• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Interview

Banker verteidigt griechische Reeder

, Marlies Uken

Claus-Günther Budelmann hat griechische Reeder beraten. Den Vorwurf der Steuerhinterziehung hält der frühere Berenberg Banker für falsch.

Claus-Günther Budelmann © Thomas Rabsch / Laif
Claus-Günther Budelmann

Claus-Günther Budelmann war bis 2009 persönlich haftender Gesellschafter der Berenberg Bank. Sie ist nach eigenen Angaben die älteste Bank Deutschlands und eine der erfolgreichsten Privatbanken des Landes.


Capital: Herr Budelmann, Sie haben jahrzehntelang für die Privatbank Berenberg Geschäfte mit griechischen Reeder gemacht und gelten als Kenner der Szene. Wie haben Sie Zugang zu diesem Zirkel bekommen?

Claus-G. Budelmann: Mitte der 60er Jahre war ich persönlicher Assistent von Heinz Lessing, einem der damals persönlich haftenden Gesellschafter der Bank. Eines Tages rief uns ein Hamburger Importeur an und sagte, er habe hier jemanden, den wir mal kennenlernen sollten. Das war George Lyras, ein erfolgreicher Reeder von der Insel Oinoussia. Er ließ damals mehrere Schiffe bei den Howaldtswerken in Kiel und Hamburg bauen. Unsere Bank ist mit ihm ins Geschäft gekommen. Und dann ging´s los: Über die Lyras habe ich die Reederfamilien Pateras und Fafalios kennengelernt und über sie dann viele weitere Familien. Das war wie ein Schnellballsystem.

Was passiert, wenn man einmal das Vertrauen gewonnen hat?

Dann haben sich die Firmenchefs uneingeschränkt für einen eingesetzt. In den 80er-Jahren besuchte ich die Posidonia, die griechische Schifffahrtsmesse, bekannt für große Partys und gute Cocktails. Der Reeder Costas Lemos – er hatte damals noch mehr Schiffe als Aristoteles Onassis, war aber viel zurückhaltender in den Medien – gab ein Dinner und lud mich in sein Haus in Athen ein. Alle waren da: Minister, Reeder, Banker. Auf einmal kam Lemos auf mich zu, nahm meine Hand und setzt sich mit mir auf die Terrasse. Die Gäste gingen an uns vorbei, unterhielten sich respektvoll mit ihm. Und Lemos sagte am Ende immer: „Have you met this young boy? You should!“ –  ‚Sie müssen unbedingt diesen jungen Herrn kennenlernen.’ Als er ging, stürzten sich plötzlich alle auf mich, als sei ich ein Weltwunder. Weil ich einfach den Segen von Costas Lemos hatte.

Und alle wollten sofort Geschäfte mit ihrer Bank machen?

Ach was, es braucht Jahre, um das Vertrauen der Reederfamilien zu gewinnen. Ich habe die Unternehmen oft besucht, man plauderte dann mit den jungen Firmenchefs in ihren Büros. Die Patriarchen saßen auch dort, spielten mit dieser Gebetskette in der Hand und hörten nur zu. Eines Tages, das konnte Jahre später sein, bekam man dann einen Anruf vom Juniorchef: ‚Mein Vater hat entschieden, dass wir etwas zusammen machen sollten’. Die Familien wollten einen erst einmal richtig kennenlernen, die Bank, die Hintergründe.

"Sie zahlen keine Einkommenssteuer – ganz legal"

Welche Rolle spielt Familie in diesem Geschäft?

Griechische Reeder haben einen enormen Familiensinn – aber das Geschäft ist immer präsent. Ich war zum Beispiel auf der Beerdigung von Markos Lyras eingeladen, dem Bruder von George Lyras von der Insel Oinoussia. Auch er war ein enorm erfolgreicher Reeder. Nach der Beerdigung traf man sich in dem Haus der Familie. Die Frauen trauerten in dem einen Teil. In dem anderen Teil versammelten sich die Männer. Bei denen ging es schon nach wenigen Minuten wieder um Schiffe und Dollar. Nicht nur wegen der Erträge, sondern auch, weil sie sich in einer Verantwortung sehen, das Vermögen auf die nächste Generation zu übertragen.

Capital 10/2015
Capital-Cover 10/15

Hat ihre Bank den Reedern auch die bekannten Supertanker finanziert?

Nein, unsere Bank hat bis heute keine langfristige Schiffsfinanzierung gemacht. Und damals zahlten viele Reeder auch in Cash – also ohne Kredite. Die waren stolz darauf, sich kaum zu verschulden. Wir haben uns um das Cash-Management gekümmert, die Abwicklung von Charterzahlungen. Und um  die Vermögensverwaltung. Die Reeder haben ja einen immensen Reichtum angesammelt. Und je nach Marktlage mussten die Vermögen gestreut werden: festverzinsliche Anleihen, Aktien, Immobilien, Büros in New York oder London. Viele Reeder haben auch Stiftungen gegründet, die heute eine wichtige Rolle im sozialen Leben Griechenlands spielen.

Wenn griechische Reeder so vermögend sind, warum zahlen sie dann so wenig Steuern?

Die Branche hatte schon immer einen sehr guten Draht zum jeweiligen politischen Establishment, das an der Macht war. Sie haben sich mit den Regierenden arrangiert – was nicht notwendigerweise bedeutet, dass sie diese auch unterstützt haben. In den 70er-Jahren hat die Politik sie dann komplett von Steuern befreit. Im Unterschied zu deutschen Reedern zahlen sie etwa keine Einkommenssteuer – ganz legal.

Griechische Reeder sollen auf der berühmten Lagarde-Liste stehen, die mehr als 2000 teils prominente griechische Steuerhinterzieher nennt.

Ich habe nie verstanden, warum sie auf solchen Steuerhinterzieher-Listen gelandet sein sollen. Sie erwirtschafteten Einnahmen aus dem Reedergeschäft, aber die sind nun einmal laut griechischer Gesetzeslage steuerfrei – das legt sogar die Verfassung fest. Sicher, man kann furchtbar darüber streiten: Wenn sie Einnahmen aus der Schifffahrt in Immobilien investieren und diese später verkaufen: Ist das noch originäres Schifffahrtsgeschäft, das steuerfrei ist? Oder ist es schon Vermögensverwaltung? Dann müsste eine Vermögenssteuer gezahlt werden. Das Hauptproblem ist aber meiner Ansicht ein ganz anderes: Die Griechen haben es nie geschafft, eine effiziente Steuerverwaltung aufzubauen. Die Beamten kannten sich einfach nicht aus – oder sie waren korrupt. Die EU hat Griechenland sogar angeboten, die Steuerverwaltung personell zu unterstützen – und Athen hat abgelehnt. Würde es eine effiziente Steuerverwaltung geben, dann würden große Unternehmen und vermögende Bürger entsprechend besteuert – und der griechische Staat hätte einen größeren finanziellen Spielraum.

Die ganze Geschichte über die griechischen Reeder lesen Sie in der neuen Capital. Hier können Sie sich ab dem 17. September die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.