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Youngstown - wo Demokraten Trump wählen

, Kathrin Werner

Gebannt blickt die Welt auf die Wahl in den USA. Sie wird in Städten wie Youngstown entschieden, im „Swing State“ Ohio. Hier findet sich ein Schlüssel, warum auch treue Demokraten Hoffnung in Donald Trump suchen.

Haus in Youngstwon mit Trump-Schildern
In vielen Vorgärten von Youngstown stehen Werbeschilder für Donald Trump – 6000 Demokraten haben sich für ihn re­gis­trie­ren lassen - Foto: Ricky Rhodes

Früher, sagt Johnny Naples, standen die Gäste mittags Schlange vor seinem Restaurant, bis weit auf den Gehweg. Im Golden Dawn, „established 1932“, verkauften sein Großvater und später sein Vater früher sechs ganze Torten pro Tag, manchmal sogar sieben. Die Männer waren hungrig und hatten Geld, warum sich den Nachtisch verkneifen? Um das Restaurant herum hatten die sechs großen Autohändler ihre pinken Cadillacs und knallroten Fords auf Hochglanz poliert, hier in der Wick Avenue, man nannte sie die „Wick Six“. Mittags kamen die Mechaniker, die Verkäufer und die Käufer hinüber von den Wick Six ins Golden Dawn und aßen Pizza und Torte. Das waren die guten Zeiten.

Im Golden Dawn gibt es noch immer die gleichen roten Lederbänke, die gleichen schwarz-weißen Bodenfliesen, die gleiche Leuchtschrift und den gleichen Tresen wie früher. Aber sechs Torten verkauft Naples heute in einer ganzen Woche nicht.

Von den Wick Six ist keiner mehr übrig, statt Cadillacs parkt hier ein gelber Bagger, der die verfallenen Autohäuser um das alte Restaurant herum abreißt. Die Straßen sind menschenleer. An Naples’ Tresen hocken ein paar Gestalten vor ihrem Bier für 1,25 Dollar. „Früher konnte man mit harter Arbeit hier noch etwas werden“, sagt einer von ihnen. „Früher hat jeder nach der Highschool einen guten Job in den Stahlfabriken gefunden“, sagt eine andere. „Früher haben wir hier richtig Geld verdient“, sagt Naples. „Daher kommt auch die Sache mit Trump.“

Tresen im Golden Dawn
Um das Restaurant Golden Dawn gab es früher sechs Autohäuser, die Wick Six. Nun sind dort nur Abrissbagger. Die meisten Gäste trinken Bier für 1,25 Dollar - Foto: Ricky Rhodes

Die Sache ist die: Donald Trump ist die große Hoffnung für viele der Menschen hier in Youngstown im Bundesstaat Ohio, die ihre Sätze stets mit „früher“ anfangen und sich seit Jahrzehnten nach genau dem sehnen, was Trump verspricht: dem großen Amerika. „Make America Great Again.“ Hier in Youngstown ist die Zielgruppe des US-Präsidentschaftskandidaten zu Hause: die frustrierte weiße Arbeiterklasse, die sich vor dem Abstieg fürchtet oder schon im Abstieg steckt. Viele Trump-Fans hier haben ihr Leben lang die Demokraten gewählt, das gehörte sich so für die Menschen, die in den Stahlwerken mit harter Arbeit ihr Geld verdienten, an den Schutz ihrer Gewerkschaft glaubten und an einen Staat, der sich um die Schwachen kümmert. Doch das hat sich geändert. Die Menschen sind so lange enttäuscht worden, dass sie offen sind für einen wie Trump.

Nur ein Stinkefinger

Youngstown ist nicht nur irgendein Städtchen mitten im sogenannten Rostgürtel, dem alten Industriegebiet in der Mitte Amerikas. Was hier in Youngstown passiert, entscheidet über die Zukunft des ganzen Landes. Ohio ist ein „Swing State“, ein Bundesstaat, dessen Stimmen mal an einen republikanischen und mal an einen demokratischen Präsidentschaftskandidaten gehen.

In vielen anderen Bundesstaaten ist schon jetzt ziemlich klar, wer gewinnt: Hillary Clinton in New York und Donald Trump in Tennessee zum Beispiel. In Ohio jedoch kämpfen die Kandidaten um die Gunst der Wähler, denn wer hier verliert, verliert wahrscheinlich im ganzen Land – nach John F. Kennedy im Jahr 1960 ist niemand ins Weiße Haus eingezogen, ohne in Ohio zu gewinnen. Und Youngstown ist das umkämpfte Zentrum des „Battleground State“. Beide Kandidaten waren schon hier, auch Trumps Schwiegertochter und Clintons Tochter. „See you soon“, twitterte Trump nach dem Besuch.

Seine Anhänger haben Youngstowns Wahlbezirk den „Ground Zero“ der Parteiüberläufer getauft. Nirgends im Land, glauben sie, werden so viele treue Demokraten für Trump stimmen wie hier in der alten Arbeiterstadt und ihren Vororten. Die bisherigen Zahlen geben ihnen recht: In den Vorwahlen haben bereits 6000 einstige Demokraten im Mahoning County um die Stadt herum die Seiten gewechselt und sich als Republikaner registriert. 20.000 weitere Menschen, die vorher überhaupt nicht wählten, haben sich für Trump zum ersten Mal beteiligt.

Donnie Skowron, Ex-Polizist und Trump-Wahlkämpfer, hat auf der Ladefläche seines Pick-ups ein meterhohes, handgepinseltes Plakat montiert, mit dem er durch die Stadt fährt und Demokraten zum Überlaufen motivieren will: „Cross Over. Vote for Trump.“ Von 20 Leuten, sagt er, zeigen ihm 19 ein Daumen hoch und nur einer den Stinkefinger. Überall rammen Menschen Trump-Schilder in ihre Vorgärten. Im Golden Dawn trägt manch eine der Tresengestalten eine rote Kappe mit der Aufschrift: „Make America Great Again“.

Wer die Menschen verstehen will, die ihre Hoffnung auf einen New Yorker Immobilienmilliardär und Reality-TV-Star setzen, muss wissen, wie es heute in Youngstown aussieht: nicht gut. „Das Haus da hinten, das muss weg“, sagt John McNally. „Und da auf der anderen Straßenseite, bei den wuchernden Büschen, da wohnt auch keiner mehr. Das muss weg.“ McNally ist der Bürgermeister von Youngstown, seit zweieinhalb Jahren. Wer mit ihm durch seine Heimatstadt fährt, merkt schnell, dass er vor allem den Niedergang verwalten muss. McNally zeigt auf ein schiefes, hellblaues Holzhaus mit zugenagelter Eingangstür. „Das reißen wir nächste Woche ab. Und das daneben auch.“ Auf seiner Abrissliste hat er Tausende Gebäude. „Muss weg, muss weg, muss weg.“ Dazu noch alte Läden, Kneipen, Restaurants, die verfallenen Autohäuser an der Wick Avenue und ein Wasserturm, der Wasser speichert für Menschen, die längst nicht mehr hier leben.

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Wähle 888-995-HOPE

Youngstown hat zwischen 1977 und den späten 80er-Jahren rund 50.000 Jobs in der Stahlindustrie verloren. 1930 lebten 170.000 Menschen hier, heute sind es weniger als 65.000. Die gesamte Infrastruktur, die Wasserleitungen, die Feuerwehr, die Straßen sind auf eine mehr als doppelt so große Bevölkerung ausgelegt.

Das kostet Geld. Und Geld fehlt, schließlich sinken mit den Einwohnerzahlen auch die Steuereinnahmen. In den leeren Häusern siedeln sich Drogendealer und Ratten an, darum reißt der Bürgermeister sie alle ab. Wer sein Haus verkaufen will, findet kaum einen Abnehmer, selbst in den guten Vierteln im Norden und Westen des Städtchens kann man eine geräumige Villa für 80.000 Dollar kaufen. Die Mordrate ist fast fünfmal so hoch wie im Schnitt der USA. Wer kann, zieht weg.

„Die Leute hier wollen Wandel, sie haben die Nase voll vom Establishment in Washington“, sagt McNally, ein Demokrat. „Wenn Trump sagt, dass er kämpfen wird für den Wandel, ist das genau das, was sie hören wollen. Die Leute hier wollen eine Kämpfernatur. Selbst wenn sie eigentlich ahnen, dass die Versprechen im Detail keinen Sinn ergeben und außerdem völlig unglaubwürdig sind. Viele denken: Was habe ich schon zu verlieren?“

John McNally ist seit zwei  Jahren Bürgermeister von Youngstown
John McNally ist seit zwei Jahren Bürgermeister von Youngstown. Er lässt vor allem leer stehende Häuser abreißen – hat aber auch Start-ups angesiedelt - Foto: Ricky Rhodes

McNally kann den großen Wandel selbst nicht bringen, den die Menschen sich so wünschen. Die Leute brauchen Jobs – und die kann ein Bürgermeister nicht alleine schaffen, sagt er. „Mein Fokus ist, die Stadt zu säubern und aufzuhübschen.“ Er hat neue Mülltonnen verteilen lassen, jetzt schmeißen die Menschen ihre Säcke nicht mehr einfach so an den Straßenrand.

McNally fährt vorsichtig über Straßen voller Schlaglöcher, ein paar hat er neu asphaltieren lassen. Vorbei an zugenagelten Schaufenstern und Parkplätzen, auf denen niemand parkt. Was noch offen hat: Pfandhäuser, Drive-in-Spirituosenläden, Secondhand-Geschäfte. Sogar die Halterungen für Plakate am Straßenrand sind entweder leer oder werben für Hilfe-Hotlines („Wähle 888-995-HOPE“), für Drogenabhängige, Schwangere, die das Rauchen aufgeben wollen, oder Schulschwänzer.

„Gut genug für Euch“

Der Bürgermeister will die fast komplett verlassenen Wohngebiete in Gewerbegebiete umwandeln und frisch herrichten. Vielleicht siedelt sich dann sogar wieder ein Supermarkt an. „Große Teile der Stadt sind richtige Lebensmittelwüsten“, sagt er. Die Supermarktketten haben sich alle aus der Stadt zurückgezogen. Genau wie die großen Tankstellenbetreiber. Nirgendwo Shell oder BP, stattdessen Tom’s Gas & Grocery, Gateway Gas Mart oder Best Way Gas & Convenient Food Mart. Gesundes Essen gibt es hier nicht. Die Stadtverwaltung und eine Stiftung wollen bald Obst und Gemüse in einem Gesundheitszentrum verkaufen.

Straßenszene aus Yungstown
Die großen Supermarktketten sind aus Youngstown verschwunden – es gibt vor allem kleine Shops mit ungesundem Essen. Die Stadt will nun selbst Gemüse anbieten - Foto: Ricky Rhodes

Der Bürgermeister ist in der South Side angekommen, dem Ziel seiner Fahrt, einem der ärmsten Viertel. Die Stadtverwaltung hat, mit dem Geld von Stiftungen, Fitnessgeräte in einen Park an einer Straßenecke montiert. „Das Haus da hinten muss weg“, flüstert McNally, damit ihn die Leute im Park nicht hören, und zeigt auf einen Holzbau mit eingefallenem Dach. Dann reiht er sich neben den Stiftern fürs Foto auf, greift nach einer überdimensionierten Schere und schneidet das Band durch, die bunt bemalte Trimm-dich-Ecke ist eingeweiht. Eine afroamerikanische Alte greift den Bürgermeister am Ellenbogen und wettert über den neuen Park. Die Bälle fliegen immer auf die Straße, außerdem lungern die Jugendlichen auch nachts hier herum und machen Dummheiten. Parks sind nicht das, was die Leute hier brauchen, sagt sie. „Ich habe diese Politik des Gut-genug-für-euch so satt. Die Kids hier brauchen Arbeit.“

Früher, in den guten alten Zeiten, war Arbeit kein Problem. Auch nicht herumlungernde Teenager, Drogen, verfallene Häuser oder fehlende Supermärkte. Youngstown war einst das Herz der amerikanischen Stahlindustrie. Mit harter, ehrlicher Arbeit konnten sich die Menschen hier ein gutes Leben leisten. Dann kamen der weltweite Niedergang der Stahlindustrie und die Verlagerung der Fabriken in billigere Länder. Bruce Springsteen hat ein Lied darüber geschrieben:

Well my daddy come on the Ohio works / When he come home from World War Two
Now the yard’s just scrap and rubble / He said “Them big boys did what Hitler couldn’t do”

Es gab nicht genügend andere Jobs, die Leute schauten zu, wie ihre Maschinen auseinandergenommen und nach Mexiko verschifft wurden. Wenn Trump gegen Firmen wettert, die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, und gegen Freihandelsabkommen wie NAFTA, ist das genau das, was die Menschen hier hören wollen.

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„Ich bin eigentlich Demokratin“

Connie Kessler ist in der South Side groß geworden, damals, als hier noch die weiße Mittelklasse wohnte. „Früher hatten wir nie Angst“, sagt Kessler. „Heute mache ich mir ständig Sorgen. Was soll nur aus meinen Kindern und Enkelkindern werden in dieser furchtbaren Welt?“

Die 75-Jährige sitzt im Hauptquartier des örtlichen Trump-Wahlkampfteams und verkauft Schilder und T-Shirts an die Trump-Fans. Kessler war ihr ganzes Leben lang Demokratin. So wie ihre Eltern, ihre Kinder und Enkel, wie ihre Schwester, ihr Bruder und deren Kinder, wie alle Nachbarn in der South Side, wie der Postbote und der Verkäufer im Supermarkt an der Ecke. Aber dann kam Trump. „Da habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten“, sagt sie. „Ich wusste einfach, dass er und nur er die richtige Person für Amerika ist.“ Sie hat sich in ihr Auto gesetzt und ist in das Trump-Büro in einer Shopping-Mall in Youngstowns Vorort Boardman gefahren. „Hier bin ich“, hat sie gesagt. „Ich bin eigentlich Demokratin, aber ich will bei euch mitmachen, ich will mithelfen.“

Connie Kessler verkauft im örtlichen Hauptquartier des Trump-Lagers Schilder und T-Shirts
Connie Kessler verkauft im örtlichen Hauptquartier des Trump-Lagers Schilder und T-Shirts. Sie sagt: „Früher hatten wir nie Angst“ - Foto: Ricky Rhodes

Früher hat sie mit den anderen Kindern Limonade auf der Straße verkauft für ein paar Pennys, sie ist zu Fuß zur Schule gegangen und im Dezember mit den Eltern zum großen Weihnachtseinkauf in die Innenstadt. Ihr Vater war Elektriker, verdiente gutes Geld. Ihre Mutter kochte große Dinner für die Nachbarn. Es gab keine Drogen, keine Einbrüche, und in ihrer Schule waren nur acht schwarze Kinder. „Es war eine wunderbare, freie Welt.“

Heute herrschen in ihrem alten Viertel, der South Side, die Gangs. Die Hälfte der Häuser dort ist abgerissen, viele andere sind verlassen, mit schiefen Dächern und vernagelten Fenstern. Auf die Straße würde sie sich dort nie mehr allein trauen, sie ist längst weggezogen. Und in der Innenstadt hat das letzte Kaufhaus vor Jahrzehnten geschlossen. „Heute sieht die Stadt doch aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Trump weiß das“, sagt Kessler. „Trump ist ein guter Geschäftsmann. Er macht Amerika wieder so, wie es war, als ich ein junges Mädchen war.“

100.000 Aufkleber für die Stoßstange haben Kessler und die anderen Wahlkampfhelfer in Youngstown schon verteilt. Dazu Tausende Schilder für die Vorgärten. Ständig klingelt das Telefon in der Wahlkampfzentrale. Heute hat Kessler Hotline-Dienst. „Ach, Sie waren auch früher Demokrat?“, sagt sie in den Apparat. „Ich auch, kommen Sie doch hier vorbei, ich schenke Ihnen eine Trump-Anstecknadel.“

Ein paar Meter neben ihr sitzt ein Mann und presst einen Button nach dem anderen, eine Schülerin steckt Metallgestänge in Dutzende Vorgartenschilder, ein alter Herr malt ein Plakat per Hand in blauer und roter Farbe: „Liar. Liar. Hillary’s Pantssuit is on fire“, steht darauf.

Ständig kommen neue Menschen hinein und gehen mit Schild, T-Shirt, Aufkleber oder Anstecknadel wieder hinaus. Es sind mehr Frauen als Männer. „Es stimmt einfach nicht, dass Frauen Trump nicht mögen“, sagt Kessler, die Treffen ihrer Gruppe organisiert: Christian Women for Trump. Sie hat Trumps Fernsehshow schon immer gern geschaut, sagt sie. „Ich glaube ihm alles, was er sagt.“ Neulich hat sie ihn zum ersten Mal live gesehen, er hat auf einem Volksfest in der Nähe gesprochen. „Ich liebe dich“, rief Kessler ihm zu, so laut sie konnte. Trump hat ihr in die Augen geschaut und den Daumen hochgestreckt, erzählt sie. „Man muss ihn einfach lieben.“ Sie hat schon 700 Dollar für seinen Wahlkampf gespendet. Jeden Tag hilft sie im Trump-Büro, stundenlang, sogar am Wochenende. „Ich fühle mich hier zu Hause“, sagt sie.

40 junge Softwarefirmen

Inzwischen hat sie ihre ganze Familie überzeugt, alle wollen jetzt Trump wählen. Und neulich hat sie 18 alte Freundinnen zum Lasagne-Essen eingeladen. Sie hatte sich richtig vorbereitet und eine Liste mit Argumenten aufgeschrieben. „Zum Beispiel über Trumps Werte und seinen Glauben, er ist ein wahrer Christ wie ich, und er hat so eine wunderbare Familie“, sagt Kessler. „Er hat so viel Geld, er müsste ja nicht Präsident werden. Er macht das nur, weil er Amerika liebt.“ Danach hätten sich alle bei ihr bedankt, weil sie nun endlich wüssten, wen sie wählen werden: Trump. „Es ist eine richtige Bewegung, endlich halten wir wieder zusammen“, sagt Kessler. Nach all den Jahren und Jahrzehnten, in denen sie Demokraten gewählt und später von Demokraten enttäuscht wurde, sei Trump der Erste, der ihre Probleme verstehe. „Ich habe wieder Hoffnung.“

Es ist nicht so, dass es keine Hoffnungszeichen in Youngstown gibt. Zum Beispiel den Youngstown Business Incubator (YBI). In der Start-up-Schmiede mitten in der Innenstadt haben sich 40 junge Softwarefirmen angesiedelt. „Wir können mit dem Silicon Valley locker mithalten“, sagt Jim Cossler, der YBI-Chef. „Viele gute Programmierer wollen in ihrer Heimat bleiben, hier im Mittleren Westen, statt ins Valley zu ziehen.“ Im Inkubator-Gebäude in der Innenstadt sieht es aus, wie es sich für Start-ups gehört: bunte Wände, Gemeinschaftsküche, Pappaufsteller von Darth Vader. Junge Männer testen Virtual-Reality-Brillen. „Bei uns lebt es sich viel billiger, darum kann man den Leuten auch weniger zahlen, das zieht Start-ups an“, sagt Cossler. „Und bei Software ist es egal, ob sie aus San Francisco oder Youngstown kommt.“

400 Jobs haben die Inkubator-Firmen schon geschaffen, gute Jobs mit gutem Gehalt für gut qualifizierte College-Absolventen – eine Seltenheit in Youngstown. Aber 400 Jobs für eine Stadt, in der Zehntausende fehlen? „Glaube ich, dass diese Organisation Youngstown retten kann?“, sagt Cossler. „Natürlich nicht. Aber wir helfen zumindest ein bisschen.“

Auf der Straße vor dem Inkubator hat Bürgermeister McNally die Schlaglöcher flicken lassen, es gibt neue Blumenkübel und saubere Bürgersteige und einen Kaffeeladen mit handgerösteten Bohnen. Allerdings sind die Straßen selbst in Downtown fast leer – und auch im Kaffeeladen kauft kaum je einer Kaffee.

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Ein neues Stahlwerk

Noch so ein Hoffnungsträger heißt Vallourec. Die französische Stahlröhrenfirma hat ein altes Werk in Youngstown übernommen und vor ein paar Jahren mehr als 1 Mrd. Dollar in eine Erweiterung investiert, neben dem rußschwarzen alten Bau steht jetzt ein glänzender weißer Fabrikkomplex.

„Die Stadt liegt strategisch günstig in der Nähe der Fracking-Felder“, sagt Nordamerika-Chef Nicolas de Coignac. „Und die Leute hier wissen, was Stahl bedeutet, sie sind harte Arbeiter.“ In der schwarzen, alten Fabrik schmilzt in einem riesigen Topf der Stahlschrott ein, eine Presse formt ein orangefarben-feuergleißendes Rohr bei fast 1500 Grad, schwarzer Staub bedeckt jeden Winkel, es riecht nach Schwefel, die Arbeiter tragen schwere Schutzkleidung. Die weiße, neue Fabrik steht heute zur Inspektion still. Als die Gas- und Ölförderung aus den unkonventionellen Quellen boomte, boomte auch das Pipelinegeschäft für die Stahlröhrenbauer. Vallourec schrieb knapp 500 neue Jobs aus – und bekam binnen weniger Tage 33.000 Bewerbungen. Menschen, die ihre Heimatstadt verlassen hatten, wollten wieder zurückkommen.

Der französische Stahlröhrenbauer Vallourec hat  ein altes Werk in Youngstown übernommen
Neue Hoffnung: Der französische Stahlröhrenbauer Vallourec hat ein altes Werk in Youngstown übernommen und mehr als 1 Mrd. Dollar in eine Erweiterung investiert - Foto: Ricky Rhodes

 Doch kurz nachdem die Erwählten eingelernt waren, sanken die Ölpreise, niemand wollte mehr bohren oder Pipelines bauen. Vallourec führte Kurzarbeit ein, kündigte wenig später der Hälfte der gerade eingestellten Stahlarbeiter. „Das war natürlich sehr schmerzhaft“, sagt de Coignac. Inzwischen geht es leicht aufwärts, er schreibt wieder Stellen aus. „Aber wir wollen sehr vorsichtig sein.“

„Wenn jemand Jobs schafft, ist die Freude groß“, sagt der Bürgermeister. „Aber wir machen oft zwei Schritte vorwärts und einen zurück.“ Die Stadt verliere noch immer Jahr für Jahr Hunderte Einwohner. „Wir sind weit entfernt davon zu überlegen, wie wir wachsen können. Wir müssen noch das Schrumpfen aufhalten.“ Und je länger die Stadt schrumpft, desto größer wird die Abstiegsangst der Menschen, die noch einen Job haben. Ist mein Betrieb der nächste? Bin ich der Nächste? Es ist diese Angst, die Trump hilft.

„Ich habe Angst, furchtbare Angst vor Trump“

In Boardman, einem Vorort nur wenige Autominuten südlich von Youngstown, ist diese Angst zu Hause. Hier ist die Welt auf den ersten Blick noch in Ordnung: frisch gemähte Vorgärten, fröhliche Halloween-Kürbisse vor der Haustür und Mittelklasseautos in der Einfahrt. Trumps Team hat sich das Viertel vorgenommen, an einem Samstag nur wenige Wochen vor den Wahlen.

Zwei Freiwillige gehen mit Werbezetteln von Tür zu Tür und klingeln, eine vom Trump-Team entwickelte App sagt ihnen, hinter welcher Tür ein Republikaner oder ein Demokrat wohnt. „Was halten Sie denn von diesen verrückten Wahlen in diesem Herbst?“, fragen sie jedes Mal, wenn ihnen jemand öffnet. „Ich habe Angst, furchtbare Angst vor Trump, diesem irren Egomanen“, sagt einer, der als möglicher Cross-over-Wähler in der App vermerkt war. „Und wissen Sie, warum ich kein Schild für Hillary im Garten habe? Weil ich Angst habe, dass man mir das Fenster einschmeißt oder den Vorgarten verwüstet.“

Dieses Haus war kein Erfolg, weiter zur nächsten Tür. Eine Frau in einem Footballtrikot öffnet, sie wählt manchmal die Demokraten, manchmal die Republikaner, ihr Mann ist überzeugter Trump-Fan. „Wahrscheinlich wähle ich auch Trump, sehr wahrscheinlich sogar“, sagt sie. „Wir haben nur deshalb kein Trump-Schild im Garten, weil wir Angst haben, dass jemand nachts das Auto von unserer Tochter zerkratzt.“

Hier also entscheidet sich diese historische, aufgeladene und so furchtbar spannende Wahl. Sie entscheidet sich zwischen den Menschen, die Vorgartenschilder-Schlachten kämpfen, die sich nach einem Amerika sehnen, in dem Kinder Limonade auf der Straße verkaufen und sich harte Arbeit lohnt, und die vor ihrem 1,25-Dollar-Bier im Golden Dawn ihre Sätze stets mit dem Wort „früher“ beginnen.

„Meine Botschaft ist, dass die Dinge sich ändern müssen – und zwar genau jetzt“, schreibt Trump auf dem Zettel, den seine Wahlkämpfer in Boardman an den Haustüren verteilen. „Jeden Morgen, wenn ich aufwache, bin ich fest entschlossen, den Menschen zu helfen, die ich überall in diesem Land getroffen habe, die vernachlässigt, ignoriert und verlassen wurden.“

Die Reportage ist in Capital 11/2016 erschienen. Interesse an Capital? Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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