• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Lesestoff

Riva Italia

, Jens Brambusch

Die Mahagoni-Sportboote von Riva gelten als „Rolls-Royce der Meere“. Bloß werden sie schon lange nicht mehr gefertigt. Der Bootsbauer Erio Matteri vom Comer See will das Aussterben der Designklassiker verhindern

Am Comer See hat Erio Matteri seine kleine Werft © Luca Locatelli
Am Comer See hat Erio Matteri seine kleine Werft

Es gibt Momente, da wünscht Paola Matteri, sie wäre ein Boot. Dann hätte sie die Aufmerksamkeit ihres Mannes. Die Liebe. Die Fürsorge. Ihre Tochter Francesca sagt: „Meine Mutter ist eine starke Frau.“ Sonst hätte sie sich nicht damit abfinden können, dass ihr Mann Boote mehr liebt als alles andere auf der Welt. „Sie sind wie Menschen für ihn.“ Francesca macht eine Pause. Dann sagt sie: „Meine Mutter hat akzeptiert, dass das Leben mit einem Künstler nicht einfach ist.“

„Künstler“ nennt sie ihren Vater ganz selbstverständlich, nicht Bootsbauer, wie Erio Matteris Berufsbezeichnung eigentlich lautet. In vierter Generation betreibt die Familie eine kleine Werft am Comer See. Tradition seit 1860. Der Bootsbauer ist eine Legende am Comer See – dabei ist Erio Matteri, 65, nicht einmal ­berühmt für die Boote, die er selbst gebaut hat. Sondern für die, die er ­restauriert: Rivas.

Die edlen Sportboote aus tiefrotem Mahagoni sind ein Designklassiker: das schlank auslaufende Heck, viel glänzendes Chrom, das weiße Leder. „Rolls-Royce der Meere“ werden sie genannt. Sie stammen aus den 50er- und 60er-Jahren und stehen seitdem für Dolce Vita, für Luxus und Lebensfreude, Glanz und Glamour. Wer an Jetset auf dem Wasser denkt, hat eine Riva vor Augen. Brigitte Bardot, Gunter Sachs, Sophia Loren oder Richard Burton prägten das Image. König Hussein von Jordanien besaß eine Riva, auch Aga Khan. Wer eine Riva hat, der liebt sie. Und selbst Paola muss wirklich wütend sein, damit sie droht: „Wir ziehen in die Berge.“ Weg vom See. Weg von den verdammten Booten.

Weltbester Restaurator für Holzboote

Denn Erio Matteri gilt weltweit als einer der besten Restauratoren für Holzboote, seine Kunden schicken ihre Schmuckstücke aus Australien, den USA oder Kanada. Die Boote kommen mit dem Flugzeug, per Bahn oder Transporter, die letzten Meter zur Werft können allerdings nur die kleinsten der Riva-Modelle auf dem Landweg zurücklegen: zu gewunden, zu steil die Straße, die zu Matteris Werft in Lezzeno am Ufer des Comer Sees führt. Im 20 Kilometer entfernten Como werden sie dann zu Wasser gelassen. Und wenn sie so verrottet sind, dass sie nicht mehr selbst schwimmen, lässt Matteri sie auf ein Transportschiff umladen, das er extra dafür gebaut hat.

Im Winter lagert und pflegt Matteri knapp 100 Rivas. Es ist die größte Ansammlung der Raritäten, die es auf der Welt gibt. „Es ist eine Ehre für mich, dieses Stück italienische Geschichte wiederzubeleben“, sagt Matteri mit Pathos in der Stimme.

Und deshalb kann er es auch nicht verstehen, wenn Paola wieder mal eifersüchtig ist auf seine Liebschaften. Dann fuchtelt er wild mit den Armen, watschelt barfuß zum Ufer, klettert auf eine seiner Rivas, löst die Festmacher, holt die Fender ein und braust davon.

Das Erbe des Rennfahrers

Heute allerdings fährt er nur zum Spaß hinaus. Die zwei Motoren gluckern und röhren wie ein Ferrari. 700 PS treiben die Schrauben an, die das klare, kalte Wasser zum Kochen bringen. Erios ergraute Haare tanzen im Fahrtwind. Der See spuckt Gischt. Immer mehr, immer höher, je tiefer der kleine Mann die Gashebel mit seinen kräftigen Händen voller Schwielen und Schürfwunden, die von harter Arbeit erzählen, hinunterdrückt. Die Sonne hat seine Haut zu Leder gegerbt. Mit 92 Stundenkilometern rast Erios Riva, Modell Tritone, Baujahr 1954, über den See, zerschneidet das Panorama, das sich im Wasser spiegelt. Erio genießt und lacht und hat dafür nur ein Wort: „Fantastico!“

Die Geschichte der fantastischen Boote beginnt 1949, rund 50 Kilometer westlich vom Comer See. 1949 übernahm der heute 94-Jährige Carlo Riva die Werft seines Vaters am Lago d’Iseo. Der Vater war in den 20er- und 30er-Jahren ein bekannter Rennfahrer und baute ­Speedboote – Einzelanfertigungen für sich und seine Kunden. Carlo, inspiriert von sogenannten Runabouts aus den USA, kleinen, offenen Flitzern, konzipierte die klassischen Rivas aus Holz – damals das gängige Material – und fertigte sie in Serie.

Bis 1996 wurden etwa 4 000 der eleganten Schönheiten gebaut. Carlo Riva gab den Modellen wohlklingende Namen wie Tritone, Ariston oder Aquarama. Sechs Modelle entwickelte er, dazu einige Spezifikationen, die meist den Namen Super oder Spezial trugen. Mit 5,59 Metern Länge ist die Florida die kleinste Riva, die Aquarama Spezial mit 8,75 Metern die längste.

[Seitenwechsel]

Erio Matteri in einer seiner Rivas © Luca Locatelli
Erio Matteri in einer seiner Rivas

Gehandelt wie seltene Oldtimer

Schon 1969 verkaufte Carlo Riva die Werft an Investoren aus den USA, blieb aber noch bis 1971 als Geschäftsführer. Die Produktion veränderte sich danach. Glasfaser löste Holz ab. Das war günstiger und einfacher zu verarbeiten (und für Erio Matteri ein unverzeihlicher Stilbruch).

Schiffe werden heute produziert wie Autos, am Fließband mit modernsten Maschinen, und Riva gehört seit dem Jahr 2000 zur italienischen Werft Ferretti – die nicht einmal mehr wirklich italienisch ist. Erst kaufte der britische Finanzinvestor Permira die Marke, dann stieg die Private-Equity-Gruppe Candover ein. Anfang 2012 übernahm schließlich die chinesische Shandong Heavy Industry Group die Ferretti-Gruppe.

Mittlerweile werden unter dem Namen Riva auch große Yachten gebaut mit bis zu 50 Metern Länge. Der Mythos der klassischen Rivas lebt noch, aber das historische Erbe ist in Gefahr. Gerade mal 2 000 der traditionellen Holzmodelle sollen noch existieren. Viele Boote verrotteten, als die Rivas Kult wurden und die Kosten für Ersatzteile in die Höhe schnellten. Andere Eigner verfeuerten ihre Boote, als Italien die Luxussteuer einführte. Manche versenkten sie. Heute werden die Raritäten gehandelt wie seltene Oldtimer. Gut erhaltene oder originalgetreu restaurierte Rivas kosten bis zu 600 000 Euro.

Die Welt der Superreichen

An Erio Matteri und seiner Riva fliegen nun die idyllischen Orte am Seeufer vorbei, grüne Hänge, alte Häuser, mal lehmfarben, mal in matten Pastelltönen, Mintgrün und Hellrot. Ausgebleicht von der Sonne, die der See reflektiert. Putz bröckelt, Farbe an den Fensterläden blättert ab. Dazwischen prunkvolle Villen, vor denen Yachten im Takt der Bugwellen vorbeifahrender Schiffe wippen. Vor Bellagio, dem malerischen Ort mit seinen majestätischen Hotels, nimmt Erio das Gas weg. Am Ufer stehen Touristen und fotografieren den alten Mann im ausgebleichten schwarzen Shirt und Shorts auf seiner Riva. Ein Bild wie eine Postkarte.

Spätestens seit ­George Clooney eine Villa am See als seinen Sommersitz auserkor, hat der internationale Geldadel den Comer See entdeckt. Richard Branson kaufte sich ein Anwesen, das er heute für 120 000 Euro pro Woche vermietet. Auch Daimler-Boss Dieter Zetsche soll sich kürzlich hier ein Haus zugelegt haben.

Die Superreichen sind in eine Welt eingefallen, die Erios Heimat ist. Der Bootsbauer aber kommt damit bestens ­zurecht, denn er lebt von ihnen. Viele besitzen eine Riva, und Matteri kümmert sich um die Boote. Und wer selbst keine Riva sein Eigen nennt, kann sie bei Matteri mieten. Für 3 500 Euro am Tag gibt es seine Aquarama, inklusive Sprit und Skipper.

Mit Clooney über den See

Fotos in seiner Werft zeigen Matteri mit Bill Gates. Oder bei den Dreharbeiten zum Hollywood-Blockbuster „Ocean’s Twelve“. Er kutschierte Clooney, Brad Pitt, Matt Damon und Julia Roberts über den See. Auf den Bildern sieht Matteri in seinem rosa Hemd und mit zerzauster Mähne aus wie ein Mitglied der Clique. Auch Daniel Craig düste als James Bond über den See – in einer Riva von Matteri.

Wenn der Bootsbauer von seinen Ausflügen auf dem See ­zurückkommt, dann macht er in seinem eigenen kleinen Hafen fest. „Yacht Club Eriolario“ steht auf dem großen roten Schild am Ende des Stegs. Den Namen, sagt seine Tochter, habe sich die Modedesignerin Angela Missoni ausgedacht, Chefin des gleichnamigen Modeimperiums und eine enge Freundin der Familie. Der Name sei eine Kombination aus Matteris Vornamen und „Lario“, dem alten Namen des Sees.

Von dem kleinen Hafen sind es nur wenige Meter bis zu einem unscheinbaren Haus an einem steilen Hang direkt am Ufer. Hinter einem wild überwucherten Gatter, an dem ein Schild vor einem großen Hund warnt – der in Wirklichkeit ein kleiner, schwanzwedelnder Jack Russell ist –, wohnen Erio und Paola. Die Werft liegt unter der Wohnung. 

[Seitenwechsel]

Die Werft erinnert an das Atellier eines Künstlers © Luca Locatelli
Die Werft erinnert an das Atellier eines Künstlers

Eine Werft wie ein Museum

Hier hat Erio das Handwerk von seinem Vater und Großvater gelernt, die Fischer- und Transportboote bauten. Als die ersten Touristen, meist Engländer, den Comer See entdeckten, bauten die Matteris kleine Vergnügungsboote für sie, „Inglesine“ genannt. Geräumige Ruderboote mit breiten Sitzbänken. In den 50er-Jahren entwarf Erios Vater dann die Lucia, ein schickes Boot mit Laubendach und langen Stechpaddeln, die an venezianische Gondeln erinnern. Gianni Versace war einer der Käufer.

Wenn damals der kleine Erio aus der Schule kam, schlich er hinab, und anstatt Hausaufgaben zu machen, schliff er Boote, entwickelte das Gefühl für Ästhetik und Formen, lernte, Holz zu lesen, zu fühlen. Bevor er heute ein Boot restauriert, tastet er es ab, klopft, streichelt. So findet er morsche Stellen, totes Holz, das sich unter dem Lack versteckt.

Die Werft sieht immer noch so aus, als könnte sein Urgroßvater jeden Moment zur Arbeit erscheinen. Die Sägen erinnern an Museumsstücke. Es riecht nach frisch geschliffenem Holz und Leim, feiner Staub funkelt wie 1 000 kleine Sterne, wenn die einfallenden Sonnenstrahlen an ihm brechen. Auf dem Boden krümmen sich Späne. Akrobatisch und wild schwirren Schwalben unter dem Gebälk, seelenruhig schrauben und schleifen Erios vier Mitarbeiter an den Booten. Dicht an dicht stehen sechs Boote in der Werft, mehr Platz ist nicht.

Ausgebucht für viele Monate

Eine der Rivas, Baujahr 1965, gehört einem Deutschen. Der Eigner hat sie in Venedig gekauft – bei einem Oldtimer würde man sagen: ein Scheunenfund. 1 500 Arbeitsstunden wird Erio investieren, um ihr wieder den alten Glanz einzuhauchen. Er wird das matte Holz zum Leben erwecken, Chromteile erneuern und den Motor herrichten. Für eine andere Riva aus Norwegen veranschlagt er 3 000 Stunden Arbeitszeit. Er lächelt. Die neuen Eigner haben zuerst versucht, das Boot selbst zu restaurieren. Und kapituliert. „Hätten sie es gleich gebracht, wäre es weniger Arbeit gewesen“, sagt er. Er deckt das Boot mit einer Plane ab. Erst nächsten Winter wird er sich an die Arbeit machen. Er ist ausgebucht bis weit ins nächste Jahr hinein.

Eigene Boote hat Matteri schon seit zehn Jahren nicht mehr gebaut. Sein Ruf als Restaurator beschert ihm volle Auftragsbücher. Dabei können seine Sportboote den Rivas das Wasser reichen, wie das Speedboat Miss Betty, das er für einen deutschen Kunden baute. Natürlich ist auch sie aus Mahagoni. Er verlagerte den Motor vom Heck in den Bug, veränderte die Wasserlinie. Die Kon­struktionen zeichnete er in einem kleinen Buch. Computer benutzt er nicht. Er zuckt mit den Schultern. „Warum auch?“ Er hat doch Erfahrung.

Und wenn Paola ihn dann so sieht, wie er aufgeht in seiner Arbeit, dann muss auch sie lächeln. Draußen vor der Werft gibt es jetzt Essen. Paola hat Risotto gekocht, dazu gibt es Honigmelone, Schinken, Salami und Parmesan. Erio köpft eine Flasche Prosecco. Francesca kommt dazu mit ihrer zwei Monate alten Tochter. Drei Generationen unter einem Baldachin, direkt am See. Ein Familienidyll. „Fantastico“, möchte man denken.

Dann aber klingelt Erios Telefon. Ein Kunde hat ein Problem mit seiner Riva. Erio springt auf, ohne lange Erklärung, läuft zum Wasser und düst in seinem Boot davon. Paola atmet einmal schwer und schaut ans gegenüberliegende Ufer. In die Berge.

Der Artikel ist zuerst in der Ausgabe 08/2016 erschienen. Hier können Sie sich die iPad-Ausgabe herunterladen. Hier geht es zum Abo-Shop, wenn Sie die Print-Ausgabe bestellen möchten.


Artikel zum Thema
Autor
  • Anlagebetrug
Der König der Boybands

Lou Pearlman ist vergangene Woche gestorben. Im Knast. Dort saß er, weil er eines der größten Ponzi-Systeme der USA betrieben hatteMEHR

  • Exklusiv
Betrüger erbeuten 40 Mio. Euro von Leoni

Der Nürnberger Autozulieferer Leoni ist auf Betrüger hereingefallen, die Aktie stürzte ab. So funktioniert die Masche der AbzockerMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.