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Unicef besitzt Raubkunst

, Matthias Thieme

Das Uno-Kinderhilfswerk zeigt ein von den Nazis entwendetes Gemälde von Paul Cézanne in einem öffentlichen Museum. Die früheren Besitzer sind empört.

Unicef-Chef Heraeus © ddp images
Unicef-Chef Jürgen Heraeus: Die Diskussion um Raubkunst erreicht das Kinderhilfswerk

Das deutsche Kinderhilfswerk Unicef besitzt Raubkunst aus jüdischem Besitz in Frankreich. Nach Capital-Recherchen ist das Kinderhilfswerk im Besitz eines Cézanne-Gemäldes mit zweistelligem Millionenwert, welches dem jüdische Galeriebesitzer Josse Bernheim-Jeune 1941 in Paris unter NS-Besatzung durch so genannten „Zwangsverkauf“ entwendet wurde. Bernheim-Jeune war vor den Nazis nach Lyon geflohen.

Das weltberühmte Cézanne-Gemälde „Das Meer bei L´Estaque“  stammt aus der Privatkollektion des Galeristen Bernheim und stand unter der Nummer 7407 mit dem Vermerk „vermisst“ auf der französischen Beutekunst-Liste. Heute ist es im Besitz von Unicef Deutschland und wird derzeit als Leihgabe von Unicef und Teil der Sammlung Rau im Arp Museum des Landes Rheinland Pfalz ausgestellt. Der Sammler Gustav Rau, dessen Erbe Unicef besitzt, hat das Cézanne-Gemälde 1981 beim Auktionshaus Sothebys gekauft.

Doch die Erben des ursprünglichen Eigentümers erheben schwere Vorwürfe: Das Cézanne-Bild seines Großvaters sei wunderschön anzusehen, so der Enkel von Bernheim-Jeune, Guy Patrice Dauberville, der in Paris die Galerie seines Großvaters weiter führt, „aber die Geschichte des Bildes ist nicht schön“. Eine Geschichte von Judenverfolgung, Enteignung und Zwangsverkauf. Spender von Unicef Deutschland und Besucher des Landesmuseums „sollten das wissen“, meint Dauberville. Immer wieder habe seine Familie auch juristisch versucht, das Cézanne-Gemälde zurück zu bekommen, sagt Dauberville.

„Wir können juristisch nichts mehr machen“

© ddp images
m Jahr 2001 feierte Unicef die Schenkung von Gustav Rau. Links neben ihm: Unicef-Botschafter Joachim Fuchsberger

Als es als Teil einer Wanderausstellung im Jahr 2001 in Paris ausgestellt wird, lässt Dauberville es als Raubkunst beschlagnahmen. Doch durch einen juristischen Formfehler reiste das teure Gemälde noch im selben Jahr weiter, zu einer Ausstellung nach Rotterdam. Dort wurde es zum zweiten Mal als Raubkunst beschlagnahmt.

Doch am Ende habe man den Rechtsstreit aufgeben müssen, so Dauberville. Mehr als 100.000 Euro Anwaltskosten habe man bei der Auseinandersetzung verloren. Und in Frankreich sei ihnen abschließend erklärt worden, dass durch ein Urteil aus dem Jahr 1949 weitere rechtliche Möglichkeiten ausgeschlossen seien. „Ein Urteil eines Richters, der schon während des Vichy-Regimes unter Petain tätig war“, sagt Dauberville. Das Urteil dieses Richters besagte, dass der Zwangsverkauf des Cézanne unter der NS-Besatzung in Paris im Jahr 1941 rechtens gewesen sei. „Wir können juristisch nichts mehr machen“, sagt Dauberville. „Aber moralisch ist es von Unicef absolut verwerflich, unser Bild zu behalten.“

Unicef teilte auf Anfrage lediglich mit, „dass die Restitution dieses Gemäldes abgeschlossen wurde, lange bevor Dr. Rau es erwarb“. Doch die Erben widersprechen Unicefs Darstellung. „Es gab nie eine Restitution“, sagt Dauberville gegenüber Capital. „Nie haben wir eine Entschädigung erhalten und auch Unicef hat sich nie bei uns gemeldet.“ Das Verhalten der Hilfsorganisation findet Dauberville „verwerflich“.

Unicefs Behauptung, wonach eine Restitution des Cézanne-Gemäldes lange vor 1981 abgeschlossen gewesen sei, widerspricht auch ein Bericht des Nachlasspflegers der Sammlung Rau an das Konstanzer Ladgericht: Wegen des Cézanne-Gemäldes sei geltend gemacht worden, „dass es sich hierbei um Raubkunst handele und das Bild der Familie Bernheim-Jeune zurückzugeben sei“, notiert der Nachlasspfleger im Februar 2002 – Jahrzehnte nachdem laut Unicef angeblich alles in Ordnung gebracht worden sein soll.

Unicef denkt nicht an Rückgabe

Auch im Kriegsschäden-Report des Lostart-Register vom Mai 2003 vermerkt die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg: Das Cézanne-Gemälde „aus dem Eigentum von Josse Bernheim-Jeune“ sei heute Teil der Sammlung Rau. Der Kampf um dieses Bild, das kürzlich in Frankreich konfisziert worden sei, sei noch nicht gelöst. Von dem seitens Unicef behaupteten Abschluss der Restitution ist in dem weltweit anerkannten Lostart-Register nicht die Rede.

Es ist nicht der erste Fall von Raubkunst bei Unicef: Bereits 2010 musste das Kinderhilfswerk  ein mehrere Hunderttausend Euro teures Gemälde aus der Kunstsammlung Rau verkaufen, weil es aus Raubkunstbeständen stammt: Das Bild „Johannes der Täufer” des sogenannten Meisters von 1419. Rau hatte das Bild 1983 beim Auktionshaus Christies in London erworben. Der ursprüngliche Eigentümer - das frühere Münchner Kunsthaus A.S. Drey - war aufgrund der jüdischen Abstammung des Inhabers 1936 von den Nazis zum „Verkauf“ gezwungen worden. Man habe mit der Rückgabe „eine Regelung im Sinne des Stifters Gustav Rau gefunden”, so Unicef im Jahr 2010. Im Fall des Cézanne scheint das Kinderhilfswerk anderer Meinung zu sein. An eine Rückgabe denkt Unicef Deutschland offenbar nicht. Nicht einmal an eine Geste gegenüber der französischen Familie, der das Bild von Nationalsozialisten genommen wurde.

Das Arp-Museum teilte mit, man habe weder in Bezug auf das Cézanne-Gemälde noch in Bezug auf andere im Haus befindliche Werke Kenntnis von aktuellen Ansprüchen Dritter. Für „den Fall einer möglichen Restitution“ sei vertraglich geregelt, dass das Museum von Unicef „ein Ersatzwerk erhalten“ müsse. Soweit man wisse, sei Unicef aber rechtmäßige Eigentümerin aller Bilder.


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