• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Exklusiv

Tönnies gegen Tönnies

, Thomas Steinmann, Jens Brambusch

Der Anwalt Mark Binz profitiert von Streit in großen Familienfirmen. Die Fehde im Metzgerclan Tönnies könnte sein Meisterstück werden.

Clemens Tönnies © Christian Protte
Clemens Tönnies will sich von seinem Neffen nicht aus dem Chefbüro vertreiben lassen

Wenn man Clemens Tönnies nach den Kosten des Familienstreits in Deutschlands größtem Fleischkonzern fragt, greift er zum Telefon und wählt die Nummer eines Mitarbeiters. „Hömma, wie viele Seiten dick ist der Familienstreit?“, fragt er. Tönnies hört zu, lächelt ungläubig. „Und was hat das bislang gekostet?“ Dann legt der Konzernchef auf und sagt: „120 000 Seiten à 300 Euro.“

Selten hat ein Streit in einer deutschen Unternehmerfamilie so viele Werte vernichtet wie bei Tönnies: das Vertrauen in der Familie, den Frieden im Unternehmen – und viele Millionen Euro. Profitiert haben andere: zum Beispiel der Anwalt Mark Binz, der den Neffen Robert Tönnies bei den Klagen gegen seinen auch als Aufsichtsratschef von Schalke 04 bekannten Onkel Clemens vertritt. Binz ist einer der großen Gewinner des seit drei Jahren tobenden Kriegs um die Macht im ostwestfälischen Milliardenkonzern – selbst wenn sich die zerstrittenen Parteien doch noch auf eine außergerichtliche Lösung einigen sollten.

Wenn es in großen deutschen Familienunternehmen kracht, ist Binz’ Stuttgarter Kanzlei häufig mit im Spiel. Im Streit bei Haribo haben der Anwalt und seine Partner vor einigen Jahren mitgemischt. Und auch bei Voith, Breuninger, Electronic Partner (EP) und Heitkamp & Thumann. „Mehr als 300 große Fälle“ habe er in den vergangenen 30 Jahren betreut, sagt Binz – mit einer Erfolgsquote von „mehr als 90 Prozent“. Der 65-jährige Anwalt, der als einer der bekanntesten und bestbezahlten der Republik gilt, brüstet sich damit, ein Friedensstifter zu sein. Ein Spezialist für die Bereinigung von Familienstreitigkeiten.

Doch Recherchen von Capital belegen, dass Binz den Streit häufig zunächst sogar anfacht – nicht nur im Fall Tönnies, der gleich mehrere Gerichte beschäftigt. In E-Mails und Schreiben an Mandanten, die Capital vorliegen, beschreibt der Jurist, mit welchen Methoden er in Familienfehden „Drohszenarien“ aufgebaut habe, um den Druck auf die Gegenseite zu erhöhen: von Indiskretionen in der Presse bis hin zu der Drohung, Strafanzeige gegen Vertreter der anderen Seite zu stellen. Die Eskalation zahlt sich für Anwälte wie Binz aus: Je schwerer eine Einigung wird, desto länger dauert der Streit – und desto höher fallen ihre Rechnungen aus.

Im Gerichtssaal ist Anwalt Mark Binz (r.) immer an der Seite von Robert Tönnies © Heinrich Holtgreve
Im Gerichtssaal ist Anwalt Mark Binz (r.) immer an der Seite von Robert Tönnies

Seine Kanzlei, lobt sich Binz gegenüber einem seiner Mandanten, sei „wie keine andere in der Republik dafür bekannt, jeden Weg zu Ende zu gehen und auch nicht davor zurückzuschrecken, im Interesse unserer Mandanten Fehlverhalten von Granden der deutschen Wirtschaft notfalls sogar dem Staatsanwalt anzuzeigen“. Eine „Hälfte unseres Erfolges und damit unserer Wertschöpfung“, schreibt er weiter, entfalle „auf das Drohszenario, das wir von der ersten Minute an allein durch unsere Einschaltung und unsere vorausgegangenen beruflichen (abschreckenden) Erfolge in anderen Mandaten wie Haribo oder EP aufgebaut haben“. Zu dieser Eigenwerbung passen die Kriegsmetaphern, die Binz in seiner Korrespondenz gerne verwendet: Darin ist die Rede von einer „militärischen Ausgangsbasis“, von „Schlachtplänen“ und „Kriegskassen“.

Selbst im Fall Haribo gibt es Zweifel an Binz’ Vermittlerleistung – obwohl der Anwalt die Einigung zwischen Firmenpatriarch Hans Riegel und seinen Neffen auf eine Nachfolgeregelung im Jahr 2010 heute als sein „Meisterstück“ rühmt. Bei Haribo habe er für beide Familien den „Königsweg“ gefunden, schrieb Binz vor einigen Monaten an den Unternehmer Ulrich Bettermann. Auch Hans Riegel sei „mit sich im Reinen“ gewesen. Für Bettermann, geschäftsführender Gesellschafter eines Familienkonzerns für Gebäudetechnik und Mitbegründer des Weltwirtschaftsforums in Davos, ist das eine falsche Behauptung: „Mein verstorbener Jagdfreund Hans Riegel hat sich viele Jahre über Sie ärgern müssen“, schrieb er an Binz. Zugleich drohte er damit, in Davos vor dem Anwalt zu warnen.

Auch ein Haribo-Insider sagte gegenüber Capital, Binz habe den Familienkonflikt bei den Riegels erst richtig befeuert: „Er hat alle Tabus gebrochen. Das ging sehr ins Persönliche.“ Nach Angaben des Firmenkenners sei es am Ende auch nicht Binz gewesen, der die Einigung erreicht habe, sondern ein Partner aus seiner Kanzlei. 

Capital hat Binz schriftlich um Stellungnahme zu diesen Vorwürfen sowie zu seinen Methoden und seinem Geschäftsmodell gebeten. Doch Binz antwortete nicht auf die Fragen. Stattdessen schaltete er vergangene Woche einen Medienanwalt ein. Wenige Tage später sickerte durch, dass es bei Tönnies hinter den Kulissen wieder Einigungsgespräche zwischen den Parteien gibt.

[Seitenwechsel]

Strategien für "lästige Gesellschafter"

Mit welchen Mitteln er arbeitet, hat Binz selbst im Herbst 2011 in einem Aufsatz im „Unternehmermagazin“ erläutert. Der Beitrag mit dem Titel „Lästige Gesellschafter in Familienunternehmen: Opfer und Täter“ wirkt wie eine Art Drehbuch für das Vorgehen schwächerer Gesellschafter in Familienkonflikten.

Als Instrumente „lästiger Gesellschafter“, mit denen der Nerv der Gegenseite getroffen und Unruhe ins Unternehmen gebracht werden könne, listet der Honorarprofessor auf: exzessive Nutzung von Kontroll- und Auskunftsrechten, Anfechtung von Abschlussprüfern und Steuerberatern des Unternehmens, Blockade wichtiger Entscheidungen wie der Bilanzfeststellung, Indiskretionen über Streit im Gesellschafterkreis, anonyme Anzeigen wegen schwarzer Kassen oder geheimer Liechtensteiner Stiftungen. Bei Tönnies nutzte Binz fast alle Mittel.

Dabei ist es die Ausnahme, dass Binz mit seinen Mandanten vor Gericht zieht. Meist knicken seine Gegner vorher ein, weil sie den Ärger, die Kosten und vor allem die Aufmerksamkeit eines Prozesses scheuen. Viele Streitfälle in Familienfirmen, bei denen der Anwalt mitmischt, werden deshalb gar nicht erst bekannt – es sei denn, Binz sorgt selbst dafür, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, um die Gegenseite unter Druck zu setzen.

Robert Tönnies © Christian Protte
Seit drei Jahren kämpft Robert Tönnies gegen seinen Onkel um die Macht im Konzern

So war es etwa im Fall der Düsseldorfer Heitkamp & Thumann Group, einem Firmenverbund aus der Kunststoff- und Metallverarbeitung mit knapp 400 Mio. Euro Umsatz. Im Jahr 2011 gerieten die Eigentümer Engelbert Heitkamp und sein Cousin Jürgen Thumann aneinander. Heitkamp warf dem früheren BDI-Präsidenten Thumann vor, das gemeinsame Unternehmen nach Gutsherrnart zu seinem Vorteil zu führen. Er engagierte Binz, die Fronten verhärteten sich. Später einigten sich die zerstrittenen Clans – allerdings ohne den Anwalt.

Mitte Mai 2014 flatterte Binz’ Abrechnung auf Heitkamps Schreibtisch. Darin führte der Anwalt seine Leistungen auf: Er habe es geschafft, „einen Keil“ durch die Gegenseite zu treiben, Drohszenarien aufgebaut und „erfolgreich die Karte ‚Manager Magazin‘ gespielt“. Weiter schrieb Binz: „Es ist uns gelungen, frühzeitig ein ‚Sündenregister‘ zu entwickeln und dieses wie ein Damoklesschwert über den Köpfen von Herrn Thumann und seiner Mitstreiter baumeln zu lassen.“ Bis „in die jüngste Vergangenheit“ habe er in den Verhandlungen mit den Gegnern immer wieder damit „gewinkt“, das Verhalten auf der anderen Seite auch strafrechtlich durch die zuständigen Behörden prüfen zu lassen.

Dann kam Binz zu seiner Honorarforderung. Er erinnerte Heitkamp daran, dass sie bei Mandatserteilung eine Kombination aus Zeithonorar und Erfolgsbonus vereinbart hätten – und rechnete vor: „Wir gehen nach Abwägung aller Aspekte davon aus, einen Bonus in der Größenordnung von 2 Mio. Euro ‚verdient‘ zu haben.“ Er und seine drei beteiligten Partner hätten „auf der Grundlage unseres Drohpotenzials“ für den Mandanten Positionen durchgesetzt, die ihm „auch nicht von Rechts wegen zugesprochen hätten werden können“.

Im Fall Tönnies wird es ähnlich laufen. Selbst wenn sich Clemens und sein Neffe Robert am Ende doch noch zusammenraufen sollten, sind viele Millionen verloren. Einige davon werden auf dem Konto von Mark Binz landen.

Capital 06/2015

Lesen Sie die ganze Geschichte über die Rolle des Anwalts Mark Binz in der Schlacht im Fleischkonzern Tönnies und bei anderen großen Familienunternehmen in der aktuellen Capital.

Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


Artikel zum Thema
Autor
  • Exklusiv
Merkwürdige Geschäfte bei KTG Agrar

Nach Capital-Recherchen haben Angehörige und Wegbegleiter von Ex-KTG-Chef Hofreiter jahrelang von Aufträgen des Konzerns profitiertMEHR

  • Exklusiv
KTG: 60 Mio. Euro aus Managerversicherung?

Die Anleihegläubiger der KTG Agrar dürfen hoffen. 60 Mio. Euro könnten in die Kassen der Firma gespült werdenMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.