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Strassenökonom – der Strassenmaler

, Protokoll: Leo Klimm

Theorien sind kompliziert. Wirtschaft kann einfach sein. Michel Huyghe, Straßenmaler in Paris, über Standortpflege

Straßenmaler Michel Huyghe
Michel Huyghe, 63, malt und verkauft seit 38 Jahren Bilder auf der Place du Tertre in Paris. Wie seine 350 Konkurrenten lebt er von Touristen, die auf dem Montmartre-Hügel den Spuren von Picasso und van Gogh folgen.

„Die Place du Tertre auf dem Montmartre ist kaum 700 Quadratmeter groß, aber fürs Geschäft macht es einen großen Unterschied, wo genau man die Staffelei aufstellt. Mein Stammplatz in der Nordwestecke ist begehrt: Wenn Touristen von der Basilika Sacré-Coeur heranschlendern, fallen ihnen meine Bilder als erste ins Auge. Ich male viele Eiffeltürme.

Wer wo stehen darf, wird von der Stadt Paris jährlich metergenau festgelegt. Der Wettbewerb findet bei der Konzessionsvergabe statt. Und die besten Plätze bekommen die Dienstältesten – wie ich. Es ist ein bisschen eine Herrschaft der Alten.

Cover der neuen Capital
Die neue Capital, jetzt im Handel

Als ich mit 25 Jahren aus der Bretagne nach Paris kam, war es viel anarchischer. Wir malten ohne Konzession. Ab und zu mussten wir mit der Polizei aufs Revier – zusammen mit den Huren, die hier damals anschafften. Zwei Stunden später ließen sie uns wieder laufen. Auch heute versuchen es Neuankömmlinge auf gut Glück, ohne Genehmigung. Wir tolerieren das, solange es keinen Streit gibt. Sonst ist der Neue schlecht dran: Dann zahlt er 1500 Euro Strafe, und sein Material wird beschlagnahmt.

Pro Jahr werden 350 Konzessionen erteilt. Wenn Plätze frei werden, weil Kollegen sterben oder aufgeben, rücken neue von einer Warteliste nach. Um auf die Liste zu kommen, muss man einer Jury aus Kunstprofessoren sein Können beweisen.

Die Standordnung hindert uns nicht, Plätze zu tauschen. Wichtig ist, die richtigen Nachbarn zu haben: Ihr Malstil sollte sich mit dem eigenen ergänzen, aber nicht gleich sein. Von Selbstinszenierern, die mit Baskenmütze vor der Staffelei sitzen und eine Show abziehen, halte ich mich fern. Meine schärfsten Wettbewerber sind Boutiquen in den Seitenstraßen, die aus China importierte Billigdrucke verkaufen.

Standortmarketing haben wir nicht nötig – Standortpflege aber schon: Wir Künstler sorgen oft selbst dafür, die vielen Taschendiebe zu vertreiben.“

Maler-Ticker

Zehn bis zwölf Millionen Menschen besuchen die Place du Tertre pro Jahr. +++ Dort teilen sich je zwei Maler einen Standplatz. +++ Der ist gerade mal zwei Quadratmeter groß. +++ An guten Tagen erlöst ein Künstler 300 Euro. +++ An weniger guten null. +++ Früher ging es in der Gegend sehr oh, là, là zu. +++ Rotlichtviertel! +++ Die dort verkaufte Kunst ist heute aber oft nur so lala.

Der Straßenökonom erscheint jeden Monat in der Capital. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe der neuen Capital herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


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