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Ungelogen

, Anne Weitzdörfer

Ständig greifen wir im Job zu  kleinen Flunkereien und Lügen. Muss das sein? Von Anne Weitzdörfer

Hand Lüge © Getty Images
Seien wir doch mal ehrlich…

Anne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der BerufsweltAnne Weitzdörfer begleitet als Beraterin und Coach seit vielen Jahren Unternehmen und Führungskräfte. Hier schreibt sie jeden Monat über Themen aus der Berufswelt

 


Ein Freund von mir ist Bereichsleiter in einem Dax-Konzern. Neulich bat er um Hilfe: Er wolle künftig nicht mehr lügen. Ich war überrascht. Denn wir kennen uns gut, und in meinen Augen ist er eine sehr ehrliche Haut. Nun ja, sagte er, es ginge jetzt nicht um Kapitalverbrechen, sondern um kleine Alltagslügen: die Ausreden, wenn man einfach keine Lust hat, zu direkt zu sein. Oder die spontane Notlüge, wenn es die Wahrheit auch nicht besser machen würde. Verstehe.

Es gibt viele Gründe, zu diesen kleinen Lügen zu greifen: weil sie der Weg des geringsten Widerstandes sind. Um uns zu schützen. Um (vermeintlich) andere zu schützen. Aus Bequemlichkeit. Wir haben eine Weile Pingpong gespielt und uns Joblügen gestanden. Es waren so einige: „Wie läuft das Projekt?“ „Quasi auf der Zielgerade!“ statt „Sehr schleppend“. Am Ende des Abends beschlossen wir, ein Experiment zu beginnen: Wir wollten uns erst kritisch selbst beobachten und das Lügen dann ganz sein lassen.

Künftig würde sich das dann ungefähr so anhören: „Können Sie zu dem Termin morgen gehen und mich vertreten?“, fragt der Abteilungsleiter seinen Mitarbeiter „Nein, das möchte ich nicht. Ich denke, es ist Ihre Aufgabe, hier für Ordnung zu sorgen.“ Oder: „Was wollen wir denn Olaf zum Geburtstag schenken?“ „Keine Ahnung. Und ehrlich gesagt wäre mir am liebsten, wenn wir die Geschenke untereinander einfach abschaffen.“

Weichgespülter Blödsinn ist auch unhöflich

Capital-Cover 05/2015
Jetzt im Handel: die neue Capital

Wow. Wollen wir das? Vermutlich nicht. Aber warum eigentlich nicht? Klar, weil es direkt ist. Mitten ins Gesicht. Und von vielen Menschen als unhöflich wahrgenommen wird. Aber ist es nicht viel unhöflicher, seinen Mitmenschen ständig weichgespülten Blödsinn zu erzählen? Und so zu tun, als würden wir dabei eine gesellschaftliche Norm für uns in Anspruch nehmen?

Unser Feldversuch läuft seit gut drei Monaten. Mein Freund ­berichtet, dass er sich fühle wie ein Alien. Weil sein Umfeld auf knallehrliche Aussagen irritiert reagiert – aber gleichzeitig auch neugierig wird. Auf ihn als Person, nicht als Funktion. Weil er lesbarer und berechenbarer geworden ist. Ich kann ergänzen, dass es echt Überwindung kostet, wenn es unangenehm wird. „Ich finde, wir haben schon eine Menge geschafft.“ „Finde ich nicht. Lasst uns bitte das nächste Mal konkret die Zahlen durchgehen.“ Puh. Auf der Beliebtheitsskala macht man so keine großen Sprünge. Aber es schafft eine andere Verbindung. Weil das Gegenüber die Ehrlichkeit wertschätzt.

Bedeutet das, dass die Wahrheit zwangsläufig besser ist? Sie kostet zwar Energie; es erfordert Fingerspitzengefühl und manchmal eine Prise Humor, sie richtig rüberzubringen – aber sie fühlt sich in jedem Fall besser an. Wir haben uns entschlossen, das Experiment weiterlaufen zu lassen. Und Sie sind herzlich eingeladen, unserer Community beizutreten. Keinen Bock? Kein Problem. Solange Sie es ehrlich sagen.

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