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, Matthias Thieme

Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon sammeln Unmengen an Daten über uns. Doch was wissen sie wirklich? Unser Reporter hat einfach mal zurückgesammelt.

Die Firma Acxiom hat Rasterzellen über ganz Deutschland gelegt © Katharina Poblotzki
Die Firma Acxiom hat Rasterzellen über ganz Deutschland gelegt

Wenn ich ­morgens vom Klingeln ­meines Smartphones geweckt ­werde, befinde ich mich nicht nur zu Hause, ­sondern auch in einer Rasterzelle.  Einer von Millionen Rasterzellen, welche die Firma Acxiom über ganz Deutschland gelegt hat: kleinste räumliche Einheiten, zu denen die Firma große Datenpakete gespeichert hat. Acxiom kann damit nahe an mich heranzoomen. Kann in die Lebensgewohnheiten der Menschen blicken und Gruppen mit großer Genauigkeit eingrenzen: Stadtviertel, Straßenabschnitte, bis hin zu kleinen Zellen von nur fünf Haushalten. Für jede dieser Zellen gibt es eine Fülle von Informationen zu den dort lebenden Menschen.

Ich hatte nie zuvor mit Acxiom Kontakt. Was kann diese Firma über mich wissen – was haben andere über mich gespeichert? Ich habe mich auf die Suche begeben. Habe die Welt der Datensammler erkundet. Mein Ziel: so viel wie möglich über mein Profil herausfinden. Erfahren, wer meine Daten analysiert und verkauft. Sammeln, was andere über mich gesammelt haben. Ein Selbstversuch in einer Welt, in der Big Data als Schlüssel zur Zukunft gilt und persönliche Daten als kostbarer Rohstoff – hoch begehrt von Unternehmen und Geheimdiensten.

Es geht um ein hochlukratives, aber auch weitgehend verstecktes Geschäft mit nahezu unsichtbaren Akteuren: Kaum einer kennt das Unternehmen Acxiom. Dabei ist der Marketingspezialist aus Little Rock, Arkansas, ein eifriger Datensammler. 1,5 Mrd. Dollar Umsatz, rund 6 000 Mitarbeiter in 40 Ländern.

Acxioms Datenbanken enthalten Informationen zu mehr als 500 Millionen Konsumenten weltweit – über jeden hat das Unternehmen rund 1 500 Datenpunkte gesammelt. „Sie wissen, wer du bist, wo du lebst und was du tust“, schrieb die „New York Times“ über die Firma. Sie horte mehr Informationen über die Bevölkerung als die US-Bundespolizei FBI. Was also weiß Acxiom über mich?

Überraschend viel, ergibt eine Recherche in den Datenbanken des Unternehmens, wo man nach einigen Gesprächen bereit ist, mir meine Informationen zu zeigen.

Mein "Geo-Cluster"

Matthias Thieme © Trevor Good
Capital-Autor Matthias Thieme

Ich wohne in Berlin-Prenzlauer Berg, in einem Viertel, über das Acxiom ein Dossier erstellen kann – willkommen in meinem „Geo-Cluster“:

Hier leben laut Acxiom überdurchschnittlich viele „urban-nonkonforme“ Menschen. Es gibt eine junge Altersstruktur, eine gute Bonität und eine sehr niedrige Pkw-Dichte. Die Menschen sind wirtschaftlich und politisch interessiert, benutzen sehr häufig Kreditkarten und spenden gerne. Was ihre Einstellung zur Gesundheit angeht, leben hier eher „nachlässige Typen“, die sich gesund fühlen, ohne sich viel darum zu kümmern – allerdings haben sie eine hohe Affinität zu privaten Krankenvollversicherungen. In meinem Cluster haben viele Abitur, üben freie Berufe aus oder sind selbstständig.

Einige müssen mit 1000 Euro netto monatlich klarkommen, andere haben monatlich 4000 bis 7000 Euro zur Verfügung. Überwiegend leben die Menschen hier in gemieteten Wohnungen. Viele kaufen gerne bei Kaufhof oder Kaiser’s ein und stehen neuen Produkten sehr aufgeschlossen gegenüber. Wir Cluster-Bewohner lesen gerne „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Stern“, „FAZ“ und „Wirtschaftswoche“. Unsere bevorzugten Lesethemen sind Forschung und Wissenschaft, ­Politik, Reisen. Wir sehen Nachrichten überwiegend auf privaten Sendern und nutzen das Internet überdurchschnittlich stark. Kreditkarten nutzen wir oft, sehr häufig sind wir Kunden bei der Deutschen Bank und der Commerzbank. Die staatliche Altersabsicherung halten wir für unzureichend – aber wir besitzen selbst meist wenig Versicherungen.

In der Freizeit gehen wir ins Kino, schauen Videos und interessieren uns für Mode. Häufiger als der Durchschnitt fahren wir in Urlaub, und unser Traumurlaub soll etwas mit Abenteuer zu tun haben. Wenn wir Sport treiben, bevorzugen wir Squash, Segeln, Surfen, Kraftsport und Joggen.

Nicht schlecht. Vieles davon bin ich, denke ich und mache ich.

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Mein Smartphone weckt mich © Katharina Poblotzki
6.30 Uhr: Der Wecker klingelt. Mein Smartphone weckt mich. Es begleitet mich durch den Tag, macht mein Leben einfacher. Und es sammelt ständig Daten über mich. Wo ich mich aufhalte. Mit wem ich kommuniziere. Welche Internetseiten ich betrachte.

Zehn Seiten füllt das Acxiom-Dossier zum „Mikrotyp Herr Thieme“, der „Zielgruppensegmentierung“ meines Wohnumfelds. Es lässt sich weiter verfeinern. So bin ich von „gut situierten Midlife-Singles“ umgeben. Diese haben eine hohe Affinität zu Neuwagen, bevorzugen die Marken BMW, Saab, Volvo und Audi.

Beliebt sind Sportwagen, Oberklasse- und Nutzfahrzeuge wie etwa VW-Busse. Wenn wir hier spenden, dann für Menschenrechtsorganisationen, für Wildtiere sowie für Umwelt- und Naturschutz. Seltener für Behinderte und Kinderhilfe. Im Internet suchen wir hier häufig nach Wirtschafts- und Informationsdiensten, nach Immobilien und Nachrichten. Seltener interessieren uns Spiele, Unterhaltung und Musik-Downloads.

Woher hat Acxiom diese Informationen? Der Mann, der die Antwort kennt, heißt Carsten Diepenbrock, ist Geschäftsführer von Acxiom Deutschland und sitzt in Neu-Isenburg. Weit weg von den Servern in den USA und England, auf denen die Daten gespeichert sind. Mit freundlicher Stimme erklärt mir der 43-Jährige, dass Acxiom die Konsumenten von unnützer Werbung befreien will. Nur noch zielgenaue Angebote sollen die Kunden erreichen. Deshalb müsse Acxiom die Interessen der Menschen kennen. Je genauer, desto besser. Rund 50 Billionen Datentransaktionen verarbeite Acxiom pro Jahr, sagt Diepenbrock. Das sind weltweit Milliarden von Namen, Adressen, Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Daten zum Beziehungsstatus von Menschen, zur sexuellen Orientierung, zum Risikolevel, zur Einkaufshistorie, zum Verhalten gegenüber Firmen und Produkten, zu Lifestylevorlieben, zu demografischen und sozioökonomischen Parametern und politischen Vorlieben.

Daten zu allem, was Zielgruppen eingrenzbar macht. Woher diese Daten kommen? Von überall her, erklärt Diepenbrock und nennt drei Hauptkanäle: erstens amtliche Statistiken jeglicher Art. Zweitens Daten, die Firmen permanent über ihre Kunden sammeln. Und drittens die immer wichtiger werdenden Daten aus dem Internet: Daten von Blogs, Foren, sozialen Netzwerken, Twitter.

"Third Party Data"

Wo immer sich Menschen über ihre Konsumvorlieben und sonstige Interessen im Internet austauschen, lesen Maschinen mit, werten Webtracker aus, saugen sich Unternehmen das Datenmaterial in ihre Speicher. „Third Party Data“ heißt das Zauberwort, Daten von Dritten – es gibt sie neuerdings massenhaft und kostenlos. „Smartphones produzieren permanent Daten“, sagt Diepenbrock.

Die millionenfache Verbreitung der intelligenten Handys produziert den Rohstoff für Firmen wie ­Acxiom. Das Unternehmen sammelt all diese ungeordneten Daten, bereitet sie auf und macht sie für Werbemaßnahmen nutzbar. „Wir hygienisieren Daten“, sagt Diepenbrock. Gemeint ist ein Analyseverfahren mit Hochleistungsrechnern, die den Datenberg in ein Geflecht sinnvoller Beziehungen verwandeln. „Wir betrachten die Daten analytisch aus unterschiedlichsten Richtungen“, erklärt Diepenbrock.

Aus dem Wust werden wertvolle Informationen über Konsumentengruppen: Jeden Monat aktualisiere man rund zehn Millionen Kundenprofile und kenne das Verhalten von 1,2 Millionen E-Mail-Nutzern, wirbt Acxiom in den USA. In Deutschland darf die Firma Daten nicht personalisiert verkaufen. Deshalb ordnet Acxiom die Daten winzigen örtlichen Zellen zu. „Das Geomarketing ist eine deutsche Spezialität“, sagt Diepenbrock. Diese Methode sei datenschutzrechtlich nicht so sensibel, aber gleichzeitig kleinmaschig genug für die Werbung. „Daten sind ein Wirtschaftsfaktor geworden – da gibt es kein Zurück mehr“, sagt Diepenbrock. Weltweit lassen rund 8 000 Unternehmen ihre Daten von Acxiom analysieren, darunter die größten Kreditkartenfirmen, Privatkundenbanken, Telekommunikationskonzerne, Einzelhandelsketten, Autobauer, Wertpapierhändler und Versicherer.

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Start in den Tag © Katharina Poblotzki
7.10 Uhr: Start in den Tag. Mein Smartphone weiß, wann ich aufgestanden bin, und registriert, was ich als Erstes wissen möchte: Wie wird das Wetter? Wann fährt die Tram zur Arbeit? Echtzeitdatensammler können vorab wissen, was ich als Nächstes tun werde

Ich möchte wissen, wofür Firmen meine Daten verwenden, und finde einen Ort, an dem offen darüber gesprochen wird: Unweit der Spree scheint die Sonne im Frühjahr in einen Konferenzraum. Schräg gegenüber sehe ich Beamte des Innenministeriums bei der Morgenbesprechung. Ich sitze in einer Verkaufsveranstaltung von IBM in Berlin, um mich herum Administratoren, Unternehmer, Marketingexperten. Heute geht es darum, was man mit Kundendaten alles machen kann. Es geht um Hochleistungsprogramme von IBM mit Fähigkeiten, die noch vor Kurzem als ­Science-Fiction gegolten hätten.

Big Data, dieses Feld der unbegrenzten Möglichkeiten. Gemeint ist damit erstens die Menge an Daten, die heute ins Unermessliche wächst, zweitens die ungeheure Geschwindigkeit, mit der diese maschinell analysiert werden können – und drittens die neue Bandbreite: Texte, Töne, Videos.

IBM bietet Programme an, die aus solchen Massen wertvolle Zusammenhänge erschließen können, in Sekundenbruchteilen. Wie eine Matrix, die man lesen kann. „Wie heben wir das Datengold?“ lautet das Motto dieses Tages. An die Wand gestrahlt sehen wir das Bild eines Goldwäschers in einem Fluss. „Schmeißt den Schlamm nicht weg!“, steht unter dem Bild. Vom Datenwasserfall ist hier die Rede, den Kunden durch Onlinekäufe, Rabattkarten und Webklicks verursachen. Vor allem aber vom kostenlosen, nie versiegenden Schlamm der Mitteilungen in den sozialen Netzwerken, aus denen es das Gold zu waschen gelte. „Den Schatz zu finden aus den verschiedenen Quellen – das ist die Herausforderung“, erklärt ein IBM-Manager.

Heute bekommen wir gezeigt, wie wir dank neuer Technologie „alles über den Kunden wissen“ können. Es geht um die verborgene Seite des Datengeschäfts. Und ich erfahre, wofür alle meine Daten wollen: Jetzt könne man Behavioural-Tracking-Programme, die messen, wie der Kunde sich auf der Firmenwebsite verhält, mit Daten von Dritten wie Acxiom anreichern, sagt ein Referent. So können Unternehmen ein Echtzeit-Scoring des Kunden vornehmen: In dem Moment, in dem ein Kunde ein Callcenter anrufe, könne die Firma ihn sofort „aus der 360-Grad-Sicht betrachten“, erklärt der Referent und lässt seinen Finger in der Luft kreisen.

Da geht noch mehr

Wäre ich dieser Kunde, könnte man sofort meine Interaktionsdaten abrufen: alle E-Mails, die ich jemals an die Firma geschrieben habe, alle Callcenternotizen, alle Klicks, die ich auf der Website gemacht habe. Als zweite Kategorie wären meine Verhaltensdaten abrufbar: alle Bestellungen, die Historie aller Bezahlvorgänge. Hinzu kämen beschreibende Daten: alle soziodemografischen Merkmale über mich, wie Acxiom sie sammelt.

Und als vierte Kategorie wären meine Einstellungsdaten, meine Meinungen, Vorlieben, Bedürfnisse und Wünsche abrufbar. Die Firma weiß sofort, woher ich komme, welche Marken mich früher angezogen haben, nach welchem Reizschema ich kaufe. Sie berechnet meinen „Lebenszeit-Wert“, meine Kündigungswahrscheinlichkeit, den Grad meiner Markentreue. Ich merke davon nichts.

Technisch geht noch viel mehr: Firmen sollten nicht mehr in den Rückspiegel blicken, sondern nach vorne, erklärt ein IBM-Manager. Ab jetzt gehe es um präzise Vorhersagen: „Was macht der Kunde mit welcher Wahrscheinlichkeit in der Zukunft?“ So können IBM-Programme etwa aus dem Datenstrom großer Callcenter in Echtzeit berechnen, ob der Kunde gerade zu Hause ist, ob er kaufbereit in der Nähe einer Filiale herumläuft oder ob er sich just ein Konkurrenzprodukt im Internet angesehen hat.

Solche Programme sind inzwischen an vielen Stellen im Einsatz. In den USA etwa nutzt die Polizei in einigen Städten Computer, die die Wahrscheinlichkeit und den Ort des nächsten Verbrechens berechnen können – dann wird eine Streife prophylaktisch vorbeigeschickt. „Wenn Sie bei diesem Thema erst einmal auf den Geschmack gekommen sind, werden Sie bald noch über ganz andere Dinge nachdenken“, sagt der Referent zum Abschied. Die große Datensause fängt gerade erst an.

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Vor der Kita © Katharina Poblotzki
8.30 Uhr: vor der Kita. Kurz auf den Spielplatz, dann gehen meine Kinder in die Kita – und ich zur Arbeit. Während sie spielen, gehe ich ins Internet und beantworte E-Mails – mein Tablet registriert, dass ich dabei auf dem Spielplatz bin.

Wie weit die Möglichkeiten bereits gehen, zeigt ein ungewöhnliches Produkt von Acxiom: Für jeden Straßenabschnitt Deutschlands könne man die Zugehörigkeit der dort lebenden Menschen zu zehn Kulturkreisen ausweisen, wirbt die Firma. Die ethnische Zugehörigkeit werde auf Basis einer Vor- und Nachnamensanalyse identifiziert und mit der amtlichen Ausländerstatistik abgeglichen.

„Wer weiß, wo die unterschiedlichen ethnischen Gruppen wohnen, ist klar im Vorteil“, wirbt Acxiom in einer Broschüre zum „Ethno-Marketing“. Denn „Zielgruppen mit Migrationshintergrund unterscheiden sich zum Teil wesentlich in ihren Konsumneigungen und auch im konkreten Verhalten“. Auf Wunsch weise man „die ethnische Herkunft auch auf Personenebene“ aus. Erkenntnisse aus der Analyse könnten damit „sofort vertrieblich nutzbar gemacht werden“, etwa für Postwurfsendungen oder zur „Selektion kulturkreisbezogener Zielgruppenadressen“.

Was bedeutet es, wenn ich als „außereuropäisch-islamisch“ oder als „Spätaussiedler“ eingestuft wurde? Bekomme ich schwerer einen Handyvertrag? Beispiele für solche Nachteile gibt es. Maschinell werden aus den gesammelten Daten Score-Werte für Kunden errechnet, die etwa die Zahlungsfähigkeit oder auch die Loyalität bewerten. Ob Kunden leicht Kredite bekommen, Handyverträge und Ratenzahlungen akzeptiert werden oder Vorkasse verlangt wird, kann davon abhängen. Selbst die Wartezeit bei manchem Callcenter wird so berechnet – wer als solventer gilt, kommt früher dran, die anderen warten länger: Rufnummer und Postleitzahl der Anrufer sind der Hinweis auf Umfeld und Solvenz. Bevorzugte oder ablehnende Bedienung kann sich an den Kaufgewohnheiten, am Alter oder am Einkommen festmachen. Die Freundlichkeit von Firmen kann in dem Maße abnehmen, in dem Kunden per Datenauswertung negativ eingeschätzt werden.

„Existenziell wird diese Bewertung, wenn es um die Anmietung einer Wohnung geht, die Bewerbung für eine Arbeitsstelle oder die Beantragung eines Kredits“, sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Das Pro­blem: Der Score-Wert hängt nicht nur von harten Faktoren ab, wie etwa dem Einkommen. In die Bewertung können mehrere Hundert weiche Daten einfließen, die für den Kunden nicht zu durchschauen sind. Geo­daten zur Wohnsituation etwa: Neubau- oder Altbaugegend, Anteil der Migranten, Studenten oder älteren Menschen – all dies kann den Wert verändern.

Verstörende Wirkung

Individuen geben heute immense Mengen von Daten preis. Gleichzeitig haben die Fähigkeiten von Computern, diese Daten zu analysieren und zu verknüpfen, eine Effizienz erreicht, die bis vor Kurzem undenkbar war.

Die Ergebnisse können für Menschen verstörend sein: Einige Aufmerksamkeit erregte etwa der Fall eines Vaters in den USA, der wütend in die Filiale einer Supermarktkette stürmte, weil seine minderjährige Tochter Werbung für Schwangerschaftsartikel und Babyprodukte bekommen hatte.

Der Filialleiter entschuldigte sich. Doch bald zeigte sich, dass die Tochter tatsächlich ein Kind erwartete. Ein Computerprogramm des Supermarktes konnte aus zwei Dutzend Indikatoren die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und den Geburtstermin berechnen, um passende Werbung zu verschicken.

Bestimmte Muster im Einkaufsverhalten der Frauen – etwa parfümfreie Körperlotions und bestimmte Wattebällchen – korrelierten mit Stadien der Schwangerschaft und ermöglichten die genaue Vorhersage.

 Oft können gesammelte Daten auch zu einem späteren Zeitpunkt in anderen Zusammenhängen überraschend genutzt werden. Kürzlich wurde enthüllt, dass der US-Geheimdienst NSA unbegrenzten Zugriff auf die Daten von Apple, Microsoft, Google, Face­book und anderer Internetfirmen haben soll. In den Niederlanden hat der Navigationsgerätehersteller Tom-Tom die Geschwindigkeitsdaten, die von seinen Nutzern erfasst wurden, an Behörden verkauft – damit gelangten sie auch an die Polizei, die Standorte für Radarfallen berechnete. Als die Sache im April öffentlich wurde, entschuldigte sich Tom-Tom und kündigte an, die Lizenz zu ändern.

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Auf dem Weg zur Arbeit © Katharina Poblotzki
9.00 Uhr: auf dem Weg zur Arbeit. Wenn ich Bahn fahre, werde ich zu einem blinkenden blauen Punkt auf der Stadtkarte meines Smartphones. Es zeigt mir die nächsten Anschlüsse für U- und S-Bahn und zeichnet meinen Weg durch die Stadt auf.

Auch in Deutschland sorgt das Geschäft mit den Daten immer wieder für Aufsehen: als etwa die Schufa damit liebäugelte, Facebook-Daten zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit von Personen heranzuziehen. Der O2-Mutterkonzern Telefónica geriet in die Kritik, als er plante, Bewegungsdaten seiner Kunden an die ­Werbewirtschaft zu verkaufen.

Früher war es für Datensammler nicht so einfach, ständig an frische Informationen zu kommen. „Heute dreht sich der Spieß komplett um“, sagt Traude Hochmann, Datenspezialistin beim Adresshändler Schober Information Group. „Man bekommt die Daten geschenkt, freiwillig.“ Das verändere das Geschäft grundlegend. „Datenbeschaffung wird immer unwichtiger“, sagt Hochmann. Firmen wie Schober konzentrieren sich jetzt auf Datenveredelung: Meist genügt schon ein Anker im Datenschlamm, wie etwa eine Mail-­Adresse, um vielfältige Beziehungen herzustellen.

Mit der Farbe Blau assoziieren viele Weite und Unendlichkeit. Vielleicht hat Facebook ja auch daran gedacht, als es im blauen Design jedem grenzenlose Vernetzungsmöglichkeiten versprach. Ich habe einen Face­book-Account. 236 Menschen sind dort mit mir „befreundet“ – einige kenne ich gut, andere flüchtig, einige habe ich noch nie gesehen. Oft erfahre ich interessante Dinge via Facebook, aber was erfährt Facebook über mich?

Über eine schwer auffindbare Unterseite kann ich ein Facebook-­Archiv meiner Daten bestellen. Nach einiger Zeit erhalte ich eine E-Mail mit vielen Dateien. Dort kann ich sehen, dass sämtliche meiner Klicks auf Werbeanzeigen mit Datum und Uhrzeit gespeichert werden. Ebenso sind meine Adressdaten, E-Mail-Adressen, Alternativnamen, Geburtsdatum, Heimatstadt, Ausbildung, Familienmitglieder, mein Adressbuch, meine Freunde und gelöschten Freunde gespeichert. Eine Datei zur Gesichtsfelderkennung existiert – bei mir ist sie leer.

"Top Social Connector"

Mein Wortfeld bei Facebook: Die maschinelle Analyse zeigt Dinge, die mich interessiert haben

Dafür ist lückenlos dokumentiert, zu welcher Uhrzeit ich unter welcher IP-Adresse und mit welchem Browser bei Facebook eingeloggt war. Immer wenn ich mich per Smart­phone eingeloggt habe, sind auch meine Geokoordinaten erfasst. Ich mache die Gegenprobe und gebe die Zahlen zu meinen Aufenthaltsorten in Onlinekartendienste ein. Die Koordinaten passen. Facebook weiß, was ich letzten Sommer getan habe – warum sollten Firmen nicht berechnen, was ich in Zukunft tun werde?

Auch wenn Facebook suggeriert, das „Archiv“ sei alles, was es an Daten über die Nutzer besitze, so ist das nur die Hälfte der Wahrheit.

Wer wissen möchte, was alles möglich ist, kann ein Programm des britischen Mathematikers Stephen Wolfram benutzen: Mit Wolfram Alpha erhalte ich kostenlos eine detaillierte Analyse. Dazu gehören Darstellungen der Nähebeziehungen von mir und meinen Facebook-Freunden. Die Maschine zeigt „soziale Insider“ und „soziale Outsider“ an, verschieden eingefärbt und räumlich angeordnet. Einer meiner Kollegen zum Beispiel ist „top social connector“.

Außenseiter scheinen Leute zu sein, die mit wenigen meiner Freunde befreundet sind. Ich sehe Alterslisten der Freunde und grafische Darstellungen der Freunde nach geografischer Nähe, Sprache, Geschlecht und Beziehungsstatus. Ich kann sehen, welche meiner Beiträge von anderen am häufigsten gemocht und geteilt wurden. Auf bunten Wortfeldern sehe ich, welche Begriffe ich häufig verwendete: Journalismus, Zeitung, „Frankfurter Rundschau“ (habe ich mal gearbeitet), Capital (arbeite ich jetzt), Mollath (für den Skandal um den Psychatriepatienten Gustl Mollath in Bayern habe ich mich interessiert). Statistiken zeigen, wann ich iPhone, iPad oder PC benutzt habe und welche Freunde die meisten Freunde haben.

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Mittagstermin © Katharina Poblotzki
13.30 Uhr: Mittagstermin. Auch wenn ich laufe, etwa zu Terminen an Orte, die ich noch nicht kenne, benutze ich das Smartphone oft als Navigationshilfe. Es kennt das Ziel meiner Bewegung, leitet mich dorthin und registriert, wenn ich vom Weg abweiche.

Informatiker haben mehrfach gezeigt, dass die Analyse der Facebook-Daten weitreichende Schlüsse über eine Person zulässt. So kann man mit 78-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Homosexualität von Face­book-Nutzern errechnen, die ihre sexuelle Orientierung nicht angeben. Den Analyseprogrammen reichen meist wenige Datenpunkte, um die Charakteristika zu errechnen. Die Auswertung weniger Facebook-Likes reicht etwa, um eine Person als konservativ oder liberal, schwul oder hetero, christlich oder muslimisch zu identifizieren oder ihre Hautfarbe zu bestimmen.

Der österreichische Jurastudent Max Schrems hatte noch mehr Fragen an Facebook. Er klagte alle über ihn gesammelten Informationen heraus – und bekam Tausende Seiten. Schrems sah, dass auch von ihm gelöschte Daten in den Unterlagen auftauchten. „Dinge auf Facebook löschen heißt lediglich, Dinge vor sich selbst verstecken“, sagt Schrems.

 87 Kategorien von Daten würden bei Facebook über jeden Nutzer gespeichert, erklärte Schrems kürzlich auf der Web-Konferenz Republica, aber nur 34 gebe Facebook auf Anfrage heraus. Schattenprofile nennt Schrems diese verborgenen Datensammlungen. Auch Dritten wie manchen Apps gewährt Facebook Zugriff auf die Daten. Schrems will bald gerichtlich klären, ob Facebook das darf.

Für das Netzwerk geht es um wichtige Einnahmen: So konnte Facebook den Autobauer General Motors als Werbekunden nur zurückgewinnen, weil es neue Targeting-Techniken garantierte – mithilfe externer Datenanalysten wie Acxiom. Damit können Firmen etwa erkennen, ob ein Facebook-User ein loyaler Kunde ist.

Was speichert Amazon?

Ich bin ein loyaler Amazon-Kunde und wüsste gerne einmal, wie Amazon mich sieht. Ich bitte Amazon um meine Daten sowie Erläuterungen zur Nutzung – und erhalte eine erstaunliche Antwort: „Guten Tag Herr Thieme“, schreibt Amazon. „Es handelt sich hier um interne vertrauliche Daten, die wir nicht kommunizieren.“

Erst als ich juristisch korrekt Auskunft beantrage, bekomme ich Wochen später Post: Verarbeiter meiner Daten sei gar nicht Amazon Deutschland, sondern die Amazon EU S.à.r.l in Luxemburg, steht in dem Brief. Amazon Deutschland antworte mir „lediglich als Dienstleister“.

Man speichere sämtliche Informationen, die ich auf der Amazon-Website eingebe oder in anderer Weise übermittele, heißt es in dem Brief. Also etwa meine Suchwörter, meine Internet-Protokoll-Adresse (IP), Empfangs- und Lesebestätigungen von E-Mails, Log-ins, E-Mail-Adressen, Passwörter und Informationen über meinen Computer und Browsertyp. Gespeichert wird auch mein Clickstream: Das bedeutet, dass Amazon in meinen Browser Cookies einpflanzt, welche die genaue Reihenfolge und Verweildauer messen, mit der ich mich bei Amazon, aber auch auf anderen Internetseiten bewege.

Zudem holt Amazon Daten von Dritten ein, um mein Zahlungsverhalten zu beurteilen, speichert die Telefonnummern, mit denen ich Amazon anrufe – und vieles mehr.

Amazon schickt mir zwölf Seiten über meine Bestellhistorie: Jeder Artikel, den ich seit 2004 gekauft habe, ist aufgelistet, jede Adresse. Eine Reise in die Vergangenheit. Ich erinnere mich wieder an die Situationen: Geburtstage, Reisen, berufliche Anlässe. Vieles hatte ich vergessen – Amazon nicht.

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Der Meister der Datensammler

Dem Datenuniversum großer Internetfirmen wie Amazon, Facebook und Google kann sich fast niemand entziehen. Und Google ist der Meister der Datensammler. Über die Suchanfragen und seinen E-Mail-Dienst Gmail bekommt Google Unmengen von Informationen über Kunden. Kann Trends berechnen, passgenaue Werbung verkaufen, Vorhersagen machen. Etwa über den Stimmungszustand von Gruppen und die Ausbreitung von Krankheiten.

Und wer bin ich für Google? Über eine Seite des Konzerns zu meinen gespeicherten „Anzeigenvorgaben“ lässt sich ein wenig herausbekommen. Meine Interessen seien „mit einem Anzeigen-Cookie verknüpft, der in Ihrem Browser gespeichert wird“, teilt mir Google mit. Laut dieser Kennzeichnung, die Google mir angeheftet hat, bin ich ein deutscher Mann im Alter von 45 bis 54 Jahren. Mit der Altersangabe liegt die Suchmaschine ziemlich daneben. Vielleicht liegt es daran, dass Google Interessen wie „Gesetz und Regierung“ mit mir verknüpft hat, Themen, die eher älteren Menschen zugeschrieben werden. ­Ansonsten bin ich noch an Humor, Flugreisen, Zeitschriften und Handys interessiert. Eine Überraschung: Für „Verbrechen und Justiz“ und „Unternehmens- sowie Finanzverbrechen“ interessiere ich mich laut Google besonders. Stimmt, darüber schreibe ich öfter. Ich wusste nur noch nicht, dass Google das auch so genau weiß.

Ginge es nach dem Willen von Datenschützern und dem Chaos Computer Club, müssten alle Firmen ihre Kunden darüber informieren, welche personenbezogenen Daten gespeichert wurden, müssten Firmen regelmäßig einen Datenbrief verschicken. Bislang bleibt es jedem selbst überlassen, sich zu informieren.

Ich habe mir für diesen Text meine Daten teilweise zurückgeholt und bin erstaunt, wie viel Wissen über mich verfügbar ist, wenn man Datenquellen verknüpft. Im Alltag erscheint es mir oft banal, was ich an digitalen Spuren hinterlasse. Doch aus der Perspektive der Datensammler kann alles zum Puzzle, zum Gesamtbild werden, das Firmen und Staaten benutzen können. Was für ein vergleichsweise harmloses Projekt doch die Volkszählung war, denke ich nach meiner Spurensuche. Dann gehe ich nach Hause, in meine urbane Rasterzelle.

Irgendwie kommen mir die ­Leute dort neuerdings so merkwürdig ­bekannt vor.


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