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  • Editorial

Der defekte Wohlstandsmechanismus

, Horst von Buttlar

Die Wahl Donald Trumps zeigt eine Schwäche der westlichen Welt: Das Wohlstandsversprechen funktioniert nicht mehr. Von Horst von Buttlar

Horst von Buttlar © Gene Glover
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar

Wir leben in Zeiten, in denen immer öfter das Undenkbare passiert. Doch es sind nicht nur die Ereignisse selbst, die uns verstören sollten, sondern die Frage, warum wir sie für undenkbar gehalten haben. Nach dem Brexit, der ja nicht passieren würde, weil er nicht passieren durfte, nun also die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Wie geht es weiter? Marine Le Pen 2017 Präsidentin in Frankreich, Frauke Petry Ministerin in Berlin, das Ende von Euro und EU?

Viele sprechen über die Spaltung und Zerrissenheit von Ländern wie den USA; aber für jeden, der gestaltet und entscheidet, geht es auch um etwas anderes: Entkopplung. Wir sehen Schichten, die Kontakte und Bezüge zueinander verloren haben; hier eine elitäre Industrie aus Politikern, Beratern, Spindoktoren, Wissenschaftlern, Managern und Medienmenschen; dort eine neue Mehrheit, die entweder abgehängt ist oder sich zumindest so fühlt, die nicht mehr nach den Prognosen spurt, sondern das Undenkbare zur Realität werden lässt – und das auch noch als Hoffnung empfindet.

Es gelten neue Spielregeln

Die Entkopplung geht über die klassische Blase hinaus, in die man Politiker, Manager und Medien oft verächtlich gepackt hat. Solange diese Blase Lösungen anbot, die Wohlstand für alle produzierten, ging das gut. Nun gelten neue Spielregeln, und wir müssen uns fragen, warum wir ständig den Schaden für die Demokratie beklagen, wenn diese offensichtlich putzmunter ist – nur etwas außer Kontrolle.

Capital 12/2016
Die aktuelle Capital

Die jüngste (aber nicht letzte) Antwort heißt Trump. Selten hat sich über einen so langen Zeitraum solch ein Emotionswulst aus Abneigung, Hass, Entsetzen, Empörung und gleichzeitig Hoffnung, Begeisterung und Zuversicht auf einen Menschen gerichtet. In der Psychologie spricht man von Projektion, hier erlebten wir sie in Extremform, und je größer die elitäre Verachtung war, desto fester wuchs der Entschluss der Abgehängten, es denen da oben zu zeigen. Der forgotten man, ein großer Topos in der Geschichte der USA, hat wütend gesprochen. Und Donald Trump hat ihm in seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg versprochen, dass er „nicht mehr länger vergessen wird“.

Ich glaube nicht, dass Trump all diese Versprechen wird halten können – selbst wenn er das Erratische und Pathologische aus seiner Politik tilgt. Denn die Abrechnung mit dem Establishment in Washington ist ja die erste Illusion, die platzt – dieses ist zwar erschüttert, aber die eine Hälfte davon wird mit ihren ganzen Abgründen und Intrigen seine Politik ja formen müssen.

Trump hat im Grunde nur eine Chance: den USA das zurückzugeben, was in der Komödie „Austin Powers“ der „Mojo“ hieß: ein Urvertrauen, dass man es kann und schafft.

Eine neue Wohlstandsformel muss her

Als ich 1995 für ein Jahr in den USA studierte, erlebte und spürte ich dieses Vertrauen, einen faszinierenden Zukunftsoptimismus. Der Kalte Krieg war vorbei, das Internet lief, und Bill Clinton und der Fed-Chef Alan Greenspan hatten die Zauberformel für Wachstum, Inflation und Haushaltsüberschüsse gefunden. Meine Kommilitonen strebten in das, was sie ein decent life nannten: ein Job, ein Haus, Doppelgarage, Kinder.

Dieser Wohlstandsmechanismus ist seit Jahren defekt. Der Irrglaube der Elite in vielen Ländern war es anzunehmen, dass Ungleichheit vor allem eine Frage der Statistik bleiben wird, in der man Nachkommastellen verschiebt. Und nun brennt es überall, weil die Abgehängten ihre Stimme erheben und sie angeblichen Hoffnungsträgern schenken. Weil eine bessere Zahl noch lange kein besseres Leben bedeutet.

Ein russisches Sprichwort sagt: „Du musst nicht auf den Spiegel schimpfen, wenn deine Fratze schief ist.“ Wenn Trumps Triumph, der Brexit oder ein Zwergenaufstand in Wallonien gegen Freihandel also der Spiegel ist – dann ist es die große Aufgabe des kommenden Jahrzehnts, an der Fratze zu arbeiten. An einer neuen Wohlstandsformel, die alle mitnimmt und nicht im Glauben lässt, sie seien vergessen worden.

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