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Rio gegen die Welt

, Jan-Christoph Wiechmann

Die Olympischen Spiele in Rio versprechen ein sportliches Spektakel. Wirtschaftlich droht hingegen eher ein Debakel. Das Portrait eines Landes das im Chaos versinkt

Eine Familie in Rio auf dem Heimweg. Im Hintergrund das Stadion Maracana. © Getty Images

Es ist wieder so ein Tag im Leben von Rios Bürgermeister Eduardo Paes, den er gern im Atlantik versenken würde – und die Medien gleich mit, genau wie den Gouverneur seines Staates und die gesamte politische Klasse Brasiliens. Der Countdown an der Wand seines „Situation Room“ zeigt die verbleibenden Tage bis zu den Olympischen Spielen, er ist voller Tatendrang, aber in den Medien geht es wieder nur um Korruption, Staatspleite, Gewalt, Bauverzögerung.

„Bauverzögerung?“, ruft er empört. „Die Sportstätten sind alle fertig. In einer einzigen Arena, dem Velodrom, fehlten ein paar Sitze, und ihr Journalisten stürzt euch darauf.“ Paes, 46, hat nicht ganz unrecht. Die Olympia-Arenen sind tatsächlich fertig. Am Vortag hat der Präsident des Leichtathletikverbands Rio de Janeiro besucht und das Olympiastadion gepriesen, aber so etwas geht derzeit unter zwischen all den Katastrophenszenarien. Paes kennt den Kreislauf inzwischen nur zu gut: Es beginnt mit einem Bericht der „New York Times“ oder von CNN, andere Medien ziehen nach, und irgendwann schreiben die eigenen Lokalblätter, was die „New York Times“ wieder Schlechtes über Rio schrieb.

„Brazil and Rio let the bad times roll“, titelte die „Times“. Paes sitzt hoch über Rios Zentrum, im 13. Stock eines gesichtslosen Verwaltungsgebäudes, weit entfernt von den Stränden und den Olympiastätten im Stadtteil Barra de Tijuca. Nur das Stadion Maracanã, wo die Eröffnung stattfinden wird, ist von hier zu sehen, einige der gefährlichsten Favelas und schier endlose Verkehrsstaus – zwei Hauptprobleme der Stadt. „Ich weiß, dass das Image Brasiliens angeschlagen ist“, sagt Paes. „Aber wer einen genauen Blick auf Olympia und Rio wirft, sieht: Wir haben geliefert. Pünktlich. Im Rahmen des Budgets. Ohne Bestechung. Ohne Skandale. Wir zeigen eine andere Seite Brasiliens.“

Rios Bürgermeister Eduardo Paes. © Getty Images
Rios Bürgermeister Eduardo Paes.

Paes kommt gerade aus dem Regen, trägt Windjacke und hat die Ärmel hochgekrempelt, er erinnert ein wenig an Gerhard Schröder im Flutgebiet. So fühlt er sich auch. Wie in einer Sturmflut. Voller Adrenalin. Überall im Land nur Krise. „Und wir in Rio kriegen alles ab.“ So sieht es zusammengefasst für ihn aus: Rio gegen Brasilien. Rio gegen die Welt. Rio gegen alle.

Die Olympischen Spiele kommen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, jetzt, da alle schlechten Nachrichten auf einmal hereinbrechen. Als Rio 2009 den Zuschlag erhielt, schien Brasilien auf dem Weg nach oben. Wachstumsraten von sieben Prozent, eine wachsende Mittelklasse, gewaltige Erdölfunde vor Rios Küste. Zum ersten Mal sollte eine Stadt Südamerikas Olympia ausrichten, und das nur zwei Jahre nach der Fußballweltmeisterschaft. Das war eine Menge auf einmal. Vielleicht etwas zu viel. Inzwischen ist das fünftgrößte Land der Welt auf dem Tiefpunkt. Die Wirtschaft wird in diesem Jahr um 3,8 Prozent schrumpfen. Die Inflationsrate liegt bei zehn Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist binnen zwei Jahren von fünf auf elf Prozent gestiegen.

Gewaltige Korruptionsskandale um den staatlichen Ölkonzern Petrobras und zahlreiche Bauunternehmen haben den Ruf des Landes ruiniert. Investoren bleiben weg. Ölfirmen ziehen ihre Mitarbeiter aus Rio ab. Dazu steckt das Land seit Monaten in einer schweren Regierungskrise. Zunächst leitete der Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff ein – wegen manipulierter Haushaltszahlen. Dann übernahm ihr Vize Michel Temer vorübergehend das Amt, doch schon nach vier Wochen mussten drei seiner Minister wegen Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Insgesamt wird gegen mehr als die Hälfte der Abgeordneten im Kongress ermittelt, vor allem wegen Bestechung. Wichtige politische Arbeit während dieser schwersten Wirtschaftskrise seit 30 Jahren bleibt einfach liegen. Und in diesem Getöse muss Rio sich für die Spiele bereit machen.

Abwasser statt Delfine

Wirtschaftswachstum Brasilien
Quellen: Statista

Die Stadt war das Symbol des brasilianischen Aufstiegs. Als die Erdölfelder vor der Küste entdeckt wurden, die zu den größten der Welt gehören, sah man den Bundesstaat Rio de Janeiro schon als das „Dubai Südamerikas“. Damals schmiedeten sie die großen Pläne für Olympia: neue Sportstätten, eine Wiederbelebung des Hafenviertels, mehr Sicherheit für die Favelas, verbesserter öffentlicher Nahverkehr, neue Kläranlagen – goodbye, Dritte Welt.

Bürgermeister Paes aber kommt gerade vom Ufer der Baía de Guanabara. Den Gestank konnte er wieder über Kilometer riechen. Rio ist am Westufer der gewaltigen Bucht von Guanabara gewachsen, 380 Quadratkilometer, in denen einst Delfine lebten. Heute fließen die Abwässer von mehr als acht Millionen Menschen hier hinein, 18 000 Liter pro Sekunde, etwa 60 Prozent davon völlig ungefiltert. Eigentlich sollten bis Olympia 80 Prozent der Abwässer geklärt werden, so der Plan. Es wurde nichts. „Nicht optimal“, sagt Paes. „Aber nicht unsere Schuld. Das war Aufgabe des Staates.“ Kurz vorher hat er den Tunnel der neuen U-Bahn-Linie besucht, ein weiteres Prestigeprojekt. Bis zum Start am 5. August soll die Linie U4 fertig sein, doch es wird eng. „Auch nicht optimal, aber auch die Verantwortung des Staates“, sagt er. Paes wirkt wie ein Mann der ständigen Krise. Er hetzt von einem Schauplatz zum anderen. Von einem Satz zum nächsten. Wenn er in einer Frage Kritik wittert, schlägt er zu. Lohnt sich Olympia heutzutage überhaupt noch für eine Stadt? „Absolut. Vielleicht nicht die Sportstätten. Aber ich habe Olympia als Vorwand genommen, die Stadt umzukrempeln. Schaut euch das Hafenviertel an! Den öffentlichen Verkehr. Sprecht mit den Menschen!“

Das Hafenviertel Porto Maravilha soll das größte Vermächtnis von Rio 2016 werden. Paes ließ eine Autobahn sprengen und neue Tunnel bauen, um die verwahrloste Gegend zwischen drei Favelas schöner zu machen. Er setzte ein futuristisches Museum ans Wasser, ließ Promenaden bauen, Fahrradwege, eine Straßenbahn. In die Lagerhäuser am Kai ziehen jetzt Restaurants ein, davor legen Kreuzfahrtschiffe an. Hier soll Rio wie Barcelona sein, wie Seattle. Spricht man aber mit den Bewohnern, sind die Meinungen geteilt. Schön sei es ja, sagen viele – aber sie hätten lieber Jobs als Olympia, lieber bessere Schulen als Dauerbaustellen. Andere haben mithilfe der Stadt ihre Fassaden renoviert und setzen nun auf den Tourismus. Aber wie viel helfen neue Fassaden gegen Gewalt, Armut und Korruption?

[Seitenwechsel]

Mitten durch das Hafenviertel verläuft die neue Straßenbahnlinie. Sie verbindet alle wichtigen Punkte des Zentrums, die Hafenfähren mit dem Innenstadt-Flughafen, den Busterminal mit dem Bahnhof und der Metro. Auch sie ist rechtzeitig fertiggeworden – keine Selbstverständlichkeit in Rio.

Der Franzose Marc Cremoux, Projektchef beim Transportunternehmen Alstom, hat den Bau geleitet. Erschöpft, aber glücklich sitzt er in seinem Büro in Rios Zentrum, vor ihm die Karte mit den 28 Kilometern Strecke. „Alles fertig, alles nach Plan, anders, als man es sonst von Brasilien behauptet“, sagt er. „Ich kenne die schlechten Nachrichten, aber ich habe drei Jahre hier gelebt und einen etwas anderen Blick auf Rio.“

Cremoux führt zu seiner Straßenbahn, die teils mit Batterien läuft, ohne Oberleitung, als erste Lateinamerikas. Viele sollen folgen auf diesem Kontinent des Staus und Smogs. Die Wagen sind voll, die Passagiere fahren durch fünf Quadratkilometer Revitalisierung. „Als ich vor drei Jahren zum ersten Mal in diese Gegend kam, trauten wir uns nicht aus dem Auto“, sagt Cremoux. „Jetzt ist es das beste Beispiel einer Neugeburt eines Stadtviertels. Wir haben hier etwas für die Bürger geschaffen, nicht für Olympia.“

Unumstritten ist das Projekt dennoch nicht. Es geht um hohe Kosten und die Verzögerung eines Abschnitts. Die größte Kontroverse aber: „Wir haben ein System mit freiwilliger Bezahlung und Kontrolleuren geschaffen, wie in Europa“, sagt er. „Die Medien bezweifeln aber, dass Rios Bürger freiwillig zahlen.“

Insgesamt kosten die Olympischen Spiele rund 10,5 Mrd. Euro, etwas weniger als die in London 2012 und sehr viel weniger als in Peking 2008. Die verstopfte Zwölf-Millionen-Metropole bekommt nicht nur neue Straßen- und U-Bahnlinien, sondern 150 Kilometer neue Busspuren und 320 Kilometer Radwege. „Rio ist spät dran. Natürlich bräuchte die Stadt eigentlich zehn Metrolinien“, sagt Cremoux. „Aber wir legen immer europäische Maßstäbe an. Es ist ein großer Sprung. Und ein Weckruf für andere Städte in Südamerika.“

Wie viele Expats, die Rio 2016 mitentwickelt haben, wird Cremoux nach den Spielen nach Europa zurückkehren: Nach Jahren im Land der schier undurchdringlichen Bürokratie, der politischen Manöver und Kleindeals, nach Jahren dieses jeito brasileiro, des „brasilianischen Wegs“, brauchen sie eine Auszeit. Eine Fahrt hinaus zum Olympiapark zeigt einen Teil des Dilemmas. Ohne Metro dauert sie zwei Stunden. Die meisten Arenen liegen im Vorort Barra de Tijuca, dort, wo Rio aussieht wie die Vorstädte von Miami: charmefreie Apartmenttürme mit Tennisplatz, Pool und Portier, ein anonymes Leben hinter hohen Mauern. Auch das olympische Dorf wurde in dem Stil gebaut. Nach den Wettkämpfen sollen die Sportlerzimmer in Luxuswohnungen verwandelt werden. Das Interesse ist gering. Weniger als 300 der 3604 Apartments sind verkauft. Die Krise hat auch den Wohnungsmarkt erfasst.

Überfälle alle drei Minuten

„Das wird schon wieder“, sagt Sheila Machado. Die Managerin von Rio 2016 führt über das Olympiagelände, vom Schwimmstadion zur Handballarena. Noch werden Sitze festgedreht, Papierkörbe angebracht. Aus dem Tennisstadion soll später ein Olympiastützpunkt werden, erklärt sie, aus der Basketballhalle eine Konzertarena. Nur die Handballhalle soll komplett demontiert und in vier Schulen verwandelt werden. „Für alles gibt es einen Nutzen“, sagt sie pflichtschuldig, aber es wird nicht klar, ob sie wirklich dran glaubt. Schwer vorstellbar, dass hier am Stadtrand mitten in der Rezession eine neue Sportstadt blühen wird. Noch schwerer vorzustellen ist das in Deodoro, 20 Kilometer vom Zentrum entfernt, wo Wildwasserkanu, Rugby oder Moderner Fünfkampf stattfinden werden. Rios Einwohner treiben Sport am Strand, im Fitnessstudio oder auf den Hartplätzen der Favelas. Orte wie Deodoro aber sind der eigentliche Grund, warum sich so viele Städte gegen Olympia entscheiden: Verbesserungen in der Stadt sind willkommen, die Sportstätten aber braucht keiner.

Bürgermeister Paes sagt, die Stadt habe umgerechnet 2 Mrd. Euro der Gesamtkosten beigesteuert. Nie in der olympischen Geschichte sei so viel von einer Stadt selber investiert worden. 60 Prozent der Summe stammen aus Public-Private Partnerships – etwa für das olympische Dorf oder den Golfparcours. Der Staat Rio ist derweil pleite. Weil er Polizisten nicht mehr bezahlen kann, demonstrieren diese zur Begrüßung am Flughafen mit Schildernwie: „Welcome to hell.“ Weil Lehrer nicht bezahlt werden, gehen Kinder im Bundesstaat seit Monaten nicht zur Schule. Das Volk schiebt den teuren Olympischen Spielen die Schuld zu, auch wenn Korruption und Inkompetenz genauso den Ausschlag geben. Von einem „Olympic Spirit“ ist in der Stadt bisher nichts zu spüren. Paes bezeichnet die Leistung des Bundesstaats als „furchtbar“, vor allem was das Thema Sicherheit angeht. Die Mordrate ist im vergangenen Jahr um 15 Prozent gestiegen, alle drei Minuten wird ein Autofahrer überfallen. Die Schuldzuweisungen haben längst begonnen.

Im Gegensatz zur Fußball-WM wurden um die Olympiade bislang keine Skandale bekannt. Die WM-Stadien wurden oft doppelt so teuer, Baufirmen schmierten, Politiker strichen Bestechungen ein. Ein urbrasilianisches Thema: Korruption und Skandale. Und bei Olympia? „Wir haben keinen Skandal“, behauptet Paes. Aber alle fünf Bauunternehmen, die in WM-Skandale verwickelt waren, bauen auch für Olympia. „Aber hier bezahlen sie keine Bestechungsgelder.“ Sie haben nichts bekommen? „Nichts.“ Keine Baufirma hat bestochen? „Nein. Sie passen sich den Gegebenheiten an. Bei uns haben sie sich an die Regeln gehalten.“ Trotzdem treffen die Korruptionsskandale im Land auch Ihr Image. „Genau das ist unser Problem.“ Das jeito brasileiro, die brasilianische Art, Geschäfte zu machen? „Ja. Aber ich glaube immer daran, dass Olympia der Welt zeigen kann: Nicht ganz Brasilien ist so.“

Paes wartet jetzt nicht mehr auf das Ende der Fragen, sondern grätscht gleich dazwischen. Die Ungeduld bricht durch. Seine Haltung steht fest: Sollten die Spiele misslingen, ist Brasilien schuld. Sollten sie gelingen, lag es an Rio. Das Erbe der Spiele wird er selbst nicht mehr in Rio erleben. Nach acht Jahren als Bürgermeister zieht Paes Ende 2016 mit der Familie nach New York, um Urban Planning an der Columbia University zu lehren. Er hat gute Verbindungen zu den Clintons und Ex-Bürgermeister Michael Bloomberg. Wie lange wird er fort sein? Da überlegt er mal etwas länger als eine Zehntelsekunde und sagt: „Erst mal ein Jahr. Vielleicht für immer.“

Die Reportage ist zuerst in Capital 08/2016 erschienen.


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