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Trump vs. Clinton - ihre schmutzigen Deals

, Kathrin Werner

Milliardär gegen Millionärin – selten hat in einem US-Wahlkampf das Vermögen der Kandidaten so eine Rolle gespielt wie 2016. Trump übertreibt seinen Reichtum womöglich, Clinton würde ihren am liebsten verschweigen

© Getty Images
Clinton gegen Trump: Für die US-Demokraten steht fest, wer obenauf ist

Donald John Trump

Das Trump Taj Mahal heißt in diesen Tagen nur „mp Taj hal“. Die Beleuchtung ist kaputt, die Silben „Tru“ und „Ma“ bleiben dunkel. Als Donald Trump das damals weltgrößte Kasino 1990 in Atlantic City eröffnete, nannte er es „das achte Weltwunder“. Heute bröckelt die goldene Farbe von den Türmchen, Elefanten und Lämpchen, die das 1,1 Mrd. Dollar teure Haus übersäen. Der rote Teppich ist verblichen. In den Zimmern schimmeln die Duschvorhänge. An den einarmigen Banditen spielen Rentner, und im „Trump Treasury“-Jackpot an einem der Automaten liegen gerade einmal 7,30 Dollar.

Vor der Eingangstür demonstrieren täglich die Mitarbeiter des Hotels. Luis Martinez trägt wie alle von ihnen ein knallrotes T-Shirt: „Kasino-Arbeiter im Streik“ steht darauf. Zehn Jahre lang hat er Hotelgäste bekocht, zuletzt bekam er dafür gerade mal 13 Dollar die Stunde. Das Geld hat nie gereicht. Jetzt streikt er. Er will seine Krankenversicherung und Rentenansprüche zurück, die er bei der letzten der vielen Pleiten des Taj Mahal verloren hat. Wenn eine seiner zwei kleinen Töchter krank wird, weiß er nicht, wie er den Arzt bezahlen soll. „Hier geht doch alles den Bach runter“, sagt der 28-Jährige. „Wenn ich Präsident werden wollte, würde ich meinen Namen da nicht dran lassen.“

Donald Trump 1990 bei der Eröffnung des 1,1 Mrd. Dollar teuren Kasinos Trump Taj Mahal
Donald Trump 1990 bei der Eröffnung des 1,1 Mrd. Dollar teuren Kasinos Trump Taj Mahal - Foto: Getty Images

Nirgends kann man Donald Trumps Bilanz so gut sehen wie in Atlantic City und am „mp Taj hal“. Nirgends wird die Frage so offensichtlich beantwortet: Ist Trump ein guter Geschäftsmann? Es ist sein zentrales Argument im Wahlkampf: Das Land brauche einen guten Geschäftsmann an der Spitze. „Jemanden, der die Marke USA wieder groß macht“, sagt er. Aber hier in Atlantic City steht sein Name an einer bröckelnden Fassade, das Kasino verliert mehrere Millionen Dollar pro Monat. Es wirkt, als sei Trump deutlich besser darin, seinen Namen zu platzieren, als Geschäfte zu machen.

Trump vermarktet sich selbst

Trump pappt seinen Namen auf alles, was nach Luxus klingt, sagt Michael D’Antonio, der eine Trump-Biografie geschrieben hat: „Donald ist brillant darin, sich selbst zu einer lebenden Marke zu machen.“ Neben dem Taj Mahal gab es diverse Produkte, die seinen Namen trugen – und schnell wieder verschwanden, nachdem er Geld darin versenkt hatte: Trump-Hemden und Trump-Krawatten, ein Trump-Brettspiel, Trump-Wasser, Trump-Wein, eine Reisewebsite namens GoTrump.com, Trump-Möbel oder Trump-Parfum. Hergestellt wurde fast nichts davon in den USA, sondern in China, der Türkei, Bangladesch. „Und was genau ist mit der Trump-Airline passiert? Und mit der Trump University?“, lästert Mitt Romney, Ex-Präsidentschaftskandidat der Republikaner. „Und dann das Trump-Magazin und Trump-Wodka und Trump-Steaks und die Trump-Hypotheken. Ein Businessgenie ist er wirklich nicht.“

Trotz all der Businessspielereien ist Trump in erster Linie – wie zuvor sein Vater – Immobilienmogul geblieben. Und auch das mit mäßigem Erfolg. Mehrmals sind Unternehmen, die Trumps Hotels und Kasinos verwalteten, in die Insolvenz gerutscht. Meist wird von Trumps vier Pleiten gesprochen, streng genommen sind es aber sogar sechs: 1991 traf es die Betreibergesellschaft des Taj Mahal in Atlantic City. Ein Jahr nach der Eröffnung war der Kasinoklotz zum ersten Mal pleite. Trump hatte ihn mit Ramschanleihen über 675 Mio. Dollar finanziert, die mit 14 Prozent verzinst waren. Mehr als 1 Mio. Dollar pro Tag hätte das Taj einnehmen müssen, um die enormen Schulden zu tilgen – das schaffte es nie. Wechselnde Investoren haben das Kronjuwel seines Immobilienimperiums danach immer wieder gerettet. Bei jeder Sanierung musste Trump Anteile verkaufen.

1992 dann gingen in Atlantic City zwei weitere Kasinos insolvent, das Trump Castle und das Trump Plaza, und in New York traf es das weltberühmte Plaza Hotel an der Südost-Ecke des Central Parks, das damals ebenfalls Trump gehörte. Die Unternehmen wurden restrukturiert, und nach und nach übernahm eine Holding, Trump Hotels & Casino Resorts, die Objekte – auch das Taj Mahal. 2004 war sie ebenfalls insolvent. Das Nachfolgeunternehmen Trump Entertainment Resorts war dann 2009 pleite.

Trumps Marke ist allgegenwärtig

Seit einigen Jahren gehört Trump nichts mehr in Atlantic City. Die Firma Trump Entertainment Resorts verkaufte er 2009 und hielt nur noch eine Minderheitenbeteiligung. Im Jahr 2014 war sie wieder pleite. Heute gehört sie Trumps Freund, dem Finanzinvestor Carl Icahn, und jetzt hat auch er die Nase voll. Im Herbst soll das Taj schließen. Der Kauf sei „eine schlechte Wette“ für ihn gewesen, sagt Icahn.

Vor einer Privatinsolvenz stand Trump nur einmal, 1991. Die erste Taj-Mahal-Pleite zwang ihn unter anderem, seine Yacht zu verkaufen, um den persönlichen Bankrott abzuwenden. Was seine Firmenpleiten angeht, rühmt er sich, wie er das Insolvenzrecht genutzt, andere Investoren in Atlantic City ausgetrickst – und sich rechtzeitig vor dem Niedergang zurückgezogen hat: „Atlantic City hat für mich eine Menge Wachstum angekurbelt“, sagt der 70-Jährige. „Was ich da an Geld rausgezogen habe, ist unglaublich.“ 1995 zum Beispiel brachte Trump das Trump Plaza Hotel in Atlantic City an die Börse, um anschließend mit dem Geld private Schulden zurückzuzahlen. Viele Kleinunternehmer von seinen Baustellen dagegen bekamen nie ihr Geld. „Er hat eine Menge lokaler Handwerker und Zulieferer in die Pleite getrieben, als er sie nicht bezahlt hat“, sagte Steven Perskie, damals der oberste Kasinoaufseher in New Jersey, der „New York Times“. „Als er sich aus Atlantic City zurückgezogen hat, hat keiner ,schade‘ gesagt, sondern: ‚Wie schnell kannst du hier verschwinden?‘“

Donald Trump 1995 an der New Yorker Börse
1995 brachte Trump das Trump Plaza Hotel in Atlantic City an die Börse - Foto: dpa

In der Fernsehsendung „The Apprentice“ gab Trump jahrelang jungen Unternehmensgründern Tipps, wie sie erfolgreiche Geschäftsleute werden können. Seither kennt ihn fast jeder in den USA. Er habe die Show nicht wegen des Geldes gemacht, schrieb er in einem seiner Bücher, sondern nur wegen der „Markenpräsenz“. Und das ist auch, was andere Unternehmer von Trump lernen können: Marketing. Trumps Marke ist allgegenwärtig. Wer durch New York spaziert, sieht die großen Lettern seines Namens überall, am liebsten goldglänzend: direkt neben dem Uno-Gebäude, an seinem Tower auf der Fifth Avenue in Midtown, an einem Hotel am Columbus Circle, an der Eislaufbahn im Central Park und so weiter.

Wie reich ist Trump wirklich?

Wie erfolgreich oder erfolglos Trump aber als Geschäftsmann wirklich ist, weiß niemand ganz genau, schließlich sind die meisten seiner Firmen nicht börsennotiert und halten Gewinne, Verluste und Eigentümerstrukturen geheim. Trump ist beispielsweise an etlichen Limited Liability Companies als stiller Gesellschafter beteiligt, die fast nichts offenlegen müssen. Dazu wird selten öffentlich, mit wem Trump Geschäfte macht und wer für die Schulden haftet. Auch, was seine Insolvenzen für sein Privatvermögen bedeutet haben, ist nicht klar. Es sieht so aus, als habe er die Kosten für die Pleiten weitgehend auf die Gläubiger abgewälzt und seinen eigenen Reichtum geschützt. Trump weigert sich ebenso beharrlich, seine Steuererklärung zu veröffentlichen, wie es für Präsidentschaftskandidaten eigentlich üblich ist. Auch eine unabhängige Prüfung seiner Geschäfte lehnt er ab. „Der Erfolg seines Imperiums hängt davon ab, dass er Kredite bekommen und Darlehen für seine Unternehmen verlängern kann“, sagte Richard Painter, der ehemalige Ethik-Anwalt des Weißen Hauses unter Präsident George W. Bush, in einem Interview. „Und wir wissen einfach nicht sehr viel über seine Finanzdeals, hier oder im Rest der Welt.“

Darum weiß auch niemand, wie reich Trump tatsächlich ist. Er selbst behauptet stets, mehr als 10 Mrd. Dollar schwer zu sein. In den wenigen Unterlagen, die er für seine Kandidatur ausfüllen musste, schrieb er, er verfüge über mindestens 1,5 Mrd. Dollar. Bloomberg schätzt sein aktuelles Vermögen derzeit auf 3 Mrd. Dollar, „Forbes“ kommt auf 4,5 Mrd. Vor ein paar Jahren sagte Trump unter Eid, sein Reichtum schwanke – je nachdem, wie er sich an dem Tag fühle. Im Jahr 1978 hat das Magazin „Businessweek“ sein Vermögen auf 100 Mio. Dollar geschätzt. Das klingt erst einmal, als habe er es seither spektakulär vermehrt – egal, ob auf 3 oder 10 Mrd. Dollar. Doch hätte er das Geld 1978 einfach in einen Indexfonds auf der Basis des Standard & Poor’s 500 gesteckt, besäße er inzwischen fast 6,5 Mrd. Dollar.

Oft täuscht auch der Eindruck, den seine Marke hinterlässt. Denn bei vielen von Trumps Immobilien steht zwar sein Name an der Fassade – nur gehören ihm die Gebäude und Grundstücke gar nicht. Das Haus in der Wall Street Nummer 40 in New York ist so ein Fall. Trump hat einen langfristigen Pachtvertrag und managt das 71-stöckige Hochhaus. Das Grundstück aber gehört zwei Limited Companies, deren Eignerstrukturen geheim sind und denen Trump Miete zahlt. So macht er es inzwischen oft. Die Verwaltungsgeschäfte bringen zwar nicht so hohe Gewinnmargen wie seine alten Immobiliendeals, bergen dafür aber auch weniger Risiken. Manchmal vergibt er seinen Namen auch per Lizenz. Er sieht ihn einfach gern. Von den 515 Firmen, an denen Trump laut Unterlagen bei der Wahlaufsichtsbehörde beteiligt ist, tragen 268 seinen Nachnamen.

„Ich liebe Schulden“

Laut der „New York Times“ haben seine diversen Unternehmen zusammen Schulden von mindestens 650 Mio. Dollar – doppelt so viel, wie er in den Unterlagen angegeben hat, die er für seine Kandidatur für das Weiße Haus bislang veröffentlichen musste. Er steht tief in der Schuld bei Banken, die er in seinen Reden lautstark kritisierte: der Bank of China und Goldman Sachs. „Ich bin der König der Schulden“, sagte Trump einst in einem Interview mit CNN, „ich liebe Schulden.“ Die „New York Times“ vermutet, dass sein Schuldenberg – unter anderem bei Chinas Staatsbank – beeinflussen könnte, welche politischen Entscheidungen er als Präsident der USA träfe. Würde er wirklich Chinas Regierung mit Zöllen verärgern, obwohl er persönlich indirekt von ihrer Gunst abhängig ist? Trump hat verkündet, dass im Falle einer Präsidentschaft wahrscheinlich seine Kinder die Geschäfte übernehmen würden.

Vor dem Taj Mahal in Atlantic City streiken die Mitarbeiter
Vor dem Casino Taj Mahal in Atlantic City streiken die Mitarbeiter - Foto: Getty Images

An Atlantic Citys Strandpromenade sieht es tatsächlich aus, als stecke das Land in dem Niedergang, von dem Trump immer spricht: bröckelnder Putz, frittiertes Essen zu Billigpreisen, überall Möwenkot und laute Musik aus Ramschläden. T-Shirts mit Aufdruck „Make America Great Again“ kosten 10 Dollar. Und vor dem Trump Taj Mahal demonstrieren weiter die Kasinomitarbeiter in ihren roten T-Shirts. Dass Trump – als Geschäftsmann oder Politiker – ihr Land und ihr Leben besser machen will, glaubt keiner der Arbeiter im „mp Taj hal“. „Ich verstehe ja nicht genau, wie das mit den Insolvenzen funktioniert und warum Trump da selbst anscheinend kein Geld verloren hat“, sagt Luis Martinez, der streikende Koch. „Aber wenn man die Geschichte hier kennt, kann man Trump auf keinen Fall wählen.“ Martinez hat Gerüchte gehört, dass Trump seinen Milliardärskumpel, den Taj-Mahal-Eigentümer Icahn, zum Finanzminister machen will. „Manchmal“, sagt Martinez, „kommt mir das alles vor wie ein großer, schlechter Witz.“

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Hillary Diane Rodham Clinton

Hillary Clinton scheitert 2016 beim Versuch, ein U-Bahn-Drehkreuz im Wahlkampf richtig zu bedienen
Hillary Clinton scheitert 2016 beim Versuch, ein U-Bahn-Drehkreuz im Wahlkampf richtig zu bedienen - Foto: Getty Images

Dieser Versuch, bürgernah zu wirken, ging nach hinten los. Für einen Wahlkampftermin wollte Hillary Clinton mit der New Yorker U-Bahn fahren und sich dabei unter ganz normalen Menschen filmen lassen. Botschaft: Clinton ist eine von euch, eine Frau des Volkes. Die Subway in New York aber hat ihre Tücken, die Eingangsschleusen etwa: Man muss seine Fahrkarte dort durch einen Magnetstreifenleser ziehen, um hinab zu den Gleisen zu kommen. „Swipe“ nennt sich das, und es ist schwieriger, als man denkt. New Yorker wissen, dass man das genau richtige Tempo für einen Swipe braucht, man hat das im Gefühl. Clintons gelbe Metrocard aber spielte das Wahlkampfspiel nicht mit. Eins, zwei, drei, vier, fünf Versuche brauchte Clinton, bis sich das Drehkreuz öffnete. Statt bürgernah sah Clinton nur aus wie jemand, der sich gern bürgernah gibt.

Clintons Problem ist nicht, dass sie nie mit der U-Bahn fährt, sie hat viel Geld und muss sich das nicht antun. Auch, dass sie dieses viele Geld hat, ist nicht das Problem. Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten in den USA sind immer reich, das wissen die Wähler. Clintons Problem ist, wie sie ihr Geld verdient hat – und dass sie gerne so tut, als besäße sie gar nicht so viel.

Inzwischen kommen Hillary und Bill Clinton auf ein gemeinsames Vermögen von 45 Mio. Dollar, schätzt das Magazin „Forbes“, einen Bruchteil dessen, was Donald Trump besitzt. Die Politik hat die Clintons reich gemacht, Politik ist quasi ein Familienunternehmen für das Ehepaar. „Öffentliche Ämter sind eine Plattform, von der aus sie ihre Erfahrungen zu Geld machen, zu Verbindungen und Prominenz“, sagt Daniel Gross, Autor des Buchs „Better, Stronger, Faster“, in dem er für einen optimistischen Blick auf Amerika wirbt. „Gewählte Ämter, Geschäfte, Reichtum und Dienst im Sinne der Öffentlichkeit werden nahtlos miteinander verwoben.“

Sechsstellige Beträge für 30-minütige Auftritte

Woher genau also kommt das Geld der Clintons? Zum ganz großen Teil von bezahlten Reden. Sowohl Bill als auch Hillary Clinton begannen nur wenige Wochen, nachdem ihre Amtszeiten endeten, mit Vortragstouren um die Welt. Wenn Hillary Clinton irgendwo spricht, bekommt sie einen sechsstelligen Betrag, für 30-minütige Auftritte fließen mindestens 200 000 Dollar – fast das Vierfache dessen, was eine amerikanische Durchschnittsfamilie in einem Jahr verdient. 11 Mio. Dollar bekam Clinton zwischen Januar 2014 und März 2015 für 51 Auftritte vor Vertretern aus Branchen wie der Pharmaindustrie, dem Finanzwesen oder der Immobilienwirtschaft. 2013 verdiente sie mit 36 Auftritten, etwa bei Goldman Sachs, rund 8,5 Mio. Dollar. Was sie dort gesagt hat, ist geheim. Journalisten und ihre politischen Gegner verlangen schon seit Monaten, dass sie ihre Redemanuskripte veröffentlicht, aber sie weigert sich.

Die Nachrichtenwebsite „Politico“ hat nach einer Goldman-Veranstaltung im Dezember 2013 in Manhattan ein paar Zuhörer nach der Rede befragt: „Sie klang wie jemand, der uns nicht verteufeln will, sondern will, dass die Wirtschaft wieder auf die Beine kommt“, sagte einer der Banker. Von jeder Schuld freigesprochen habe Clinton die Banker nicht, die unter der gerade verschärften Finanzaufsicht litten und nach der Finanzkrise das Gefühl hatten, das ganze Land und Politiker von links und rechts seien gegen sie. Aber sie habe auch nicht vor, auf die Finanzindustrie einzuprügeln, soll sie laut „Politico“ gesagt haben: „Clinton hatte eine Botschaft, die den Plutokraten Mut gemacht hat.“

Seither gilt Clinton als die Kandidatin der Wall Street – was ungewöhnlich ist, normalerweise sind die Republikaner den Bankern näher als die Demokraten. Erst hat ihr demokratischer Kontrahent bei den Vorwahlen, Bernie Sanders, sie dafür attackiert, jetzt übernimmt Trump dessen Vorlage: „Hillary wird die Wall Street nie reformieren“, sagt er. „Sie gehört der Wall Street!“ Sogar enge Parteifreunde wundern sich, dass Clinton, sonst stets Politprofi, sich auf die hochbezahlten Vorträge vor der Finanzwirtschaft eingelassen hat. Es war ja zu erwarten, dass sie das im Präsidentschaftswahlkampf einholen würde. Mehr als zwei Drittel der Amerikaner halten Clinton für unehrlich und vertrauen ihr nicht. Das liegt auch an der Nähe zur Finanzwirtschaft, der die Menschen ebenfalls nicht vertrauen.

Bill verdiente das große Geld, Hillary diente dem Staat

Auch Bill Clinton gilt als ein Freund der Wall Street, schließlich hat er einige Gesetze zur scharfen Finanzregulierung wie den Glass-Steagall Act aufgehoben. Seine erste Rede nach dem Ende seiner Präsidentschaft hielt er im Februar 2001: bei Morgan Stanley in Manhattan, für 125.000 Dollar. Im Jahr 2004 strich er für einen Auftritt bei der Citigroup in Paris eine viertel Million Dollar ein. In New York bekam er 125.000 Dollar bei Goldman Sachs. Danach lud ihn die Wall-Street-Bank gleich zu einer ganzen Vortragsserie im nächsten Jahr ein, für insgesamt 525.000 Dollar. Bill Clinton ist ein unterhaltsamer Redner und war jahrelang besonders beliebt, weil er durch seine Frau weiter einen direkten Draht in die Politik hatte. Als er in das Weiße Haus einzog, war er der ärmste Präsident seit Harry Truman in den 40er-Jahren. Das sollte sich ändern, als er dort auszog: Schon in den ersten Wochen danach reihten sich die Anfragen für Vorträge auf „wie Flugzeuge über LaGuardia an einem nebligen Tag“, sagte sein damaliger Agent Don Walker der „Washington Post“.

Bill und Hillary Clinton im Wahlkampf 1992
Die Clintons im Wahlkampf 1992: Bei Amtsantritt war Bill der ärmste Präsident seit 40 Jahren - Foto: Getty Images

Zwischen Januar 2001 und Januar 2013 musste Bill seine Einkünfte offenlegen, weil Hillary erst Senatorin in New York und dann Außenministerin der USA war. In diesem Zeitraum verdiente er laut dem Office of Government Ethics mit insgesamt 542 Reden rund 105 Mio. Dollar. Der Ex-Präsident sprach vor Alkoholhändlern in China, Kohlekraftwerksbetreibern in Florida oder Pharmamanagern in New Jersey. Und immer wieder vor Vertretern der Finanzbranche: Laut einer Analyse der „Washington Post“ zahlte ihm die Wall Street für mindestens 102 Reden fast 20 Mio. Dollar.

Während Bill das große Geld verdiente, diente Hillary dem Staat: Sie war Senatorin in New York und bekam ein Gehalt von gerade einmal 145 000 Dollar. Später im Außenministerium verdiente sie 186 000 Dollar im Jahr. Es war ein Rollenwechsel: Über Jahre hinweg war Hillary die Brötchenverdienerin der Familie gewesen. Während Bill in seiner Heimat Arkansas von einem schlecht bezahlten politischen Posten zum nächsten aufstieg, verdiente Hillary unter anderem als Aufsichtsratsmitglied der Supermarktkette Walmart das Geld. Sie erwähnt das heute nicht mehr in ihren Lebensläufen – genauso wenig wie die 15 Jahre als Wirtschaftsanwältin, obwohl es der längste Job ihres Lebens war. Die Amerikaner mögen keine Anwälte, und auch Walmart ist als Konzern nicht gerade beliebt. Clinton handelte zu dieser Zeit auch ein bisschen an den Finanzmärkten, unter anderem mit Terminkontrakten für Rinder, was ihr riesige Gewinne und später immer wieder Kritik einbrachte. Auch Trump hat schon auf ihren Rinderfutures herumgehackt. Nach der Geburt ihrer Tochter hörte Clinton auf mit den Geschäften, es war ihr zu stressig, sagt sie.

Vermischung von Geschäft und Politik

„Hillary hat ein paar Jahre lang erlebt, was es bedeutet, eine Mutter zu sein, die arbeitet: für ein kleines Baby zu sorgen und sich um ihren Job zu kümmern“, sagt ihr Freund James Blair, der ihr in den 70er-Jahren Investmenttipps gab. Bill sei keine große Hilfe gewesen. „Er hat sich nie für Geld interessiert.“ Es passte zu ihrer Herkunft, sich um Geld zu sorgen: Die Mutter kam aus kleinen Verhältnissen, der Vater hatte ein Gardinengeschäft und schaffte es, der Familie ein Mittelstandsleben in einem Vorort von Chicago zu ermöglichen. Die Familie war sparsam, es gab keinen Luxus. Aber Hillary hatte alle Aufstiegsmöglichkeiten der Mittelschicht – und ging zur Law School nach Yale, wo sie Bill traf.

Später gründeten die beiden eine Stiftung – und auch sie ist ein Beispiel für die Clinton’sche Vermischung von Geschäft und Politik, wie Hillarys E-Mails zeigen. Clinton hat in ihrer Zeit als Außenministerin E-Mails über einen privaten Server geschickt und empfangen. Weil darunter Nachrichten waren, die geheime Informationen enthielten, interessiert sich das FBI dafür. Das E-Mail-Archiv ihrer Jahre als Außenministerin, das sie dem FBI zur Prüfung vorlegte, umfasst etwa 55.000 Seiten, die die Behörde nach und nach veröffentlicht. Bislang haben die Ermittler keine Hinweise, dass sie sich strafbar gemacht hat, trotzdem ist der E-Mail-Skandal eines der größten Probleme in Clintons Wahlkampf. Viele Wähler sehen in ihrer Entscheidung, E-Mails über einen privaten Server zu versenden, eine Kombination aus Verantwortungslosigkeit und fehlendem Respekt gegenüber den Regeln. Und immer wieder kommen auch Dinge über das politische Familienunternehmen ans Licht, gerade über die Stiftung.

Bill Clinton
Bill Clinton spricht bei einer Veranstaltung der Clinton-Stiftung - Foto: Getty Images

Die Clinton Foundation, die von Bill geleitet wird, finanziert weltweit humanitäre Projekte, zum Beispiel für Frauenrechte oder den Kampf gegen Aids. Dafür sammelt sie Millionen an Spenden ein, auch von reichen Privatpersonen aus politisch schwierigen Ländern wie Saudi-Arabien. Die Republikaner kritisieren, dass Hillary als Außenministerin den reichen Spendern politische Gefallen getan habe: Das sei ihr wichtiger gewesen als die Interessen der USA. Dafür gibt es in den E-Mails keine Belege – allerdings dafür, dass die Clintons die Stiftung nicht von ihrem Amt als Außenministerin getrennt haben. Da sind etwa die Mails von Clintons früherer stellvertretender Stabschefin Huma Abedin, die zeigen, wie das vom Steuerzahler bezahlte Büro der Ministerin mit der Foundation zusammenarbeitete: Ein Spender etwa fragte über die Stiftung in Clintons Büro nach einem US-Einreisevisum für einen vorbestraften englischen Fußballer.

Die Clintons leben nicht im Protz

Die Foundation sei das „korrupteste Unternehmen in der Geschichte“, schimpft Trump. „Die Clintons haben Jahrzehnte damit verbracht, sich die Taschen vollzustopfen und sich um ihre Spender zu kümmern statt um das amerikanische Volk.“ Und selbst wer das nicht so radikal sieht wie Trump, findet es mindestens politisch unklug, dass sie sich nicht stärker von der Stiftung distanzierte, während sie mit deren Großspendern über politische Entscheidungen verhandelt hat. Interessanterweise hat aber selbst die Donald J. Trump Foundation vor einigen Jahren mal 100.000 Dollar an die Clinton Foundation überwiesen.

Anders als Trump aber haben die Clintons ihre Steuerunterlagen veröffentlicht, sodass ihre Vermögensverhältnisse gut nachvollziehbar sind. In den vergangenen Jahren gaben die Clintons gut ein Zehntel ihres Geldes in ihre Stiftungen – und sie zahlen hohe Steuern. 2015 haben die Clintons 10,7 Mio. Dollar Einkommen versteuert, deutlich weniger als in den Jahren zuvor, und davon 43,2 Prozent an den Staat abgeführt. Die Clintons leben nicht im Protz, aber mehr als komfortabel. Sie besitzen ein Haus mit Pool in Washington, eine Villa mit elf Zimmern in Upstate New York und eine Wohnung in Little Rock in Bills Heimatstaat Arkansas.

Wohlstand darf man nicht kritisieren oder beneiden, das ist eine amerikanische Regel. Die Amerikaner nehmen es Hillary allerdings krumm, wenn sie sich gibt, als sei sie eine von ihnen. Etwa als eine, die ständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt. Die New Yorker Swipe-Episode hat ihr viel Häme eingebracht. Es kam auch gar nicht gut an, als sie in einem Interview erzählte, sie und ihr Mann seien „völlig pleite“ gewesen, als sie aus dem Weißen Haus auszogen. Die beiden hatten in der Tat hohe Schulden für ihre Häuser, 10,6 Mio. Dollar laut veröffentlichter Unterlagen. Aber die Klage stieß vielen sauer auf angesichts der 200 000-Dollar-Reden, mit denen sie die Schulden schnell wieder loswerden konnten. Clinton musste sich entschuldigen. Sie wisse, wie hart das Leben für viele Amerikaner heute sei, „Bill und ich sind ganz offensichtlich vom Glück gesegnet“, sagte sie im Fernsehen bei „Good Morning America“. Ihr Vermögen sei nicht selbstverständlich für sie. „Wir haben für alles gearbeitet, was wir in unserem Leben haben, und wir arbeiten weiter hart.“

Der Doppelreport ist zuerst in Capital 10/2016 erschienen. 


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