jahren seines Lebens nicht abgeschottet gewesen. Stattdessen sei Platzmangel in den Kliniken der Grund für die vielen Wechsel gewesen. Der Mäzen habe seinen Aufenthalt immer selbst bestimmt. Akten aber dokumentieren genau, in welch merkwürdigem Tempo Rau von Heim zu Heim verlegt wird. 

Im Sommer 2001 geht plötzlich auch seine Kunstsammlung auf Reisen. Den Tresor, in dem Rau früher manchmal allein seine Schätze betrachtete, haben die Schweizer Stiftungsbehörden versiegeln lassen, nachdem Rau auch von einem Schweizer Gericht für geschäftsunfähig erklärt wurde. Doch im September 2000 erklärt ein Amtsgericht in Baden-Baden, zu dem Rau in einem lichten Moment gebracht wird, das Gegenteil: Rau sei geschäftsfähig. Unicef und die Kanzlei CMS versuchen auch, die Politik zu alarmieren: Ein deutscher Mäzen, dessen sehnlichster Wunsch die Spende seiner Sammlung an Unicef sei, werde von der Schweiz an der Verwirklichung seines Willens gehindert. 

Tatsächlich schaltet sich das deutsche Außenministerium ein, zu dessen Amtsbereich Unicef gehört. Staatssekretäre und Botschafter erklären den Schweizern informell, aber auf höchster Ebene und mit großer Dringlichkeit ihren Missmut. In der Schweiz befürchtet man ernste außenpolitische Konsequenzen. 

Die letzte Unterschrift

Am 23. August 2001 lässt Unicef die Kunstsammlung einfach aus dem Zollfreilager Embrach abtransportieren und nach Köln bringen. Eine Überrumpelungsaktion, die Fakten schafft. Raus Crelona-Stiftung in Liechtenstein, die bis dato noch rechtmäßige Eigentümerin der Sammlung ist, wird nicht über den Abtransport der Bilder informiert. Genauso wenig wie Raus Schweizer Stiftung, die das Bilder­lager verwaltet. Die teure Sammlung befindet sich nun bei Unicef Deutschland. Man habe erheblich zur „Freisetzung“ der Sammlung beigetragen, gibt die deutsche Bundesregierung später bekannt.

Unicefs Kampf um Raus Millionen aber ist damit noch nicht beendet, denn Raus Stiftungen in der Schweiz bezweifeln die Gültigkeit des neuen Erbvertrags. Deshalb entsteht eine neue Idee: Rau soll die Bilder dem Kinderhilfswerk sicherheitshalber auch noch schenken, mit einem notariellen Schenkungsvertrag. Es gibt sogar schon einen Termin – aber auch hierfür muss Rau wieder einen geschäftstüchtigen Eindruck abgeben. Wieder werden Ärzte für Gutachten gesucht und unter Druck gesetzt.

 „Bereits zum Zeitpunkt meiner ersten Untersuchung war der Termin zur Schenkung seiner Bildersammlung an Unicef am 4. September 2001 ein Thema“, sagte eine Ärztin später der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Ständig sei sie bedrängt worden, Raus körperlichen und geistigen Zustand für den Termin so weit wieder herzustellen, dass er einen klaren und überzeugenden Eindruck bei den Notaren hinterlassen würde. Am 4. September 2001 wird der Millionär im Rollstuhl zum Notar geschoben. Stundenlang wird jedes Werk seiner Sammlung verlesen. Während der Prozedur muss Rau von einer Ärztin betreut werden. Dann setzt der Millionär seine zittrigen Striche aufs Papier: die Unterschrift, die seinem Umfeld so viel bedeutet. Es gibt eine Feier in Stuttgart. „Wir haben darauf Champagner getrunken, den mochte Rau gern“, erinnert sich der Ex-Unicef-Geschäftsführer Garlichs heute. Es ist die größte Schenkung in der Geschichte des Kinderhilfswerks. Der Aufwand der Anwälte habe sich gelohnt. Dass Rau „im Kopf nicht mehr klar“ gewesen sei, halte er für absurd, sagt Garlichs. Rau habe die Schenkung „kristallklaren“ Willens vollzogen. Unicef-Botschafter Joachim Fuchsberger, der sich 2001 mit Rau fotografieren lässt, sagt damals der Presse, Raus Entscheidung sei der „Höhepunkt dieses außerordentlichen Lebens“.

Das außerordentliche Leben Raus findet jedoch bald ein rätselhaftes Ende. Im Rollstuhl ist Rau im Oktober 2001 noch einmal bei einer Ausstellung seiner Bilder in München zu sehen. Das dort von einem Fernsehteam gefilmte letzte Interview wird nie ausgestrahlt, weil es dem Sender zu heikel ist: Rau stammelt fast nur Satzfetzen. 

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Raus Grab auf dem Pragfriedhof in Stuttgart. Die Grabpflege übernimmt Unicef © Sabine Höroldt
Raus Grab auf dem Pragfriedhof in Stuttgart. Die Grabpflege übernimmt Unicef

Wenige Monate später aber, im Januar 2002, steht eine bedeutsame Verhandlung für Rau an: Das Landgericht Stuttgart will sich ein eigenes Bild von Raus Zustand machen und seine Prozessfähigkeit prüfen – angesichts des tobenden Rechtsstreits um sein Vermögen ein wichtiger Termin. Doch den erlebt Rau nicht mehr: Kurz vor dem entscheidenden Gerichtstermin, am 3. Januar, stirbt Rau in der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen.

Gerichtsmediziner finden in Raus Körper eine enorm hohe Dosis des Parkinson-Medikaments Amantadin. In ihrem Obduktionsbericht kommen Toxikologen der Goethe-Universität Frankfurt zu dem Ergebnis, dass Rau an der auffällig hohen Konzentration des Medikaments gestorben sein könnte – aber um die bei Rau gemessene Dosis Amantadin im Blut durch die normalen Infusionen zu erreichen, wären sage und schreibe 15 Halbliterflaschen nötig gewesen. Die Toxikologen glauben: Dem Millionär, der damals kaum noch selbst trinken konnte, könnte das Medikament von einer anderen Person in hoher Konzentration eingeflößt worden sein.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen des Verdachts auf Totschlag. Auch ein Mord aus Habgier komme in Betracht, halten Ermittler fest. Doch das Verfahren wird eingestellt, mangels Tatnachweis. Genauso ein anderes Verfahren, in dem wegen Untreue ermittelt wird. Ein Staatsdiener mit tiefem Einblick in letzteren Fall sagt heute, er habe damals den Glauben an den Rechtsstaat verloren.

Im Jahr 2008 wird Unicef gerichtlich zur Alleinerbin bestimmt – aber das Landgericht Konstanz entscheidet in seinem Urteil nicht über die Kunstsammlung. Im selben Jahr müssen Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs und der komplette Vorstand des Hilfswerks wegen des Unicef-Finanzskandals abtreten.

Keine Luschen

Seit Raus Tod hat sein Krankenhaus im Kongo laut Unicef 1 Mio. Euro erhalten. Die Sammlung Rau steht heute mit 136,5 Mio. Euro in der Bilanz der Unicef-Stiftung. Bisher wurden mehr als 90 Werke verkauft und rund 40 Mio. Euro Erlös erzielt. Viele weitere Werke sollen jetzt bis zum Jahresende 2013 versteigert werden, etwa bei Lempertz in Köln am 14. Und 15. November. Das teuerste Gemälde kommt am 5. Dezember bei Bonhams in London unter den Hammer: Jean–Honoré­ Fragonards Porträt des Herzogs von Harcourt, Schätzwert 
10 Mio. Pfund. Bei den Angaben zur Provenienz der Bilder ­schreiben die Auktionshäuser: „Vermacht von Dr. Rau an die Stiftung des Deutschen Komitees für Unicef“.

Was erfahren mögliche Investoren aber über vorherige Eigentümer? Bei der Versteigerung von Claude­Monets berühmtem Gemälde „Le Pont de bois“ beispielsweise wurde im Katalog von Sotheby’s weder Raus Dritte-Welt-Stiftung noch seine Stiftung Crelona als Vorbesitzer genannt – wie auch bei keinem der anderen Bilder. Im Wildenstein-Katalog dagegen, dem renommiertesten Werkverzeichnis für Monets Werke, wurde die Dritte-Welt-Stiftung als Eigentümerin von „Le Pont de bois“ aufgeführt.

Auch Juristen sind unterschiedlicher Meinung über die früheren Besitzverhältnisse. Der Anwalt Anton Maurer von CMS sagt heute: „Die Crelona-Stiftung war zu keiner Sekunde Eigentümer der Sammlung.“ Die Kunstrechtlerin Teresa Giovannini von der Genfer Anwaltskanzlei Lalive dagegen war aufseiten der Schweizer Stiftungen intensiv mit dem Fall befasst. Sie sagt: „Auch wenn Unicef und Rechtsanwalt Maurer dies bestreiten sollten, war die Stiftung Crelona seit 1997 rechtmäßige Eigentümerin der Kunstobjekte.“ Es ist vertrackt. 

„Käufer gehen bei Auktionen im angelsächsischen Raum immer ein hohes Risiko ein“, sagt der Münchner Anwalt und Experte für Kunstrecht Michael Feuerberg. Dort gebe es keinen gutgläubigen Erwerb auf Auktionen, warnt der Jurist. Es könne passieren, dass man zwar ein Gemälde ersteigert, aber kein Eigentum erworben habe. „Selbst wenn jemand bei Sotheby’s ein Bild für Millionen kauft, kann es sein, dass Jahre später ein anderer seine Rechte anmeldet“, so Feuerberg. 

Unicef sieht sich als Eigentümer der Bilder. Es seien auch keine Ansprüche von Dritten bekannt, so das Kinderhilfswerk. Mit der Schweizer Stiftung Dr. Rau – Rechtsnachfolger von Raus anderen Stiftungen – habe man ein Abkommen geschlossen, das „die Eigentümerstellung bestätigt“. Doch ganz sicher scheint sich das Kinderhilfswerk selbst nicht immer zu sein. Als lange nach Raus Tod eine Ausstellung der Bilder vorbereitet wurde, hieß es in einem geheimen Schreiben von Unicef: „Sollte nachträglich festgestellt werden, dass an den Werken Eigentumsansprüche bestehen“, wolle man um eine „Rückgabefrist von 12 Monaten“ bitten.

Auf eine Anfrage von Capital schreibt Unicef heute: „Sollten zukünftig Ansprüche geltend gemacht werden, wird Unicef diese Ansprüche prüfen und alles tun, um eine einvernehmliche Lösung zu erreichen.“

So konziliant war Unicef nicht immer. Wie sagte Dietrich Garlichs, der damalige Unicef-Geschäftsführer, ein Jahr nach Raus Tod über den aufwendigen Kampf der Unicef-Anwälte um die Kunstsammlung? In einem solchen Fall könne man eben „keine Luschen“ brauchen: „Da können Sie niemanden nehmen, der in Vornehmheit stirbt.“

Der Text erschien zuerst in Capital 10/2013. Die Online-Version wurde aktualisiert. 

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