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Trump und die Achse des Bösen

, Horst von Buttlar

Ist Trump ein Betriebsunfall? Die Geschichte der USA ist reich an schrillen Gestalten und Populisten. Das Land hat sie immer ausgehalten. Von Horst von Buttlar

© Getty Images
Die US-Waffenlobby ruft zur Wahl von Donald Trump auf

Vier Wochen nachdem er verkündet hatte, Präsident der Vereinigten Staaten werden zu wollen, wurde Huey P. Long ermordet. Angeschossen in den Gängen des Kapitols von Louisiana. Zwei Tage später, am 10. September 1935, erlag er seinen Verletzungen. „Gott, lass mich nicht sterben“, waren seine letzten Worte. „Ich muss noch so viel erledigen.“

Die „New York Times“ druckte einen Nachruf auf Long, der von 1928 bis 1932 Gouverneur und seitdem Senator gewesen war: „In seinem eigenen Staat von Louisiana zeigte er, wie es möglich ist, die Demokratie unter Beibehaltung ihrer äußeren legalen Form abzuschaffen. Tatsächlich hat Senator Long in Louisiana ein nur spärlich verhülltes faschistisches Regime errichtet. (…) Das Ergebnis war, alle Macht im Staate in die Hand eines Mannes zu legen. Sollte der Faschismus jemals nach Amerika kommen, wird es auf diese oder ähnliche Weise geschehen.“

Huey Long, bis 1932 Gouverneur von Louisiana © Getty Images
Huey Long, bis 1932 Gouverneur von Louisiana, wollte 1935 US-­Präsident werden. Seine Reden findet man heute noch auf Youtube

Zu der Beerdigung kamen über 200.000 Menschen ans Kapitol in Baton Rouge und trauerten um Long, der aufgebahrt im Smoking in einem bronzenen Sarg lag; ein Mann, in dem die Elite des Landes nur einen Populisten sah, einen der gefährlichsten seit Jahrzehnten. Huey Long hatte nämlich nicht nur das politische System von Louisiana erschüttert, er hatte im ganzen Land ein Beben ausgelöst, mit seinen wütenden Reden und radikalen Ideen.

Trump ist ein Produkt unserer Zeit

Warum ist dieser Long heute noch interessant? Seine Geschichte erklärt auch, warum ein Mann wie Donald Trump so weit kommen konnte. Ein Mann, den die meisten für eine Art Betriebsunfall halten. Nein, Trump ist kein Unfall, er ist ein Produkt unserer Zeit, so wie Populisten in anderen Ländern; aber er ist auch ein sehr amerikanisches Produkt des Amerikas unserer Zeit. Eines Landes, das zerrissen ist und verunsichert, weil es sein Urversprechen nicht mehr einlöst, zumindest nicht in der Masse und Fläche. Dieses Versprechen heißt Wachstum und Wohlstand, Aufstieg für gute Arbeit, es heißt ein anständiger Job, ein Haus, ein Auto oder sogar zwei in der Doppelgarage.

„A rising tide lifts all boats“, hatte John F. Kennedy dieses Wohlstandsversprechen einst in eine Formel gebracht: Wenn die Wirtschaft wächst, geht es allen besser. Nur diesen Zustand geben die Zahlen und Fakten nicht mehr her, und selbst wenn es die Zahlen hier und da hergeben, dann gibt es das Gefühl vieler Menschen nicht mehr her: Trump ist das Produkt dieser Entwicklung. Und auch wenn er, angesichts der immer neuen Entgleisungen und Enthüllungen, bald wieder in der Versenkung verschwinden wird, lohnt ein Blick auf die Geschichte, auf das Phänomen und seine Vorväter. Zumal: Selbst wenn Trump verschwindet – das Problem des defekten Urversprechens wird ja bleiben.

Huey Long, genannt „The Kingfish“, war einer dieser Vorväter, auch wenn seine Ideen eher linkspopulistisch waren. In den Zeiten der Großen Depression erlebte er einen sagenhaften Aufstieg. Aber nicht nur Long: Weitere Populisten machten in dem Jahrzehnt, das Amerika mehr als jedes andere in eine tiefe Krise stürzte, Karriere: der Arzt Francis Townsend etwa oder Charles Coughlin, ein Priester aus Michigan, die beide Millionen Anhänger fanden.

Sie alle, und das ist ein typischer Topos in der Geschichte der USA, waren Außenseiter, die den Angriff auf das System, das Establishment und die Sorge um den forgotten man zum Markenkern machten – sie stiegen auf, weil die Menschen verunsichert waren.

Erpressung, Einschüchterung und Beleidigungen

Long war Anwalt, 1924 kandidierte er als Gouverneur. Er nutzte als einer der ersten Politiker das Radio und Lastwagen mit Lautsprechern, schimpfte auf Standard Oil, die Reichen und die politische Kaste. Er verlor, kandidierte 1928 erneut und gewann mit dem Slogan „Every man a king, but no one wears a crown“.

Im Amt startete er Programme gegen die Armut, die Arbeitslosigkeit und den Analphabetismus, ließ an Schulen kostenlose Bücher verteilen, ließ Brücken bauen und Straßen reparieren. Was Widerstand hervorrief, waren seine Methoden: Er bekämpfte jeden, der nicht auf seiner Seite war, durch Erpressung, Einschüchterung und Beleidigungen.

Landesweit bekannt wurde Long durch sein „Share Our Wealth“-Programm. Zunächst hatte er Präsident Franklin D. Roosevelt und dessen „New Deal“ unterstützt. Der ging ihm aber nicht weit genug – und so forderte er ein Mindesteinkommen von 2000 bis 3000 Dollar pro Jahr, eine Vermögenssteuer und -obergrenze, eine freie College-Ausbildung und eine Rente ab 60. Sein Programm sah er als dritten Weg zwischen Kommunismus und dem „modernen Feudalismus“, wie er die Herrschaft der Reichen und Banken bezeichnete.

[Seitenwechsel]

Long stand in der Tradition eines Populismus, den man in den USA auch „Agrarpopulismus“ nennt, einer Bewegung, die 1890 in den ländlichen Gegenden der Südstaaten entstanden war. Die Soziologin Karin Priester, die über Populismus forscht, sieht diesen in den USA als „dritte Kraft“. „Die USA“, schreibt sie, „sind das von populistischen Tendenzen am stärksten geprägte Land der westlichen Hemisphäre. In keinem anderen Land gibt es bis heute nachwirkende, sich immer neu formierende populistische Strömungen und Bewegungen.“ Man könne immer wieder „Wellen unterscheiden, die in bestimmten Abständen das Land durchziehen“.

So verschieden der Populismus ausgeprägt war, so trug er oft „rückwärtsgewandte Aspekte“ in sich, eine „Sehnsucht nach dem goldenen Zeitalter“. Er war eine „Antwort auf eine tief gehende Identitätskrise der weißen Mittelschichten, die über soziale Abstiegsängste hinausging“.

Der „Townsend Plan“

Zu Longs Zeiten sorgte auch ein anderer Mann für Furore, der Millionen Anhänger fand. Am 30. September 1933 erschien in der Zeitung „Long Beach Press-Telegram“ ein Beitrag von Francis Townsend, einem Arzt aus Südkalifornien. Er hatte einen einfachen Vorschlag, um die Große Depression zu beenden: Die Regierung solle jedem Amerikaner über 60 Jahre monatlich 200 Dollar schicken, finanziert durch eine Steuer in Höhe von zwei Prozent auf sämtliche Geschäfte.

Der „Townsend Plan“ löste einen Sturm der Begeisterung aus, bald entstanden überall im Land Townsend Clubs, 1935 gab es über 7000 davon mit 2,2 Millionen Mitgliedern. 56 Prozent der Amerikaner unterstützten in Umfragen die Idee. Zehn Millionen unterschrieben 1936 eine Petition an den Kongress.

Der Arzt Francis Townsend (l.) und der Priester Charles Coughlin (r.) versammelten in den 30er-Jahren Millionen Anhänger hinter sich
Der Arzt Francis Townsend (l.) und der Priester Charles Coughlin (r.) versammelten in den 30er-Jahren Millionen Anhänger hinter sich

Und da war da noch, in dieser aufgewühlten Zeit, der Priester Charles Coughlin, der ebenfalls das Radio für eine radikale Botschaft nutzte: Pater Coughlin, der später immer antisemitischer wurde, forderte die Nationalisierung des Bankensystems und gründete die National Union for Social Justice, die 7,5 Millionen Anhänger fand und sich fast als dritte Partei etablierte.

Donald Trump mag weit weg von Leuten wie Long oder Townsend und ihren linken Programmen wirken. Was sie verbindet, ist die Radikalität, die Aggressivität der Agitation, der Umgestaltungsdrang, der Angriffsmodus, der von außen kommt und nicht „Mainstream“ ist.

Trump erinnert an Barry Goldwater

Der Historiker Richard Hofstadter hat das Phänomen 1964 in einem berühmten Aufsatz untersucht: „Der paranoide Stil in der amerikanischen Politik“. Hofstadter schrieb unter dem Eindruck der Goldwater-Bewegung, dem Rechtsruck der Republikaner unter Barry Goldwater, einem Senator aus Arizona. Wie Trump hatte Goldwater 1964 gegen den Willen der Partei die Kandidatur erobert, aber gegen Präsident Lyndon B. Johnson die Wahl verloren. Goldwater war für weniger Staat und gegen die Einmischung Washingtons in Rassenfragen.

Vor allem aber war er kaum zu steuern. Er sagte Sätze, die von Trump stammen könnten: „Mit der Atombombe könnte man prima den vietnamesischen Dschungel entlauben.“ Oder: „Ich hätte diesen Krieg innerhalb eines Monats beendet. Ich hätte aus Nordvietnam eine Schlammpfütze gemacht.“ In einer Umfrage unter gut 1000 Psychologen hielt damals eine Mehrheit Goldwater für „psychologisch ungeeignet“ für das Präsidentenamt.

Hofstadter sah Goldwater in einer politischen Tradition: „Amerikas Politik war oft eine Arena für zornige Geister“, schrieb er. Diese würden Feindseligkeiten von Minderheiten als „politischen Hebel“ nutzen. Durch „hitzige Übertreibung, Misstrauen und Verschwörungsfantasien“. Trump steht in dieser Tradition.

Das Wissen um dieses Erbe löst zwar nicht das Problem des Landes. Aber es beweist die Elastizität der amerikanischen Gesellschaft. Huey Long wurde ermordet; über die Jahrzehnte aber sind die USA mit diesen Bewegungen und Figuren auch so gut fertig geworden. Das Hitzige, Radikale, Antiintellektuelle, oft Schizophrene steckt in der politischen DNA des Landes. Am Ende haben die Amerikaner doch immer die Kurve bekommen, weil die Wirtschaft wieder wuchs. Und weil die zornigen Geister auf Dauer doch keine dauerhafte Mehrheit fanden oder sich schlicht selbst versenkten.

Der Essay ist in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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