• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Köpfe

Spinnt dieser Romer?

, Thomas Jahn

Wirtschaftsprofessor Paul Romer wird neuer Chefvolkswirt der Weltbank. Eine seiner Ideen ist äußerst ungewöhnlich. Capital hat sie vor einiger Zeit einmal vorgestellt.

Paul Romer © Getty Images
Paul Romer

Die Idee entstand durch die Putzfrau. Vor über 20 Jahren lehrte der Wirtschaftsprofessor Paul Romer an der University of Chicago, seine damalige Ehefrau arbeitete als Chirurgin. Weil da mit zwei Kindern nicht viel Zeit blieb, stellte er eine hispanische Haushaltshilfe ein, die in einem der Sozialbauten der Stadt lebte.

Wenn Romer den Lohn auszahlte, versteckte die Frau das Geld stets in den Socken, denn sie fürchtete, auf dem Heimweg ausgeraubt zu werden. Eine Schande, dachte der Professor. Wie kann man die Sicherheit der Mutter von zwei Kindern verbessern? Und überhaupt:

Wie hilft man weltweit den Milliarden Menschen, die trotz Arbeit am Existenzminimum leben?

Der Wirtschaftstheoretiker Romer grübelte über die Einführung und Einhaltung von Regeln. Keine leichte Sache, selbst in Chicago, das für Korruption und Mafia bekannt ist. Viel einfacher wäre es, in einer neuen Stadt für Gesetz und Ordnung zu sorgen. Die Putzfrau könnte dorthin auswandern, um sich eine bessere Zukunft aufzubauen.

Am besten pflanzt man die neue Metropole gleich in ihr Heimatland, um Immigrationswege zu verkürzen. Und führt amerikanisches oder europäisches Recht ein. Müsste das nicht, wie in der einstigen Kronkolonie Hongkong, zu überdurchschnittlichem Wachstum führen? Romers Idee war geboren: Charter Cities.

Es ist eine bahnbrechende Idee. So radikal, dass man sie mit einem Achselzucken abtun könnte - wenn sie nicht von einem Ökonomen käme, der mit seinen Arbeiten über Wachstum und Technologien als ein Kandidat für den Wirtschaftsnobelpreis gilt.

Romer glaubt inzwischen so sehr an das Konzept, dass er 2008 seine Professur an der Stanford University in Kalifornien aufgab und die gemeinnützige Stiftung Charter Cities gründete. Seitdem reist er um den Globus, um Regierungen von der Idee zu überzeugen. "Ich möchte die Welt verbessern", sagt Romer, der in den nächsten Wochen nach China, Jamaika und Bangladesch jettet. "Der Unterschied zwischen revolutionär und verrückt ist nicht groß", sagt William Easterly, renommierter Entwicklungsökonom an der New York University.

Zweifel über Zweifel

"Romer balanciert mit seiner Idee genau auf dieser Grenzlinie." Kritik hagelt es nur so. Charter Cities seien eine versteckte Form des Neokolonialismus und undurchführbar, heißt es.

Gescheiterte Anläufe wie in Südafrika oder Mauritius zeigten, dass Sonderzonen keine Selbstläufer sind.

Auch sei keineswegs klar, ob zum Beispiel Hongkongs Erfolg wirklich auf der Einführung des britischen Rechts beruhe - oder vielmehr geografischen und kulturellen Besonderheiten zu verdanken sei.

"Eine Charter City käme dem Eingeständnis der Regierung in einem Entwicklungsland gleich, versagt zu haben", sagt Ranil Dissanayake, der für die Uno die Regierungen von Sansibar und Malawi in Entwicklungsfragen berät. Gulzar Natarajan, der für die indische Regierung im Bundesstaat Andhra Pradesh arbeitet, fürchtet, dass "ausländische Verwaltungsbeamte sich überproportional Profite in die Tasche stecken könnten".

Aber Romer mag es gern diffizil. Er studierte Astrophysik, um "wirklich schwierige Probleme" zu lösen. Und um seine Familie zu schockieren, die von ihm eine Karriere in der Politik erwartete.

Sein Vater war zwölf Jahre lang Gouverneur des US-Bundesstaats Colorado und in den 90er-Jahren Chairman des Democratic National Committee, des obersten Parteiorgans der Demokratischen Partei.

"In der Familie redeten wir ständig über Politik", erinnert sich Romer, der trotz gleichen Namens keine familiäre Verbindung zu Christina Romer hat, der Chefökonomin von Präsident Obama.

Nach Physik studierte Romer Wirtschaft, in Chicago. Seine "Neue Wachstumstheorie" rückte Innovationsprozesse in den Blickpunkt. 1997 wählte ihn das Magazin "Time" zu einem der 25 einflussreichsten Menschen der USA. "Durch Romer stieg das Interesse an Wachstumstheorie schlagartig", sagt Robert Solow, der Altmeister dieses Forschungszweigs, der 1987 den Nobelpreis erhielt.

Romer ist kein vergeistigter Theoretiker, den die Praxis schnell entzaubert. Im Jahr 2000 gründete er die erfolgreiche Lernsoftwarefirma Aplia, die er 2007 weiterverkaufte. Mit diesem Geld finanziert er nun das Projekt "Charter Cities".

Den Begriff lieh sich Romer von der Charta des US-Staats Pennsylvania. Dessen Gründungsvater William Penn versprach 1682 Religions- und Handelsfreiheit, was fähige Einwanderer aus Europa anzog und Nachbarstaaten wie Massachusetts unter Druck setzte, ähnliche Garantien zu geben.

Solch einen Gründungsvertrag will Romer nun auch für seine Stadt vom Reißbrett abschließen. Zwei oder mehrere Länder, so sein Plan, vereinbaren erst die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, dann wird auf der grünen Wiese gebaut. Der erhoffte Effekt: Unternehmen aus der ganzen Welt investieren, weil sie langfristig auf Rechtssicherheit zählen können. Gleichzeitig wandern Menschen ein, die Arbeit suchen und sich einen materiellen Aufstieg erhoffen.

Als ideale Siedlungsgebiete hat Romer Kenia ausgemacht sowie Guantánamo auf Kuba, das bislang wegen des US-Gefangenenlagers berüchtigt ist. Die Verwaltungsrechte an der karibischen Sonderzone könnten an Brasilien oder Kanada übertragen werden.

Im Prinzip ist das Projekt aber in jedem Entwicklungsland durchführbar.

[Seitenwechsel]

Romers großes Vorbild heißt Hongkong.

Dort habe Großbritannien als Garantiemacht gedient, während China die Stadt irgendwann als Spielwiese für das Ausprobieren von Marktwirtschaft entdeckt habe und in der Nähe die Sonderwirtschaftszone Shenzhen aufbaute.

Hongkong kam natürlich nicht freiwillig ins britische Empire. Romer wird von Kritikern deshalb als Neokolonialist beschimpft, obwohl sein Konzept auf Freiwilligkeit beruht. Niemand werde gezwungen, in der neuen Stadt zu leben. "Man kann Romer vieles vorwerfen, aber Kolonialismus nicht", sagt der Uno-Berater Dissanayake.

Romer selbst sagt, dass er mit seiner Idee in Afrika und Lateinamerika auf großes Interesse stoße, in den Industrieländern indes auf Granit beiße:

"Man hält sich da sehr zurück." In den USA sei die Philosophie verwurzelt, man "schickt Truppen in ein Land, schmeißt die miesen Typen raus und zieht sich wieder zurück", klagt Romer. Deutschland hingegen ist aus seiner Sicht der ideale Vertragspartner:

"Es schleppt deutlich weniger koloniales Gepäck mit sich herum als andere europäische Staaten." Entwicklungsländer seien von der Idee fasziniert:

"Millionen Menschen würden sich darum reißen, in einem zweiten München in Afrika leben zu können." Magatte Wade, eine Unternehmerin aus dem Senegal, die mit afrikanisch angehauchten Getränken und Kosmetika in den USA Millionen umsetzt, hält Romers Idee keineswegs für Spinnerei: "Wirtschaftlich würde das bei uns einschlagen wie eine Bombe." Wades Wort hat durchaus Gewicht.

Sie ist politisch einflussreich, arbeitet etwa gemeinsam mit der senegalesischen Präsidentengattin in einer Stiftung für Gesundheits- und Bildungsfragen.

Im Detail ist sie von Romers Konzept aber noch nicht überzeugt:

Nur das Wirtschaftsrecht dürfe aus dem Ausland stammen, Straf- und Familienrecht müssten aus dem Gastland übernommen werden.

Das Start-up-Konzept

Begriffe wie "Kulturgemeinschaft" spielen für den Ökonomen allerdings eine untergeordnete Rolle. Als Beleg für die Durchschlagskraft von Regeln nennt Romer Nord- und Südkorea, die wie durch "ein kontrolliertes Experiment" gegangen seien: "zweimal dieselbe Kultur, zwei völlig verschiedene Entwicklungen".

Demokratisch soll es in den Reißbrettmetropolen nicht zugehen. Die Bewohner dürfen anfangs nur mit den Füßen abstimmen. Und die Lokalpolitiker vor Ort sollen einen ähnlichen Spielraum erhalten, wie etwa Notenbanker ihn genießen. Fed-Chef Ben Bernanke habe ja in der Krise auch ganz neue Wege beschritten, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen, argumentiert Romer. Allerdings kann Bernanke nicht nach Belieben regieren und entscheiden. Er muss sich gegenüber dem Parlament rechtfertigen, die Parlamentarier können seine Befugnisse beschneiden.

Hat die Idee der Charter Cities jemals eine Chance, Realität zu werden?

Der Visionär vergleicht das Projekt mit seinem früheren Startup Aplia: große Widerstände, geringe Erfolgsaussicht, enorme Gewinnchance. "Stellen Sie sich einen Gelehrten im 16. Jahrhundert vor, der einen Wechsel zur Demokratie fordert", sagt Romer. "Jeder hätte gesagt: Unmöglich."

Der Text ist zuerst in Capital 12/2009 erschienen.


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.