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Smartphone-Verlängerung fürs Handgelenk

, Georg Dahm

Wir alle brauchen ständig neue Technik. Wir alle führen ein zweites Leben im Netz. Georg Dahm lotst uns durch den digitalen Dschungel. Diesmal geht es um die Tücken von Smartwatches

MartianWatches © MartianWatches
Martian Passport sieht richtig nach Uhr aus

Ich kam mir die ganze Zeit so beobachtet vor, so abgehört – aber ich wusste nicht, warum. Wir saßen bei unserem Anwalt. Im Gespräch ging es um Verträge, Markenrechte, Lizenzverhandlungen. Um alles, was fies und teuer werden kann. Was mich daran wurmte, wurde mir spät klar, dafür umso plötzlicher: Ich hatte die ganze Zeit ein komplettes Überwachungssystem auf ihn gerichtet.

Allerdings nicht mit Absicht: Ich besitze seit Kurzem eine Smartwatch, also quasi eine Verlängerung des Smartphones fürs Handgelenk. Dass Samsung ins Armband seiner Galaxy Gear eine Kamera und ein Mikrofon eingebaut hat, die per Bluetooth mit dem Smartphone in meiner Tasche verbunden sind – kann man mal vergessen. Allerdings braucht man derzeit nicht viel Paranoia, um dann sofort die feindliche Übernahme der Infrastruktur zu befürchten.

Begrenzter Spielspaß

© Jindrich Novotny
Georg Dahm ist Technik- und Wissenschaftsjournalist

Wenn man sich aber den unheimlichen Teil wegdenkt, hat das Gerät seine Vorzüge: Solange kaum einer Smartwatches kennt, fällt auch kaum einem auf, wenn ich diskret Nachrichten, Terminerinnerungen und Anrufe sichte. Letztere könnte ich sogar über eine Freisprechanlage annehmen – und wer in den Achtzigern jung genug war, um Action­serien mit sprechenden Autos gut zu finden, kann sich hier nur schwer verkneifen, „KITT, ich brauch dich“ ins Handgelenk zu röcheln.

Womit der Spieltrieb aber auch schon seine Grenzen findet. Zwar kann die Gear mit diversen Funktionen erweitert werden, etwa mit einer Fernbedienung für die Sport­app Runkeeper. Aber die Handhabung ist nicht so ausgereift, wie der ausgezeichnete Touchscreen hoffen lässt. Und dass das Display nach wenigen Sekunden der Inaktivität schwarz wird, nervt kolossal, wenn man schnell gucken will, wie viele Minuten für den Sprint zum Bahnhof bleiben. Angeblich kann man das Display einschalten, indem man schnell den Arm hebt (Rechtsträger aufgepasst!) – mir ist das nicht gelungen.

Nun muss man Samsung zugutehalten, dass noch kein Hersteller eine überzeugende Smartwatch-Bedienung hervorgebracht hat: Apple hält sich trotz Patentanmeldungen bedeckt. Der Newcomer Pebble hadert mit den deutschen Importbestimmungen. Sony hat mit der zweiten Generation seiner Smartwatch zwar die Tobsuchtsfaktoren des Vorgängers ausgemerzt. Aber noch immer frage ich mich etwa, warum ich drei Mal auf verschiedene Stellen drücken muss, um die Sportapp aufzurufen, die gerade meinen Morgenlauf protokolliert. Das Smartphone ist schneller aus der Tasche gepult.

Da lobe ich mir die Smartwatches von Martian: Ein kleines OLED-Display duckt sich am Rand des Ziffernblatts, gerade groß genug für Anruferinfos und eine Schnellansicht eingehender Nachrichten. Und für „Knight Rider“-Freunde gib es auch eine Siri-taugliche Freisprechanlage. Die drängelt sich zwar manchmal ungefragt vor, wenn ich Telefonate eigentlich über den iPhone-Lautsprecher führen will. Aber immerhin bringt die Martian mich nicht in den Verdacht, Nasenlochfotos meiner Tischnachbarn zu schießen.

Smartwatches

Samsung Gear

Samsung:

Die Galaxy Gear läuft nur mit ­bestimmten Samsung-Smartphones, und für den Uhr-eigenen Android-Appstore muss man sich ein extra Samsung-Konto einrichten.

Preis: um 250 Euro

Smartwatch2

Sony:

Die Sony Smartwatch 2 bietet ­inzwischen einen recht gut sortierten Appstore und eine akzeptable ­Bedienung per Touchscreen und ­Tastenfeld.

Preis: ab 179 Euro

MartianWatches

Martian Watches:

Retrolook, Ziffernblatt, kleine Anzeige aus organischen Leuchtdioden (OLED): Die Martian Passport beschränkt sich auf wenige Funktionen und ist damit der dezenteste Smartphone-Assistent.

Preis: 299 Dollar

Die Kolumne erschien in Capital 03/2014

Fotos: © MartianWatches; Samsung; Sony


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