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Asbecks Neustart

, Claus Hecking und Thomas Steinmann

Mehr als drei Monate nach der Pleite seines Solarkonzerns Solarworld meldet sich Frank Asbeck zurück in der Öffentlichkeit - und klingt dabei fast wie früher. Porträt eines Unkaputtbaren

Frank Asbeck © Albrecht Fuchs
Frank Asbeck

Drei Monate und sechs Tage nach seiner größten Niederlage sitzt Frank Asbeck in einem Berliner Luxushotel und redet wieder über die Zukunft. Der Gründer und langjährige Chef des Solarmodulherstellers Solarworld, der sein Unternehmen Anfang Mai in die Insolvenz führte, wirkt fast wie früher: Trachtenjacke, gegelte silberne Haare, mit vielen Superlativen, wenn er spricht. Neben ihm sitzt der Botschafter von Katar in Deutschland, ein Platz weiter der CEO der Qatar Solar Technologies (QSTec), die einer staatlichen Stiftung des Golfemirats gehört – Asbecks Retter, ohne die er jetzt nicht hier wäre.

Gemeinsam sind der einstige Star der Erneuerbaren-Branche und die Katarer vor drei Monaten mit Solarworld in die Pleite gegangen: Asbeck als Vorstandschef, QSTec als Großaktionär. Anfang August haben sie sich nun dazu entschieden, den Kern des früheren Unternehmens aus der Insolvenz herauszukaufen, vor allem die beiden Produktionsstandorte im sächsischen Freiberg und Arnstadt in Thüringen. Asbeck selbst hält 51 Prozent an der neuen Solarworld Industries GmbH, QSTec 49 Prozent. Knapp 100 Mio. Euro soll das Gesamtvolumen der Transaktion betragen. Nur die Aktionäre gehen leer aus.

Als Erstes sprechen die beiden Katarer, die erklären, warum sie trotz der Pleite an Asbeck und seine Solarmodulen glauben. Als Asbeck dran ist, schimpft er erst auf die Chinesen und ihr Preisdumping, die mit ihren subventionierten Modulen den Markt in Europa überschwemmt hätten und ganze Industrien zerstörten. Es ist sein altes Thema. Dann kommt er auf die Zukunft der neuen Solarworld, des „letzten und größten PV-Herstellers in Europa“, der nun „zum Glück wie Phönix aus der Asche“ zurückkomme. Die Asche - das ist in diesem Fall der Rest, der von seinem Unternehmen übrig geblieben ist.

Asbeck reiht jetzt Zahlen aneinander, die zeigen sollen, dass er immer noch Großes vor hat – auch nachdem er einmal gescheitert ist. Die Solarpanel-Produktion des neuen Unternehmens will er „schnell“ von 400 Megawatt auf 1 Gigawatt hochfahren – das Niveau der beiden deutschen Standorte von vor der Insolvenz. Die Siliziumfabrik seiner Co-Investoren in Katar, die den Rohstoff für die Module liefern wird und laut Asbeck ein „Masterpiece“ für die weitere Entwicklung der Solarbranche am Golf sein soll, werde ihren Ausstoß von 8000 Tonnen Polysilizium auf 50000 Tonnen steigern. Das reiche, um Module mit einer Kapazität von 10 Gigawatt zu produzieren, sagt Asbeck.

Und die neuen Solarpanels mit der sogenannten PERC-Technologie, auf die sich das neue Unternehmen konzentriert, erreichten einen Effizienzgrad von 22 Prozent – viel mehr als andere Module, vor allem die billigen der Chinesen. Man habe, sagt Asbeck mit leisem Triumph in der Stimme, „wieder den Weltmeister der Effizienz kreiert“. Nicht nur bei der Technologie, sondern auch in der Fertigung, wo er die Kosten drastisch runterbringen will – natürlich, ohne Abstriche bei der „Produktionsexzellenz“ zu machen.

Wenn man ihn so hört, klingt Asbeck schon fast wieder wie früher, als er mit seinen derben Sprüchen der Lautsprecher der Branche war. Ganz anders als Anfang Mai, als Capital ihn in seinem Büro in der Bonner Unternehmenszentrale zum Interview traf – nur neun Tage, bevor Asbeck für die alte Solarworld Insolvenz anmelden musste.

Lesen Sie nachfolgend das Asbeck-Porträt aus unserem Juni-Heft:

Frank Asbeck umgibt sich im Büro gerne mit Tieren: mit toten wie lebendigen. An der Wand hinter seinem Schreibtisch hat der Gründer und langjährige Chef des Bonner Konzerns Solarworld eine Installation aus 96 ausgestopften Füchsen angebracht. Sobald man sie einschaltet, leuchtet es aus 192 Fuchsaugen rot, grün, blau und gelb.

Ein paar Meter weiter hängt ein Bild der Elysia asbecki: einer australischen Meeresnacktschnecke, die von Sonnenenergie lebt. Getauft nach dem Sponsor, der ihre Entdecker unterstützt hat. In der Mitte des Raumes räkelt sich Duke, der Labrador-Retriever, der Asbeck auf der Jagd die abgeschossenen Enten apportiert. Und neben dem Bronzelöwen auf dem Besprechungstisch liegt ein Bildband mit Tierstillleben. Titel: „Von Schönheit und Tod“. Er passt präzise zu der Situation bei Solarworld: Am 11. Mai hat Deutschlands letzter großer Solarhersteller Insolvenz angemeldet.

Damit endet eine der märchenhaftesten Unternehmerkarrieren des Landes – zumindest sehr wahrscheinlich. Jahrelang war Asbeck der große Zampano der Ökostrombranche – ein schillernder Typ mit Trachtenjacke und Seidenschal, der weder Spleens noch Statussymbole versteckte: Luxusautos, Schlösser, Jagdtrophäen. Jetzt ist er gescheitert. An der Billigkonkurrenz der Chinesen, sagt Asbeck. Weil er viel zu lange stur an einem nicht überlebensfähigen Geschäftsmodell festgehalten habe, sagen seine Kritiker.

„Alle schauen auf die Uhr“

Neun Tage vor seiner Kapitulation empfängt Frank Asbeck noch mal zum großen Interview. Es ist ein trüber Tag, rund um das Solarworld-Hauptquartier nieselt es, als Capital zu Besuch kommt. „Sun at Work!“ behaupten sonnengelbe Schilder in der Grünanlage neben dem alten Bonner Wasserwerk, das Asbeck zur Konzernzentrale umgestalten ließ. Im Gebäude ist es still. Die Großraumbüros sind fast leer, nur eine Handvoll Menschen ist zu sehen. Aber Asbeck selbst ist da, in seinem Büro mit Panoramablick über den Rhein.

Für seine Verhältnisse sieht der 57-Jährige fast schon mager aus. In den Wochen vor dem Treffen hat er ordentlich abgenommen: von 145 auf 125 Kilo. Asbeck wollte nicht nur sein Unternehmen gesund schrumpfen, sondern auch sich selbst. „Ich habe Ballast abgeworfen“, sagt er zur Begrüßung. Aber sein Abmagern laufe gesünder ab als der Kursverfall der Solarworld-Aktie: „Wenn ich mich parallel zur Marktkapitalisierung entwickeln würde, dann hätte ich heute ungefähr 600 Gramm.“ Der Gag sitzt, Gelächter. Asbecks Augen leuchten, und für einen Moment ist alles wie früher.

SolarWorld Aktie

SolarWorld Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Früher nannten sie ihn „Sonnenkönig“: in den fetten Jahren, als Deutschlands Solarfirmen Hunderte Millionen scheffelten und Milliarden wert waren. Dann drehte sich der Markt, der gebürtige Hagener war plötzlich der letzte Überlebende einer Branche, die einst für die Zukunft der deutschen Industrie stand. Alle anderen deutschen Modulhersteller waren schon ausgelöscht. Nur Solarworld überstand die Pleitewelle – trotz jahrelanger Verluste.

Aber nun ist auch Asbecks Imperium am Ende. 2016 türmte sich der Verlust auf fast 100 Mio. Euro. Das Eigenkapital und die Kassenbestände schmolzen dahin, im Gleichschritt mit dem heftigen Preisverfall auf den Weltmärkten. Bis zuletzt produzierte Solarworld hauptsächlich in Freiberg bei Dresden und im thüringischen Arnstadt. Doch der Standort Deutschland ist seit langem zu teuer für die Massenherstellung von Solarmodulen.

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"Es macht mir noch immer enormen Spaß"

Die Sonne sollte für Solarworld arbeiten – auch im Garten der Konzernzentrale © Albrecht Fuchs
Die Sonne sollte für Solarworld arbeiten – auch im Garten der Konzernzentrale

Für viele Außenstehende war es offensichtlich, nur Asbeck wollte das nicht akzeptieren. So stürzte den Konzern wahrscheinlich in den Niedergang, was ihn einst auch groß gemacht hat: Asbecks Eifer und Asbecks Sturheit. Noch in der Nacht nach der Entscheidung, aufzugeben und die Insolvenz zu beantragen, meldet sich der Konzernchef am Telefon: Die Zuspitzung sei beim ersten Treffen Anfang Mai einfach nicht absehbar gewesen, sagt er, „da dachten wir, dass wir es schaffen können“.

Branchenvertreter hatten dagegen schon Wochen zuvor berichtet: „Alle schauen auf die Uhr und warten darauf, dass es vorbei ist.“

Asbeck hauen solche Sätze nicht um. Dafür hat er zu viel erlebt. „Man muss manchmal masochistisch veranlagt sein in dieser Branche“, sagt er beim ersten Gespräch in Bonn. „Die ersten zehn Jahre meines Daseins als Solarworld-Chef waren die schöneren. Aber glauben Sie es mir oder nicht: Es macht mir noch immer enormen Spaß.“

Doch schon da sieht er nicht so aus, als hätte er wirklich noch Freude am Job. Asbeck rutscht so tief in seinen Ledersessel, dass er fast darin liegt. Dunkle Ringe unter seinen Augen, die vergangenen Monate waren anstrengend. Asbeck ist ernster als früher. Bei manchen Fragen zögert er, ringt um die Antwort. Sprüche klopft er kaum noch.

Es wäre auch nicht angemessen: Einige Wochen zuvor hat Asbeck angekündigt, Hunderte Arbeitsplätze abzubauen. Die Aktie ist nicht einmal mehr ein Hundertstel so viel wert wie in den glorreichen Zeiten, als Solarworld kurz vor der Aufnahme in den Dax stand. Und dann ist da noch ein Gerichtsprozess, der dem Konzern den Garaus zu machen droht. Ein Zulieferer hat Solarworld auf fast 800 Mio. Dollar verklagt.

Die Erinnerungen an die glänzenden Jahre sind neben dem Solarworld-Hauptquartier in einem separaten Gebäude ausgestellt. „Museum“ nennen sie es im Betrieb. Wenn man zur Tür hereinkommt, hängt rechts unter der Decke Asbecks erstes Firmenschild. Darauf steht groß „Solarworld“, darunter etwas kleiner „Dipl.-Ing. Frank H. Asbeck“.

Liebling der Politik

Mit Sonnenenergie hat Asbeck bis Mitte der Neunziger gar nichts zu tun. Er führt ein Ingenieurbüro in einem Bonner Hinterhof, das alte Industrieanlagen demontiert und in Entwicklungsländer verkauft. Aber 1994 entdeckt er eine Geldquelle: ein Förderprogramm der Stadt Bonn für Häuslebauer, die sich ein, zwei Solarmodule aufs Dach schrauben wollen. Eine Höchstgrenze gibt es nicht. Also pflastert der findige Unternehmer das Dach einer Industriehalle mit 4000 Platten zu. Plötzlich steht in Bonn fast ein Zehntel der weltweiten Jahresproduktion. Und Asbeck konzentriert sich auf das grüne Geschäft. 1998 gründet er Solarworld.

Im Museum sind die Meilensteine der Firma zu bewundern: ein Foto von Asbeck als junger Unternehmer im schwarzen Anzug. Das Solarworld-Logo aus den Anfangsjahren, wie ein Smartie mit Armen und Beinen sieht es aus. Eine Aktie des Börsengangs 1999, als die Firma noch keine 20 Mann hat und trotzdem 13 Mio. D-Mark erlöst.

Asbecks Timing ist perfekt. Kurz nachdem er im Jahr 2000 Bayer die scheinbar perspektivlose Solarsparte abgekauft hat, führt die rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz ein. Es garantiert für Solarstrom bis zu 99 Pfennig je Kilowattstunde – das Vielfache des Marktpreises. Das Förderdoping macht die verregnete Bundesrepublik zum Mekka der Sonnenenergie; zeitweise landet jedes zweite weltweit produzierte Modul auf deutschen Dächern oder Äckern. Klitschen verwandeln sich in Konzerne. Und Asbeck ist der Star.

Der Solarworld-Chef weiß, wie er sich ins Gespräch bringt: Mal schenkt er dem Papst eine Solaranlage, mal macht er General Motors ein Übernahmeangebot für Opel. Er braust ökologisch unkorrekt im Maserati oder Rolls-Royce durch das Rheinland, spendiert dem 1. FC Köln 1 Mio. Euro, um Lukas Podolski zurückzukaufen – und engagiert „Poldi“ gleich als Werbeträger.

Asbeck scheint in dieser Zeit alles zu glücken, was er anfasst. Er kauft für kleines Geld den Konzernen Shell und Komatsu die Reste ihres Fotovoltaikgeschäfts ab. Und er ist mit der Politik viel besser verdrahtet als alle seine Wettbewerber. Zur Zeit von CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf beschafft sich das Gründungsmitglied der Grünen mehr als 45 Mio. Euro Subventionen für sein Werk im sächsischen Freiberg. Einmal springt das Schwergewicht zusammen mit Sigmar Gabriel auf einem seiner Module herum, um zu zeigen, wie robust es ist. Die Nähe zur Politik zahlt sich aus: Berlin senkt die Förderung für Solarstrom von Dächern, Solarworlds Kernmarkt, zuerst langsamer als für Strom aus großen Solarfeldern.

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Bis zu 120 Stundenkilometer schnell wurde der Solarbolide Solarworld No. 1. Heute steht er als Museumsstück im Bonner Hauptquartier © Albrecht Fuchs
Bis zu 120 Stundenkilometer schnell wurde der Solarbolide Solarworld No. 1. Heute steht er als Museumsstück im Bonner Hauptquartier

2010 dreht der Markt. Angesichts der ausufernden Kosten fährt die Bundesregierung die Subvention drastisch herunter. Neue Hersteller aus China setzen mit günstigen Zellen den deutschen Pionieren zu. Die Preise verfallen. Firmen wie Q-Cells, Solon, Solar Millennium, Sovello und Odersun geben auf.

Asbeck kämpft weiter. Während Solarworld schon einmal die Überschuldung droht, verbündet er sich mit anderen westlichen Herstellern. Asbeck reicht bei der US-Regierung und der EU-Kommission Beschwerden gegen die chinesische Konkurrenz ein. Er behauptet, dass die Asiaten ihre Module zu Dumpingpreisen und mit fragwürdigen Staatshilfen in den Markt drücken, um die Konkurrenz aus Nordamerika und Europa plattzumachen.

Die Lobbyoffensive hat Erfolg. Washington beschließt Einfuhrzölle, Brüssel Mindestpreise für chinesische Solarprodukte. Dies verschafft Solarworld die Chance, seine vergleichsweise teuren Panels made in Germany im Markt unterzubringen. Und Sonnenkrieger Asbeck kann seinen Kapitalgebern eine Perspektive für den Krisenkonzern bieten.

Die Altanleger lassen sich auf einen Aktien- und Schuldenschnitt ein, bei dem sie Millionen verlieren. Als neuer Großaktionär steigt 2013 der arabische Investor Qatar Solar Technologies ein. Und der Chef gelobt, so lange auf Lohn und Gehalt zu verzichten, bis Solarworld wieder schwarze Zahlen schreibt.

Asbeck hätte nun das Momentum, das Geld und die Rückendeckung, den Konzern umzubauen. Ihn anzupassen an die neuen Zeiten mit weniger Förderung und schärferem internationalen Wettbewerb.

Aber das hat er bis zum Schluss nicht getan. „Selbst nach der Beinahe-Insolvenz hat Asbeck immer wieder abgelehnt, die geschäftliche Ausrichtung grundlegend zu ändern“, sagt Christian Strenger, Ex-Chef der Fondsgesellschaft DWS, der Solarworld seit Langem kritisch begleitet hat. „Er war wie ein Spieler im Casino, der immer wieder auf dieselbe Zahl setzt und sagt: ,Jetzt muss sie doch mal kommen.‘“ Zudem hat Asbeck sein Gehaltsgelübde gebrochen. 2015 genehmigte er sich 889.300 Euro, im Jahr darauf 662.500 Euro. Dazu kassierten er und ihm nahestehende Personen 2016 dem Geschäftsbericht zufolge vom Konzern 3 Mio. Euro an Mieten und Pachten.

Selbstkritik? Keine Spur

„Solarworld hat immer gehofft, dass sich die externen Faktoren so zum Positiven drehen, dass man sich selbst nicht verändern muss“, sagt der Analyst Arash Roshan Zamir von der Bank M.M. Warburg. Doch dieses Kalkül geht nicht auf. 2016 brechen die Modulpreise weltweit ein: um 20 bis 30 Prozent. Die Mindestpreisvorgaben der EU und die US-Zölle wirken nicht mehr. Chinesische Hersteller lassen außerhalb Chinas fertigen oder umgehen die Regeln auf andere Art, um ihre Überkapazitäten in den Markt zu drücken. Solarworld muss seine Ware weit unter Herstellungskosten verschleudern, um sie überhaupt loszuwerden.

Die gesamte Produktionsstruktur sei kaum noch konkurrenzfähig, kritisiert Analyst Roshan Zamir. Die Fabriken in Sachsen, Thüringen und den USA seien zu klein, die Herstellung sei zu teuer. Und das Konzept Asbecks, weite Teile der Wertschöpfung vom Rohstoff Silizium über Zellen bis zur schlüsselfertigen Solarstromanlage selbst zu stemmen, gehe nicht mehr auf. „Aber vom Management hörte man bis zum vergangenen Jahr fast nur positive Töne. Mir fehlt die Selbstkritik.“

Selbstkritik? Asbeck rollt im Gespräch mit den Augen. „Da Solarworld größter westlicher Hersteller ist und zu den wenigen Überlebenden in unserer Branche gehört, muss ich mit 51 Prozent meiner Entscheidungen auf der richtigen Seite stehen“, sagt er wenige Tage vor der Insolvenz. Seine Strategie sei weiter richtig. Aber die Anti-Dumping-Regeln würden von hoch subventionierten chinesischen Rivalen umgangen – „mit kriminellen Methoden“.

Als klar ist, dass Solarworld Insolvenz anmelden muss, schickt der Verband EU Pro Sun, der von einem Asbeck-Vertrauten geleitet wird, eine scharfe Stellungnahme herum. Überschrift: „Dumping fordert bisher größtes Opfer.“ Asbeck glaubt, dass die westliche Solarindustrie nur die erste Branche ist, die die Chinesen mit ihren Methoden überrollen. Viele weitere würden folgen.

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Ob er selbst denn gar keine Fehler gemacht habe? Er verschränkt die Arme, denkt nach. Dann sagt er: „Vielleicht hätten wir uns noch ein Jahr früher ausschließlich auf Hocheffizienz und die Perc-Technologie konzentrieren sollen.“

Perc, die Passivated Emitter Rear Cell, ist eine Solarzelle mit verspiegelter Rückseite, die das Licht innerhalb der Zelle reflektiert. So wird mehr Licht in Strom umgewandelt. Hightechkonzepte wie Perc sollten Solarworld aus der Existenzkrise bringen. Die Bonner wollten sich in die Nische retten, so sah es der 700-seitige Businessplan vor. „Er ist stimmig“, sagt Asbeck Anfang Mai, „und wir hoffen, dass er nicht durch Marktverwerfungen konterkariert wird.“ Lange erklärt er, warum die Preise nicht weiter sinken.

Doch schon kurz darauf durchkreuzen genau diese Marktverwerfungen das ganze Konzept. In den Tagen nach dem Treffen in Bonn bekommt der Vorstand die Verkaufszahlen für April. Sie sind so schlecht, dass klar wird, dass die Ziele für dieses Jahr nicht mehr erreichbar sind. Einige Großabnehmer hätten Aufträge zurückgezogen oder forderten niedrigere Preise, heißt es aus Asbecks Umfeld. Genau hiervor hatte der Solarworld-Vorstand schon in seinem jüngsten Geschäftsbericht gewarnt: „Der Preisdruck am Markt kann sich durch den Wettbewerb und die Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen in den Kernmärkten verschärfen. (…) Aufgrund des aktuellen Überangebots im Solarmarkt schätzen wir die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Risikos als hoch ein.“

Jetzt regiert der Insolvenzverwalter

Bis zuletzt hatte Asbeck noch auf die Katarer gehofft. Ende April gab es Gespräche, bei einer Aufsichtsratssitzung am Golf. Doch auch seine arabischen Partner wollten oder konnten ihn nicht noch mal retten. Sie haben ihr wichtigstes Projekt mit Solarworld schon so gut wie fertig: eine Fabrik für Polysilizium, den Stoff, aus dem Solarzellen gemacht werden. Der Probebetrieb läuft, brauchen sie da noch die Deutschen? Zudem sitzt das Geld am Golf nicht mehr so locker. Die Preise für flüssiges Erdgas, Katars Hauptexportgut, schwanken stark.

Wenige Stunden, nachdem die Nachricht von der Insolvenz bekannt wurde, meldet sich Frank Asbeck bei Capital. Er wirkt zerknirscht, aber gefasst. Auf die Frage, warum sich die Lage so plötzlich verändert hat, sagt er: „Erst in den Tagen nach unserem Gespräch hat sich gezeigt, dass die Preise weiter fallen und wir unsere Langfristprognose nicht einhalten konnten.“ Er spüre jetzt „eine große Verpflichtung, für meine Mitarbeiter und den Erhalt der Produktion zu kämpfen“.

Aber Asbeck hat bei Solarworld nicht mehr das Sagen. Jetzt regiert der Insolvenzverwalter. Mit den Gläubigern und möglichen Investoren handelt er aus, was übrig bleibt vom Sonnenreich – und was aus den Fabriken in Sachsen und Thüringen wird, wo die meisten der rund 3000 Beschäftigten arbeiten.

Asbeck selbst muss nicht fürchten, ins Bodenlose zu fallen. Er hat mehrmals Kasse gemacht, Aktien verkauft und damit Dutzende Millionen Euro verdient. Der Sonnenkönig ist zweifacher Schlossherr, darüber hinaus besitzt er eine schicke Villa in Bonn und Luxusimmobilien.

Aber was macht er nun mit seinem Leben? Er ist ja erst 57. „Ich weiß es nicht“, sagt er in der Nacht seiner größten Niederlage. Er wolle jetzt erst einmal ins Bett gehen. Aber einen letzten Spruch gönnt er sich dann doch noch. „Eins ist sicher: Morgen geht die Sonne wieder auf.“

Der Beitrag ist zuerst in Capital 06/2017 erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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