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Strassenökonom – der Schornsteinfeger

, Capital-Redaktion

Theorien sind kompliziert. Wirtschaft kann einfach sein. Kay Krüger, Schornsteinfegermeister aus Berlin, spricht über Wettbewerb.

Radmechaniker Norbert Winkelmann © Katharina Bohm
Kay Krüger, 40, arbeitet seit 24 Jahren als Schornsteinfeger in Berlin. Nebenbei baut er Möbel und richtet Läden ein. Außerdem hat er einen Hang zum Abenteuer. So fuhr er schon mit dem Skateboard um die Welt und arbeitete bei der Formel 1.

Morgens gegen 7.30 Uhr starte ich, vor sieben sollen wir nicht auf die Dächer, das macht zu viel Lärm und stört die Leute. Am liebsten bin ich allein da oben, ich genieße dann den Sonnenaufgang und die Stille. Seit vier Generationen arbeitet unsere Familie als Schornsteinfeger in Berlin. Mein Vater läuft noch barfuß in Lederpantoffeln rum, auch im Winter. Früher ist er damit die großen Schornsteine hoch- und runtergeklettert, um sie zu kehren. Aber die sind ja fast alle außer Betrieb, überhaupt hat sich unser Beruf sehr verändert.

Cover der neuen Capital
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Im Osten gab es vor der Wende fast nur Kohleöfen, viel Arbeit für uns. Jetzt heizen die Leute mit Gas, Öl oder auch Hightech wie Erdwärme oder Luft. Da gibt’s kaum etwas zu fegen. Da prüfe ich, ob die Emissionswerte in Ordnung sind. Ich bin jetzt auch Thermograf, Fachwirt für Solartechnik und Gebäudeenergieberater.

Anfang 2013 haben sie das Kehrmonopol gekippt. Das sollte Wettbewerb bringen. Gebracht hat es Papierkram, die Leute werden uns ja nicht los. Sie können sich jetzt zwar fürs Fegen und Messen einen anderen Betrieb suchen. Doch am Ende muss der bevollmächtigte Schornsteinfegermeister alle dreieinhalb Jahre prüfen, ob diese Arbeiten in Ordnung waren. Den Leuten ist das falsch verkauft worden.

In Berlin gibt es genau einen freien Schornsteinfeger, der läuft herum und bietet alle Arbeiten 20 Prozent billiger an. Der hat jetzt mehrere Klagen am Hals. Die meisten Leute wollen gar nicht wechseln. Wir sind zwar nicht mehr „Gott in Schwarz“, gelten aber immer noch als Glücksbringer – bis zu 20 Leute wollen mich darum pro Tag mal anfassen. Unseren Arbeitsanzug waschen wir übrigens nie, ein stonewashed Schorn­steinfeger sieht einfach doof aus. Wir bürsten den Ruß nur raus, alle paar Jahre braucht man sowieso einen neuen Anzug.

Schornsteinfeger-Ticker

Haus- und Stadtbrände im späten Mittelalter führten zur ersten Feuerverordnung. +++ 1578 schrieb die Stadt Breslau das regelmäßige Kehren von Schornsteinen vor. +++ Preußens König Friedrich Wilhelm I. errichtete 1727 erste Kehrbezirke. +++ Deutschland hat heute 7 810 Kehrbezirke und 20 000 Schornsteinfeger. +++ Wer in Berlin als Schornsteinfeger einen eigenen Bezirk will, wartet jahrelang. +++ Die typische Stahlkugel eines Schornsteinfegers wiegt 1,5 Kilo. +++ Manche auch 15 Kilo.

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