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  • Reportage

Schlecker - der gefallene König

, von Jens Brambusch

Anton Schlecker steht wegen der Insolvenz seiner Drogeriekette vor Gericht. War sein Verhalten vor der Pleite kriminell – oder ist er schlicht an seiner Sturheit gescheitert? Das Rätsel eines Untergangs

Anton Schlecker auf dem Weg zum ersten Verhandlungstag am 6. März © Getty Images
Anton Schlecker auf dem Weg zum ersten Verhandlungstag am 6. März

Der erste Prozesstag hat etwas von einer Beerdigung. Sitzungssaal 18, Landgericht Stuttgart, die ganze Familie ist zusammengekommen: Anton Schlecker, der Patriarch, seine Frau Christa, dazu ihre Kinder Lars und Meike. Die Kleidung dunkel, die Köpfe gesenkt, die Mienen ernst – so lassen sie die Blitzlichter über sich ergehen. Dutzende Fotografen drängen sich, vor allem, um ein Bild von dem Mann zu erhaschen, den man jahrelang auch „das Phantom“ nannte. Unsicher wirkt er, irritiert, fast gebrechlich und irgendwie ängstlich. Nur einmal blickt Anton Schlecker kurz zu der Meute der Fotografen, vor der er sich viele Jahre so gut hat verstecken können.

Bis zu seiner Insolvenz gehörte Anton Schlecker in die Riege der ganz großen deutschen Unternehmer, oft wurde er in einem Atemzug genannt mit den Gebrüdern Albrecht und Dieter Schwarz, dem Gründer von Lidl. Allesamt Milliardäre, die den Einzelhandel revolutionierten. Schlecker, der gelernte Metzger aus der Provinz, hatte das größte Drogerieimperium Europas geschaffen. Aus dem Nichts. Knapp 14 000 Filialen in zwölf Ländern, 50 000 Mitarbeiter, über 5 Mrd. Euro Umsatz. „Denke, mache, multipliziere“ lautete seine einfache Formel. Er war fleißig, ehrgeizig und hart – gegenüber Lieferanten und Mitarbeitern, vor allem aber gegenüber sich selbst. Typisch Schwabe. Eines war Schlecker aber nie: beliebt.

"Oh Gott, er tut mir leid"

Natürlich ist der Gerichtssaal zum Bersten voll mit Prozesstouristen und Schaulustigen. Mit Schleckerfrauen, die ihren Job verloren haben. Doch als sie ihren ehemaligen Chef dann sehen, erschrecken sie. „Oh Gott, er tut mir irgendwie leid“, flüstert eine Schleckerfrau. Eine andere nickt.

Eine Stunde lang verliest die Staatsanwaltschaft die Anklage. 45 Taten werden der Familie und zwei Wirtschaftsprüfern zur Last gelegt. Anton Schlecker ist der Hauptangeklagte, ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Von vorsätzlichem Bankrott ist die Rede, von Untreue und Insolvenzverschleppung. Konkret geht es um überhöhte Preise, die der Vater seinen Kindern für deren Logistikzentrum bezahlt haben soll, um Schenkungen, Beraterverträge oder Renovierungskosten. Manche Beträge erscheinen lächerlich klein, doch sie summieren sich auf 26 Mio. Euro. Geld, das Schlecker aus „Gewinnsucht“ dem Konzern entzogen haben soll – zugunsten und mit Wissen seiner Familie, zulasten der Gläubiger. Nachdem Schlecker 2012 insolvent ging, wurden 22 737 Forderungen in einer Gesamthöhe von 1,07 Mrd. Euro angemeldet.

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Familie Schlecker auf der Anklagebank. In der ersten Reihe Anton Schlecker (r.) mit seinem Anwalt Norbert Scharf. Dahinter Christa Schlecker mit ihren Verteidigern vor den Kindern Lars und Meike © Getty Images
Familie Schlecker auf der Anklagebank. In der ersten Reihe Anton Schlecker (r.) mit seinem Anwalt Norbert Scharf. Dahinter Christa Schlecker mit ihren Verteidigern vor den Kindern Lars und Meike

Ausblenden, was wir heute wissen

Norbert Scharf, einer der besten Strafverteidiger der Republik, der schon den Deutschbanker Rolf Breuer und Formel-1-Chef Bernie Ecclestone vertreten hat, streitet alles ab. Nicht die Geldflüsse an sich, aber das angebliche Motiv. Denn all das, was der Familie vorgeworfen wird, erklärt er, wäre absolut legitim gewesen, wäre Schlecker nicht in die Insolvenz gerutscht. Eine Vermögensverschiebung stellt nämlich erst eine Straftat dar, wenn eine drohende Zahlungsunfähigkeit bereits eingetreten ist. Da Schlecker seinen Konzern in der Rechtsform eines eingetragenen Kaufmanns geführt hat, war das Konzernvermögen gleichzeitig sein Privatvermögen – und umgekehrt.

Scharf sieht den Fall in einem viel größeren Kontext. Zu klären sei doch generell, was ein Unternehmer zum Zeitpunkt einer Krise tun dürfe und was nicht. „Was heißt eigentlich Krise? Und wie muss eine Krise vom Bewusstsein eines Unternehmers verstanden werden?“ Dazu will er auf Zeitreise gehen, die Person Anton Schlecker ergründen, sein Denken, sein Handeln. Die Schwierigkeit sei, so Scharf, „auszublenden, was wir heute wissen“.

Pleite? Völlig unvorstellbar

Am zweiten Verhandlungstag liest Anton Schlecker selbst eine knapp einstündige Erklärung vor. „Für mich gab es kein unternehmerisches Scheitern. Ich war sehr erfolgsverwöhnt“, sagt er. „Dass dieses Unternehmen wirklich kaputtgehen könnte, war für mich völlig unvorstellbar.“ Partner und Versicherer hätten den Konzern zu früh aufgegeben. Damit sei das Rad, so Schlecker, zum Stillstand gekommen.

Ist Schlecker ein raffinierter Scharlatan, der im Angesicht des Scheiterns Millionen beiseiteschaffte? Dann müsste er ins Gefängnis. Oder war er gegen Ende seiner Karriere ein beratungsresistenter Sturkopf, der nicht erkannt hat, dass er sein Unternehmen in den Ruin führt? Dann wäre er freizusprechen.

Ewige Treue

Um zu verstehen, wie Anton Schlecker tickt, muss man in seine Heimat reisen. Schlecker hat Ehingen nie verlassen, eine Kleinstadt mit 25 000 Einwohnern am Rande der schwäbischen Alb. Nicht für seine Ausbildung, nicht auf dem Zenit seiner Karriere und auch nicht, als sein Lebenswerk einstürzte. Vielleicht hat er auch deshalb nicht verstanden, dass die Welt sich ändert – und mit ihr die Menschen und deren Kaufverhalten. Dabei gibt es kaum etwas, das Schlecker in Ehingen halten müsste. Nicht einmal Freunde, denn von denen hat er sich im Laufe seines Lebens immer mehr abgeschottet. Er ist kein Vereinsmensch, er besucht keine Restaurants, schon gar keine Feste. Selbst bei dem Handballturnier, das seinen Namen trug, hat sich der Sponsor nie blicken lassen.

Trotzdem schwor er seiner Heimat die Treue, auch wenn die Stadt ihn mit Ignoranz straft. Keine Straße ist nach dem Mann benannt, der Ehingen eine gewisse Bekanntheit verlieh. „Da ist Ehrfurcht, Respekt, aber keine Liebe“, sagt der ehemalige Oberbürgermeister Johann Krieger, der Schleckers Aufstieg miterlebt hat. Der Mensch Anton Schlecker blieb aber auch ihm fremd. Nur ein paar Mal habe er ihn getroffen.

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Der Ur-Schlecker in Ehingen. Hier wuchs Anton Schlecker auf, im Erdgeschoss war die Metzgerei des Vaters. Heute werden in den leeren Räumen Partys gefeiert © Jens Brambusch
Der Ur-Schlecker in Ehingen. Hier wuchs Anton Schlecker auf, im Erdgeschoss war die Metzgerei des Vaters. Heute werden in den leeren Räumen Partys gefeiert

Partys im Ur-Schlecker

Schlecker hat Ehingen geprägt. Aber Ehingen auch Schlecker. Das Kleinstädtische, die Enge, die Spießigkeit. Seine Kinder hielten es hier nicht lange aus, heute leben sie in Berlin und London. In Ehingens historischem Ortskern aber scheint die Zeit langsamer zu laufen. Stellt man sich die Szenerie in Schwarz-Weiß vor, meint man sofort zu sehen, wie der junge Anton nach der Schule in dem Haus in der Bahnhofstraße 19 verschwindet, den Ranzen abstellt und die Böden in der Metzgerei seines herrischen Vaters schrubbt, der ebenfalls Anton hieß.

Den „Ur-Schlecker“ nennen die Ehinger das leer stehende Haus. Wo einst Fleisch und Saitenwürste verkauft wurden, steigen heute wilde Partys. Die Schleckers wohnten im ersten Stock, darüber die Angestellten. Wirtschaftlich ging es der Familie gut, aber Luxus war ihr fremd. „Du musst arbeiten, solange du jung bist, damit es dir im Alter gut geht“, hatte der Vater immer gesagt. Spöttisch wurde er der „Glöckner von Ehingen“ genannt. Er humpelte, ging am Stock und war sehr klein. Dafür arbeitete er umso härter. Und das erwartete er auch von seinem Sohn.

Schon als Schüler malochte der Junior in der Metzgerei, ehe er bei seinem Vater in die Lehre ging. Mit 21 Jahren war Anton Schlecker der jüngste Metzgermeister in Baden-Württemberg. Von seinem Vater hat er das Schuften gelernt. Und manch einer sagt: auch den Geiz. Noch heute erzählen sich die Ehinger, wie der Vater am Wochenende zum Fußball immer erst in der zweiten Halbzeit erschien, weil er dann keinen Eintritt zahlen musste.

Denke, mache, multipliziere

Auch der junge Anton ist fußballbegeistert. Im Sport blüht er auf. Er ist talentiert und engagiert, ein Kämpfer. „Jeder wollte mit dem Anton in der Mannschaft spielen“, sagt ein ehemaliger Teamkamerad. „Dann war man bei den Gewinnern.“

Schlecker hatte nie eine emotionale Bindung zu seinem Vater. Aber er bewunderte ihn für das, was er geschaffen hatte. Und wollte ihm beweisen, dass er seiner würdig ist. Mitte der 60er-Jahre zog der Senior sich aus dem Geschäft zurück. Aus einer einzigen Metzgerei hatte er 17 gemacht, eine Wurstfabrik gebaut, zwei Warenhäuser eröffnet. Denke, mache, multipliziere. Jetzt war es am Junior zu zeigen, was in ihm steckt.

Einmal Schlecker, immer Schlecker

Reinhold Freudenreich kennt Schlecker seit der Kindheit, schon mit dem Vater zog er über die Viehmärkte. Bis zuletzt besaß Freudenreich bei Schlecker Prokura, auch wenn er längst pensioniert war. Noch mit 81 Jahren besiegelte er 2007 die Übernahme des Wettbewerbers Ihr Platz. Die Banker von Goldman Sachs waren beeindruckt von der Fitness und Bauernschläue des alten Mannes, der bis in den frühen Morgen zäh verhandelte.

Freudenreich ist der Prototyp des Schlecker-Managers: ausdauernd, fleißig und absolut loyal. „Einmal Schlecker, immer Schlecker“, hieß es in der Zentrale. Anton Schlecker sagte einmal in einem seiner seltenen Interviews, dass er stolz darauf sei, „noch nie jemanden im Management verloren“ zu haben. Und fügte hinzu, „den ich halten wollte“. Freudenreich ist mittlerweile 90 Jahre alt. Zu Anton Schlecker möchte er sich nicht äußern, besonders vor dem Hintergrund des Prozesses. An diesem Dienstag, den 2. Mai, musste Freudenreich allerdings reden. Als Zeuge. Das Gericht tagte an diesem Tag nicht in Stuttgart, sondern in Ehingen.

Gericht tagt in Ehingen

Wegen seines gesundheitlichen Zustands war die Verhandlung am Landgericht Stuttgart ins gut 80 Kilometer entfernte Ehingen verlegt worden. In der Klageschrift bewertete die Staatsanwaltschaft einige Aussagen des Schlecker-Intimus noch als "nicht glaubhaft". Prozessbeobachter sahen in dem Auftritt des ehemaligen Prokuristen, der als "Schlüsselzeuge"tituliert wurde, nun allerdings keine Entlastung für Schlecker. In der Vernehmung, heißt es, habe der Zeuge deutlich gemacht, dass Schlecker auch wichtige Entscheidungen der eigentlich eigenständigen Logistikfirma LDG beeinflusst habe, die Schleckers Kindern gehörte. Das ist eine wichtige Frage in dem Prozess. Denn nach der Lesart der Staatsanwaltschaft soll Schlecker dafür gesorgt haben, dass die Logistikfirma seiner Kinder, die beispielsweise für den Onlineshop zuständig war, immer noch sehr hohe Gewinne abwarf, während sein eigenes Unternehmen bereits Verluste schrieb. Grund sollen unter anderem zu hohe Stundensätze gewesen sein. Zudem sagte Freudenreich: "Das letzte Wort hatte der Herr Schlecker."

An der Loyalität zu Schlecker ließ Freudenreich aber niemals Zweifel aufkommen. Noch im Februar sagte er zu Capital: „In der Zeitung steht immer wieder, er hat 50 000 Arbeitsplätze vernichtet. Das ärgert mich.“ Natürlich gebe es die Arbeitsplätze nicht mehr, aber zunächst habe Schlecker sie für viele Jahre geschaffen. "Das wird immer vergessen.“ Er verstehe nicht, warum auf jemanden eingetreten wird, der am Boden liegt.

Vom Metzger zum Milliardär

Der sagenhafte Aufstieg vom Metzger zum Milliardär beginnt 1974, als die Preisbindung im Einzelhandel fällt. Schlecker erkennt das Potenzial schneller als andere und spezialisiert sich auf Drogerieartikel. Anfangs wird er belächelt. Drogerie und Discounter – das passt doch nicht. 1975 eröffnet er seine erste Filiale in Kirchheim/Teck. Zwei Jahre später hat er bereits mehr als 100 Geschäfte, 1984 feiert er die 1 000. Filiale. Und so geht es weiter. Schlecker wird zum König der Drogerien.

Sein Erfolg basiert auf seiner Marktmacht. Er kann die Preise im Einkauf diktieren. „Die Verhandlungen waren unerbittlich“, erinnert sich ein ehemaliger Lieferant. Aber niemand habe es gewagt, sich mit Schlecker anzulegen. Nicht nur die Preise drückte Schlecker, bis es schmerzte, er bezahlte Waren auch erst Monate später. Der Verkauf der noch nicht bezahlten Waren spülte das Geld für die enorme Expansion in die Kasse.

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Die Firmenzentrale des Schlecker-Imperiums. Heute hat hier ein Businesspark seinen Sitz © Jens Brambusch
Die Firmenzentrale des Schlecker-Imperiums. Heute hat hier ein Businesspark seinen Sitz

Schlecker ein Schneeballsystem?

Auch die Staatsanwaltschaft kommt in ihrer Anklageschrift, die Capital vorliegt, zu dem Schluss, dass der Konzern vor der Krise tatsächlich weitgehend ohne Bankkredite ausgekommen sei. Die Kreditlinien seien kaum ausgeschöpft worden. „Die Zahlungsziele bei den Lieferanten waren der eigentliche Kredit.“ Ein ehemaliger Manager vergleicht das Schlecker-Prinzip sogar mit einem Schneeballsystem. Das Geschäftsmodell habe funktioniert, solange Schlecker wuchs.

Viele Jahre macht Schlecker als Kaufmann alles richtig. Er meidet die teuren Top-Lagen, erobert die Provinz, holt die Hausfrau dort ab, wo sie ihn braucht – direkt vor der Haustür. Die Filialen sind klein, vollgestellt und unübersichtlich, viele werden nur von einer untertariflich bezahlten Mitarbeiterin und Aushilfen betrieben – den Schleckerfrauen. Schlecker spart an allem. In vielen Filialen gibt es weder Fax noch Telefon. Dafür hängt in jeder Filiale ein Bild des Patriarchen und seiner Frau. Der König markiert sein Reich. Und inspiziert es. Immer donnerstags besucht das Ehepaar Schlecker spontan Filialen. Sie bringen aber keine Blumen mit. Dafür viel Kritik.

Traumatische Entführung

1970 hatte Anton Schlecker beim Tanztee in Göppingen Christa Junkers kennengelernt, eine junge, hübsche Fremdsprachenkorrespondentin aus Essen-Kupferdreh. Als ein Jahr später Sohn Lars geboren wird, sind die beiden längst verheiratet. Tochter Meike kommt zwei Jahre später, die Familie ist komplett. Christa und Anton teilen nicht nur Bett und Tisch, sondern auch das Büro. Vielen Angestellten ist die aufbrausende Chefin verhasst. Mitarbeiter seien wie Möbel, soll sie einmal gesagt haben. „Wenn sie einem lästig werden, wirft man sie raus.“

Schlecker hat in seiner Frau einen Menschen gefunden, dem er bedingungslos vertraut. Davon gibt es nicht viele. Er igelt sich zunehmend ein, bricht soziale Kontakte ab. Er hat ja seine Familie. Sein Misstrauen gegenüber Menschen bestätigt sich am Abend des 22. Dezember 1987 aufs Schlimmste. Vor dem Haus werden die Kinder Lars und Meike entführt, damals 16 und 14 Jahre alt. Das Verbrechen berührt die Nation, „Aktenzeichen XY“ berichtet. Die Kidnapper fordern 18 Mio. D-Mark. Schlecker handelt sie auf 9,6 Mio. D-Mark herunter. Später wird es heißen, über diese Summe seien die Kinder versichert gewesen. Ein Vertrauter Schleckers überbringt das Geld. Die Kinder, gefangen gehalten in einer einsamen Fischerhütte, können sich am nächsten Tag selbst befreien. Erst zehn Jahre später werden die Entführer geschnappt.

Schlecker igelt sich ein

Die Entführung der Kinder führt beim ohnehin scheuen Schlecker zu einem Trauma. Jetzt igelt er sich komplett ein. Die Familie bezieht ein abgeschirmtes Anwesen, geschützt durch hohe Mauern, bewacht von Kameras und frei laufenden Hunden. Der Überwachungswahn hält auch Einzug in die Firmenzentrale, die Schlecker vor den Toren der Stadt errichtet hat. Schilder verbieten das Fotografieren, gleichzeitig werden Besucher von Kameras erfasst.

Der Komplex aus acht verspiegelten Gebäuden wirkt wie eine Trutzburg, die keine Einblicke gewährt. Während die Mitarbeiter ihre Autos auf dem Parkplatz abstellen, hat Schlecker eine Tiefgarage mit sechs Stellplätzen. Mit einem Fahrstuhl fährt er direkt in sein Büro in der siebten Etage. Seine Tage sind geprägt von Routine. Um 6.45 Uhr kommt er zur Arbeit, die erste Konferenz beginnt um 7.30 Uhr. Um 12 Uhr fährt er zum Mittagessen nach Hause. Danach kommt er zurück, arbeitet bis 19 Uhr.

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Oben, im siebten Stock der ehemaligen Zentrale, hat Schlecker auch heute noch sein Büro © Jens Brambusch
Oben, im siebten Stock der ehemaligen Zentrale, hat Schlecker auch heute noch sein Büro

Es grenzt an Masochismus

Der große Schlecker-Schriftzug am Eingang ist heute längst entfernt, die ehemalige Zentrale beherbergt einen Businesspark mit Kreativagenturen, einem Pflegedienst und einer Zweigstelle der Bundesagentur für Arbeit. Vieles hat sich geändert. Nur eines nicht: In der siebten Etage hat immer noch Anton Schlecker sein Büro. Auch fünf Jahre nach der Pleite kommt er noch regelmäßig hierher. Was Schlecker in seinem Büro macht, weiß außer ihm vermutlich niemand. Wohl gelitten ist er im Businesspark anscheinend auch nicht. Der Geschäftsführer lässt ausrichten, dass man sich nicht zu Schlecker äußern werde. „Schlecker ist hier Vergangenheit.“

Es grenzt an Masochismus, was Schlecker sich da antut. Die tägliche Fahrt ins Büro, wo er auf den Trümmern seines Reiches thront, zu Füßen das ehemalige „Schleckerland“, ein Einkaufscenter, das jetzt Alb-Donau-Center heißt. Gegenüber der moosbewachsene Tennisplatz mit der kleinen Hütte, auf dem er einst nach Feierabend Bälle drosch. Auf dem fünfminütigen Rückweg zu seiner Villa passiert er den neuen Rossmann-Markt, der alles hat, was die Schlecker-Filialen vermissen ließen. Groß und hell und modern ist die Filiale – und voller Kunden. Rossmann, DM und Müller, die Wettbewerber, die zusammen kleiner waren als Schlecker allein, haben mittlerweile die Hauptstadt seines ehemaligen Reiches erobert.

Expansion wie im Wahn

Bis 1999 kannte Schlecker nur eine Richtung: steil bergauf. Es war sein bestes Jahr mit 300 Mio. Euro Gewinn. Dann ging es bergab. Der Gewinn schrumpfte erst, dann schrieb das Unternehmen Millionenverluste. Ab dem Jahr 2000 habe sich Schlecker in einer strategischen Krise befunden, der ab 2004 eine Ergebniskrise folgte, heißt es in der Anklage. Nur einmal habe Schlecker noch Gewinn erzielt, 2006. Die Verluste hätten die Liquidität aufgefressen, spätestens ab Ende 2009 habe Schlecker die Zahlungsunfähigkeit gedroht. Das hätte auch der Patriarch gewusst, behaupten die Ankläger. Folglich bedeute jeder Euro, der seitdem aus dem Konzern an die Familie geflossen sei, eine Straftat.

Schlecker selbst ist zur Jahrtausendwende weiter von seinem Konzept überzeugt. Wie im Wahn expandiert er weiter. Die Anzahl der Filialen ist bis hierhin ständig gestiegen. Aber auch wenn Schlecker an Personal, Ausstattung und Miete spart, fressen die Fixkosten den Umsatz. Selbst in kleinen Orten gibt es nun zwei Filialen. „Das war nicht mehr zu verstehen“, sagt sein Wettbewerber Dirk Roßmann. „Als Unternehmer war Schlecker zuletzt antiquiert und nicht mehr innovativ.“Expansio

Dilemma nicht wahrgenommen

Schlecker sieht das nicht. Warum soll das, was immer zum Erfolg geführt hat, plötzlich nicht mehr funktionieren? In Schleckers Welt ist kein Platz für die Zweifel, die seine Führungsriege immer wieder äußert. Sie legen ihm Zahlen vor, täglich. Sie sind tiefrot. „Wissen wollte er alles“, hat eine enge Mitarbeiterin bei ihrer Vernehmung ausgesagt. Jedes Schriftstück, das für ihn verfasst wurde, habe er lesen wollen. „Ich denke schon, dass er ein Stück weit beratungsresistent war.“ Ein Top-Manager sagte aus, er sei überzeugt, dass Schlecker im Grunde die Situation nicht wahrhaben wollte.

Im Sommer 2009 platzt Schlecker in einer Strategiebesprechung der Kragen. Das Unternehmen könne nur eine begrenzte Anzahl von Jahren eine rückläufige Entwicklung verkraften und von der Substanz leben, sagt er. Aber er liefert keine Lösungen, auch wenn er dringend gebotene Veränderungen anmahnt. Die Zahl der Standorte stagniert nun seit Jahren, in vier der letzten fünf Jahre hat die Kette Verlust gemacht – aber Schlecker hält an seiner alten Strategie fest: „Das Ziel eines Unternehmens ist es, Filialen zu eröffnen. Und nicht Filialen zu schließen.“

An anderen Tagen zweifelt Schlecker die ihm vorgelegten Zahlen an. Er tobt. Wenn die Zahlen stimmten, müsse das Management ausgetauscht werden, schnaubt er. Nachdem er sich beruhigt hat, gibt er die Parole aus, Ruhe zu bewahren und nicht viel zu ändern. Immer wieder, sagt ein Manager aus, habe sich gezeigt, dass das Dilemma von Anton Schlecker nicht wahrgenommen und verdrängt wurde.

Hoffnung bis zuletzt

Mitte 2010 muss auch Schlecker erkennen, dass er auf die Hilfe eines Restrukturierungsexperten angewiesen ist. Zum ersten Mal gewährt er einem externen Berater Einlass, dem Münchner Norbert Wieselhuber. Und was der vorfindet, gleicht einem Desaster. Viele Kunden sind abgewandert, Schleckers Marktmacht bröckelt. Das merken auch die gebeutelten Lieferanten, die sich von der Abhängigkeit Schleckers befreien und nun ihrerseits die Konditionen bestimmen. Um die Verluste zu kompensieren, hebt Schlecker die Preise an, während die Konkurrenz sie senkt. Immer mehr Märkte sind defizitär. Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller.

Schlecker muss umdenken, das bläut Wieselhuber ihm ein. Das Sanierungsprogramm sieht vor, unrentable Filialen zu schließen und moderne XL-Läden zu eröffnen. Widerwillig nickt Schlecker das Konzept ab. Die Kinder Lars und Meike sollen dem neuen Schlecker ein frisches Gesicht geben, die Werbeagentur Grey die Marke entstauben: „For you. Vor Ort“ wird der neue Slogan.

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Das Anwesen der Schleckers in Ehingen. Diese Villa gehört Tochter Meike. Anton Schleckers Wohnhaus ist nicht einsehbar © Jens Brambusch
Das Anwesen der Schleckers in Ehingen. Diese Villa gehört Tochter Meike. Anton Schleckers Wohnhaus ist nicht einsehbar

US-Investor sagt ab

Doch die Restrukturierung droht zu scheitern. Liquidität fehlt. Kredite bei Banken kann Schlecker nicht mehr auftreiben. Er hat keine Sicherheiten zu bieten, auch sein Privatvermögen ist aufgebraucht. Nur Dieter Schwarz, Eigentümer von Lidl und Kaufland und ein alter Bekannter, gewährt seinem ehemaligen Aufsichtsrat einen Kredit über 30 Mio. Euro. Zudem versucht Schlecker, ausländische Tochtergesellschaften zu verkaufen. Hätte das geklappt, sagt ein ehemaliger Manager, wäre Schlecker vielleicht zu retten gewesen. Gleichzeitig torpediert Schlecker das Sanierungskonzept. Immer noch scheint er an jeder einzelnen Filiale zu hängen. Statt wie geplant pro Monat 150 unrentable Märkte zu schließen, sind es ab Februar 2011 nur noch 80. Später sogar weniger als 60.

Das Unternehmen ist so trotz aller Versuche nicht mehr zu retten. Ein letzter Hoffnungsschimmer verglimmt. Noch im Januar 2012 gibt es Verhandlungen mit dem US-Investor Oaktree. Doch als der Kreditversicherer Euler Hermes Schlecker eine Bürgschaft kündigt, führt kein Weg mehr an der Insolvenz vorbei. Am 23. Januar 2012 stellt Anton Schlecker den Antrag. Die Mitarbeiter erfahren davon aus den Medien oder vom Schwarzen Brett, an dem eine kurze Notiz steht. Schlecker hofft auf eine Sanierung in Eigenverwaltung. Bis zuletzt, sagt Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz, habe Schlecker an eine Rettung geglaubt.

"Es ist nichts mehr da"

Eine Woche später tritt Meike Schlecker vor die Kameras. Es ist die erste Pressekonferenz seit Jahren in der Schlecker-Zentrale. Sie wirkt matt und müde. Auf die Frage, warum die Familie eine offene Rechnung von 22 Mio. Euro nicht gezahlt habe, um die Insolvenz abzuwenden, blafft sie zurück: „Ich glaube, Sie haben nicht verstanden: Es ist nichts mehr da!“

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Eines der Tore zum Schlecker-Anwesen. Vor Hunden wird gewarnt. Die Klingelschilder sind blank. Aber jeder aus der Nachbarschaft weiß, wer hier residiert © Jens Brambusch
Eines der Tore zum Schlecker-Anwesen. Vor Hunden wird gewarnt. Die Klingelschilder sind blank. Aber jeder aus der Nachbarschaft weiß, wer hier residiert

"Dem geht es doch so gut"

Der Satz hallt nach. Auch fünf Jahre nach der Pleite, bei der 23 000 Schlecker-Mitarbeiter ihre Jobs verloren, weil die deutschen Filialen (anders als die im Ausland) zu unattraktiv für einen Käufer waren. Anton Schlecker rutschte dabei in die Privatinsolvenz, offiziell ist er mittellos.

„Von wegen, es ist nichts mehr da!“, blafft eine ältere Nachbarin in Ehingen. Zu Fuß quält sie sich den Hügel hinauf, an dem Schleckers Anwesen liegt, vorbei an einer gut 300 Meter langen Natursteinmauer. Die Metallschilder über den Briefkästen sind blank, kein Name verrät, wer hier wohnt – auch wenn es jeder in Ehingen weiß. „Schauen Sie sich das doch an“, sagt sie und zeigt auf die Villa. „Das sollen sie ihm alles wegnehmen. Dem geht es doch noch so gut. Und die armen Schleckerfrauen waren alle arbeitslos.“

Prozess bis in den Herbst

Trotz Privatinsolvenz wohnt der gestürzte König immer noch herrschaftlich. Ende 2008 hat er das Anwesen seiner Frau überschrieben. Weil die beiden Gütertrennung vereinbart haben, ist ihr Vermögen vor den Gläubigern sicher. Genau wie das der Kinder. Tochter Meike lebt zwar in einem Luxusapartment in London, doch eine der drei Villen auf dem Schlecker-Anwesen gehört ihr. Das Gebäude ist ebenfalls Gegenstand des Verfahrens.

Anton Schlecker hat es im Januar 2010 mit einer Alarmanlage für 300 000 Euro ausgestattet. Ob das aus Fürsorge geschehen ist oder um dem Konzern Vermögen zu entziehen, wie die Staatsanwaltschaft unterstellt – das müssen die Richter beurteilen. Schleckers Sohn Lars lebt seit seinem Studium in Berlin, in Mitte bewohnt er mit seiner Familie eine Maisonettewohnung von 613 Quadratmetern. Sein Vater hat dort Handwerkerrechnungen für über 1 Mio. Euro übernommen. Auch das ist Gegenstand des Verfahrens.

Man kann nicht sagen, dass es den Schleckers schlecht geht. Ob das alles rechtens ist oder ob Schlecker mit den Überschreibungen und Ausgaben seinem bedrohten Unternehmen Kapital entzogen hat, wird nun in Stuttgart entschieden. 26 Verhandlungstage sind bis zum 9. Oktober angesetzt. Aber es scheint, als glaube der Vorsitzende Richter bereits an eine Verlängerung. Er hat die Anwälte gebeten, sich auch über den Oktober hinaus die Montage für den Prozess frei zu halten.

Die Reportage ist zuerst in Capital 4/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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